Mittwoch, 30. September 2015

30. September 1915


„In der Nacht vom 29. auf 30. September wurde das Regiment alarmiert und rückte nach Trydany. Die beiden sächsischen Infanterie-Regimenter waren in dieser Nacht in den Wäldern vorwärts Trydany in vorderer Linie gestanden, wir in Kruty dahinter. Da hatten die Russen angegriffen.
Ob die Sachsen von den Russen überrascht worden waren oder wie die Sache zuge-gangen, das erfuhr man nie. Warum die Division, nachdem sie glücklich vom Feind sich losgelöst, bei Kruty so lange wieder hielt, ebensowenig. Aber jetzt war die Panik da, alles schien den Kopf verloren zu haben.
Der Brigadekommandeur setzte persönlich, ohne den Regimentskommandeur zu be-nachrichtigen, zuerst die 8./R. 120, gleich nachher das III./R. 120 zur Unterstützung von Regiment 106 ein. Als die Württemberger in den Wald kamen, begegneten ihnen einzelne Leute von 106, von Russen war zunächst nichts zu sehen. Erst nach einiger Zeit erfolgten schwache, ja geradezu scheue russische Angriffe.
Der Rest von R. 120 war hinter Trydany geblieben. Und nun kam Schreckensbotschaft über Schreckensbotschaft. Regiment 107 sei vernichtet, Regiment 106 gefangen. Au-genscheinlich ohne höheren Auftrag langten auf eigene Faust einzelne Leute, Offiziere, Meldereiter, Radfahrer, auch ein Arzt an und wollten Unterstützung nach irgendwohin. Ein klares Bild der Lage, einen Befehl gab niemand.
Oberstleutnant Fromm, an unnötige Rufe nach württembergischer Hilfe gewöhnt, ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Er wartete, bis sich alle Kolonnen und die Artillerie auf der Marschstraße nach Nowosiolki eingefädelt hatten, dann folgte er mit dem Regiment. Den letzten, der von ihm Hilfe wollte, fertigte er mit dem schwäbischen Gruß ab.
Das Regiment bezog dann zwischen Nowosiolki und Bojari eine Aufnahmestellung, durch welche die noch vorne befindlichen Teile der Division abzogen. Auch beim Regiment gelang der Abzug ohne Verlust, die Russen wagten nicht anzugreifen.
Die Verluste der Sachsen bei Trydany waren nicht von Bedeutung. Also ist ein rechter Grund zu der dortigen Panik nicht klar.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Dienstag, 29. September 2015

29. September 1915


„Am 28. September Brigadebefehl: „Das Regiment durchbricht heute nacht an belie-biger Stelle die feindliche Front und macht Gefangene. Kräfte-Einsatz nicht über Kompagniestärke.“ Der Regimentskommandeur, Oberstleutnant Stühmke, bemerkt dazu, daß Gefangene besser durch List vor, als durch Gewalt hinter den starken Hinder-nissen gemacht werden können. Die Brigade bestand aber auf ihrem Befehl.
Hauptmann Jetter, 11. Kompagnie, ging mit zwei Zügen der 11. und einem Zug der 7. Kompagnie gegen das Erdwerk bei der Straße Arracourt – Bezange vor. Pioniere durchschnitten ein dreifaches und ein vierfaches Hindernis in Breite von 25 Meter und standen vor einem neuen achtfachen Hindernis. Die Artillerie sollte zwar den Gegner im Graben eine bestimmt vereinbarte Zeit (beschränkte Munitionsmenge!) niederhalten; diese Zeit ging zu Ende, die Kompagnie erhielt Feuer von vorn und von der Flanke, verlor 2 Tote und 9 Verwundete (mit Ausnahme von 1 Verwundeten durchweg Männer der 7. Kompagnie) und mußte, wie vorauszusehen war, ohne Erfolg zurück.“


aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

Montag, 28. September 2015

28. September 1915


„Der 28. September brachte noch einmal einen ernsten Kampftag, der durch starkes Artilleriefeuer eingeleitet worden war. Während aber vor der Front des R.I.R. 87 dem Gegner kein Erfolg beschieden war, setzte er sich in der rechten Flanke bedrohlich fest, wo der eigene rechte Flügel völlig in der Luft hing. Um nicht aufgerollt zu werden, wurde die 7. Kompagnie in die im rechten Winkel nach rückwärts absteigende Sappe K geworfen, von wo aus sie, unterstützt von dem gut liegenden deutschen Sperrfeuer – und dies war damals leider nicht immer so – einen wirkungsvollen Flankenschutz ausübte. Leutnant d. R. Lutz mit seiner willigen Kompagnie baute sie trotz ihrer Länge in einer Nacht zu einer Verteidigungsstellung aus und konnte sie stolz einem am andern Morgen zur Ablösung eintreffenden Bataillon übergeben.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

