Sonntag, 22. April 2018

11. Juni 1918



„Am 11. Juni wurde das schwer erschöpfte R. 120 abgelöst durch Regiment 408. Während dieser Ablösung erfolgte ein Angriff der Franzosen gegen Bethancourt. Nach vorausgegangenem Trommelfeuer drang ihre Infanterie in den Ort ein. Das I./R. 120 war schon aus Bethancourt herausgezogen aber noch nicht gesammelt. Der Bataillons-führer, Hauptmann Gebhardt, raffte vom Bataillon zusammen, was zusammenzuraffen ging, stieß damit hinein in das Dorf und warf die Franzosen wieder hinaus. 50 Gefan-gene machte das Bataillon bei seinem Vorstoß. Die Franzosen gingen zurück auf Mache-mont. Das Sammeln des Regiments konnte seinen Fortgang nehmen.
Die Verpflegung in den 3 Kampftagen war nicht schlecht gewesen. Überdies erbeutete das Regiment große Mengen von französischem Weißbrot, Kaffee, Tee, Schokolade und dergl. Über den Sanitätsdienst der 11. Division dagegen wurde sehr geklagt.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

22. April 1918



„Nachdem durch einen abgeschossenen und eingebrachten Engländer von der 11./124 die 35. engl. Division festgestellt war, sagte am 22. April ein an einer anderen Stelle gemachter Gefangener aus, am Abend des 22. sei ein größerer Angriff geplant. Vor-kommandos der 3. Marine-Div. befanden sich bereits in unserer Stellung, um eine dem-nächst vorgesehene Ablösung vorzubereiten. Für alle Teile wurde erhöhte Gefechtsbe-reitschaft befohlen, die in den letzten Wochen geleistete Arbeit machte sich jetzt bezahlt, war doch fast überall ein durchlaufender Graben entstanden, der der Kampf-truppe einen Halt bot, auch Bereitschaften fanden schußsichere Unterkunft am Bahn-damm. Drahthindernisse waren überall gezogen.
8.20 Uhr abends beobachtete die 3./124 auf den Höhen von Bouzincourt starke feind-liche Kolonnen im Anmarsch. 8.50 Uhr abends setzte schlagartig Trommelfeuer auf die Stellungen ein, alle Straßen und Aveluy lagen unter dem Feuer mittlerer und schwerer Kaliber. Nach wenigen Minuten schon verlegten die Engländer ihr Feuer nach rückwärts und traten zum Angriff an, wie immer in dichten Wellen. Durch Leuchtzeichen ange-fordert, setzte unser Sperrfeuer ein, Infanterie und M.-G. feuerten, was aus den Geweh-ren ging. 100 Meter vor der Stellung kam der Anlauf ins Stocken und kriechend ver-suchte der Gegner, sich der Stellung zu nähern. Unter schweren blutigen Verlusten wur-de er überall abgewiesen. Bei der 2./124 hatten 2 leichte M.-G. mit ihren tapferen Bedienungen den Hauptanteil bei der Abwehr, bei der 3. Kompagnie die schweren M.-G. der 1. M.-G.-K. 9.45 Uhr abends war der Gegner überall wieder zurückgegangen, die Artilleriebeschießung dauerte bis 11 Uhr abends an. Höchste Anerkennung verdienten auch die Meldegänger, die von der vordersten Linie zum K.-T.-K. und von dort zum Regiment nach Aveluy die Nachrichten brachten. Die Fernsprechleitungen waren alle durch Feuer zerstört, auch die Funkenstation beim Regimentsgefechtsstand hatte durch die Einschläge schwerer Granaten so gelitten, daß sie nicht mehr arbeitete. Gegen 4 Uhr morgens trat dann Ruhe ein. Das Regiment hatte 92 Mann verloren, darunter 23 Tote.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

Samstag, 21. April 2018

21. April 1918



„Das Schwergewicht der großen Angriffshandlung liegt zurzeit im Norden. Der Angriff der 17. Armee wird daher vorläufig eingestellt, das Gewonnene behauptet. Starke Staf-felung nach der Tiefe, Schaffung einer Hauptwiderstandslinie in weiter rückwärts befindlichem günstigerem Gelände ist für das Regiment jetzt Hauptaufgabe. Erneut treten die Bataillone somit in die Abwehrschlacht über. Sie erfordert die größten Opfer an körperlichen und seelischen Leistungen. Der Weg in die Stellung ist für die Truppe der schwerste Gang. Schon weit rückwärts liegen Unterkünfte und Lager unter schwe-rem Feuer, alle Anmarschwege sind mit Einbruch der Dunkelheit durch Feuerüberfälle äußerst gefahrvoll, das Gelände außerhalb der Wege ein übles Trichterfeld.  Material-, Munitions- und Essenträger haben es nahezu schwerer als die nächsten Schützen am Feind; jede Nacht bringt neue Verluste.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1921

Freitag, 20. April 2018

20. April 1918



„Mehr als 1000 Kilometer waren in den zwei Monaten des Vormarsches bis hierher zurückgelegt worden, etwa das anderthalbfache der Luftlinie Hamburg – Basel; nun trennten uns noch 130 Kilometer vom Donetzkohlebecken. Der Feind, bestrebt sich dieses wichtige Gebiet zu erhalten, verschärfte seinen Gegendruck merklich.
Unser Angriff auf das Kohlenrevier wurde konzentrisch angesetzt: andere deutsche und österreichische Kräfte auf seinen Nord- und Südteil, unsere Division auf die Mitte. Sie spaltete sich dazu in zwei Gruppen: Detachement Meyer-Clason entlang der Eisenbahn; Gruppe Bopp südlich derselben der Luftlinie nach über Land und am 20. April begann die Bewegung.
Schon beim Anmarsch zur Versammlung erhielt Detachement Meyer-Clason (II./L. 121, ½ I. /L. 126 und II./Landw.-F.-A.-R. 1) schweres Artilleriefeuer; nach weiteren 1000 Metern stand es einer nördlich Proczenaja ausgebauten, breiten und stark besetzten Höhenstellung gegenüber. II./L. 121 zum Angriff vor. Es ging hart, sehr hart; schritt-weise mußte die Schützenkette sich gegen den feuerspeienden Berg ankämpfen; nacheinander verausgabte das Bataillon sämtliche Maschinengewehre und seine vier Kompagnien; rasendes Feuer hämmerte auf sie nieder, wie die dünne Linie sich lang-sam, aber unaufhaltsam hangaufwärts vorschob. Nur M.-G.-Zug Wiederhold und ein Zug unserer 6. Kompagnie kamen nördlich der Geleise in ergiebigeren Sprüngen voran; eine Kompagnie des L. 126 verlängerte. Nun waren sie am Feind, hakten an seinem rechten Flügel ein, drückten denselben zusammen und umfaßten ihn schließlich von Norden her. Gut. Die Zusammenfassung der gesamten roten Artillerie gegen diese gefährliche Ecke wendete das Verhängnis nicht mehr ab; die nördliche Gruppe des Gegners kam in Unordnung und wurde auf Proczenaja zurückgeworfen. In diesem Augenblick schmiß Leutnant Wiederhold seine Maschinengewehre auf die Fahrzeuge, jagte weit vor, warf sie, ohne jede Bedeckung, in neue Feuerstellung und schmetterte der südlich der Bahn kämpfenden Gardistenfront direkt in die Seite, was seine Mündun-gen hergaben; unsere Batterien stimmten mit äußerster Kraft ein. Die Entscheidung; der Feind brach zusammen; der alte Grundsatz des Exerzierfeldes: frontal angreifen, links umfassen – hatte wieder einmal zum Ziel geführt. Haufen gefallener Bolschewisten blieben liegen, als sie zurückfluteten, Haufen der Fliehendes bissen im Verfolgungsfeuer ins Gras; sie hatten sich tapfer gehalten, das war keine Frage. Ein Panzerzug mit Geschütz, viele Maschinengewehre, Waffen, rollendes Material usw. wurden erbeutet.“

aus: „Das Württembergische Landw.-Infanterie-Regiment Nr. 121 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1925

Donnerstag, 19. April 2018

19. April 1918



„Die Franzosen hatten in letzter Zeit einige Vorstöße am Mont Renaud unternommen und dabei vorübergehend kleine Erfolge erzielt. Die als Artillerieverbindungsoffiziere kommandierten Offiziere, darunter besonders Leutnant Günzler und Fähnrich Gminder, hatten die Infanterie in hervorragender Weise durch Einsetzen ihrer Person unterstützt. Der tüchtige Fähnrich Gminder fiel am 19. April beim Vorgehen auf seinen Posten in der Nähe der Kathedrale von Noyon einer feindlichen Granate zum Opfer; seine Beförderung zum Leutnant war an demselben Tage erfolgt. Auch die als Meldegänger und Fernsprecher bezw. Blinker bei den Artillerieverbindungsoffizieren eingeteilten Mannschaften lieferten anerkennenswerte Beweise von Tapferkeit. Es kam wiederholt vor, daß solche Leute durch Volltreffer verschüttet wurden und dem Tode ins Auge gesehen haben. Auch die Beobachtungsstellen auf und am Mont Simeon und auf der Höhe von Larbory hatten in dem sie treffenden Feuer keinen leichten Stand.“

aus: „Das 3. Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Mittwoch, 18. April 2018

