Donnerstag, 3. Mai 2018

3. Mai 1918



„Das III. Bataillon war Kampfbataillon in vorderer Linie, die 11. Komp. lag mit ihrer Hauptwiderstandslinie an der Straße Arras – Bapaume, mit den Sicherungsposten des Vorfeldes 100 – 150 Meter weiter vorne, mit dem linken Flügel am Cojeulbach, die 12. rechts an die 11. anschließend. Die 11. hatte um 2 Uhr nachts mit Arbeiten am neuen Drahthindernis begonnen und zur Sicherung der Arbeitenden Posten vorgeschoben, bei der 12. standen Doppelposten in Abständen von 20 – 40 Meter. „Die Nacht ist verdäch-tig ruhig; ich mein allweil, ʼs liegt was in der Luft“`, sagt der in den Gewohnheiten des Gegners erfahrene alte Unteroffizier zu seinem Posten. Kaum hatte er ausgesprochen, so setzte mit einem Schlag etwa 3.30 morgens Trommelfeuer ein. Ein Trommelfeuer – die geistloseste Erfindung des modernen Materialskriegs und Vernichtungswillens, dieser Kampf der Materie gegen den Geist, des Eisens gegen den Menschenwillen – ist schon für den Verteidiger einer wohlausgebauten Stellung eine gewaltige Nervenprobe. Gerüt-telt und geschüttelt sitzt er drunten im finstern Unterstand bangend, ob nicht im nächsten Augenblick die hereinstürzende Decke ihn unter sich begräbt. Aber vollends auf freiem Feld, höchstens unter dünnem Wellblechdach, dieses ohrenbetäubende und sinnenverwirrende Unwetter über sich ergehen zu lassen und nicht in jähem Schreck davon zu laufen, das erfordert übermenschliche Anspannung aller Willenskräfte. Nur höchste Zucht des Willens und sittliche Kraft wird Herr über den Instinkt der Selbst-erhaltung. Darum hält der feiner organisierte Gebildete häufig besser stand als der robuste Bauernsohn.
Da liegt nun der einsame Posten mittendrin im Lärm und Rauch der Hölle, geblendet von den Blitzen der Schrapnells und Granaten, die Hand am Kolbenhals, lauernd auf den Augenblick, da der Schwefeldampf die gelben Gestalten ausspeit. „Auf sich selber steht er da ganz allein.“ Jetzt zeigt sich’s. was der Mann wert ist. Nie ist er so auf sich selbst angewiesen, wie bei nächtlichem Überfall auf eine dünne Postenlinie. ʼs ist gut, daß der alte Unteroffizier den Kopf nicht verliert und eifrig seine Leuchtkugeln hinaufläßt. Überhaupt der alte Unteroffizier! Unbezahlbar ist ein solcher Mann für seine Kompagnie, ein „Turm in der Schlacht“. Einen Augenblick, beim Einsetzen des Trommelfeuers packt auch ihn die allgemeine Aufregung. Aber wie er einmal den Feind vor Augen hat, da kommt die alte Kampflust über ihn und das alte Selbstvertrauen ist wieder Herr. Er hat’s doch oft genug erlebt, daß ein paar gut sitzende Handgranaten auch dem überlegenen Feind gegenüber Wunder tun.
Und überlegen ist diesmal der Gegner! Ein deutlich spürbarer Ruck des feindlichen Artilleriefeuers nach hinten, und schon tauchen, unmittelbar der Feuerwalze folgend, die flachen Stahlhelme und die gelben Gesichter auf. Mit unheimlicher Schnelligkeit wälzt sich die schmutziggelbe Flut vor. In zwei Wellen kommen sie heran, im Abstand von etwa 20 Meter, ein Haufe von 200 bis 250 Mann mit weißen Armbinden. Sie schießen im raschen Vorgehen. Wo sie auf einen Gegner treffen, stoßen sie ein teuflisches Gebrüll aus. Es ist kein ehrliches Hurra!, sondern ein häßliches, gequetschtes „Urräh!“ Die ersten Handgranaten schlagen hinein. Schon knattert das Maschinengewehr des Unterof-fiziers Frey (12.). Ein paar Gegner schreien, stürzen. Die Nachbarn stutzen, der Strom spaltet sich am Posten wie am steinernen Brückenpfeiler und flutet durch die leider viel zu breiten Lücken unserer Postenlinie herein. Rasch wirft der Schütze sein Maschinen-gewehr herum. Die schönste Gelegenheit zu vernichtendem Flankenfeuer! Das Gewehr versagt! Nun gibt’s keine Wahl mehr. Zurück auf die Hauptwiderstandslinie! ʼs ist eine schwere Arbeit durch das Gewimmel der vorgehenden Engländer zum Kompagnie-führerstollen sich durchzuschlagen, der an der Kreuzung der Straße Arras – Bapaume mit dem von Hénin her führenden Graben B liegt. Den wenigsten Posten gelingt es, aus dem erbitterten Nahkampf sich vom Feind zu lösen. Ein wackeres Grüpplein unter seinem jungen, mutigen Führer, Gefreiter Wizemann (12.), kämpft in einer Sappe hart-näckig um jeden Schritt Boden. Von beiden Grabenrändern herunter schießt und sticht die übermächtige englische Meute auf das tapfere Häuflein junger Helden in den Graben hinein. Einige sind schon verwundet und kämpfen doch weiter, bis sie der Übermacht erliegen. Der durch Bajonettstiche verwundete Führer und ein unverwundeter junger Soldat sind die beiden einzigen Überlebenden, die Kunde geben können von diesem Heldenkampf unserer Jüngsten.