Sonntag, 27. September 2015

27. September 1915


„Die Schlacht war voll entbrannt und weite Gebiete Nordfrankreichs hallten wider von dem ununterbrochenen Kanonendonner, aus dem sich, je näher man kam, die Einschläge der schweren und schwersten Kaliber heraushoben. Am Bois l’Echelle vorbei, wo gefangene Franzosen in apathischem, zerschmutztem Zustand den Weg kreuzten, ging’s in gruppenweisem Reihenmarsch gegen Cernay. In der Abenddämmerung verschwan-den eben die Hügelketten der Champagne, die unmittelbar südlich davon bis zu 200 m Höhe ziemlich unvermittelt emporsteigen. Auf den Höhen konnte man noch die weiß und schwarz geballten Wolken der einschlagenden Granaten und der blitzenden Schrapnells erkennen. Cernay selbst lag unter schwerstem Feuer und hohe Rauchsäulen schossen springbrunnenartig in die Luft, die von den Flammenzungen brennender Häuser und lodernden Brandgranaten beleuchtet bizarre Bilder zeichneten. Dort hinein zog das Bataillon und wartete auf weitere Befehle. Eine drückende Stimmung be-herrschte die Lage, da die zurückströmenden Truppen vorn alles für verloren hielten, und es war nicht zweifelhaft, daß die aufs äußerste erschöpften Verteidiger der Cham-pagnefront, die bald 4 Tage lang im Trommelfeuer gelegen waren, einem fünften Tag nicht mehr gewachsen sein konnten.
Ihnen zu Hilfe zu eilen, war selbstverständliche Pflicht, wenn auch eine schwere Aufgabe. 5. und 7. Kompagnie des Grenadierbataillons rückten zuerst ab; nach 7 Uhr abends ging’s beschleunigt aus dem schwer beschossenen Dorf hinaus und auf der breiten Straße Cernay/Ville sur Tourbe unter einem rechts und links der Straße einschlagenden Granathagel nach vorwärts. Nach knapp 2 Kilometer Weg waren die Kompagnien auf der La Justice-Höhe (155) angekommen, wo sie von dem dort einge-setzten R.I.R. 87 wie Erlöser begrüßt wurden. Nach Mitternacht wurden sie auf dieses Regiment verteilt in der vorderen Linie, der Briqueteriestellung eingesetzt, wo sie sich tatkräftig an die Wiederherstellung und Einrichtung der Gräben machten, welche die Bezeichnung als solche kaum verdienten. Trotz eines andauernden Störungsfeuers in der Nacht war aber bis zur Morgenstunde die Stellung einigermaßen wieder zur Vertei-digung instandgesetzt. Außerdem wurde zu ihrer Verstärkung morgens 4 Uhr auch die 6. Kompagnie nach La Justice in Marsch gesetzt und dort in Hütten und Stollen untergebracht, wo sie im Laufe des Tages schmerzliche Verluste erlitt. Ein Volltreffer vernichtete allein 10 Menschenleben.
Die Stellung sah bös aus. Die Franzosen waren nach einer großen Sprengung in den vorderen Graben eingedrungen gewesen, waren jedoch im Gegenstoß durch die Reserve des Regiments zurückgeschlagen worden. Jetzt hausten die Grenadiere mit den Resten der 183er, die ihnen rückhaltlos ihre Bewunderung aussprachen, in den völlig zerschossenen Stellungen, aus denen sie trotz immer wiederholten Artillerie- und Minenfeuers in verhältnismäßige kurzer Zeit eine brauchbare Stellung gemacht hatten. Überall stieß man auf Verwesende, vor der Front lagen Hunderte und Aberhunderte von stahlblauen Leichen, in und hinter der eigenen Linie verbreiteten die gefallenen Deut-schen, die wegen des Feuers nicht beerdigt werden konnten, einen kaum auszuhaltenden Geruch. Durch die Sprengung eingeklemmte Köpfe, Arme, Beine, nagten an der Seelenkraft der Besatzung. Ratten huschten zu Dutzenden über die Grabensohle, die nach Regengüssen fußtief mit Wasser sich füllte. Weiß wie Müller an trockenen Tagen, grau und schmutzig wie Kanalarbeiter bei Regenwetter, so standen die Grenadiere am äußersten linken Flügel der Champagnefront und sorgten dafür, daß der wichtige „Kanonenberg“, die Höhe 199, die unmittelbar in der rechten Flanke lag, vom Tal aus nicht umgangen wurde.
Dort oben stand es nicht gut und ein erheblicher Einbruch war den Franzosen am 25. an dem Schnittpunkt der 3. und 5. Armee geglückt. 120er und 124er vom Regiment Lägeler hatten hier in letzter Minute eingreifen können und hielten die deutsche Linie gerade noch auf dem Nordostkamm fest. Dorthin wurde am 26. vormittags die letzte noch nicht eingesetzte Grenadierkompagnie, die 8., entsandt, um im Verein mit einer Kompagnie 124 als Nahtabteilung den Schutz der rechten Flanke der 21. R.D. bezw. 5. Armee zu übernehmen. Rechts am Kanonenberg vorbei lagerten über den Hügelketten schwarze Rauchschwaden krepierender Granaten. Wieder war ein Angriff in Vorberei-tung und kaum waren die beiden Kompagnien oben, als auch sie in ein tolles Feuer kamen, das sie auseinander zu sprengen drohte. Ein ehemaliges hübsch gelegenes Lager am Nordhang, das einmal ein idyllisches Plätzchen gewesen sein mag, war unbrauchbar; Bretter, Balken, Holzstücke waren von den Geschossen in den Grund geschleudert. Auf der Höhe vorzukommen, war unmöglich, da der Kanonenberg konzentrisch unter Feuer lag. Rechts drüben war es etwas besser, man kroch und sprang von Loch zu Loch und preßte sich, kaum noch zu Atem kommend und jede Falte ausnützend, in den Erdboden. Die Franzosen griffen an, man sah sie deutlich auf 1000, 1200 m Entfernung von der Höhe 191 her in Schützenlinie vorgehend. Vorwärts auf halber Entfernung sah man auch Deutsche, die ein altes Lager verteidigten, das wie ein Termitenhaufen aussah. Aber trotz der Gefährdung der Eigenen schoß man wie wild.
Von vorne kamen einzelne Leute zurück, verstört, wahnsinnig lallen sie nur noch: „fort, fort aus dieser Hölle,“ dann waren sie den Berg hinunter verschwunden. Es war 3 Uhr mittags und bis in die Abendstunden ging es so weiter. Vor Nervenaufregung und dem Höllenlärm war alles wie gelähmt, die Besinnung auf eine übermenschlich harte Probe gestellt. Erst nach Dunkelwerden ließ das Feuer nach und zu jedem Gedanken unfähig gruben die Leute mechanisch auf dem Höhenkamm einen Schützengraben. Gegen 4 Uhr morgens trafen reichliche Verstärkungen ein, und später noch Oberst Präfke, der zum Kommandeur des Kanonenbergs ernannt war.
Hier hielt auch am 27. und 28. September die 8. Kompagnie, losgelöst von ihrem Bataillon, inmitten fremder Truppen die Hut auf dem Kanonenberg, beim Fehlen jeder Deckung wahrhaft ein Kanonenfutter! Stundenlang brauste der Orkan Tag und Nacht über die Kämme weg, 53 Mann riß er allein aus dieser Kompagnie in den ersten 3 Tagen in seinen unentrinnbaren Wirbel. Der Gegner hielt mit diesem Feuer die Kanonenbergbesatzung nieder, während rechts und links die Kämpfe weiter gingen. Da und dort sah man die Bajonette durch Rauch und Staub hervorblitzen, aber zum Schuß kam die Kompagnie selbst nicht mehr, wurde vielmehr in der Nacht des 28. herausge-zogen.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

Samstag, 26. September 2015

26. September 1915


Hugo Streicher
*24. April 1891 in Ulm. Nic. W. 1910. Cand. phil., Leutnant im IR 124.
26. September 1915 in der Champagne.

Hugo Streicher ist am 24. April 1891 als Sohn des Hauptlehrers Theodor Streicher in Ulm a. D. geboren. Im Elternhause in Ulm verbrachte er seine Knabenjahre. Als sechs- und siebenjähriger Schüler der Elementarschule bringt er an Ostern eine Belobigung für Fleiß und Wohlverhalten heim. Seine guten Fortschritte im Gymnasium lassen den Plan aufsteigen, das Landexamen zu wagen. Manche schulfreie Stunde, mancher Ferientag muß geopfert werden. Mit einem Platz unter der ersten Hälfte der Bestandenen kehrt er heim. Bald kommt der Abschiedstag. Der Vater verbindet mit der Fahrt ins Seminar eine kleine Schwarzwaldreise, die langsam auf Maulbronn zuführt, wo Hugo die nächsten zwei Jahre, 1905/06, zubringen soll. Von Blaubeuren aus, wohin er mit seinem Kurs im Herbst 1907 übersiedelt, kann er die Seinen an manchem Sonntag besuchen. Öfters kommen Freunde mit, von denen Arthur Schmid, der später mit ihm Nicare wurde und auch fallen sollte, der häufigste Gast in seinem Elternhause ist. Auf Grund der Konkursprüfung 1909 wird Streicher ins Stift aufgenommen, genügt aber zunächst seiner einjährigen Militärdienstpflicht beim Inf.-Regt. 123 in Ulm bis Herbst 1910. Im Frühjahr 1911 macht er wieder eine Übung in Ulm und Münsingen mit und im Juli, August und September 1912 eine weitere von acht Wochen. Am 1. April 1910 wird er Gefreiter, am 2. September 1910 Unteroffizier, am 9. Mai 1911 Vizefeldwebel.
Im Herbst 1910 beginnt er seine Universitätsstudien in Tübingen und tritt in die Verbindung Nicaria ein, deren treues Mitglied er bis zu seinem letzten Augenblick bleibt. Da vier aus seinem Kurs ein anderes Fachstudium als das theologische wählen dürfen und er wegen häufiger Heiserkeit befürchtet, dem Predigtamt nicht gewachsen zu sein, so tritt er mit Einwilligung seines Vaters zur Neuphilologie über. Im Sommer 1912 studiert er ein Semester in München, die reiche Gelegenheit für wissenschaftliche und Kunststudien eifrig ausnützend. Auch der nahen Gebirgswelt macht er einen Besuch, siegt den herrlichen Königssee und besteigt den Watzmann. Von Herbst 1912 bis Sommer 1913 studiert er zwei Semester an der Universität Montpellier in Frankreich. In den Osterferien 1913 macht er mit einem Studiengenossen eine Rivierawanderung nach Cannes. Vom Oktober 1913 bis Kriegsausbruch finden wir ihn wieder in Tübingen. Im Sommer 1914 rüstet er sich zum Examen. Seine Doktorarbeit ist nahezu vollendet. Ein Bild aus jenen Tagen zeigt ihn im Kreise seiner Freunde auf dem Jusi bei Metzingen, den Neuffen im Hintergrund. Allen strahlt die Lebensfreude aus dem Gesicht; keiner ahnt das nahe Ende, das fast allen bevorsteht.
Bei Kriegsausbruch wird Streicher dem Inf.-Regt. 124 in Weingarten zugeteilt. Ende August rückt er, zum Leutnant befördert, mit dem Ersatzbataillon ins Feld, nimmt an den großen Märschen bei der Verfolgung der geschlagenen Franzosen bis zur Marne und dann am Rückzug und den hartnäckigen Argonnenkämpfen teil, erhält das Eiserne Kreuz 2. Klasse, wird erstmals durch Granatsplitter am Bein verwundet und dann nach Ausheilung der Wunde zur Erholung mit der Ausbildung von Ersatztruppen im Sennelager betraut, wo seine Leute ihm ein hübsches Waldhäuschen bauen. Zur Freude der Seinen kommt er an Ostern 1915 auf kurze Zeit nach Hause. Dann geht’s wieder an die Front in die Argonnen. Bei der Eroberung eines Grabens wird er durch Handgranaten ziemlich schwer am Kopf verwundet und durch starken Blutverlust geschwächt. Nach acht Tagen, während deren er im Feldlazarett in Grand-Pré behandelt wird, kommt er im Lazarettzug in das Spital nach Stuttgart und dann auf einige Wochen zur Erholung nach Hause. Er erhält als einer der ersten jungen Reserve-Offiziere das Ritterkreuz des Friedrichsordens 2. Klasse. Da er nach Heilung seiner Wunden noch erholungsbedürftig ist, wird er für den nächsten Monat zum Garnisondienst in Weingarten bestimmt. Allein er kann es nicht lange ertragen, daß dort diejenigen das große Wort führen, die gar nicht, oder nur ganz kurz an der Front gekämpft haben, und meldet sich mit dem nächsten Nachschub wieder ins Feld. Aber der untersuchende Arzt schickt ihn als erholungsbedürftig wieder auf vierzehn Tage nach Hause. Seine Eltern, die bei einer verheirateten Tochter fern von Ulm die Ferien zubringen, sehen ihn leider nicht mehr. Ende August tritt er wieder bei seinem Regiment ein und nimmt am Stellungskrieg teil. Gleich seinem jüngeren Bruder, der bei Kriegsausbruch als Kriegsfreiwilliger bei den Pionieren eingetreten ist, meldet er sich zum Gebirgs-regiment. Beide wären anfangs Oktober zu diesem versetzt worden. Kaum ist sein Regiment in Ruhestellung, da entbrennt die mörderische Champagneschlacht und alle verfügbaren Truppen werden dorthin geworfen, auch das Regiment 124. Am Sonntag, den 26. September nachmittags 3 Uhr, will Streicher (nach Angabe seines Burschen) auf Höhe 191 bei Massiges, nachdem sein Hauptmann Quellhorst gefallen ist, einen verlorenen Graben wieder zurückerobern und geht als Erster vor, wird aber gleich niedergestreckt. Einige Maschinengewehrkugeln haben ihm die Hand zerschmettert und seinen Körper durchbohrt. Sein Bursche und ein Unteroffizier ziehen ihn in den Graben zurück. Er heißt seinen Burschen noch seine Brieftasche und seinen Brustbeutel an sich zu nehmen und mit seinen letzten Grüßen nach Hause zu schicken, dann stirbt er. Die Höhe wird vom Feind genommen. Die Toten können nicht geborgen werden. Vielleicht werden sie in ein Massengrab gebettet. Ohne die heldenhafte Ausdauer der Württem-berger wären hier die Franzosen wahrscheinlich durchgebrochen.“