18. April 1918



„Die deutsche Artillerie hatte man mit Ausnahme ganz weniger Batterien hinter die Avre zurückgenommen. Der Grund dieser Maßregel war wahrscheinlich, daß sich die Munitionsbeifuhr über den Fluß und seine zerschossenen Brücken herüber nicht auf die Dauer durchführen ließ. Es mußte aber unter diesen Verhältnissen das Sperrfeuer aus den deutschen Geschützen auf den Grenzen von deren Schußweite abgegeben werden, mit dem Erfolg, daß das Feuer meist recht pünktlich und wirkungsvoll in unsere eigenen Gräben einschlug. Wirkungsschießen gegen die feindlichen Stellungen war unter diesen Verhältnissen für die meisten deutschen Geschütze völlig ausgeschlossen, die Franzosen saßen in ihren Linien ruhig und unbehelligt von unseren Granaten.
So gehörte die Lage bei Sauvillers zum Schlimmsten, was das Regiment taktisch wäh-rend des ganzen Kriegs auszuhalten hatte. Dazu kamen aber auch noch für die Verpfle-gung außerordentliche Schwierigkeiten. Der schon im Frieden bestehende Avreübergang bei Braches samt seinen Zufahrtsstraßen lag fast ständig unter feindlichem Feuer. Seine Benutzung war nahezu unmöglich, insbesondere für Fahrzeuge. Ein von unsern Pionier-en angelegter Kolonnenweg mit Brücke wurde bald von feindlichen Fliegern erkannt und hatte dann dasselbe Schicksal. Ferner wurde der Avregrund in breiter Ausdehnung von der Franzosen immer und immer wieder vergast. Es war unter diesen Umständen stets schwierig, manchmal aber völlig unmöglich, Verpflegung nach vorne zu bringen.
Da wurde Schmalhans Küchenmeister, wie bis dahin im Regiment noch niemals, und an manchem Tag galt das Fleisch erschossener Pferde, im Kochgeschirr gesotten, oder in dessen Deckel geschmort, als beneidenswerter Leckerbissen.
Der Troß des Regiments hatte bei dem gefährlichen Vorbringen Verluste erlitten. Noch bedeutender aber waren die, welche ihm die feindlichen Flieger durch Bombenabwurf gegen seine Quartiere hinten in Hangest zufügten.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Dienstag, 17. April 2018

17. April 1918



„Da weitere Angriffsabsichten vorerst nicht bestanden, konnte der Abschnitt dünner besetzt werden, ein Bataillon kam zurück in Ruhe in ein Biwak bei Contalmaison. Von rückwärts wurden durch Lastkraftwagen Wäsche und sonstige Bedürfnisse für die Truppe herbeigeholt. Bis jetzt war alles seit 21. März auf den geringen bei der Offensive mitgeführten Troß angewiesen gewesen. Da Wasser in den Biwaks völlig fehlte, so konnte die Wäsche nicht gereinigt werden, selbst wenn sonst die Möglichkeit dazu vorhanden war.  Anderes Wasser als aus Granattrichtern gab es nicht, die von den Engländern angelegte großzügige Wasserversorgung war von ihnen beim Rückzug zerstört worden. Auch mit der Ruhe in dem Biwak bei Contalmaison war es nicht weit her. Der Gegner begann täglich mehr mit weittragenden Geschützen alle rückwärtigen Lager, in erster Linie die von ihm selbst früher gebauten, dann aber auch alle Biwaks zu beschießen. Auch Aveluy kam immer mehr unter Feuer, am 12. April fiel hier durch Volltreffer Leutnant Goenner. Abends und in der Nacht warfen Flieger Bomben auf den Ort und in das Hintergelände. Auch hatten die Engländer bald heraus, wann unsere Feldküchen vorfuhren, sie störten dann sowohl das Vorfahren, wie die Essenausgabe durch Feuerüberfälle, Verluste an Menschen und Pferden waren die Folge. Der Weg Ovillers – Aveluy war oft die reine Hölle, so wurden am 17. April zwei M.-G.-Bedienungen der 2. M.-G.-K.* mit dem Material durch Volltreffer völlig vernichtet.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921


*Die 2. MGK/IR 124 verzeichnet am 17. April 1918 keine Verluste

Montag, 16. April 2018

16. April 1918



„Schon der erste Tag war sehr ungemütlich. Die Artillerie beschoß überfallartig das Dorf, die Mühle und Wegekreuzungen mit mittleren und leichten Kalibern. Der Gegner hatte offenbar vor, die Ortschaft baldmöglichst dem Erdboden gleichzumachen. Noch standen die Häuser und der kleine, spitze Kirchturm, aber überall klafften schon Löcher, und die Straßen waren mit Trümmern bedeckt. Es sprach eine haßerfüllte Absicht aus dem Feuer der Engländer. Sie schossen zu Zeiten, in denen man es sonst nicht gewohnt war, legten auch öfters Gas dazwischen ein, und in den Pausen kamen Flieger, die ihre Bomben warfen. Es war durchaus nicht der gemütliche Stellungskrieg früherer Zeiten. Wir sollten keine Ruhe haben, und jede kleinste Blöße sollte ausgenutzt werden, uns zu schaden. Die Engländer schienen auch schon reichlich Munition zu haben, während man von unserer Artillerie nichts verspürte. Auch die feindliche Infanterie wurde bald viel reger als sonst. Jeden Tag fanden Kämpfe statt mit englischen Patrouillen, die bald immer größere Kühnheit bewiesen. Zunächst galt es, die Stellung des Gegners ausfindig zu machen. Er hatte auch noch keinen fortlaufenden Graben, umso schwerer waren seine Posten zu finden. Jede Nacht wurden aber neue Entdeckungen gemacht, und bald hatte man ein ziemlich klares Bild. Einen besonderen Anziehungspunkt bildete ein Tank, der vor dem Ostausgang von Treux lag. Leutnant Wildermuth stellte bald einen Unteroffizierposten dahinter fest, und in der nächsten Nacht versuchte der kühne Vize-feldwebel Röhner den Posten auszuheben. Er vertrieb ihn mit Handgranaten, konnte aber keinen Engländer gefangen nehmen.
Die eigene Stellung zu verbessern war äußerst schwer. Das war vielleicht das Pein-lichste an unserer Lage. Wenn wir an unsre Frühjahrsoffensive 1915 zurückdachten, wie anders war es damals! Damals lag man mit Tuchfühlung nebeneinander, und in einer Nacht war ein zusammenhängender Graben hergestellt. Der Engländer feuerte damals nur mit Schrapnells, und man war völlig sicher. Jetzt lag etwa alle 100 Schritte ein Doppelposten in einem Schützenloch und konnte sich nicht regen. Wie sollte man da einen durchlaufenden Graben herstellen! Und wenn man ihn hätte, so würde der Gegner nur ein schönes Ziel für seine mittlere Artillerie haben und den Graben mit 15er-Granaten in kürzester Zeit zermalmen. Ich weiß nicht, ob man sich diesen Unterschied völlig klar machte. Wir konnten eigentlich 1918 nach kilometerweitem Vordringen gar nicht wieder den Stellungskrieg aufnehmen, denn zum Stellungskrieg gehörten bei den unheimlichen Zerstörungswerkzeugen, die der Gegner jetzt hatte, bombensichere Räu-me, die man unmöglich da vorne herstellen konnte. In offenem Gelände liegend, die Stäbe höchstens in einem Keller, waren wir der Vernichtung schutzlos preisgegeben. Denn die feindliche Artillerie verstärkte sich nun schnell jeden Tag, während unsere nur sehr geringe Tätigkeit entwickelte und bald auch entdeckt war und täglich mit schweren Kalibern zugedeckt wurde.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 247 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1924

