Dienstag, 19. September 2017

19. September 1917


„Die Unruhe, die am 18. an der Kampffront geherrscht hatte, war charakteristisch für die nächsten Tage. Wirkliche und vermeintliche Teilangriffe des Feindes gegen die Stellungen rechts und links von den Füsilieren hielten auch diese ständig in höchster Angriffsbereitschaft, die von Führer und Truppe Tag und Nacht die Anspannung aller Kräfte verlangte.
Am 19. früh setzte schlagartig auf alle Stellungen des Regimentsabschnitts französi-sches Zerstörungs- und Abriegelungsfeuer ein. Fast gleichzeitig forderten rote Leucht-zeichen auf der ganzen Divisionsfront Sperrfeuer an. Gegen ½7 Uhr war festgestellt, daß gegen das Füsilier-Regiment kein feindlicher Angriff im Gang war, dagegen rechts und links französische Teilst erfolgt waren und Infanteriekämpfe noch hin- und her-wogten.
Die Beschießung des Regimentsabschnitts hielt den ganzen 19. September über an. Kurz vor Dunkelheit löste ein gegen das I./478 gerichteter feindlicher Angriff nochmals auf der ganzen Front beiderseits gewaltiges Artilleriefeuer aus, das bei sinkender Nacht allmählich abflaute.“


aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Montag, 18. September 2017

18. September 1917


„Am 18. September erfolgte dann der erwartete feindliche Angriff. Nachdem den ganzen Tag über Artilleriefeuer aller Kaliber auf dem vorderen Graben, der Lüder-kaserne und dem Hintergelände gelegen hatte, setzte um 4.15 Uhr nachmittags Trom-melfeuer auf dem linken Flügel des Regimentsabschnitts ein. Um 4.30 Uhr brach der erste feindliche Angriff gegen den rechten Flügel des I. Batl. los, wo die 3. Komp. lag, die nach der Verwundung des Oberleutnant Hochdörfer Leutnant Haag führte. Dem Gegner gelang es, an mehreren Stellen in den Graben einzudringen, er wurde aber von der Grabenbesatzung in erbittertem Nahkampf durch Maschinengewehr- und Gewehr-feuer und durch Handgranaten, und durch sofort einsetzenden Gegenstoß der 1. Komp. unter Leutnant Grießhaber, die selber nicht angegriffen worden war, wieder hinausge-worfen.
Um 5.05. Uhr nachmittags stieß der Gegner von neuem vor durch den Laufgraben, der vom französischen Stützpunkt in der Hindenburgschlucht gegen der rechten Flügel des I. Batl. heraufführte; auch diesmal wurde der Angriff durch die 3. Komp. im Nahkampf abgeschlagen. Der Gegner erlitt beim Zurückgehen schwere Verluste, besonders durch die flankierenden leichten und schweren Maschinengewehre der rechten Nebenbatail-lons, des III. Dieses hatte mit höchster Spannung und Aufmerksamkeit die Vorgänge beim I. Batl. verfolgt und diese Gelegenheit, da es sich selber zunächst sicher vor einem Angriff fühlte, selbst in das Gefecht einzugreifen, mit Freuden benützt. Aber auch der Kommandeur des I. Batl., Hauptmann Most, hatte für sofortige Hilfe der bedrohten Kompagnie gesorgt; er hatte die eigens zu solchem Zweck in der Lüderkaserne bereit-gehaltenen Stoßtrupps zum Gegenstoß nach vornen geschickt; diese fanden aber den Graben bereits vom Gegner gesäubert vor.
Die Stärke des angreifenden Gegners war ungefähr die eines Bataillons gewesen; er hatte 19 Gefangene, 16 verwundete und 3 unverwundete, in unserer Hand zurück-gelassen.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Sonntag, 17. September 2017

17. September 1917


„Solange das Reg. 479 im Abschnitt bei Samogneux stand, blieb das Verhalten des Feindes unverändert. Infanterieangriffe oder kleinere Unternehmungen erfolgten nicht, dagegen war die französische Artillerie sehr tätig. Sie nützte ihren Vorteil der vortrefflichen Beobachtung vom westlichen Maasufer her gründlich aus, hemmte den Ausbau der Stellungen und brachte dem Regiment erhebliche Verluste bei. Während der allmählichen Verlegung des Regiments aus den Stellungen, die es als Eingreifdrittel übernommen hatte, nach dem Abschnitt I a in der Zeit vom 8. bis 12. September, waren Leutnant d. R. Weiß und 3 Mann gefallen, 26 Mann verwundet worden und ebensoviele infolge von Gasbeschießung erkrankt. In der Zeit vom 12. bis 30. September fielen 2 Offiziere, 24 Mann; 2 Offiziere, 76 Mann wurden verwundet; 9 Mann erkrankten an Gasvergiftung. Am 17. September fielen der Führer der 9. Kompagnie, Leutnant d. R. Schleich, der Offizierstellvertreter Schreier, der Vizefeldwebel Dietrich und zwei Mann der 9. und 10. Kompagnie, als sie sich während einer heftigen Beschießung der Kompagnien des III. Bataillons im Hessengraben gefechtsbereit stellten.“



aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 479“, Stuttgart 1923

Samstag, 16. September 2017

16. September 1917


„Am stärksten war immer das feindliche Feuer auf den Stollen, wo die Reserven der Kompagnien und die Bataillons-Gefechtsstände lagen.  Am 16. September abends fielen mehrere Volltreffer auf die Stollen der Lüderkaserne, wo ein Teil des I. Batl. lag. Die Folge war, daß 40 bis 50 Mann an Kohlenoxydgas erkrankten.
Als sich am 16. September abends das Wetter aufhellte, steigerte sich die Tätigkeit der feindlichen Artillerie in auffallender Weise; ein planmäßiges, stundenlanges Einschies-sen mit mittleren und schweren Kalibern auf vordere Stellung und die rückwärtigen Unterstände hauptsächlich beim I. Batl. setzte am 17. September ein..“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Freitag, 15. September 2017

15. September 1917


Otto Meyer.

Geboren in Berg bei Stuttgart als Sohn des Fabrikanten Heinrich Meyer am 14. April 1870. Stuttgarter Gymnasium. Studium der Theologie in Tübingen, mit einer Unter-brechung von zwei Semestern in Halle 1889 – 1893. Vikar in Schrozberg. Aufenthalt in England 1895 – 1903, zuerst als Hilfsgeistlicher an der deutschen Gemeinde in Islington-London, dann von 1897 an als Pfarrer in Bradford. Heirat mit Kätchen Wendt aus London 1897. Pfarrer in Dietersweiler bei Freudenstadt 1903 – 1905. Stadtpfarrer in Tübingen seit 1905.
Was an meinem Bruder zunächst ins Auge fiel, war die Frische und Herzlichkeit seines Wesens. Ein leidenschaftliches Bedürfnis, das Leben nach allen Seiten kennen zu lernen und durchzuproben, erfüllte ihn; er liebte den Wechsel, der ihn in neue Verhältnisse brachte, und alles Gefährliche war für ihn von besonderem Reiz. Auch das geistige Interesse zog bei ihm weite Kreise und beschränkte sich nicht bloß auf die Theologie, deren Entwicklung er mit lebendigem Anteil folgte. In allem fühlte er sich nicht als ein Fertiger, er war immer ein Werdender und blieb daher auch immer jung. Frisch und freudig, wie er war, verstand er es, Frische und Freude auf seine Umgebung zu über-tragen; seine Herzlichkeit und Gemütlichkeit gewann ihm alle Seelen; er war ebenso gerne gesehen in den Kreisen der Universität, als sich ihm die Türen und Herzen der kleinen Leute öffneten, von denen viele ihm mit unwandelbarer Anhänglichkeit ergeben waren. Es war ihm wohl, wo Herz und Gemüt Befriedung fanden, am wohlsten aber in der Familie, der er ein nie versagender Gatte, Vater und Bruder gewesen ist.
Aber alle diese Lebensfrische und Herzenswärme einer echten Siegfriednatur ruhte auf dem ernsten Untergrund einer festen religiösen Überzeugung. In dem aus tiefsten Erleben geflossenen Glauben an die Liebe Gottes hat er sich ebenso innerlich gebunden, wie äußerlich frei und unabhängig von jeder Autorität und zum freudigen Genuß der Lebensgüter berufen gefühlt. Auch ins Predigtamt hat ihn dieser Glaube begleitet, und wenn auch der Zwiespalt zwischen seiner freien Überzeugung und der Gemeinde-theologie ihn in manche Not gebracht hat, so hat er doch in der kirchlichen Tätigkeit immer wieder seine Befriedigung gefunden; er war auch wie geschaffen für sie. Seine erlebte Frömmigkeit und seine eindrucksvolle Rednergabe haben eine zahlreiche Gemeinde um ihn versammelt, und die Fähigkeit, mit dem Sonnenhaften seiner Natur auch andere zu erwärmen und sie mit freundlichem gemütvollem Humor oder mit ernster Zusprache über ihre Leiden zu erheben, haben ihn zum willkommenen Helfer und Tröster aller Armen und Bedrückten gemacht.
Als der Krieg ausbrach, da trieb ihn seine warme Vaterlandsliebe, sein unerschütter-licher Glaube an Deutschlands Zukunft und seine natürliche Freude am Erregenden und Abenteuerlichen ins Feld. Seit Juni 1915 wirkte er im Elsaß als Feldprediger bei der 7. Landwehrdivision, Armee-Abteilung Gäde. Rasch gewann er sich die Liebe der Soldaten durch die kameradschaftlich-volkstümliche Art seines Verkehrs und durch den Mut, mit dem er sie, unbekümmert um die Gefahr, in den vordersten Gräben aufsuchte. Zu seinem großen Leidwesen wurde er im Oktober 1916 von der Front in die Etappe versetzt und zum Gouvernementspfarrer in Warschau bestimmt. Als er am 15. August 1917 Warschau zum langersehnten Urlaub verließ, trug er den Keim des Todes in sich, den er sich bei den seelsorgerischen Besuchen der Ruhrkranken zugezogen hatte. Die Krankheit zwang ihn in der Heimat auf ein schmerzensreiches Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Am 15. September verschied der allzeit Hoffnungs-volle in den Armen seiner Gattin, der treuen Pflegerin seiner letzten Tage, und wurde zwei Tage später unter ungemein zahlreicher Begleitung der trauernden Freunde und Gemeinde auf dem Tübinger Friedhof zur Ruhe bestattet.
Stuttgart.                                                                                       Theodor Meyer..“