aus: „Gedenkbuch der Tübinger Nicaria für ihre Gefallenen“, Tübingen 1933


„Obwohl hinter der 27. Infanteriedivision keine nennenswerten Reserven standen, befahl doch das Armee-Oberkommando der 5. Armee am 23. September, aus 3 Ruhe-bataillonen der Division ein zusammengesetztes Infanterie-Regiment zu bilden, um der schwer bedrängten 21. Res.-Division schnell frische Truppen zuführen zu können. Am 25. September wurden das II./120, II./123, III./124, später nach dem Führer „Regiment Lägeler“, dem Kommandeur des III./124 genannt, der 21. Res.-Division zur Verfügung gestellt. Der infolge der immer noch andauernden Artilleriebeschießung sehr mühselige und gefahrvolle Anmarsch erfolgte über Autry nach Cernay en Dormois. Dieser Ort lag hinter dem sich aus der leicht welligen Champagne abhebenden Höhenzug, der von Rethel gegen St. Ménehould verläuft. Die Abhänge nach Nordosten in das Aisne-Tal sind schroff und steil, nach Westen und Südwesten springen zahlreiche Nasen vor. 2 Höhen steigen besonders empor, die Höhe 199, südwestlich Cernay und 191 nördlich Massiges. Hier war der Schlüssel zum Aisne-Tal und deshalb richteten die Franzosen auf diese Stelle besonders ihre wütenden Angriffe, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Gelang es ihnen, auf den Höhen ihre Artillerie in Stellung zu bringen, gehörte das davor sich ausbreitende flache Land über Challerange – Vouziers hinaus dem Feinde. Hier hatten die Franzosen nach 70stündigem Trommelfeuer einen Anfangserfolg gehabt und die vordere Linie genommen. Auf das Tapferste hatten sich die preußischen Reserve-Regimenter 30 und 80 gewehrt, aber ihre Kräfte waren im Erlahmen, schleunige Hilfe tat Not und sie nahte ihnen in den Württembergern. III./124 erreichte im feindlichen Artilleriesperrfeuer die Höhe 199 – den Kanonenberg – und das halbwegs zwischen 199 und 191 gelegene Bothewäldchen. Starkes Feuer von 32 und 28 cm-Kaliber empfing die Kompagnien, die Schlacht war noch in vollem Gang, der Erfolg noch nicht auf Seite der Franzosen, aber Welle auf Welle griff immer wieder an. Teile des III. Bataillons wurden sofort nach dem Eintreffen bei Res.-Regt. 80 eingesetzt und so die verschiedenen vorspringenden Bergnasen und das Bothewäldchen gehalten. Kurz nach dem Eintreffen fiel Hauptmann  Quellhorst, der tapfere Führer der 11./124, durch Artillerievolltreffer. Der Ausfall am 1. Tag betrug 158 Mann.


Zu dem hin- und herwogenden Kampf mit all seinen Schrecken kam außerordentlich schlechtes Wetter. Ununterbrochen strömte der Regen herab und verwandelte den Kalkboden in eine ungangbare Masse. Die durch die Beschießung herumgeworfenen Holz- und Eisenteile der Unterstände, zerschossene Geschütze, zerstreute Artillerie-munition, der Schutt der Granattrichter und besonders diese selbst erschwerten jede Bewegung, besonders bei Nacht. Das Vorfahren der Verpflegung stieß auf fast unüber-windliche Schwierigkeiten. Das „Essenfassen auf dem Kanonenberg“ erfreute sich im Gegensatz zu sonstigen Zeiten gar keiner Beliebtheit. Der Witz der Musketiere schuf obenstehendes Bild von diesen Vorgängen.
Am nächsten Tag, dem 26. September, kamen die Franzosen dem durch das Regiment Laegeler geplanten Vorstoß auf Höhe 191 durch einen Angriff zuvor. Unaufhörlich wälzten sich wieder die Angriffswellen vor, ohne Unterbrechung tobte die starke feindliche Artillerie. Etwas Gelände ging verloren, die Wegnahme des Bothewäldchens wurde noch einmal verhindert. Bis 8 Uhr abends dauerte der Kampf, dann war der feindliche Ansturm gebrochen.“
  
aus: „Das Infanterie-Regiment Känig Wilhelm I (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