Sonntag, 15. April 2018

15. April 1918



„Das schlechte Wetter hielt an. Die Wegeverhältnisse wurden immer schlimmer. Die Gegend bot in ihrer kahlen Zerstörtheit ein schreckliches Bild. Zahlreiche Opfer forderte die Grippe. Auf eine große Offensive mit weiten Zielen hatte man gehofft, und nun blieb man in des Wortes wahrster Bedeutung im Dreck stecken. Kein Wunder, daß die Stimmung nicht die beste war.
Stellungskrieg war jetzt wieder die Parole mit all seinen Schrecken. Es galt Sperr- und Vernichtungsfeuer zu erschießen. Die nie endende Stänkerei mit der Infanterie über Kurzschüsse ging wieder los. Damit es nicht zu langweilig wurde, gruppierte man so und so oft um, zur restlosen Freude von Führern, Fernsprechern und Mannschaften. Das Schreibwesen blühte. Die Stollen- und Höhlenbewohner wurden mit Bänden von Erfahrungen und Anweisungen überschüttet. Manchmal rochen diese stark nach Stuben-weisheit.
Allmählich besserten sich die Verhältnisse in den Stellungen. Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften griffen beim Stollenbau zu, um ein einigermaßen gesichertes und trockenes Unterkommen zu schaffen.
Die Verpflegung war gerade so hinreichend. Die Kriegsberichterstatter erzählten viel von den in Bapaume erbeuteten Vorräten. Wir bekamen leider sehr wenig davon zu se-hen.
Übel stand es mit den Pferden. Außergewöhnliches hatten sie zu leisten. Dafür bekamen sie immer weniger zu fressen. Die Veterinäre hatten große Sorgen.
Die gegenseitige Artillerietätigkeit war erheblich. Auch Gas wurde viel verwendet. Die Ziele waren die üblichen: schanzender Gegner, Batterien, Beobachtungsstellen, Maschi-nengewehrnester, Straßen und Unterkünfte. Mit unseren Kanonen 16 konnten wir uns ja recht anständige Entfernungen leisten, besonders wenn C-Munition vorhanden war. Kleinere Unternehmungen hatten auf beiden Seiten wenig Erfolg. Man war gegenseitig zu sehr auf der Hut.
Die Mannschaften der Batterien wurden von Mitte April an im Wechsel für einige Tage herausgezogen. Da aber die Protzenquartiere in und bei Bapaume auch kein sehr lieblicher Aufenthalt waren, so sehnte sich alles, mal wieder ganz herauszukommen aus der Schweinerei.“

Samstag, 14. April 2018

14. April 1918


„Am 14. April wurde ein genauer Ablösungsplan für den Regimentsabschnitt ausgege-ben, nachdem die Bataillone in jedem Unterabschnitt je 8 Tage, dann 4 Tage in Reserve eingesetzt waren.
Die Kompagnien sollten jeweils vor Mitternacht, Maschinengewehre, Minenwerfer und Nachrichtenmittel in den frühen Morgenstunden abgelöst werden.
Leutnant Katz, Führer der 10. Kompagnie, wurde gleich in der ersten Nacht verwundet – Hauptmann d. R. Reiff übernahm am 14. die Führung des II. Bataillons.
Die Stellung war sehr ungünstig. Der Brückenkopf konnte bei seiner geringen Tiefe vom Gegner. der die beherrschenden Höhen westlich der Ancre fest in seiner Hand be-halten hatte, überall eingesehen werden. Der breite, sumpfige Ancre-Grund lag als schwer zu überschreitendes Hindernis zwischen den Kampf- und Reservetruppen. Ähn-lich unvollkommen, wie die Lage, war auch der Ausbau der Stellung, wenn man über-haupt von einer Stellung reden konnte. Was vorhanden war, waren Schützenlöcher, die sich die Angriffstruppen in den Stürmen der vorhergehenden Wochen geschaffen hatten.
In altbewährter Weise setzte hier die Arbeit des Regiments mit größtem Nachdruck ein. Mit allen Mitteln wurde der Ausbau der Stellung betrieben. Dem von allen Vorgesetzten anerkannten unermüdlichen Fleiße der Mannschaften, den dauernden Mahnungen alle Führer, angespornt durch den rastlosen Eifer des neuen Regimentskommandeurs, Major Melsheimer, gelang es denn auch bald, in vorderer Linie kleine schmale Gräben und splittersichere Unterstände zu schaffen. Am Bahndamm wurde sofort mit dem Bau von Stollen begonnen, die in großer Menge vorhandenen Hölzer – besonders Eisenbahn-schwellen – wurden von den zu diesem Zweck herangezogenen Handwerkern der Infanterie-Pioniere zu Stollenhölzern zurechtgeschnitten.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 248 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1924

Freitag, 13. April 2018

13. April 1918


„Besonders lebhaft verlief die Nacht zum 13. April. Gegen 6 Uhr vormittags brauste ein Hagel von Geschossen auf die Stellung nieder. 6.30 Uhr vormittags griffen zwei Bataillone der französischen 67. Division das II. Bataillon und Teile des III. Bataillons an und drangen zwischen der 6. und 7. Kompagnie ein. Sofort setzte Leutnant Raiser mit der 8. Kompagnie zum Gegenstoß an und warf den Feind mit den beiden andern Kompagnien wieder hinaus. Bei der 5. und 10. Kompagnie gelang es dem Feind nicht, vorzukommen. 27 Gefangene blieben in unserer Hand. Viele Tote deckten das Kampf-feld. Auf unserer Seite kostete die Abwehr namentlich viele Offiziere. Der tapfere Adjutant des III. Bataillons, Leutnant Wagner, beteiligte sich in hervorragender Weise bei dem Kampf; er wurde schwer verwundet und starb auf dem Verbandplatz. Die 1. Kompagnie verlor rasch hintereinander zwei ihrer Führer. Die Abwehr des auf schma-lem Raume erfolgten starken Angriffs war dadurch besonders erschwert, daß unsere Artillerie nicht Sperrfeuer abgeben konnte, weil jedes Mittel der Benachrichtigung versagte. So blieben die Musketiere auf ihre eigene Kraft angewiesen; sie hielten sich hervorragend. Der Feind errang nicht den geringsten Vorteil.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 475 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

Donnerstag, 12. April 2018

12. April 1918


Walther Muff.