aus: „Gedenkbuch der Tübinger Normannia für ihre Gefallenen“, Stuttgart 1921

Donnerstag, 14. September 2017

14. September 1917


„Kaum besser als die vordere Stellung war die des Bereitschafts-Bataillons im sogenan-nten Haumont-Riegel. Hierüber liegt ein anschaulicher Bericht des II. Batl. vom 14. September 1917 vor: „Von einer Stellung kann man nicht sprechen; außer dem Ab-schnitt der 8. Komp., wo die durchschnittliche Tiefe des Grabens etwa 50 cm ist, besteht die Stellung nur aus einer Trassierung von einer Spatenstichtiefe und zum Teil aus einem Fußweg. Die Hälfte der Grabenbesatzungen ist nur durch Zeltbahnen gegen Artilleriefeuer und Regen geschützt. Infolge des Regens sammelt sich das Wasser in den Schützenlöchern. Die sogenannte Hagenstellung ist überhaupt nicht vorhanden, nur im südlichen Teil des Haumontwaldes ist sie durch Tafeln mit der Aufschrift „Hagen-stellung“ angedeutet.“
Zum Ausbau hier und vorn fehlte es eben an Material, und um dies vorschaffen zu können, brauchte man Trägertrupps. Die Infanterie-Pionierkompagnie reichte dazu nicht aus, denn sie hatte alle Hände voll zu tun mit dem Heranschaffen der dringendsten Nahkampfmittel, Munition, Minen, Granatwerfer usw. Die Reserven der Kampfbatail-lone und des Bereitschaftsbataillons durften nicht dazu verwendet werden; die von den Kompagnien selber ausgeschiedenen Trägertrupps, 25 bis 30 Mann. brauchte man ganz und gar zum Vorschaffen der Verpflegung. Ihr Los war kein leichtes. Sie brauchten in den dunklen Nächten bei den glatten, durch den Regen aufgeweichten Wegen und in dem hügeligen Gelände für Hin- und Herweg 6 bis 8 Stunden. Sie konnten unmöglich mehr zu einem anderen Dienst herangezogen werden.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Mittwoch, 13. September 2017

13. September 1917


„Am 26. 8. 17 erfolgte der Abtransport der Abt. nach Stenay, von wo sie am 5. 9. 17 nach Brandeville marschiert. Am 10. 9. 17 übernimmt die Division die Stellung der 51. Res.-Div. im Abschnitt Samogneux, Divisionsstabsquartier Ecurey, entsprechend auch die Fernsprechabteilung das Leitungsnetz. Es werden ihr hierzu noch der O. H. L.-Bauzug 931 und der bodenständige Betriebszug 1060 zugeteilt.
Am 13. 9. 17 fällt der Signalist Kotz durch Granatsplitter. Das Leitungsnetz wird sach-gemäß ausgebaut. Eine Verlegung des Div.-Stabes nach Brandeville brachte erhebliche Arbeit durch den Umbau der Fernsprechzentrale nach dem neuen Stabsquartier. Starkes Störungsfeuer und Fliegerangriffe verursachen häufige Leitungsstörungen. deshalb wer-den neue Leitungen durch Panzerkabel hergestellt. Die Explosion des Munitionslagers bei Lissey brachte umfangreiche Leitungsstörungen.“


aus: „Die württembergischen Nachrichtentruppen im Weltkrieg 1914–18“, Stuttgart 1926

