Sonntag, 23. April 2017

23. April 1917


„In der Nacht vom 22./23. wurde verstärkter Patrouillengang angeordnet, ferner wurde am rechten Flügel des Regiments eine starke Postierung vorgeschoben mit dem Auftrag, sich dort einzugraben, um auch während des Tages dort verbleiben und die Mulde m übersehen zu können. Am 23. 5.15 Uhr vormittags stellten diese Sicherungsabteilungen feindliche Bewegung in der Mulde fest.
Schon vorher wurde die Luft sehr dick, wie unsere Leute sagten. Wirkungsfeuer, Trom-melfeuer, ein Feuerwirbel, der auch den alten Sommekämpfern neu war. Unsere Stel-lung war allmählich verschwunden, nur noch unzusammenhängende Löcher bargen die braven Verteidiger. Nun glaubten die Engländer leichtes Spiel zu haben.
Der Großkampftag des 23. April beginnt!
5.45 Uhr vormittags branden die ersten starken Infanteriewellen an unsere Stellung heran, aber sie werden warm empfangen. Der Schnitter Tod legt dicke Garben von Leichen vor unsere Linien. Was übrig bleibt, flutet in den feindlichen Graben zurück. Jeder, der dazu mithilft, daß die schwache Linie nicht reißt, der Ausschau hält im Feuer, der im rechten Augenblick den Entschluß zum Schuß findet, der ruhig feuert, auch wenn das feindliche Bajonett schon dicht an ihm ist, verdient sein eigenes Heldenlied. Aber „wer zählt die Völker, nennt die Namen“?
Unserem linken Flügel gegenüber sieht es einige Augenblicke bedenklich aus. Da ist es dem Engländer gelungen, 30 m vor unserer Linie 2 Maschinengewehre in Stellung zu bringen, die unsere Stellung flankieren konnten, zudem versucht eine Sturmkolonne in einem alten, von Monchy auf unseren linken Flügel zuführenden Graben vorzukommen, offenbar in der Absicht, uns von links aufzurollen. Leutnant d. R. Pflüger erkennt die uns drohende Gefahr, er säubert selbst den Graben mit Handgranaten und der Führer des Flügelzugs, Unteroffizier Fauser aus Dagersheim, Oberamt Böblingen, läßt die Maschi-nengewehre unter zusammengefaßtes Feuer nehmen und springt sie dann mit ein paar Leuten an, ehe sie feuern können. Die beiden Gewehre und die überlebende Bedienung sind in unserer Hand. Fauser kommt als Vizefeldwebel zurück. Der Feind weicht. Die inzwischen vorgezogenen Kompagniereserven stoßen ihm nach und bringen ihm schwere Verluste bei – mit den von ihm zurückgelassenen 12 Lewis-Maschinengeweh-ren.
Eine vor der 4. Kompagnie sich lange haltende Besatzung eines Granattrichters nimmt Leutnant d. R. Gnädig dadurch gefangen, daß er mit gezückter – Leuchtpistole auf sie eindringt. Vor diesem furchtbaren Kaliber erschreckend ergibt sich die Besatzung von 7 Mann.
Der Angriff war begleitet von zwei feuerspeienden Tanks. Diese damals in ihren Bewe-gungen noch sehr schwerfälligen Ungetüme waren aber durch Artilleriefeuer sehr bald außer Gefecht gesetzt. Der erste Anprall war restlos abgewiesen.
Dabei hatten sich auch die Minenwerfer durch Abgabe von Sperrfeuer vortrefflich bewährt, insbesondere deshalb, weil sie den richtigen Mann als Beobachter in die vorderste Linie gesandt hatten. Kaum war er vorn, war die Strippe abgeschossen, als es aber galt, gibt er ruhig seine Signalzeichen ab und lenkt das Feuer an den rechten Platz. Und als die erste Gefahr vorüber ist, flickt er im heftigen Artilleriefeuer ruhig seinen Draht nach hinten zu neuem Empfang des Feindes. Es hat sich gelohnt. Der Tapfere ist Unteroffizier Forschner aus Boll bei Göppingen.
Bei der Nachbardivision nördlich der Scarpe schien der Feind mehr Erfolg gehabt zu haben, denn frühzeitig bekam das I. Bataillon Maschinengewehrfeuer aus Roeux. Die im Hohlweg liegende 6. Kompagnie erhielt daher den Auftrag, die rechte Flanke des Regiments zu schützen und etwaige Gegenangriffe im Nachbarabschnitt zu unterstützen. Zu diesem Zweck wurde der 6. Kompagnie ein Maschinengewehr von der beim K.-T.-K. befindlichen Reserve zur Verfügung gestellt.
Um nach dem ersten Ansturm zu wissen, wo der Feind sich zum zweiten sammelt – denn daß er kommt, war allen klar – schlich sich der Musketier Hertneck aus Vaihingen a. d. F. mit einem Kameraden in einer alten Sappe vor. Halt, da lauern ein paar braune Gesellen. Doch sie sind Tot. Also weiter. Sie müssen kriechen, ein Maschinengewehr streut das Gelände ab. Plötzlich bewegt sich einen Winkel ein Arm  mit der Pistole. Hertneck, schnell besonnen, faßt den Gegner am Hals, ein kurzes Ringen und ein Oberstleutnant war gefangen. Ein eisernes Kreuz war der Lohn.