Von der 12. Kompagnie war der linke Flügelzug angegriffen. Links drüben bei der 11. war es ähnlich gegangen. Auch dort spaltete sich die Linie des vorgehenden Gegners am Widerstand der Posten. In zwei Reihen von je etwa 50 Mann dringen die Engländer rasch auf die Hauptwiderstandslinie vor. Ein Haufe kommt am Cojeulbach herunter, wird dort vom Maschinengewehr des Unteroffiziers Knapp eine Weile aufgehalten. Aber das Gewehr muß wegen Hemmung aufgegeben werden. Der andere Haufe stürmt weiter rechts über das Vorfeld herein. Der Posten beim Kompagnieführer (Gefreiter Queck) führt mit einigen Leuten, die sich dort gesammelt hatten, noch einen verzwei-felten Handgranatenkampf gegen den von Süden und Westen andringenden Gegner, zieht sich dann aber, weil schon vom Rücken bedroht, zurück und meldet der 8. Komp. das Vorgefallene. Der Kompagnieführer der 11., Leutnant d. R. Krauß, hatte sich kurz vor Beginn des Trommelfeuers mit seiner Gefechtsordonnanz auf den Weg gemacht, um die Arbeiten seiner Leute zu besichtigen. Drei Minuten war er gegangen, da wurde er vom feindlichen Artilleriefeuer überrascht. Im Straßengraben, wo er anscheinend Deckung gesucht hatte, traf ihn ein Granatsplitter in den Hinterkopf. Seine Ordonnanz wurde nicht weit von ihm im Granatloch schwer verwundet.
Der stellvertretende Kompagnieführer der 12. Leutnant d. R. Baur, wollte mit den paar Leuten seines Kompagniestabs sich den rasch heranstürmenden Engländern entgegen-werfen, stieg auf den Rand des an seinem Stollen vorüberführenden Grabens (B) und stürzte sofort mit zerschmetterten Beinen in den Graben zurück. Dem Unteroffizier Frey, der sich inzwischen mit wenigen Leuten bis zum Graben durchgeschlagen hatte, gelang es, mit Handgranaten die Engländer von diesem Grabenstück fern zu halten – links und rechts fluteten sie dem Graben entlang weiter – und seinen stöhnenden Leut-nant zu verbinden. Dicht hinter der Hauptwiderstandslinie stieß der Gegner auf 2 schwere Maschinengewehre. Das eine wurde ohne Bedienung angetroffen und erbeutet, die Mannschaft des anderen durch Handgranaten gezwungen, sich 50 – 100 Meter zu-rückzuziehen, von wo aus sie weiterfeuerte.
Die Engländer machten anscheinend nach Verabredung auf eine grün-rote Leuchtkugel hin kehrt. „Die waren saufrech; mehr als Kurasche haben die gezeigt,“ meinte nachher ein Unteroffizier und erkannte bei aller Übermacht des Gegners dessen stürmische Tapferkeit an. Aber nun spielten sich Szenen ab, die dem Feind keine Ehre machen. In alle Unterschlupfe und Granatlöcher, in denen sie Verwundete vermuteten, schossen sie hinein! Wie durch ein Wunder kam Vizefeldwebel Ruoff, der mit zerschmetterter Hand und durchschossenem Oberschenkel noch im Vorfeld lag, mit einem Streifschuß über Kopf und Brust davon. Nur dadurch, daß man sich tot stellte, entging man dem Meu-chelmord. Die Ordonnanz des Leutnant d. R. Krauß beobachtete, wie zwei Engländer, die an ihm mit der Bemerkung: „Kaput!“ vorbeigegangen waren, noch einmal umkehr-ten und sich an der Leiche des Leutnant d. R. Krauß zu schaffen machten, die später ohne E. K. I, ohne Revolver und ohne Achselstücke aufgefunden wurde. Von den zwei einzigen Überlebenden der Gruppe, von der oben erzählt ist, kam der eine dadurch mit dem Leben davon, daß er bewegungslos und unbemerkt in einem Häuflein Toter lag, der Führer der Gruppe dadurch, daß er mit einem Bajonettstich in der Brust in einem Unterstand ein sicheres Versteck gefunden hatte. Die Unterschlupfe wurden von den Engländern mit einer Brennflüssigkeit belegt und rauchten noch lange.
Inzwischen war der Vizefeldwebel Stiehr* (8.) mit einigen zusammengerafften Leuten der 11. Komp. und der 3. M. G. K. vorgekommen. Er stellte die Postenlinie, soweit möglich, wieder her und erhielt das Kommando über die 11., die nur noch drei Grup-penführer hatte – Fähnrich Berroth und Vizefeldwebel Kahles waren vermißt – bis am andern Morgen der neue Kompagnieführer, Leutnant d. R. Kramer, bei hellem Tag herauskam und die Führung der furchtbar mitgenommenen Kompagnie übernahm.“

aus: „Das Württ. Infanterie-Regiment Nr. 180 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

*Stier

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