Walther Muff ist geboren am 21. Januar 1886 in Neuffen, OA. Nürtingen, als zweiter Sohn des Kgl. Oberförsters Fritz Muff. Er besuchte die Volksschule in Neuffen und Crailsheim, die Lateinschule in Crailsheim und Göppingen. 1900 trat er in das Seminar Schöntal ein und machte 1904 vom Seminar Urach aus in Eßlingen die Reifeprüfung. Er bezog die Landesuniversität als Mediziner und trat in die Normannia ein. Das Studium wurde unterbrochen durch halbjährigen Militärdienst mit der Waffe bei einem Mün-chener Infanterie-Regiment im Sommer 1906. Im Frühjahr 1910 legte er die Staatsprü-fung ab, verbrachte sein praktisches Jahr, während dessen er die Doktorwürde erwarb, an dem Bezirkskrankenhause in Göppingen, der Universitätsklinik für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten in Tübingen, und dem evangelischen Krankenhause in Düsseldorf, und war sodann ein halbes Jahr dort und von 1912 an in der Landererschen Heil- und Pflegeanstalt Christofsbad in Göppingen als Assistenzarzt tätig. Bei Kriegsausbruch war er mit Rücksicht auf Störungen seiner Herztätigkeit aus der Ersatzreserve entlassen, fand deswegen, und bei möglichst wörtlichen Ausführungen aus den Briefen zunächst nur als vertraglich angestellter Arzt Verwendung bei dem Reserve-Lazarett I in Schw. Gmünd, erreichte aber nach einigen Monaten die Ernennung zum württembergischen Assistenzarzt der Reserve und, auf Grund von vier dringlichen Gesuchen, die ersehnte Frontverwendung: am 11. Januar 1915 fuhr er – die Feldausrüstung erst unterwegs ver-vollständigend – hinaus.
Die Briefe, die Walther Muff in den nun bis zu seinem Tod folgenden 3¼ Jahren an seine Eltern geschrieben hat, enthalten auf die Frage nach gegenwärtigen militärischen Vorgängen regelmäßig fast nur die Antwort: „Vorsicht Soldaten!“, geben aber Wochen oder Monate später knappe, in der Stimmung zurückhaltende Übersichten. Eigene Aufzeichnungen über sein Erleben hat er aus militärischem Pflichtgefühl nie gemacht. So scheint es ungereimt, wenn ich im folgenden den Inhalt seiner Briefe in die Form eines Tagebuches zusammenzupressen suche. Sie bietet aber die einzige Möglichkeit gedrängtester Darstellung, und bei möglichst wörtlichen Anführungen aus den Briefen doch wohl auch die Gewähr für Lebenstreue.
I. Truppenarzt der Infanterie.
A. Bei II/Füs.-Rgt. 122.
16. 1. 15 Meldung beim Regiment in Kozlow-Slachecki. Stellungskämpfe an der Bzura.
B. Bei II/ später I/Inf.-Rgts. 148 (5. Westpreuß., 41. I. D. XX. A. K.)
27. 1. 15 Meldung beim Regiment in Kolonie Rawastara bei Skiernjewitze im Rawka-abschnitt – gleich andern Kgl. Württ. Sanitätsoffizieren an Preußen abgegeben. Regi-ment in Ruhe, dann vier Tage in den Gräben bei Bolimow.
11. 2. Verladen in Pniewo nach Ostpreußen. Versammlung des Korps bei Ortelsburg für die Winterschlacht in Masuren. Aufgabe des Korps: Deckung der r. Flanke der vormarschierenden Armeen gegen Ossowjetz – Lomsha; der Division: Vormarsch auf Straße Johannisburg – Kolno. Mit dem Bataillon vom 14. 2. bis 18. 2. in wechsel-vollem Bewegungsgefecht; Sanitätswagen vorübergehend, mein ganzes Gepäck dau-ernd russisch: all die schönen warmen Sachen, die ich so gut gebrauchen könnte! Ab 18. 2. Festhalten der Linie Janowo – Chmielewo südlich der Skroda, im Raume zwischen der Pissa und der Straße Stawski – Lomsha, gegen schwerste, mit großer Übermacht geführte Angriffe aus Lomsha heraus. Sogar durch unser Dach schlägt ein Artilleriegeschoß und macht uns die ganze am Morgen eingerichtete Bude voll Staub und Dreck. Ab Ende Februar ruhigerer Stellungskrieg; O. U.: (Ortsunterkunft) Chmi-elewo wird in „Gesundbrunnen“ umgewandelt und umgetauft. Am 19. 4. die ersten Blümchen gefunden; schade, daß ich sie nicht den Eltern ins Zimmer bringen kann. Wenn man hier nur auch mal allein wäre, oder mehr zu tun hätte; das schönste sind meine Frühritte. 28. 4. seit heute ist durch mein zweitoberstes Knopfloch  das schön-ste Band geschlungen. Anfang Juni Bataillonsarzt geworden. 9. 6. Wir sollen weg-kommen, wohlauf, Kameraden aufs Pferd, aufs Pferd!
25. 6. Verladen in Gehsen, Fahrt Tilsit, Memel, Bajohren zu der Njemenarmee. Märsche mit viel Fuß- und Hitzschlagkranken, gelegentlich auch Zivilpraxis zugun-sten der Armenkasse der durchzogenen Orte. Nach 8 Tagen Stellungskrieg an der Windau. Überschreiten derselben bei Moscheiki; ab 14. 7. unter riesenhaften An-strengungen der Truppe fechtend im Vormarsch entlang der Bahn Moscheiki – Autz auf Mitau zu. 1. 8. Mitau genommen; jubelnder Empfang. Sofortiger Weitermarsch mushaaufwärts bis in den Wald von Alesow – ab 13. 8. unter siegreichen, aber sehr schweren Gefechten. – und durch den in zahlreichen Stellungen vom Gegner zäh verteidigten Forst zwischen Eckau und Düna auf Karzeliski, Wallhof, Friedrichstadt, Krauke. Das Bataillon hat sich wiederholt besonders ausgezeichnet, aber in 3 Wochen über 200 Tote und Verwundete. Offiziere und Mannschaften haben abends Befriedi-gung und Freude. Wie sollte ich das finden inmitten der Verwundeten, denen ich einen ersten Verband, ein erstes Strohlager, ein wenig Essen und Trinken und  – als Bestes – Morphium geben kann, die ich aber dann liegen lassen muß und die allein bleiben, bis die San.-Komp. sie abholt. Nur in der Natur, ihrem Größten und Klein-sten, finde ich Ablenkung vom ewigen Marschieren und Kämpfen, von der ständig sich wiederholenden Ansammlung verwundeter Menschen um mich. Von Moosen und Flechten wäre leicht eine ganze Sammlung zu finden. 12. 9. Ausbau unserer Stellung am Picksternfluß (zwischen Friedrichstadt und Jakobstadt) mit Hilfe von Armierungstruppen. Morgen wird mit dem Bau eines Lausoleums begonnen. 21. 9. Seit heute ist mein Lausoleum in Betrieb. Eine Freude, wie wohl es den Leuten ist, mit welcher Lust sie ihren nackten Rücken der Sonne aussetzen! Ausgedehnter Krankenbetrieb und Impfungen. 29. 9. Kriegsanleihe über 12 Milliarden, im Westen Teiloffensive, im Osten Wiederaufnahme des Vormarsches auf der ganzen Front! 2. 10. Umzug in ein anderes Gehöft; ein Zimmer für mich allein! 23. 10.  Über meine Tätigkeit während der Bewegungskämpfe hat das Bataillon geschrieben: „In den vielen und oft recht schweren Gefechten hat Ass.-Arzt Dr. M. großen persönlichen Mut, Unerschrockenheit und nie ermüdende Tätigkeit bei der Behandlung Verwun-deter, namentlich in vorderster Linie, auch noch während der Gefechte, an den Tag gelegt und dadurch der Truppe große Dienste geleistet“. Das ist ganz schön, aber zum E. K. I, das ich mir gerne geholt hätte, hat’s nicht gereicht. 22. 11. Nach 10 Urlaubs-tagen im Elternhause wieder im Bataillon. 25. 12. In der Heiligen Nacht noch bei den Kameraden in der Stellung draußen gewesen. 26. 12. Als Bataillonsarzt zu I/148 versetzt. 5. 2. 16 Ich möchte mir eine weitere Möglichkeit schaffen, nach dem Krieg eine Stelle zu bekommen, bin daher in einer allerdings unter sehr großen Schwierig-keiten nur langsam fortschreitenden Vorbereitung für das Physikatsexamen. März 16 bis Juni 16. Seit Mitte März häufigere Beschießung durch russische Artillerie und Minen, Verluste mäßig. Ich selbst vom 20. 3. bis 13. 4. an heftiger Bronchitis krank, , ab 31. 3. im Feld-Laz. VII. Anschließend militärärztlicher Kurs in Berlin und Greppin vom 16. bis 20. 4. und kurzes Wiedersehen mit den Eltern. Am 27. 4. wieder bei der Truppe. Guter, den Schwankungen der Witterung nicht unterworfener Gesundheits-zustand meines Bataillons; in der Stellung muß ein Wetteifer sein, zwischen ihrer Verteidigungsfähigkeit und ihrem hygienischen Ausbau; seit Juni ist auch mein Erholungsheim Waldfrieden mit 8 Betten bezugsfertig.
II. Arzt im Hilfslazarettzug 27 der Etappeninspektion der 8. Armee.