Inzwischen arbeitet alles fieberhaft an der Verbesserung der Stellung, verschüttete Maschinengewehre werden ausgegraben, Munition und Handgranaten werden ergänzt.
Das wahnsinnige feindliche Artilleriefeuer setzt wieder ein. Wir wissen Bescheid, die englische Artillerie schießt neuen Angreifern Mut zum Vorgehen.
Von 8.15 bis 9.30 vormittags setzten sich mit großen Pausen mehrere dichte Schützen-linien von den Hügeln von Monchy nach der Mulde m vorm Regimentsabschnitt zu in Bewegung. Unsere Artillerie nimmt sie sofort unter verheerendes Feuer, sie fluten zurück.
9.15 Uhr vormittags kommen auch Kolonnen entlang des Scarpe-Tals auf uns zu. Doch auch diese veranlaßt unser artilleristischer Gruß und der Geschoßhagel unserer Maschi-nengewehre zu schleunigster Umkehr.
10.30 Uhr vormittags läßt das feindliche Artilleriefeuer etwas nach. Englische Kranken-trägerkolonnen sammeln Verwundete, englische Sanitätsautos fahren weit vor.
Von 11.45 Uhr vormittags ab streuen die feindlichen Geschosse wiederum unseren ganzen Abschnitt ab und 5.30 Uhr nachmittags beginnt der Feind mit seiner gesamten Artillerie auf die vorderste Linie zu trommeln. Kein Schuß geht mehr nach rückwärts. Wiederum wälzen sich englische Sturmwellen von den Höhen herunter der Mulde m zu. Dank der sich vortrefflich bewährenden Lichtsignalverbindung konnte Hauptmann Hug das jeweils für nötig gehaltene Artilleriefeuer anfordern. Unsere treffliche Artillerie läßt uns vorn im Graben nicht im Stich. Das Vertrauen der Infanterie zur Schwesterwaffe steigt, weil die nach rückwärts gemeldeten infanteristischen Wünsche fast augen-blicklich verwirklicht werden. Diese augenfällige Unterstützung stärkt den Helden im Graben das Rückgrat, sie sind entschlossen, auch in dieser schweren Stunde nichts von dem aufzugeben, was sie seit dem frühen Morgen so mannhaft verteidigt haben.
Diesmal war es dem Gegner doch gelungen, von seinen gewaltigen Menschenmassen eine Anzahl in die Mulde vor unserer Stellung hineinzuführen, die sich da zum weiteren Vorstoß aufbaute.
Die Artillerieschlacht wütet unterdessen noch zwei Stunden weiter, unsere Gräben scheinen dem Engländer noch nicht genügend zusammengetrommelt.
7 Uhr abends werden die 1. und 4. Kompagnie als beinahe ganz verschüttet gemeldet. Die 5. Kompagnie mit einem Maschinengewehrzug wird daraufhin nach vorn gezogen, um die entstandenen Lücken auszufüllen.
Endlich 7.30 Uhr abends hält der Gegner uns für vernichtet und steigt aus der Mulde. Welle auf Welle kommt dicht hinter seinem Artilleriefeuer angelaufen. Hauptmann Hug ruft durch Leuchtzeichen und Lichtspruch die Hilfe unserer Kanonen an. Sie versagen auch diesmal nicht. Unsere Leute buddeln sich aus den verschütteten Erdlöchern, suchen aus dem Schutt der Stellung die letzten Handgranaten zusammen und empfangen den Gegner mit wohlgezielten Würfen, dazwischen rattern die wenigen noch unver-sehrten Maschinengewehre und am Morgen erbeutete Lewisgewehre. Fortes fortuna adjuvat! Auch dieser Angriff wird restlos abgeschlagen.
Als der Gegner weicht, folgt ihm unter anderen der Ersatzreservist Dalacker aus Oberroth, Oberamt Gaildorf. Vor dem Drahtverhau findet er in einem Trichter geduckt zwei Engländer. Er lädt sie unmißverständlich ein, in unseren Graben zu kommen und setzt nach diesem Zwischenfall seinen Weg fort. Ihn interessiert die Mulde und richtig, er sieht, wie sich dort die Reste des Gegners wieder sammeln, die Bajonette blitzen herauf. Aber er wird entdeckt. Eine Kugel zerschmettert sein Gewehr, Granatspritzer verletzen ihn im Gesicht. Doch er weiß genug und kriecht zurück, nicht ohne unterwegs noch ein Lewisgewehr aufzulesen. Auf seine Meldung hin wird die Mulde kräftig befunkt. Sein Eisernes Kreuz hat er redlich verdient.
Noch einmal versucht der zähe Gegner sein Glück. Diesmal kommt er, uns durch Maschinengewehrfeuer niederhaltend, unter dem Schutze der Dunkelheit bis auf 5 m an unsere Stellung herangekrochen. Nicht einem einzigen Engländer gelingt es, in unseren Graben einzudringen.
Der Großkampf am 23. April war ein voller Sieg. Wohl hatte er auch uns empfindliche Wunden beigebracht, aber das stolze Bewußtsein, dem Feinde trotz aller Kaliber über-legen zu sein, hielt uns aufrecht.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–

1918“ׅ, Stuttgart 1923