Freitag, 25. September 2015

25. September 1915


„Im Osten war noch kaum ein Schimmer des kommenden Tages zu sehen, da sauste bereits um 4.30 Uhr morgens mit einem Schlage wieder heftigstes feindliches Trommelfeuer sämtlicher Kaliber auf unsere Stellungen südlich der Bahnlinie nieder. Das Feuer ´übertraf dasjenige der vorhergegangenen Tage noch bedeutend. Besonders stark litten unter demselben die Stellungen der 1. und 4. Kompagnie, sowie der Laufgraben an der Bahn entlang bis zum Jägergraben. Nach kürzester Zeit war das ganze Gelände in undurchdringliche Staub- und Rauchwolken gehüllt. Sämtliche rückwärts liegenden Teile des Regiments wurden sofort alarmiert und bezogen ihre Bereitschaftsstellungen, denn an dem kommenden Angriff zweifelte jetzt niemand mehr. Zwischen den Detonationen platzender Granaten war deutlich das gleichmäßige tack! – tack! – tack! – englischer M.-G. hörbar, welche blindlings in die Rauchwolken hineinschossen.
So gut es ging, suchte vorn jeder Deckung vor dem unheimlichen Feuer. Am meisten Schutz bot die Sappe am Ypernweg, die, nur wenige Meter vom feindlichen Graben entfernt, beinahe gar nicht unter dem feindlichen Feuer zu leiden hatte. Oder sollten die Engländer vielleicht einen anderen Grund haben, weshalb sie diese Sappe nicht beschossen? Niemand konnte es ahnen. Es mochte wohl kaum eine Viertelstunde seit Beginn der Beschießung verstrichen sein, als plötzlich eine heftige Explosion erfolgte. Der Boden geriet weithin ins Schwanken wie bei einem Erdbeben, so daß sogar Tiere und Vögel aus ihren Nestern aufgescheucht wurden und ängstlich zu schreien anfingen.
Die fast undurchdringlich über der Gegend lagernden Rauchwolken wurden Plötzlich durch eine haushohe Feuersäule erhellt, welche alles in schauriger Beleuchtung erscheinen ließ. Fast gleichzeitig sah man überall rote Leuchtkugeln, – es bestand also kein Zweifel mehr, der seit Tagen erwartete englische Angriff hatte nunmehr begonnen.
Kaum hatte man diese Beobachtung gemacht, als beim Regimentsgefechtsstand die Meldung einlief, der Gegner habe die Sappe gesprengt und sei in die Stellung eingedrungen. Die in der Nähe des Regimentsstabes liegende 12. Kompagnie erhielt daraufhin den Befehl, zur Unterstützung nach dem Jägergraben vorzugehen. Der Weg für die Kompagnie führte an verschiedenen Batteriestellungen vorbei, die ziemlich starkes feindliches Feuer erhielten; nur in kleinen Abteilungen gelang es daher der Kompagnie, die schwierigen Stellen gruppenweise, ohne wesentliche Verluste, zu durchschreiten und mit der gleichzeitig vorgehenden 11. Kompagnie die befohlene Stellung zu besetzen.
Inzwischen war vorn der Infanteriekampf voll im Gang.
Unmittelbar nach dem Auffliegen der Mine drangen die Engländer in den durch die Sprengung verschütteten Teil unserer Stellung und in die anliegenden Gräben ein. Im ersten Augenblick nach der Sprengung entstand bei uns eine ziemliche Verwirrung, denn etwas derartig Schreckliches hatte bisher noch keiner von uns mitgemacht. Dieser Umstand kam den Engländern sehr zu statten und machte es ihnen leicht, ohne anfänglich auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, verhältnismäßig schnell in unseren Gräben vorzudringen.
Durch den Ypernweg, der völlig zusammengeschossen und verschüttet war und nur Tote und Verwundete enthielt, gelang es dem Engländer, ungehindert in den Rücken der 1. Kompagnie zu kommen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr, mit Handgranaten und Totschlägern bewaffnet, drang der Gegner auf die noch übrig gebliebenen Trümmer der 1. Kompagnie ein. Ein unerbittlicher, zäher Kampf entspann sich, denn so leicht ließ sich der Schwabe nicht aus seiner Stellung verdrängen, und mancher Engländer mußte hier sein Leben lassen. Doch die durch die Beschießung und Sprengung stark gelichtete tapfere Schar war der Übermacht gegenüber zu schwach; was nicht gefallen war, wurde nach heldenmütigem Kampfe überwältigt und gefangen.
Manchem gelang es, auf dem Wege zur englischen Stellung zu entfliehen und auf diese Weise der Gefangenschaft zu entgehen, so unter anderem dem Leutnant Widmayer, der, von den Engländern verfolgt, sich nach unseren Linien durchschlug und fast atemlos und ganz erschöpft in unseren Reihen ankam.
Nach Überwältigung der 1. Kompagnie gelang es dem Gegner, noch ein Stück weit in den Bereich der 4. Kompagnie einzudringen. Weit kam er jedoch nicht, denn ein von der 4. Kompagnie mit großem Schneid durchgeführter Handgranatenangriff machte dem Engländer hier ein weiteres Vordringen unmöglich und warf ihn wieder aus dem Kompagniebereich hinaus. Mit äußerster Kraftanstrengung war es der Kompagnie möglich, mit Unterstützung von Teilen der 10. Kompagnie, welche inzwischen zur Verstärkung herbeieilte, die Stellung zu halten, trotz verzweifelter Anstrengung der Engländer, sich in Besitz derselben zu setzen.
Die Handgranatentrupps der 2. und 3. Kompagnie vom nördlichen Regimentsabschnitt eilten ebenfalls herbei, um der bedrängten 4. Kompagnie Luft zu schaffen und nach dem Ypernweg vorzudringen.
Zu gleicher Zeit erhielt ein Zug der 9. Kompagnie den Befehl, die in den Stellungen der 1. Kompagnie eingenisteten Engländer von dem linken Flügel her anzugreifen und zurückzuwerfen.
Inzwischen übernahm der zugleich mit der 11. und 12. Kompagnie bei dem Bataillons-gefechtsstand des südlichen Abschnittes eingetroffene Major v. Flatow das Kommando über diesen Abschnitt von dem am Kopf leicht verwundeten Hauptmann v. Legl. Die 11. Kompagnie unter Führung von Hauptmann Bauer erhielt den Befehl, den noch in unseren Stellungen befindlichen Gegner anzugreifen und hinauszuwerfen. Welch‘ schwierige Arbeit dies war, werden wir weiter unten sehen.
Dem Abschnittskommandeur war es nicht vergönnt, den Erfolg seiner Anordnungen zu erleben. Durch eine Schrapnellkugel am Halse verwundet, konnte sich Major von Flatow noch nach dem in der Nähe befindlichen Sanitätsunterstand begeben, wo er jedoch schon nach kurzer Zeit seiner schweren Verwundung erlag. Mit ihm verlor das III. Bataillon seinen beliebten Kommandeur, das Regiment einen tüchtigen Führer, alle einen vortrefflichen Vorgesetzten und Kameraden.
Nach Major von Flatows Tod übernahm Hauptmann von Legl wieder den Befehl über den Abschnitt.
Die im Jägergraben befindlichen Teile der 12. Kompagnie erhielten den Befehl, nach dem Ausweichgraben vorzugehen, um nötigenfalls die 11. Kompagnie in ihrem Vorgehen zu unterstützen.
Nachdem Handgranaten und Munitionsersatz eigetroffen waren, gelang es der 4. Kompagnie, mit Unterstützung von Teilen der 3. und 10. Kompagnie, die Engländer in hartnäckigem Nahkampf in Richtung Ypernweg und nach dem durch die Sprengung entstandenen Trichter zurückzuwerfen.
Ein hierbei dem Gegner schwere Verluste beibringendes M.-G. war lange Zeit Gegen-stand eines äußerst erbitterten Kampfes. Sämtliche Versuche des Feindes, sich in den Besitz des M.-G.‘s zu setzen, scheiterten an der Tapferkeit seiner Bedienungs-mannschaft, sowie der zum Schutze desselben herbeigeeilten Infanterie.
Unter Zurücklassung zahlreicher Toter und Verwundeter gaben die Engländer schließlich den Kampf auf, bei dem auch wir leider manch schweren Verlust zu beklagen hatten. Leutnant Schmid der 4. Kompagnie, sowie Vizefeldwebel Herbert der 1. Kompagnie fanden hier mit manch tapferem Kameraden den Heldentod.
Ein schweres Stück Arbeit war schon geleistet. Soweit festgestellt werden konnte, war bis jetzt die ganze Stellung, mit Ausnahme des Sprengtrichters und von Teilen des Ypernweges, wieder in unseren Händen. Infolge der beherrschenden Höhe obiger Stellen bildeten sie gewissermaßen den Schlüssel zur Stellung de Regiments. Wäre es den Engländern gelungen, hier festen Fuß zu fassen, so wäre die ganze Stellung des Regiments unhaltbar geworden, da von hier aus der ganze Regimentsabschnitt aus beherrschender Höhe flankiert werden konnte. Der Engländer war sich dessen wohl bewußt und setzte daher auch alles daran, sich hier einzunisten.
mit vereinten Kräften galt es nun, dem Gegner diese wichtigen Punkte zu entreißen. Nach gründlicher Beschießung des Trichters durch unsere Artillerie schickte sich Hauptmann Bauer mit der 11. Kompagnie und Teilen der 3., 9., 10. und 12. Kompagnie, sowie dem Reste der 1. Kompagnie, an, die Höhe zu nehmen. Es war noch eine schwere Aufgabe, welche die tapfere  Truppe vor sich hatte. Der Engländer, der wohl wußte, daß er nach Verlust der Höhe um die Frucht seines Angriffs gebracht war, wehrte sich mit äußerster Hartnäckigkeit. Ein zäher, erbitterter Kampf entspann sich, Schritt für Schritt mußte dem Gegner der Boden abgerungen werden, um jedes Granatloch wurde gekämpft. Manch tapferer Schwabe fand hier den Heldentod, darunter auch Leutnant Harr der 12. Kompagnie. So leicht ließ sich der Schwabe von seinem Ziele nicht abbringen und derbe Schwabenstreiche bekam hier der Engländer zu verspüren. Um 3 Uhr nachmittags endlich konnte Hauptmann Bauer melde, daß der Sprengtrichter durch 50 Mann besetzt sei.
Gleichzeitig gelang es auch, den Gegner aus dem Ypernweg zu vertreiben, so daß unsere gesamte Stellung wieder in unserem Besitze war.
Von den zurückgehenden Engländern haben wohl nur wenige mehr ihre Linien erreicht, denn das ganze Gelände vor unsern Stellungen, sowie die feindlichen Stellungen wurden bis zum Einbruch der Dunkelheit unter heftiges Feuer genommen.
Daß dem Feinde alles daran lag, die Höhe zu halten, davon gaben die zahlreichen toten Engländer, die besonders im Sprengtrichter haufenweise herumlagen, ein beredtes Zeugnis. Mit Einbruch der Dunkelheit hörte das Feuer auf beiden Seiten auf. –“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 248 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1924



aus: „Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 54 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