8. 7. 16 Nach einer Zwischentätigkeit beim Feldlaz. VII vor wenigen Tagen den Zug in Posen erreicht. Ich verdanke die Versetzung der Liebenswürdigkeit meines Divisi-onsarztes – wie sehr hat er mich mißverstanden! Ich schied ungern aus dem Regi-ment, dem ich nun 17 Monate angehörte, in dem ich schöne Kameradschaft fand und mit dem ich viele Erlebnisse teile. Ab 17. 7. an 11. Armee ausgeliehen; drei Reisen nach Üsküb; ich habe wirklich Glück! Seit von zu Hause meine Bücher angekommen sind ist zudem mein Abteil (2:2,3 m groß) wie eine feine eigene Studierstube, in der man sich in Bücher vergräbt und sich wohl fühlt. Von meinen Leutchen machen mir einige Sorgen.
III. Immobile Verwendung als Arzt bei Heimatformationen.
1. 9. 16 Zu E./Res.-Inf.-Rgt. 122 überwiesen, weil die württ. Armee ihre versprengten Ärzte wieder zu sich sammelt, und zu Ldst.-Rekr.-Depot V , Urach kommandiert. Außer bei dem Depot Tätigkeit am Vereinslazarett und wegen Ärztemangels ausge-dehnte Stadt- und Landpraxis. Arbeit von früh bis spät in der Nacht, fast über Ver-mögen; dienstlich widerwärtige Verhältnisse; zum Schreiben nie Zeit. Auch Weih-nachten ganz einsam mit einem Bäumchen von den Eltern: gegründet im Eltern-herzen, dem Vaterland gehörend, ledig alles Eigenen, seien es Hoffnungen oder Wünsche oder Pläne – so will ich weitermachen, bis der Streit zu Ende. Für 1917 wird es heißen: per aspera! Mögen die Mühen sich lohnen gegen unsere Feinde und im Innern, wo es trotz 2¼ Jahren Krieg, Zivildienstpflicht usw. immer noch viele gibt, die ohne jedes Verständnis sind! 5. 3. Zum Oberarzt mit Patent vom 27. 1. befördert und zu E./180, Tübingen, kommandiert. Ein Ausruhemonat im Hause des Bruders, anschließend schöne Urlaubstage bei den Eltern. Etwa 25. April zum Res.-Laz. II in Cannstatt kommandiert (Übergangsposten vor Feldverwendung.
IV. Truppenarzt der Feldartillerie.
2. 5. 1917 Zweiter Abschied; jetzt muß ich mir die westlichen Kriegsschauplätze ansehen! Meldung bei Feldart-Rgt. 29 in Gegend Charleville – Mézières, das dort seine III. (F.) Abteilung aufstellt. Bei dieser Abteilungsarzt. Friedliches Dasein in der Etappe.
9. 6. Regiment wird bei Wiedererneuerung der Kämpfe auf dem Frühjahrsschlachtfeld bei Arras durch die Engländer eingesetzt; Feuerstellung zwischen Roeux und Mon-chy. Ich habe meine , wenn ich so meine verschiedenartige besondere Art, am Krieg teilzunehmen, indem ich mich möglichst nicht durch die Geschehnisse um mich her stören lasse in der Beobachtung der Menschen, der Gegenden, Tiere und Pflanzen, auch in einer Art bescheidenen Gelehrtendaseins, wenn ich so meine verschieden-artige Lektüre (zurzeit besonders Damaschke) nennen soll. Aber die Heimat in ihrem Kleinglauben macht uns Sorge, Erzberger mit allem Drum und Dran und den Folgen. Bei den Feinden schadet uns das nur, und am meisten müssen es die armen Kers an der Front ausbaden.
27. – 28. 7. Regiment wird herausgezogen, steht einige Tage zum Eingreifen bei Bullecourt, dann zum Eingreifen bei Lille bereit. Ob ich mit den Darmerkrankungen der Leute fertig werde, solange es noch rohes Obst gibt? Mitte 8. Bahnfahrt zur Flandernschlacht in guter Laune.
18. 8. Feuerstellung zwischen Langemark und St. Julien. Hier ist’s wesentlich leb-hafter als an der Arrasfront. Achtung und Bewunderung für unsere unentwegten Kämpfer überkommt mich und Sorgen und Wünsche für deren Zukunft – bin deshalb jetzt „Förderer“ für Bodenreform geworden –, aber Ekel und Ärger empfinde ich über Leute daheim; wenn man die deutschen Friedensangebote liest, bekommt man Übel-sein. In meinen Truppenverbandsplatz haben sie mir übrigens auch mehrfach her-eingeschossen und nach befehlsgemäßem Umzug ebenso mir den zweiten andemo-liert, meinen tüchtigen Burschen neben mir leider schwer verwundet.
31. 8. Regiment wird herausgezogen. Michaelis war in der Gegend und sprach mit einem Kanonier der 6. Batterie, leider nicht mit mir; ich hätte ihm zu gern gesagt, welche Stimmung das Verhalten der Herren Abgeordneten da außen erzeugt. Hinter manchem stehen nicht mehr seine Wähler von 1911. Ich sprach oft mit Mannschaften darüber, die derselben Ansicht sind. Während der Ruhe Etappenurlaub nach Ostende, Brügge, Gent; Züge mit evakuierten Flamen auf Flucht vor Bombenwirkung der sie beschützenden Engländer. Dann Verladen; über Brüssel, Namur, Luxemburg nach dem Elsaß. O. U. St. Johann nördlich Zabern; Zivilpraxis. Unsern Leuten ist’s wieder wohl.
26. 9. Verladen nach Mariasaal nördlich Klagenfurt; Ankunft 28. 9. Aufmarsch zur zwölften Isonzoschlacht. 17 Tage langer Regen ist lästig, verbirgt aber unsere Bewe-gungen. 24. 10. Feuerstellung auf der Bucenica bei Tolmein (ich bei 8. Batt.). Schlag 2 Uhr vormittags beginnt das Donnern der Geschütze, steigt um ½7 Uhr : Angriff. Keine 1½ Stunde, so wird die Wegnahme der ersten Feindstellung gemeldet. Ein frohes Gedenken an Deutschland erfüllt alle. Vormarsch über Cividale – Udine – Pordenone bis Susegana an Straße Conegliano – Treviso. Die Sache geht ja glänzend, aber bei der Infanterie war’s doch anders: immer am Feind! 25. 11. Kleiner Halt am Piave um Conrad vorkommen zu lassen. 7. 12. Regiment wird herausgezogen; Ruhe quartiere in Colloredo; Weihnachts- und Neujahrfeier. Nächstes Jahr wird es noch hart zugehen, aber schön. Deutscher Friede Frühjahr 1919!
3. 1. 18 bis 6. 1. 18 Märsche zur Bahn; 7. 1. Verladen, Rückfahrt ins Elsaß; o. U. Düttlenheim. Equipierungsurlaub mit kurzem Besuch bei den Eltern; am Geburtstag wieder fort. Nach solch kurzem Zusammensein ist das Vermissen lebhafter und größer. Hier Parade vor dem König, im übrigen viel Arbeit, auch soviel Schreiberei, wie ich noch nie in der Truppe erlebt. Hoffnung auf Heimaturlaub schwindet.
12. 3. Wie sang man 1914? „Frankreich, o Frankreich!“ So heißt’s wieder, nachdem im Osten Ruhe ist. 21. 3. Eingesetzt in der Großen Schlacht in Frankreich. 26. 3. Erhebend, eine solche Offensive miterleben zu dürfen. 8. 4. Mein altes Regiment 148 getroffen und dabei noch viele mir bekannte Herren: beiderseits große Freude. 11. 4. Mein Regimentsarzt nimmt mich mit ins Protzenquartier, da in Stellung, wo ich nun wieder seit 6. 4. war, ein Arzt genügt. Behaglicher Schwätzabend mit dem Abtei-lungsveterinär über Vergangenes und Künftiges. 12. 4. Elternpost; Bestätigung der Nachricht, daß mein lieber Bastel am 2. d. M. gefallen. Das bedaure ich aus mehr-fachen Gründen sehr tief.
Das letzte Zitat ist dem Briefe entnommen, den Walther Muff an seine Eltern schrieb, als ihn der Tod ereilte. Er ist unvollendet und blutbefleckt in ihre Hand gelangt. Feindliche Bombenflieger waren in großer Höhe unbemerkt herangekommen. In der Nebenbaracke wird ein Mann verwundet. Ein Kanonier will den Abteilungsarzt her-beirufen, aber – so schreibt „sein treuer Bursche Anton Häring“ den Eltern „seines guten Herrn“: „aber leider Gottes, was mußte ich sehen. Der Tisch war voll Blut, er saß am Tisch und neigte den Kopf zur Seite. Er gab kein Lebenszeichen mehr. Ein Sprengstück hatte ihm den Hals durchschlagen“. Das geschah am Ostausgang von Bapaume am 12. April 1918, nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr.
Die Leiche wurde vom Regiment in hervorragender Kameradschaftlichkeit trotz der schweren Gefechtslage in der Sonntagsfrühe des 14. April nach Cambrai überführt und dort am Nachmittage auf dem Kriegerfriedhof II in feierlicher Weise beigesetzt. Wir haben dann den Toten heimgeholt. Seit 5. Juni 1918 ruht er in deutscher Erde auf dem alten Friedhof zu Lorch i. R., unweit des Kirchentors, durch das etliche 40 Jahre vorher seine Eltern zur Trauung geschritten waren.“


