Sonntag, 19. April 2015

19. April 1915



„Ernst erhielt im Oktober 1914 wie sein Bruder Martin auf dem Vormarsch südlich der Argonnen eine Verwundung und lag dann über ein Vierteljahr in Stuttgart im Lazarett. Auf dem Stuttgarter Bundesfest hat er damals einige ernste Versen den gefallenen Bundesbrüdern gewidmet. Wieder ins Feld gerückt, stand er einige Monate bei Binarville am Südwestrand des Argonnerwalds, unmittelbar dem Feinde gegenüber. Beim Abgehen der Posten beobachtete er durch ein Schutzschild den Gegner, als er durch ein Infanteriegeschoß über den Schild in den Kopf getroffen wurde und sofort den Tod fand. Auf dem schönen Waldfriedhof bei Binarville ist er beerdigt worden. Ich habe zwei Jahre nachher auf einer Frontreise sein Grab besuchen dürfen. „Für mich“  – schreibt er wenige Wochen vor seinem Tod an die Eltern – „hat der Tod keine Schrecken mehr; etwas Größeres, als mein Leben mit dem Tod fürs Vaterland zu schließen, kann ich nie wieder erreichen.“ Und in seinem letzten Brief, fünf Tage vor seinem Tod, sagt er: „Wir richten uns in unserer Stellung ein, als ob wir hier den Frieden erwarten wollten. Den Frieden! Alle Sehnsucht, die einer, der so lange von seinen Lieben weg ist, aufbringen kann, alle Wünsche, die er für sich hegt, und alle Träume, die er in seinem Unterstand von der Zukunft träumt, sind zusammengefaßt in diesem einen linden Wort: Frieden. Wenn ich zurückkomme, worum ich immer bitte, dann wollen wir ein rechtes Wiedersehen feiern. Wie freue ich mich darauf! – Daß es auch anders kommen kann, ganz anders, das wissen wir, aber darum wollen wir uns jetzt nicht sorgen, sondern wir wollen an das Schöne denken, solange es geht. In diesem Gedanken schließe ich.““


aus: „Gedenkbuch der Tübinger Normannia für ihre Gefallenen“, Stuttgart 1921

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