Donnerstag, 24. September 2015

24. September 1915


„Ununterbrochenes Trommelfeuer lag an diesem Tage auf unsern Gräben, ebenso waren sämtliche Anmarschwege dauernd unter Feuer gehalten. Die weitverzweigten Artillerie-Telephonverbindungen, insbesondere zu den Beobachtungsstellungen in vorderster Linie, waren immer wieder beschädigt und mußten ungezähltemale im heftigsten Feuer wiederhergestellt werden. Selbst die eingegrabenen Kabelverbindungen einzelner Batterien hielten nicht stand. Die aufopfernde Tätigkeit der Telephonisten während dieser Tage verdient höchstes Lob. Immer wieder gelang es, wenn auch nur für einige Minuten, die Verbindung herzustellen und so Nachrichten von vorne an die Kommando-stellen gelangen zu lassen.
4 Uhr nachmittags wurde die Beobachtungsstelle der 5. Batterie durch einen Volltreffer zerstört, der Beobachter verwundet, der Telephonist getötet.
Der Artilleriekampf tobte bis spät in die Nacht und zwar hauptsächlich von der Bahnlinie Ypern – Roulers nach Süden. Dies ließ darauf schließen, daß der zu erwartende Angriff sich auf diesen Abschnitt richten würde. Die rechts der Bahn stehenden Batterien erhielten daher den Befehl, zur Unterstützung der linken Gruppe flankierend in deren Abschnitt zu schießen.
Es standen für die Abwehr in dem gefährdeten Abschnitt nunmehr 7 Kanonen- und 3 Haubitzbatterien, sowie verschiedene Züge C/73 und französische Geschütze dem Kommandeur der Feldartillerie zur Verfügung. Nur die 3. Batterie blieb frontal gegen den Abschnitt rechts der Bahn eingesetzt. Jeder Batterie war ein genau festgelegter Abschnitt zur Bekämpfung zugewiesen, im Durchschnitt in 200 – 300 Meter Breite. Die 4. Batterie hatte das Gelände bei Eclusette, die 7. im Anschluß daran bis zum nächsten Ende des T-Wäldchens, 5. von hier bis Eierwäldchen, 6. Batterie von hier bis zur Bahn. 9./54, 8./54, 1./53, 2./53, 3./53, 2./54, C/73 lagen meist flankierend auf den dahinter liegenden zweiten Gräben.
Alle Batterien waren genau eingeschossen, sogar die einzelnen Geschütze mit verschiedenen Entfernungen, infolge der vielfach unregelmäßig verlaufenden feindli-chen Gräben. Jede Batterie hatte durchschnittlich 1100 Schuß in Feuerstellung.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 54 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

Mittwoch, 23. September 2015

23. September 1915


„Schon vom ersten Tag an, den das Regiment wieder in der alten Stellung zubrachte, überschüttete uns die feindliche Artillerie mit einem wahren Hagel von Geschossen aller Kaliber. Man glaubte, es handle sich um einen der gewohnten morgendlichen Feuer-überfälle, aber bald war man sich darüber klar, daß es sich doch um etwas mehr handeln mußte. Es war die Einleitung zu einer siebentägigen Artillerievorbereitung (18.–24. September) voller Schrecken.
Der tägliche Verlauf war etwa folgender: Bei Tagesanbruch eine etwa einstündige heftige Beschießung, dann eine etwa ebenso lange vollständige Feuerpause. Hernach folgte ein stetiges langsames Zielschießen, das sich gegen Mittag zu trommel-feuerartiger Heftigkeit steigerte. Dieses Feuer hielt bis in die späten Nachmittagsstunden an. Gefeuert wurde auf alle noch benützbaren Gräben und jeweils mit Fliegerbeo-bachtung. Das Hauptfeuer lag auf dem Storchschnabelwald und der Kampfstellung. Schützen- und Laufgräben wurden eingeebnet. Das Feuer lag mit der gleichen Heftigkeit auf unserem linken und rechten Nachbarabschnitt. Zwischendurch kreuzte der Gegner das Feuer, um eine flankierende Wirkung zu erzielen. Auch die vom Engländer so gern angewandte Schießart, nach einer schweren Granate unmittelbar mehrere Schrapnells folgen zu lassen, fehlte nicht. Er wollte hiermit die von der schweren Granate ins Freie flüchtenden Leute treffen. Über der Kampfstellung lag dauernd eine dem Auge undurchdringliche Staubwand, die fortwährend durch neue Einschläge gespeist wurde. Aber auch unsere Artillerie war bei der Hand und überschüttete die feindlichen Infanterielinien sowie auch ihre Batteriestellungen mit einem Feuer von gleicher Heftigkeit. Abschuß und Einschlag konnte man nicht mehr unterscheiden, es war ein ständiges Rollen in der Luft.
Die zur Verfügung stehenden Unterstände wurden jeden Tag weniger. Das Gelände vor und hinter der Stellung bot den Anblick eines frisch gepflügten Ackerfeldes, alles braune Erde, von grün keine Spur mehr.
Mit Einbruch der Nacht setzte eine fieberhafte Tätigkeit ein, um die Schäden auszubessern. Die Stellung mußte unter allen Umständen verteidigungsfähig gehalten werden. Von der Bereitschaft her kamen lange Reihen Trägertrupps mit Brettern, Sandsäcken, Handwerkzeug, Faschinen, Hindernissen. Emsige, rastlose Tätigkeit füllte die Nacht aus. Aber auch diese Tätigkeit konnte nicht in Ruhe ausgeübt werden, der Gegner benützte die Mondhelle und störte durch Feuer den Fortgang der Arbeit. Trotz größter Vorsicht brachte jede Nacht eine Erhöhung der Verluste, welche tagsüber eingetreten waren. Der tägliche Abgang betrug bereits 20 bis 30 Mann. Namentlich war der Verlust durch Verschüttung groß, immer wieder mußten Kameraden einander ausgraben. Freilich wurde mancher so gründlich verschüttet, daß er als „vermißt“ in die Verlustliste kam.
Von besonderer Bedeutung war die moralische Erschütterung der Grabenbesatzung. Vielen war es unmöglich, die abends zugeführten Lebensmittel auch nur anzurühren. Von anderen wird berichtet, daß sie planlos, wie irr, in der Stellung umherliefen. Und doch wurden alle diese Prüfungen von der Grabenbesatzung mit einer Leidenswilligkeit und Geduld ohnegleichen, einer Zähigkeit und Ausdauer, für die jedes Wort des Lobes unzureichend ist, ertragen. An die Schulterwehren gelehnt, an die vordere Grabenwand angepreßt, in den Beobachtungsnischen hinter den Schießscharten zusammengekauert, ließen sie all diese Schrecknisse über sich ergehen, stets bereit, verwundeten Kameraden zu helfen. Die braven Sanitäter waren Tag und Nacht unterwegs, um Linderung zu schaffen.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 246“, Stuttgart 1931

Dienstag, 22. September 2015

22. September 1915


Beim ersten Luftangriff auf die Stuttgarter Innenstadt am 22. September 1915 kamen vier Zivilisten und drei Soldaten ums Leben. Zahlreiche Personen wurden verletzt. Die gegen 8.15 Uhr vormittags von vier französischen Flugzeugen abgeworfenen Bomben verursachten nur geringe Schäden an einigen Gebäuden in der Altstadt. Die Gmünder Chronik schreibt hierzu:

Luftkrieg. Zeppeline beschossen die englische Küste und London und französische Flieger machten einen Angriff auf Stuttgart, wo 7 Personen getötet und viele verletzt wurden. Unter den Todesopfern befindet sich auch Postunterbeamter Fauser aus Herli-kofen, dem ein Fuß ab- und der Leib aufgerissen wurde.“

aus: „Gmünd im Weltkrieg, Chronik“, Schwäbisch Gmünd 1927

Montag, 21. September 2015

21. September 1915


„Die Vorzeichen für einen größeren französischen Angriff machten sich in den nächsten Tagen bemerkbar. Die französischen Flieger zeigten sich in kleineren Geschwadern, zahlreiche feindliche Fesselballons standen täglich am Horizont und ein Einschießen auf rückwärtige Verbindungen war nicht zu verkennen. Unter anderen Punkten wurde auch der Bahnhof Challerange mit Feuer belegt. Das Feuer steigerte sich zu äußerster Heftigkeit, besonders im Abschnitt der 9. Landwehr-Division und drüben in der Champagne, wo man die schwarzen Rauchsäulen der Einschläge schwerkalibriger Geschosse sich auftürmen sah. Auf unseren Batteriestellungen lag teilweise tagelanges Dauerfeuer. Bei 3./49 fiel am 21. September Kriegsfreiwilliger Glatz.“

aus: „Das 3. Württembergische Feldartillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Sonntag, 20. September 2015

20. September 1915


Musketier Gebhard Baur.
XIII. Armeek., 27. Div. , Inf.-Regt. 120, 3. Komp.,
gefallen 20. September 1915.