aus: „Gedenkbuch der Tübinger Normannia für ihre Gefallenen“, Stuttgart 1921

Mittwoch, 11. April 2018

11. April 1918


„Wie am 9. April überholte das feindliche Feuer, diesmal aus langen Marinekanonen (etwa 12 Zentimeter Kaliber) abgegeben, die Ulanenmeldung. Als letztere eintraf, berichtete sie von ziemlich starker Artillerie, die teils von Eisenbahnplattformwagen aus schieße, teils Geschütze ausgeladen und bespannt habe. Feindliche Kavalleriepatrouillen hätten die Erkundung sehr erschwert.
Daß die feindliche Artillerie diesmal recht stark war, merkten wir an den einschlagenden Granaten. Häuser in Sinielnikowo brachen in ihrem Feuer zusammen, mächtige Trichter entstanden in dem weichen Straßensand, Einwohner wurden verwundet und getötet. Einer der ersten Schüsse zerstörte Beobachtungsstelle und Telephonleitung auf dem Wasserturm derart, daß die Wiederinstandsetzung Stunden erfordert hätte. Der Regi-mentsstab ging daher auf den Dachboden seines Quartiers, das die andern Häuser hoch überragte. Ordonnanzen und dergleichen waren da ohnehin im Haus, die Telephon-leitung aus dem Geschäftszimmer herauf schnell eingerichtet, nur in das Dach mußte nach Osten hinaus, wo kein Fenster vorhanden war, ein Loch gebrochen werden. Aber auch vor diesem Haus, dem Bankgebäude von Sinielnikowo, schlug eine Granate ein, der Balkon stürzte herab und die Freitreppe war beschädigt.
Dem Hauptmann Wiedemann gab Fromm für das III. Bataillon und die zwei Batterien die gleiche Weisung, wie am 9. April.
Über Stab und das Bataillon L. 121 übernahm Fromm als dienstältester Anwesender den Befehl und entsandte zwei Kompagnien, eine halbe M.-G.-K. und die Batterie Reibel, um einen Aufmarsch von Paldory her aufzuhalten. Der Rest des Bataillons sollte am Westbahnhof zur Verfügung bleiben.
Schon in aller Frühe hatte dieses Bataillon alles zum Gefecht Nötige ausgeladen. Für das III./L. 126 entwickelte sich ein Gefecht, genau nach demselben Rezept wie am 9. April.
Daß die Bolschewiki an letzterem Tag nicht den vorderen Höhenrand mit starker Infan-terie und einigen Artilleriebeobachtern besetzt hatten, war ein Fehler, und Zar ein so grober, daß seine Wiederholung am 11. April durch eine halbwegs sachverständige Führung ausgeschlossen erscheint. Zu dieser Einsicht brauchten sie keinen General an der Spitze, ein tüchtiger Unteroffizier genügte. Wahrscheinlich aber lag die Sache am 11. April gar nicht an der Führung, sondern die Mannschaft war nicht dafür zu haben, daß sie eine Stellung besetzen sollte, in welcher man mit einigen Verlusten rechnen mußte. Denn ganz ohne solche konnte eine Abwehr eines deutschen Angriffs nicht abgehen. Hätten sich aber ein paar hundert Bolschewiki während der Nacht da oben gut eingegraben, und die ganze Höhe mit viel Scheinstellungen versehen, um unser Feuer zur Verteilung zu zwingen, hätten gleichzeitig die Bolschewiki von Paldory her ange-griffen, es wäre angesichts der überlegenen feindlichen Artillerie ein böses Ding für uns geworden.
Aber kämpfen und fechten war der Bolschewiki Sache nicht, sie wollten plündern und rauben, sie wollten mit dabei stehen, wenn man die Deutschen aus sicherer Ferne zu-sammenknallte. Der Mangel an Kampflust, die Scheu vor Verlusten rächte sich aber diesmal bitter.
Ziemlich früh kam am 11. April die Kavalleriemeldung, daß der Gegner bei Paldory zwar fortfahre zu plündern, aber zum Vormarsch keinerlei Anstalten treffe. Die Ulanen-pferde waren jetzt ausgeruht, man konnte von ihnen Leistungen verlangen, und das nicht nur beim Überbringen von Meldungen. Drei Züge Ulanen wurden dem Hauptmann Wiedemann alsbald unterstellt, ebenso eine halbe M.-G.-K. des L. 121. Die Gruppe Wiedemann erreichte wieder mit Infanterie und Artillerie den Höhenrand, mit der 9. und 12. Kompagnie links, der 5. und 12. rechts der Bahnlinie. Die 3. M.-G.-K. war auf die ganze Front verteilt, die halbe M.-G.-K. des L. 121 wirkte am rechten Flügel mit. Nur ein einziger schwacher Zug der Bolschewiki wehrte sich energisch, aber vergebens. Wiedemann erfuhr rechtzeitig, daß von Osten her keine Gefahr drohe und setzte mit allem, was er hatte, zu kräftiger Verfolgung ein.
Um den Rückzug der Bolschewiki zu decken, fuhr ihrerseits ein Panzerzug vor. Als ihm aber deutsche Granaten entgegenschlugen, da stoppte er schleunigst ab und dampfte rückwärts. In gehöriger Entfernung von uns hielt er dann mehrmals und sprengte hinter sich die Schienen. Doch wurden dieselben von uns noch an demselben Tag wieder her-gestellt.
Bei den Bolschewiki fehlte entweder überhaupt eine Führung, oder gehorchte man deren Befehlen nicht. Die Mannschaft tat das Widersinnigste, was sie tun konnte und ballte sich beim Zurückfluten nach den Eisenbahnzügen in dichte Klumpen zusammen. Gegen diese Klumpen kam die verfolgende deutsche Artillerie und M.-G. zum Feuer.
Unter Kavalleriebedeckung waren sie vorgetrabt, ihr Erfolg war entsprechend. Alles stob bei den Bolschewiki auseinander, die Eisenbahnzüge dampften ab, ehe sie auch nur die Hälfte ihrer Insassen wieder hatten; überall begann eine wilde Flucht. Hinterher jagten die Deutschen, von Höhe zu Höhe ging es vor, um mit Feuer immer wieder ein-zusetzen. Bis über Malcewo hinaus gelangte die Gruppe Wiedemann; allein an Toten ließ der Gegner über 200 Mann liegen.
Unsere eigenen Verluste waren bei alledem kaum so groß, wie am 9. April; sie dürften an beiden Tagen zusammen 12 Verwundete bettragen haben. Genaue Zahlen beizubrin-gen ist unmöglich dank der Aktenvernichtung beim Ersatzbataillon L. 119 unter der Soldatenratsherrschaft
Nachmittags meldete die Kavallerie, daß auch der Gegner bei Paldory seine Züge wie-der belade und nach Osten abfahre. So war es für ihn auch bedeutend sicherer, als bei einem Angriff gegen die Deutschen.“


aus: „Das Württemberg. Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 126 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Dienstag, 10. April 2018

10. April 1918


„Von R. 120 standen 2 Bataillone in vorderer Linie, eines in Reserve. Es begann sofort den Bau richtiger, zusammenhängender Stellungen; die von den Leuten einzeln herge-stellten sogenannten Fuchslöcher, Einbauten in Granattrichter, wurden nach Möglichkeit miteinander verbunden. Der schöne Traum von einer Offensive unter Beteiligung der 204. Division war wieder einmal ausgeträumt, das Erwachen aus ihm war Schützengra-benkrieg schlimmster Art. Das feindliche Artilleriefeuer aber ging weiter, die Franzosen streuten alles ab und zwar in der ebenso gründlichen als auch ausgiebigen Art, wie sie weder den Engländern, noch den Deutschen, sondern eben nur ihnen, den Franzosen, eigen war. Im Regiment behauptete man, die französische Artillerie könne es riechen, wo, unsichtbar für sie, ein Deutscher stehe.
Unsere Verluste waren dementsprechend schwer und nahmen erst ab, als der Bau der Deckungsarbeiten gute Fortschritte gemacht hatte. Oft aber war das Bauen durch das feindliche Feuer behindert und auch die kleiner werdenden Verluste summierten sich von Tag zu Tag in bedenkliche Höhe.
In Sauvillers brachen die Keller unter den feindlichen Granaten zusammen. Am 8. April geschah dies auch mit demjenigen, der als Sanitätsunterstand diente. Die Verwundeten, die sich mehr oder weniger hilflos da unten befanden, wurden verschüttet. Die anwe-senden beiden Ärzte konnten gerettet werden. Doch schon nach 2 Tagen, am 10. April, wiederholte sich dieselbe Geschichte mit dem neuen Sanitätskeller. Diesmal fanden auch beide Ärzte, Stabsarzt Dr. Dulk und Oberarzt Dr. Engels, ihren Tod.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Montag, 9. April 2018

9. April 1918


„Am 9. April setzte eine starke Beschießung des Biwakplatzes der Eskadron bei Contal-maison ein. Durch Granatvolltreffer verloren wir den Gefreiten Goll, 2 Mann wurden verwundet und 10 Pferde getötet. Der Lebensmittel- und Schmiedewagen wurde stark beschädigt. Da die Beschießung mit zunehmendem Widerstand der Engländer täglich heftiger wurde, mußte ein neues Biwak bei Longueval bezogen werden. Das andauernde Biwakieren bei naßkaltem Wetter hatte die Pferde ziemlich mitgenommen, standen sie doch oft tagelang ohne irgendwelchen Schutz auf aufgeweichtem Boden in strömendem Regen.“


aus: „Das Ulanen-Regiment „König Karl“ (1. Württ.) im Weltkrieg 1914-1918“ Stuttgart, 1927