Lediger Hotel-Portier, geboren den 12. Februar 1883 zu Sattelbach O.-A. Ravensburg als Sohn des Taglöhners Johann Baur und der Kreszentia, geb. Rössler. Nach seiner Schulentlassung nahm er Stellung in Friedrichshafen als Hoteldiener. Im Jahre 1915 wurde er zum Heeresdienst eingezogen. Nach seiner Ausbildung an die Ostfront kom-mandiert, kämpfte er in Rußland und erlitt bei Wilna durch Kopfschuß den Heldentod für sein Vaterland am 20. September 1915. Im dortigen Ehrenfriedhof ruhen seine sterblichen Reste. Hinterbliebene: drei Brüder und eine Schwester – Schonisweiler bei Weingarten, No. 2.“

aus: „Schwäbische Helden Weingarten (in Wttbg.) im Weltkrieg“, Stuttgart 1920

Entgegen der obenstehenden Angaben gehörte Gebhard Baur nicht dem Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm König von Preußen“ (2. Württembergisches) Nr. 120 an. Dieses verblieb im Verbande der 27. (Württembergischen) Infanterie-Division während der gesamten Kriegsdauer an der Westfront. Gebhard Baur war Angehöriger des Württembergischen Reserve-Infanterie-Regimentes Nr. 120. Das RIR 120 trat im März 1915 von der 26. (Württembergischen) Reserve-Division zur 58. Infanterie-Division über und wurde Ende Juli 1915 im Verbande der 58. ID an die Ostfront verlegt. Die Regimentsgeschichte schreibt zum 20. September 1915:

„Am 20. September ging der Vormarsch weiter in 2 Kolonnen; I. Bataillon links auf Filipany, das übrige Regiment und eine Abteilung sächsischer Feldartillerie auf Jodoklanie. Der Marsch der rechten Kolonne, über sumpfige Waldwege, war sehr beschwerlich. Oft mußten die Geschütze unter Beihilfe der Infanterie über weiche Stel-len mehr getragen als geschoben werden.
Gegen 9 Uhr vorm. stieß die rechte Kolonne auf einen Gegner nördlich Jodoklanie, entfaltete sich im Wald, erhielt aber Verluste durch feindliches Geschützfeuer. Die eigene Artillerie konnte im Wald nirgends auffahren, dichte Unterholz und Sumpf-strecken machten es unmöglich.
Das war wieder einmal die kluge russische Artillerietaktik. Die russische Infanterie stand wenige 100 Meter vor dem Wald, eine einzige Batterie 2500 Meter dahinter. Für uns waren unsere 3 Batterien wertlos, weil sie in dem 9 Kilometer tiefen Wald nirgends schießen konnten.
Auch das I./R. 120 traf bei Filipany auf eine starke feindliche Stellung und kam nicht weiter. So blieb nichts übrig, als abzuwarten, bis die 10. Landw.-Division rechts neben uns am 20. September abds. auf unsere Höhe kam, da zogen die Russen von selbst ab.“



aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Samstag, 19. September 2015

19. September 1915


„Während die ersten beiden Tage nach Beziehen der Stellung ohne Zwischenfälle verliefen, brachten die darauf folgenden Tage bereits eine wesentliche Veränderung. Die feindliche Artillerie entfaltete eine ziemlich rege Tätigkeit. Nacheinander schossen sich die feindlichen Batterien, vielfach durch Fliegerbeobachtung unterstützt, auf den linken Regimentsabschnitt südlich der Bahn Roulers – Ypern ein. Von Tag zu Tag steigerte sich die feindliche Artillerietätigkeit; vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein, teils mit größeren, teils mit kleineren Pausen, folgten die Artilleriefeuerüberfälle einander. Von der leichten Feldgranate bis zu den schwersten Kalibern hagelten die Geschosse auf die Stellung nieder. In den niederen Gräben und mangelhaften Unterständen, die fast nur gegen Splitterwirkung Deckung boten, hatten unsere Leute gegenüber einer solchen Beschießung einen schweren Stand.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 248 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1924

Freitag, 18. September 2015

18. September 1915


„Die Septembertage brachten auffallende Veränderungen im Verhalten des Gegners. Die Beschießung unserer vorderen Linien, besonders unserer Minenwerfer- und Maschinengewehrstellungen, nahm an Heftigkeit mehr und mehr zu. Die ruhigen Tage waren zu Ende Gegen 3 Uhr nachmittags ging’s los. Da flogen Minen aller Kaliber herüber und hinüber bis in die Nacht hinein. Der 31. August ist in üblem Andenken bei der 6. Komp. In der Moltkestraße waltete der Minenmaser wie ein Feldherr seines Amtes – und blieb seinen französischen Kollegen kein Wort schuldig. Da lag die Stellung C, die Kronprinzenstraße, die Diagonalstraße umgekrempelt wie ein Sand-haufen. Die vorgeschobene Sackstellung tat getreulich ihren Dienst als Minenfang. Bei fleißiger Arbeit während der Nacht und am frühen Morgen konnte man dann bis zum folgenden Nachmittag alles wieder soweit in Ordnung haben, daß die Franzosen ihr Einschießen und Einwerfen wieder mit schönstem Erfolg beginnen konnten. Und immer wieder trug man einen wunden Mann auf der Bahre zurück zum Sanitätsunterstand am Gobesard, immer wieder wölbte sich ein neuer Hügel am Friedhof, und Trauerklänge erklangen bei den weißen Grabsteinen unter dem großen Nußbaum in Savonnières.“


aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Donnerstag, 17. September 2015

17. September 1915


„Nach wohlverdienten Wochen der Ruhe bezog das Regiment am 17. September wieder seine alten Stellungen vor Ypern. Rasch gewöhnte man sich wieder ans Schützen-grabenleben, zumal man ja mit den örtlichen Verhältnissen von früher her vertraut war.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 248 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1924

Mittwoch, 16. September 2015

16. September 1915


„Am 10. August warf der Gegner englische Zeitungen in unseren Graben; die Ablösung der Franzosen durch Engländer war nun sicher festgestellt. Der Minenkrieg forderte immer wieder Opfer, so z. B. am 27. August den Unteroffizier Geywitz durch Gasver-giftung, am 28. August den Pionier Pfeiffer, der verschüttet wird, desgleichen den Pionier Gairing am 16. September. Nach einem Jahr Krieg betrugen die Verluste der Kompagnie: tot: 3 Offiziere, 2 Offizierstellvertreter, 66 Unteroffiziere und Pioniere; verwundet: 7 Offiziere, 2 Ärzte, 128 Unteroffiziere und Pioniere; vermißt: 15 Unteroffi-ziere und Pioniere.“

aus: „Das Württembergische Pionier-Bataillon Nr. 13 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Montag, 14. September 2015

14. September 1915


„Am 13. September wurde bekannt, daß General Joffre und der französische Kriegs-minister sich in St. Menehould befänden, daraufhin wurden die rückwärtigen Verbin-dungen der Franzosen von uns stark beschossen, auch 2 30,5 cm-Küstenmörser beteiligten sich hieran, der Gegner antwortete lebhaft. Auch sonst nahm das Feuer auf die Stellungen zu. Besonders die sogenannten Torpedominen belästigten unsere Leute stark. In der Stellung war genügende schußsichere Unterkunft vorhanden, unter der Harazée-Schneuse führte ein Tunnel gedeckt zum Gren.-Regt. 123. In der zweiten Linie wurde seit 17. August an einer besonderen Anlage, „der Veste Kronprinz“ gebaut. Als Rückhalt und zur schußsicheren Unterkunft einer Kompagnie als Reserve gedacht, war hier ein Bau im Entstehen, an dem sich jeder Angriff brechen mußte. Die Räume waren betoniert und für Argonnenverhältnisse so bequem als möglich eingerichtet, elektrische Beleuchtung war vorhanden. Die ganze Anlage hatte Oberst Haas persönlich erkundet und entworfen.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