Sonntag, 8. April 2018

8. April 1918


„Die Bolschewiki bei Sinielnikowo verfügten nicht über Unterführer, welche imstande gewesen wären, Vorstellungen gut anzuordnen und rechtzeitig zu räumen. Ihre Mann-schaften und deren Disziplin genügte hiezu ebensowenig. Sie hatten eine Vorstellung aufgebaut vorwärts von Marjinskaja, Front nach Südwesten, mit etwa 200 – 300 Mann. Das war an sich ganz gut, aber der Bahndamm erlaubte uns ein gedecktes Vorgehen auf seiner Südseite und die Bolschewiki hatten versäumt, dies durch eine starke Aufstellung von M.-G. südlich der Bahn zu verhindern.
Mit Leutnant Breitling an der Spitze drang hier die 2. Kompagnie vor und kam den Bolschewiki in die Flanke, ja bedenklich gegen ihre Rückzugslinie. Die deutschen Geschütze sandten ihre Granaten in die Vorstellung, da liefen die Bolschewiki eiligst zurück: Die 4. Kompagnie verfolgte sie nach Marjinskaja hinein. Hier war nichts mehr von ihnen zu sehen, jedenfalls hatten sie sich in friedliebende Bürger verwandelt. Auch war ein feindlicher Panzerzug von Sinielnikowo her vorgefahren, brachte unsere Verfol-gung ins Stocken und erleichterte so dem Gegner sein Verschwinden.
Noch eine Anzahl kleinerer Vorstellungen befanden sich entlang der Bahnlinie, rein frontal. Sie wurden von uns nach kurzem Widerstand zum Rückzug gezwungen, denn sie mußten ja schon von vornherein mit deutschem Verfolgungsfeuer rechnen, trotz der Unterstützung des Panzerzugs.
Dieser brachte uns leider einige Verluste bei, darunter auch Leutnant Tränkle, nachdem er im Augenblick vorher mit stürmender Hand ein M.-G. genommen hatte, dessen Bedienung sehr tapfer ausgehalten hatte.
Die ersten Schüsse der Bolschewikiartillerie saßen, wie häufig bei ihnen, nur ein wenig vom Ziel entfernt. Ihre Geschütze waren meist von der sehr gut ausgebildeten Matrosen-artillerie bedient. Aber es erfolgte keinerlei weitere Berichtigung des Feuers, wahr-scheinlich mangels einer guten Beobachtung. Schuß um Schuß schlug fortwährend am selben Fleck ein, den man ja somit einfach umgehen konnte.
Unsere eigenen Geschütze hatten anscheinend recht guten Erfolg.
Bei unserem Vordringen waren die 2. und 3. Kompagnie in vorderer Linie gewesen, die 1. und 4. hinter beiden Flügeln in Reserve. Die 4. nahm später die Verfolgung nach Marjinskaja auf und suchte das Dorf nach Waffen ab, die 1. wurde vom rechten Flügel hinter die Mitte gezogen, als der Flügel infolge des Herankommens vom III./L. 126 nicht mehr gefährdet war.
Unter den gefallenen Bolschewiki war ein intelligent aussehender Mann mit guter Kleidung und Wäsche. Rock und Stiefel hatten ihm seine Kameraden ausgezogen und mitgenommen.. Die Einwohner erklärten, es sei der Bolschewikiführer. Ob aber Führer der ganzen Schar von Sinielnikowo, oder nur einer vorgeschobenen Abteilung, ließ sich, zumal bei den Sprachschwierigkeiten, nicht feststellen.
Die Absicht des Detachements, heute in Marjinskaja und Petrowskaja in Quartiere zu gehen, war jetzt nicht mehr durchzuführen. Trotz des Marsches von über 30 Kilometern mußte Sinielnikowo heute noch genommen werden. Das III. Bataillon hatte von dem Marschweg entlang der Bahnlinie abgebogen, um nach Petrowskaja zu kommen. Auf das Geschützfeuer hin ließ der Bataillonsführer halten, so daß das Bataillon verwen-dungsbereit blieb und ritt selbst zum Regimentskommandeur vor. Eine Kompagnie hatte das Bataillon befehlsgemäß als Bahnschutz weiter rückwärts belassen.
Vom Oberst Fromm erhielt Hauptmann Wiedemann folgenden Befehl:
„Der Gegner dürfte mit seinen Hauptkräften 4 Kilometer westlich Sinielnikowo stehen. das I./L 126 und die Artillerie drängen seine Vorstellungen zurück. Ich schätze die feindliche Artillerie nach ihrem Feuer auf 8 – 12 Geschütze. Das III. Bataillon rückt südlich der Bahn auf der Höhe des I. vor.“
Vom I. Bataillon waren jetzt drei Kompagnien in erster Linie, die 1. noch in Reserve. Mehrere M.-G. waren in den Vorstellungen von dem Bataillon genommen worden.
Es wurde vielleicht 4 Uhr nachmittags, bis das III. Bataillon anlangte. Sehr geschickt hatte es ein dürftiges, dünnes Gehölz und ein paar Geländefalten ausgenützt. Trotzdem der Gegner über etwa 60 Reiter verfügte, die wir ziemlich planlos in dicht gedrängten Haufen herumreiten sahen, trotzdem erfuhr er anscheinend nichts von dem Anmarsch des III. Bataillons; wenigstens handelte er, als ob dieses nicht vorhanden wäre. Auch unsere behelfsmäßige Kavalleriespitze ließ er unbehelligt in seiner Flanke erkunden.
Das Gelände südlich der Bahnlinie forderte die Bolschewiki geradezu heraus zu einem Stoß gegen die rechte Flanke des I. Bataillons. Man sah aber auch einzelne Reiter, offenbar erkundende Kompagnieführer, in höchst naiv bolschewistischer Art dort her-umreiten, absitzen, sich hinlegen und wieder zurückreiten. Als das III. Bataillon heran-kam, befahl Fromm diesem:
„Wir stehen anscheinend vor der Hauptstellung des Gegners, der aller Wahrschein-lichkeit nach einen Stoß in die rechte Flanke des I. Bataillons beabsichtigt. Das III. Bataillon baut sich so auf, daß es diesen Stoß seinerseits wieder flankieren kann. Eine Kompagnie bleibt hinter seinem rechten Flügel als Regimentsreserve zu meiner Ver-fügung.“
Alles ging, wie der Detachementsführer erwartete. Der Vorstoß der Bolschewiki gegen die rechte Flanke des I. Bataillons kam, nicht gerade sehr sauber ausgeführt. Er wurde vom III. Bataillon mit der entwickelten 9. und 11. Kompagnie, der M.-G.-K. und dem M.-W.-Trupp samt seinem bei Nowo Ukrainka erbeuteten Gebirgsgeschütz in der halben Flanke gefaßt und mit blutigem Schädel heimgeschickt. Die 12. Kompagnie (Regi-mentsreserve) unterstellte Fromm in diesem Augenblick wieder dem III. Bataillon, welches sie dann noch vorne rechts einsetzte. Der Feind flutete zurück, das III. Bataillon drängte nach, das I. schloß sich dem Vorgehen an, und Sprung auf Sprung, später mit schlagenden Trommlern, ging es vorwärts. Trotz all seiner Artillerie, trotz der vielen M.-G. in seiner Stellung räumte der Feind die Höhen auf der ganzen Linie. Irgendwie zur Verteidigung eingerichtet waren sie nicht.
Bei dem ganzen Gefecht konnte man sich in die Zeit ein halbes Jahrhundert früher zurückversetzt denken, dank der geringen Fähigkeit der Bolschewiki, ihr vorzügliches Waffenmaterial auszunützen. Aus ihrer beherrschenden Stellung, besonders vom Wasserturm des Bahnhofs Sinielnikowo aus konnten sie alles, jeden Anmarsch, jeden Aufbau bei uns einsehen. Ein guter Beobachter dort mit Telephon zu der Führung konnte diese über jede Einzelheit rechtzeitig in Kenntnis setzen.
Trotzdem fuhren unsere Artilleriestaffeln, M.-G.-Fahrzeuge und dergleichen auf dem Gefechtsfeld herum, kaum 2½ Kilometer vom Feind ab, dessen Artillerie die Granaten planlos hinausjagte.
Der Regimentsstab ritt vor, der Kommandeur zu allem hin auf einem Schimmelhengst, Galopp von Bahnwarthaus zu Bahnwarthaus, die hierzulande alle zwei Werst hinter-einander stehen. Dort saß man ab, manchmal in Höhe der Schützenkette, es wurde beobachtet, oft fast ohne jede Deckung, Befehle wurden entsendet. Schüsse pfiffen um die Bahnwärterhäuser und warfen Ziegel und Steine von den Dächern. Ein Pferd erhielt einen Granatsplitter in die Brust und blieb tot liegen; unter den Menschen wurde niemand im Stab getroffen. Den Kommandeur hatte ein förmlicher Siegestaumel erfaßt über dem Gelingen all seiner Anordnungen: den letzten Teil des Angriffs machte er zu Pferd mit, kaum 100 Meter hinter der vordersten Schützenlinie.
Die Nacht brach herein, rasch und fast ohne dämmernden Übergang. die einzelnen Kompagnien unter ihren zum Teil wenig geübten Führern aus dem Beurlaubtenstand befanden sich in den kreuz und quer laufenden Mulden zerstreut, eine hatte offenbar die Richtung verloren und war weit seitlich abgekommen. Es lag Gefahr vor, daß wir uns gegenseitig anschossen. Da mußte gehalten und das Ganze erst wieder einmal einge-renkt werden. Dies brauchte Zeit; ein Nachstoßen, eine Ausnützung des Sieges war nicht möglich. Dazu kam, daß die zurückgefahrene feindliche Artillerie das Gelände dicht vor dem Westrand von Groß- und Klein-Sinielnikowo heftig beschoß.
Erst nach Aufhören dieses Feuers rückte das Detachement in die eroberten Quartiere, und zwar das I. Bataillon und eine Batterie nach Klein-, der Regimentsstab, das III. Bataillon und eine Batterie nach Groß-Sinielnikowo. Auf dem Bahnhof des ersteren Ortes verknatterte ein Eisenbahnzug mit russischer Infanteriemunition, den unsere Artil-lerie in Brand geschossen hatte.
Unser eigener Verlust war verhältnismäßig nicht sehr schwer: 7 Tote und 28 Verwun-dete. Der Feind hatte viel mehr liegen lassen, besonders bei seinem mißglückten Flan-kenstoß.“



aus: „Das Württemberg. Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 126 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Samstag, 7. April 2018