Sonntag, 13. September 2015

13. September 1915


„Mit der Zeit entwickelte sich der Grabenkrieg zu immer größerer Heftigkeit, die Kampfmittel verbesserten sich bei Freund und Feind von Tag zu Tag mehr, Fernrohr-gewehre erlaubten auch auf größere Entfernungen ein sehr genaues Präzisionsschießen auf Ziele, die sich vorübergehend zeigten, die Kaliber nahmen an Schwere zu, die Minen an Umfang und Durchschlagskraft, selbst die Wirkung der Leuchtkugeln verbesserte der Feind ganz erheblich durch Anbringung von Fallschirmen, so daß das Licht lange Zeit sichtbar war. An Stelle von Minen schleuderte der Feind sogar große Bündel von Handgranaten (18 Stück) mittelst Wurfmaschinen in unsere Gräben.
Täglich machte der Feind Feuerüberfälle mit leichten und schweren Kalibern, streute das Gelände ab, oder beschoß besondere Ziele mit Fliegerbeobachtung. Auf diese Weise litten die Stellungen ganz erheblich und mußten mit großer Mühe wieder ausgebessert werden. Kam dann noch schlechte Witterung dazu, Regengüsse oder Tauwetter nach Frost, so verwandelten sich die Gräben bald in Schlammbäche, die erst nach unsäg-lichen Arbeiten wieder in brauchbaren Zustand gebracht werden konnten. Damit die lehmigen Grabenwände widerstandsfähiger wurden, versah man sie mit Strauchbe-kleidung, eine Arbeit, die viel Material und Zeit erforderte. Einzelne Teile, die dem feindlichen Feuer besonders ausgesetzt waren, wie z. B. der Heidenkopf, wurden schließlich von den Granaten so durchwühlt und gelockert, daß namentlich bei regnerischem Wetter auch die Strauchbekleidung nichts mehr nützte und das ganze Erdreich förmlich zu wandern anfing.“


aus: „Das Württ. Infanterie-Regiment Nr. 180 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Samstag, 12. September 2015

12. September 1915


„So sehr der Morgennebel im September bei Tage das Arbeiten außerhalb der Gräben begünstigte und hierzu herausforderte, so verhängnisvoll konnte dieser Umstand für die Besatzung werden, weil im Drange der Arbeit leicht der Zeitpunkt zum rechtzeitigen Indeckunggehen beim Verschwinden des Nebels versäumt wurde, was leider bemer-kenswerte Verluste zur Folge hatte.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Freitag, 11. September 2015

11. September 1915


„In der Nacht zum 11. September war auf dem rechten Flügel das Inf.-Reg. 141 zur Verstärkung eingetroffen. Gemeinsam treten Alt-Württemberger (I. Bataillon) und Preußen zum Angriff an; das Gelände vom Ostrand des Dorfes bis zur Brücke ist gänzlich eben, die Schützen graben sich ein. Auf dem äußersten „linken“ Flügel vorwärts des II. Bataillons kämpfen zwei Kompagnien der 1. Garde-Res.-Div. in ähnlicher Weise. Auch der 12. September verläuft noch defensiv, allmählich aber unter dem Druck der 1. Garde-Res.-Div. fängt der Russe an, den Wald zu räumen. Das Regiment sollte den weiteren Erfolg hier nicht mehr erleben. Am Abend wird es von Inf.-Reg. 141 abgelöst und schließt damit seine Tätigkeit auf dem russischen Kriegs-schauplatz. Die Tage von Pacewicze aber werden jedem Beteiligten unvergeßlich sein. All die einzelnen Taten zu schildern, fehlt hier der Raum. Führer und Mannschaften leisteten nach all den Anstrengungen und Entbehrungen der letzten Wochen nochmals das Äußerste zum Ruhm des Regiments.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1921

Donnerstag, 10. September 2015

10. September 1915


„In den folgenden Tagen, am 10. und 11. September, entwickelten sich hier heftige Kämpfe. Es bestand die Absicht, Gut Pacewicze, äußerlich nur durch eine Pappelreihe kennbar, mit starkem linken Flügel durch II. und II. Bataillon anzugreifen, doch die Russen hatten sowohl nördlich des Baches wie auch sonst mehrere Waldstücke flankierend besetzt. – Während es dem II. Bataillon gelang, verhältnismäßig schnell in den Besitz der feindlichen Gräben zu kommen, kam das III. Bataillon zunächst nur langsam vorwärts, da der Russe ihm gegenüber noch zäh standhielt, ja sogar verstärkte. Gegen Abend arbeitete sich die 12. Kompagnie bis an die Brücke beim Gut heran; heftiges Infanteriefeuer vereitelte jedoch vorläufig auch diesen Angriff. Bald darauf bekamen die Bataillone das Gut endgültig in die Hand. – Die Verluste des Regiments waren in den letzten Tagen nicht unerheblich. Neben tapferen Offizieren wie Leutnant Mayer und Leutnant Schürger, ist auch die Zahl tapferer Unteroffiziere uns Mann-schaften bedeutend, die hier noch kurz vor Abbruch unserer Kampftätigkeit auf diesem Kriegsschauplatz ihr Leben lassen mußten. – Auch an Pferden hatte das Regiment noch erhebliche Verluste, da die russische Artillerie gerade an jener Stelle noch stark, jedenfalls der unsrigen weit überlegen war.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1921

Mittwoch, 9. September 2015

9. September 1915


„In der Nacht vom 6./7. September gelingt es den Grenadieren unter unserem Schutze das andere Ufer zu gewinnen und des Gegners Stellung in Besitz zu nehmen; damit fällt auch die Stadt Wolkowysk in deutsche Hände! Der Blick von den Höhen diesseits des Roßbaches ins russische Land hinein war überwältigend! Man stand plötzlich an einem Talrand, weit sichtbar russische rotbraune Erde, dunkle Kiefernwälder und statt der Ortschaften wehende Rauchfahnen. Unten im Tal das brennende Städtchen Wolkowysk mit seinen großen zerstörten Bahnanlagen und Materialschuppen usw., auf den Straßen in der Ferne ganze Schwadronen abziehender Kosaken! – Am 8. September wird durch Wolkowysk über Gut Popojewo marschiert; nach kurzer Rast wird das Detachement Wencher gebildet, dem das Regiment, M.-G.-K. und die 2./65 angehören. Der Auftrag war, noch in der Nacht Pacewicze zu nehmen und nach Möglichkeit darüber hinaus vorzustoßen. Vom Gegner war kaum etwas, jedenfalls nichts Positives bekannt. Nach den anstrengenden Tagen zuvor war dieser nächtliche Vormarsch ins Ungewisse keinesfalls sehr willkommen, zumal die übrigen Teile der Brigade zur Ruhe übergehen konnten. – Zum Glück hellte sich das Wetter auf, so daß auch die Stimmung sich wesentlich besserte, um so mehr da unser Vormarsch auf guter Straße vor sich ging. – Solange das Tageslicht den Weg zeigte, ging es gut vonstatten, aber als die Dämmerung hereinbrach, man die Karten nur noch mit Hilfe der elektrischen Taschenlampen, welche meist durch die feuchte Witterung kaum mehr leuchten wollten, lesen mußte, da gab es Stockung auf Stockung, erst recht, als die Nacht hereinbrach, so daß man kaum seinen Vordermann sehen konnte. Im übrigen sah man in der Ferne, rechts und links der Vormarschstraße brennende Ortschaften und Gehöfte, das sicherste Zeichen, daß wir den Russen dicht auf den Fersen sind. Endlich nach kurzem Nachtgefecht wurde das Dorf Pacewicze vom III. Bataillon genommen und einige Gefangene dabei gemacht. Nachdem die notwendigen Sicherungen ausgestellt waren,  brachte man sich in erhöhter Gefechtsbereitschaft an den Ortsausgängen unter. Der Morgen des 9. September klärte uns auf, daß wir uns in einer äußerst gefährlichen Lage befanden, ein Glück, daß die Russen ebensowenig über unsere Lage orientiert waren. Bis auf wenige hundert Meter waren die Kompagnien nachts auf russische starke Stellungen ahnungslos angelaufen. Kosakenpatrouillen trieben sich sogar rückwärts unserer Stellung herum und gefähr-deten ernstlich unsere Verpflegungsfahrzeuge. Gut Pacewicze und der Westrand des Waldes von Zelwianka war stark ausgebaut und besetzt.
Bis auf 400 Meter kamen die Bataillone an den Gegner heran und verblieben, da bei der vorhandenen geringen Geschützzahl ein Angriff zunächst keinen Erfolg versprach, in der Defensive. Das II. Bataillon mit den M.-G.-Zügen 222/223 wird sofort näher herangezogen“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1921