7. April 1918


„In der Nacht vom 6./7. April sollte das Regt. 413 die 12. Grenadiere in vorderer Linie, Bereitschaft und Reserve ablösen. Während das III./413 das I./Gren. 12 in dem Bereit-schaftsraum in der Filleskamp-Ferme und Umgebung gegen Morgen ablöst, verfehlen sich die Vorkommandos vom I./413 und die Führer des III./Gren. Regts. 12 infolge der Ungenauigkeit der Karte – wir hatten nur vergrößerte französische Karten –, so daß die 12. Grenadiere noch einen Tag länger in vorderer Linie bleiben mußten. Das I,/413 erhält nun um 10 Uhr vormittags den Befehl, in das dreieckige Waldstück dicht nördlich Hargicourt an der Straße Braches – Hargicourt zu rücken. Der Marsch dorthin am hellen Tage und der Aufenthalt in dem kleinen Waldstück in nächster Nähe unserer Batterie-stellungen forderte trotz aller Vorsichtsmaßnahmen – es wurde nur in kleinen Trupps von 2 – 4 Mann marschiert – 5 Tote und 9 Verwundete, ein bedauerlicher Ausfall nach den schweren Verlusten der letzten Tage, die allein beim I. Batl. 1 Offizier, 70 Mann, darunter 18 Tote, betrugen. Um die für die kommende Nacht befohlene Ablösung der Grenadiere in der vorderen unübersichtlichen und schwierigen Stellung ganz sicherzu-stellen, gingen die Vorkommandos des I. Batl. 413 bei Tage nach vorn, sehen sich, so gut dies eben möglich ist, in den Löchern um und holen nach Einbruch der Dunkelheit die Kompagnien am vereinbarten Platze ab. Diesmal klappte es; gegen Mitternacht ist die Stellung von 413ern besetzt, Anschluß rechts Res.-Inf.-Regt. 120, links 414. Die Stellung selbst, soweit man von einer solchen sprechen kann, befand sich am West- und Südrand des Bois de Arrachis, einem kleinen Waldstück westlich Aubvillers. Dieser Ort, in dem noch in der vorigen Woche die Einwohner hausten, erinnerte an die belgischen und französischen Dörfer während des Vormarsches 1914. Die meisten Häuser standen noch, mit abgedeckten Ziegeln, die durch die Wucht der Granaten weggefegt worden waren, einige Häuser brannten noch oder waren schon abgebrannt. Die Straßen waren übersät mit Ziegeln, Mauersteinen, Balken, Geräten. Ein schauerliches Bild bot sich dem Auge bei einem Gang durch den Ort bei Nacht. 5 – 6 brennende Häuser beleuch-teten die noch halbwegs unversehrten und die Ruinen wie mit bengalischem Feuer. Es war natürlich, daß die abgekämpften Grenadiere sich nicht viel um den Ausbau der eben erste erreichten Linie kümmern konnten und wollten, sollte diese doch lediglich der Ausgangspunkt für weitere Angriffe sein, um die 18. Armee weiter nach Westen zu führen. Der erwähnte Munitionsmangel ließ aber auch diesmal wieder die Front erstarren und uns fiel in diesem Abschnitt die Aufgabe zu, das bisher Erreichte zu halten und die Stellung auszubauen.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936

Freitag, 6. April 2018

6. April 1918


„Am 6. April griff der Gegner seinerseits erfolglos zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags zu beiden Seiten der Straße Serre – Zuckerfabrik an, dem I./125 gegenüber verhielt er sich infanteristisch ruhig , um so unruhiger war seine Artillerie.
Nach allen Befehlen jener Tage soll der Angriff „nur heute“, „hur zunächst“ nicht fortgesetzt werden, der Angriff soll also nur aufgeschoben, nicht aufgegeben sein. Aus dem Aufschieben wird aber schließlich doch ein Aufgeben, die Offensive war hier festgefahren. Mit dieser leidigen Tatsache mußten wir uns abfinden. Es ging wieder in den verhaßten Stellungskrieg, in dem man tatenlos sich in den Schmutz legen und von Artillerie- und Minenfeuer zugedeckt aushalten und lauernd darauf warten mußte, ob und wann es dem Gegner belieben würde, seine frischen, kampfkräftigen Truppen gegen unsere immer dünner werdenden Linien vorzuführen. Das  war hart..“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–

1918“ׅ, Stuttgart 1923

Donnerstag, 5. April 2018

5. April 1918


„Der Angriff unter dem Decknamen „Sonnenschein“ bezweckte einen erneuten Durch-bruch der feindlichen Linie vor der Front der 2. Armee und die Verfolgung des Gegners über seine letzten Stellungen hinaus. Das Regiment sollte mit seinem I. Bataillon die Höhe zwischen den Dörfern Bouzincourt und Martinsart frontal, mit seinem II. und III. Bataillon Martinsart selbst umfassend angreifen. Das Angriffsgelände war für die 120er denkbar ungünstig. Vom Westufer der Ancre, das nur auf einer stark beschossenen Kolonnenbrücke zu erreichen war, mußten sie sich zur Hälfte in dem schwer zugäng-lichen Wald von Aveluy, zur anderen Hälfte auf freiem Gelände, in dem nur wenige Baumreihen und Hecken etwas Schutz gegen feindliche Sicht boten, auf die Höhen hinaufarbeiten.
Um 7 Uhr vormittags eröffnete bei unsichtigem Wetter die Artillerie planmäßig ihr Feuer. Wieder kam Gasmunition in reichlichem Maße vornehmlich zur Bekämpfung der feindlichen Artillerie zur Anwendung. Gegen 9 Uhr wurde bei besser werdender Sicht das Feuer aufs höchste gesteigert. Die feindliche Artillerie war bis dahin fast völlig lahmgelegt. Nur eine Batterie jagte alle paar Minuten eine Granate in den Ancrebach, die wohl der Kolonnenbrücke zugedacht war, aber stets ihr Ziel verfehlte. Die Sturm-trupps traten 9 Uhr vormittags an und arbeiteten sich, anfänglich der Feuerwalze dicht auffolgend, gut vorwärts. Aber bald kam das Vorgehen ins Stocken. Im Zwischenge-lände liegende, von der Artillerie nicht erkannte und daher nicht wirkungsvoll genug beschossene Maschinengewehrnester geboten energisch Halt. Alles wurde in Bewegung gesetzt, um ihnen beizukommen. Die Begleitbatterien und leichten Minenwerfer wurden vorgezogen, um im direkten Schuß sie unschädlich zu machen. Im Wald war dies jedoch nicht möglich, hier mußte sich die Infanterie allein weiterhelfen. Trotz der erdenk-lichsten Mühe, die sich jeder einzelne Mann gab, waren die Bestrebungen ergebnislos. Die notwendigerweise eingeschaltete Kampfpause hatte der Engländer sehr zu seinem Vorteil auszunützen verstanden. Seine Reserven waren herbeigeeilt, seine Artillerie hatte ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Unendlich groß waren die Schwierigkeiten gewor-den, die sich jetzt den Württembergern entgegenstellten. Die Lage der Nachbartruppen war fast noch mißlicher. Am Nachmittag raffte sich die brave Infanterie, mit ihren wenigen übriggebliebenen Offizieren an der Spitze, noch einmal auf. Die Reste des III. Bataillons mit ihrem Kommandeur, Hauptmann d. R. Conz, voraus, versuchten in einem Anlauf vom Westrand des Waldes von Aveluy aus in Martinsart einzudringen. Gewal-tiges Feuer von vorne und von der rechten Flanke schlug ihnen entgegen. Da fällt auch noch zu allem Unglück der treffliche Führer, die treibende Kraft zum Angriff, an dem die Leute mit Liebe und Verehrung hingen, durch ein Geschoß zu Tode getroffen nieder. Jetzt ging es nicht mehr weiter. Der Widerstand des Feindes war zu stark, die Erschöp-fung der eigenen Leute und ihre zahlenmäßige Unterlegenheit zu groß geworden, um einen Einbruch in die feindlichen Linien zu erzwingen, nachdem der erste Ansturm an den englischen Maschinengewehren gescheitert war. Der Kampf mußte von der Führung abgebrochen werden. Das Regiment hatte sein Bestes getan, mehr wäre übermensch-liches Können gewesen. Die hereinbrechende Nacht fand die müden Musketiere in der gewonnenen Linie, mit dem Gewehr im Anschlag bereit, drohende feindliche Gegen-stöße abzuwehren. Teile des Grenadier-Regiments 123 waren zur Unterstützung heran-befohlen worden. Zusammen mit ihnen gelang es während der Nacht, den Engländer in Schach zu halten. Der folgende Morgen brachte Ruhe in den Abschnitt und für die Truppen den Befehl, daß sie sich zur Verteidigung des eroberten Geländes einzurichten hätten. Vorderhand schien also die 2. Armee auf eine Fortführung der Operationen hier verzichten zu müssen. Für die Württemberger hatten die Offensivkämpfe ihr Ende gefunden. Der letzte Tag hatte dem Regiment noch besonders schwere Opfer auferlegt. Seine gewaltigen Anstrengungen mußte es mit dem Verlust von 4 Offizieren, 40 Mann an Toten, und 3 Offizieren, 103 Mann an Verwundeten bezahlen. Am schmerzlichsten berührte die Überlebenden der Heldentod des Hauptmanns d. R. Conz, der seinen Offizieren und Leuten während des Krieges fest ans Herz gewachsen war.“



aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922