Dienstag, 8. September 2015

8. September 1915


„Ein sonniger heiterer Herbsttag versprach der 8. September zu werden, als er in morgendlicher Kühle heraufkam. Er stimmte nicht überein mit den Gedanken der Menschen, deren ernstes Spiel pünktlich 8 Uhr mit einer gewaltigen Kanonade program-mäßig abzulaufen begann. Eine Minute zuvor wurden zwei Sappenköpfe durch elektrische Zündung gesprengt, deren Knall in das ohrenbetäubende Feuer der Granaten und Minen überging. Alles verschwand bis auf wenige Beobachtungsposten in den bombensicheren Unterständen und lauschte auf das Trommelfeuer, dessen Einschläge nur als unheimliche Erschütterungen zu vernehmen waren. 2½ Stunden lang ging es so fort, bis die Zeit zum Aufbau der Sturmtruppen gekommen war. Die Franzosen waren unterdessen nicht müßig und Schuß um Schuß schlug ihr Feuer um und in die deutschen Gräben herein. Auch hörte man immer wieder das Tak-Tak ihrer Maschinengewehre und vereinzeltes Gewehrfeuer durch den Lärm hindurch, das beängstigend darauf hinwies, daß der Gegner noch keineswegs erschüttert war.  Schlag 11 Uhr, als die ersten Wellen auf den Sturmleitern hinausstiegen, zeigte sich denn auch sofort, daß eine völlige Niederhaltung des Gegners nicht überall gelungen war. Beim rechten, III. Bataillon, wo die Leutnants d. R. Ungerer und Popp, sowie Fähnrich Henßler führten, wurde verhältnismäßig leichte Arbeit getan. Sie überrannten mit ihren ersten 3 Wellen befehlsgemäß die vorderen französischen Gräben und setzten sich im dritten fest, mit dessen Ausbau sie sofort begannen. Gleichzeitig hatte die 4. und 5. Welle die zweite französische Stellung, Reservezüge die erste besetzt und überall wurde der feindliche Widerstand rasch gebrochen, sowie unter Benützung von vorhandenen Gräben Verbindung nach vorne geschaffen. Auch Leutnant d. R. Schabel war mit Maschinen-gewehren rasch in vorderster Linie und schon nach einer Stunde konnte die zu erreichende Linie hier als völlig gesichert in unserer Hand angesehen werden. Leider war dieser schöne Erfolg unter herben Verlusten erkauft worden. Leutnant d. R. Vogt, der Führer der 9. Kompagnie, war im Sturm, kurz ehe er die 3. Stellung erreichte, durch Handgranate tödlich getroffen worden, Fähnrich Henßler (9. Kompagnie) wurde durch Zertrümmerung des Oberschenkels schwer verwundet, Leutnant d. R. Ungerer (11. Kompagnie) brach in der vordersten Linie schwer getroffen zusammen; der Gefreite Gruber seiner Kompagnie, der ihn zurücktragen wollte, teilte sein Schicksal und hauchte in der gleichen Stunde wie sein Führer die Seele aus.
Einen schweren Kampf hatte das II. Bataillon zu bestehen, in dessen Abschnitt die Sappenköpfe 5 und 7 unter einem rasenden Maschinengewehrfeuer lagen. Hier hatte das deutsche Feuer, wie sich nachher zeigte, in der ersten französischen Linie so gut wie keinen Erfolg erzielt und der Angriff der 6. Kompagnie, die als rechte des Bataillons angesetzt war, wollte nicht vom Fleck kommen; wer aus dem Graben hinausstieg, stürzte tot, verwundet zusammen oder flüchtete zurück. Auf dem äußersten rechten Flügel gelang es schließlich beherzten Männern, wie Vizefeldwebel Hoch, Unteroffizier Kohlhammer und Leutnant d. R. Egelhaaf mit Teilen ihrer Züge einige Minentrichter vor der französischen Stellung zu erreichen, von dort aus einen verlustreichen Handgranatenkampf mit der französischen Besatzung aufzunehmen und ein feuerndes Maschinengewehr außer Gefecht zu setzen. Auch bei Sappe 6 war trotz mehrmaliger Versuche einige Minuten lang ein Stocken in den Angriff gekommen. Als der Führer der Kompagnie, Leutnant Eisenbach, dies sah, sprang er selbst auf die Böschung und mit dem Rufe „Vorwärts“ stürzte er dem Feind entgegen. Nur wenige Schritte – dann lag auch er mit durchschossener Brust im Walde und neben ihm seine getreue Gefechts-ordonnanz, Gefreiter Heß. Leuchtendes Vorbild edler Aufopferung, das seine Wirkung nicht verfehlte!
Mit neuer Tatkraft gingen die Leute ans Werk und allmählich gelang es dem zweiten und dritten Zug rechts und in der Mitte der französischen Stellung eine Bresche zu schlagen, von wo aus in aufrollendem Handgranatenkampf die hartnäckig sich wehren-den Franzosen überwunden wurden. Über die zweite Stellung hinweg ging es dann in flottem Vorgehen in die dritte, wo in einem Bataillonsunterstand ein französischer Offizier gefangen wurde. Alsbald wurde Augenverbindung nach rechts mit dem III. Bataillon aufgenommen und links waren inzwischen Teile der 8. Kompagnie unter Leutnant d. R. Ernst auf gleiche Höhe vorgekommen. Diese Kompagnie hatte bei ihrem Sturm anfänglich ähnliche Schwierigkeiten zu überwinden, wie ihre rechte Nachbar-kompagnie, da Maschinengewehre die Sappenköpfe ihres Abschnitts gleichfalls unter vernichtendem Feuer gehalten hatten. Da ging Tambour Heisele von Sappe 6 aus flankierend dagegen vor, setzte eines der Maschinengewehre mit Handgranaten außer Gefecht und erteilte den überlebenden französischen Maschinengewehrschützen auf gut schwäbisch den Befehl, das Maschinengewehr abzuschrauben und nach hinten zu verbringen. Die verängstigten Franzosen erfaßten den Sinn und taten also. Die Sturmtruppen am weitesten links hatten es etwas leichter und kamen über den ersten Franzosengraben mit geringen Verlusten hinweg. Jetzt aber erhielten sie aus einzelnen Unterständen heraus Flanken- und Rückenfeuer, wobei der bewährte Führer der 8. Kompagnie, Leutnant d. R. Schäfer, beim Überschreiten des ersten Grabens durch einen Schuß in den Kopf aus nächster Nähe fiel. In wildem Ingrimm machten die ihn begleitenden Ordonnanzen, Gefreiter Zeeb und Hornist Gefreiter Hägele, die Graben-besatzung durch Schüsse und Handgranaten nieder. Auch sonst sorgten die hinter den Sturmtruppen folgenden Reserven, unter denen sich als erster Unteroffizier Rahn mit Maschinengewehren befand, dafür, daß aus solchen im Sturm übersehenen Franzosen-nestern kein Schaden mehr angerichtet werden konnte.
In raschem Anlauf wurde auch auf dem äußersten linken Flügel die dritte Stellung bald erreicht, über die im Anschluß an die 67er einige besonders schneidige Gruppen ein erkleckliches Stück hinausgedrungen waren. Damit hatten alle am Sturm beteiligten Teile ihr Ziel, das 200–250 m vor der Ausgangsstellung lag, erreicht und 312 Gefangene, sowie eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer, Mörser fielen dem Regiment in die Hand. Die Harazée beherrschende Höhe war jetzt endgültig in deutschem Besitz und bereits sah man von einzelnen Punkten des Grabens aus nach den jenseitigen Höhen des Biesme-Tales, wo Kornfelder und Wiesen eine wohltuende Abwechslung fürs Auge waren, das seit Jahresfrist nur Wald und immer wieder Wald vor sich gehabt hatte. So hatte auch dieser letzte Sturm in den Argonnen zu einem großen Erfolg geführt und bis weit über den Charmes-Bach hinüber waren die Franzosen überall noch einmal vernichtend geschlagen. Schmerzlich war nur wiederum die traurige Arbeit des Bergens der Gefallenen und des Zurückschaffens der Verwun-deten, von denen man insgesamt 179 zählte. 52 hatten den Heldentod gefunden und selten waren die trauernden Grenadiere so erschüttert, wie in jener Stunde, wo man die beiden beliebten Kompagnieführer Schäfer und Eisenbach als treue Freunde im Leben nun auch im Tode vereint neben einander ins Grab legte.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920