Dienstag, 12. September 2017

12. September 1917


„Schon der Marsch vom Waldlager in die Stellung war anstrengend, langwierig und ner-venanspannend. Denn der Weg dorthin führte über ein schwieriges, hügeliges Gelände, durch enge, nicht zu umgehende Schluchten, die nirgends Deckung boten, an denen entlang die Treffer der feindlichen Artillerie so sicher saßen und in denen oft tagelang die Leichen der zusammengeschossenen Fahrer und Pferde lagen. Ihre Namen Hau-mont-, Samogneux-, Schwaben-, Bayern-, Krückenschlucht und wie sie alle heißen mögen, werden allen Verdunkämpfern unvergeßlich sein, denn sie waren das Grab so vieler deutscher Soldaten. Viel lieber saß der Infanterist da vorn in seinem Granatloch, auch wenn es nur schwachen Schutz gegen das feindliche Feuer bot. Aber es war der Platz, auf den er hingehörte, dessen Verteidigung Ehrensache war, und wenn ihn der Tod hier traf, so war er leichter zu verschmerzen. Was man früher von anderen gehört hatte über die Gefährlichkeit des Anmarsches bei Verdun, konnte man jetzt am eigenen Leib verspüren und der Kompagnieführer atmete erleichtert auf, wenn er seine Kompagnie ohne Verluste nach vorne gebracht hatte. Unglaublich anstrengend und aufreibend war der Dienst all der Leute, die Essen, Material, Munition u. a. nach vorne schaffen mußten. Sie erlitten fast immer Verluste durch die nie ausbleibenden Feuerüberfälle, das starke, weit nach hinten reichende Störungsfeuer der feindlichen Artillerie.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Montag, 11. September 2017

11. September 1917


„Das Charakteristische an der Stellung des Regiments war, daß sie auf ihrer ganzen Front im Bann der vom Feind besetzten Höhe 344 lag. Dem feindlichen Beobachter konnte von der weithin sichtbaren Kuppe aus nichts bei uns entgehen, bis zu den Süd-rändern des Waldes von Consenvoye.
Der letzte Versuch der 51. Reserve-Division mit Teilen der 242., die Höhe 344 zurück-zugewinnen, war am 9. September gescheitert.
Der Abschnitt des Füsilier-Regiments wurde durch die Samogneux- und Haumont-Schlucht in drei Teile geteilt. Der erstere zog sich parallel zur Front am Fuß der Höhe 344 entlang. Sie lag dauernd unter Feuer und Gas und trennte wie ein Fluß das am Nordhang der Höhe 344 klebende Kampfbataillon vom Hintergelände. auf die Samog-neux-Schlucht zulief
Jeder Gegenstoß zur Unterstützung der vorderen Linie mußte daher die Samogneux-Schlucht durchqueren. Der Gegner wußte nur zu gut, daß er durch Vergasen dieser Schlucht heraneilende deutsche Unterstützung zum mindesten sehr aufhielt.
Nördlich der Schlucht stieg das Gelände ziemlich steil an und bildete eine Art Hoch-fläche, die mit Wald- und Buschparzellen bedeckt war. Der höchste Punkt war hier 381 Meter.
Die Haumont-Schlucht, die von Norden her rechtwinklig auf die Samogneux-Schlucht zulief, teilte das Gelände scharf in zwei getrennte Höhenzüge. Auf dem östlichen lag das Dorf Haumont. Dieser langgestreckte Einschnitt mit seinen zahlreichen Quer-schluchten (Schwaben-, Bayern-, Krückenschlucht) war nächst der Samogneux-Schlucht die meist beschossene Stelle des Regimentsabschnitts.
Die vorderste Stellung, in der seit dem 11. September das III. Bataillon lag, war eine Trichterstellung. Ein zusammenhängendes Grabensystem war nicht vorhanden. Da der Feind etwa seit 8. September die Lage dieser Besetzungslinie genau erkannt zu haben schien, schob das III. Bataillon aus eigenem Entschluß in der Nacht vom 11. / 12. seine vorderste Postenlinie um etwa 50 Meter weiter nach vorne.
Dicht hinter der Trichterstellung befanden sich 3 große Stollen mit mehreren Aus-gängen, die sogenannte „Landwehr-, Meininger- und Kölnerkaserne“. Hier war der größere Teil der Kompagnien des Kampfbataillons untergebracht.
Die Lage des Kampfbataillons war äußerst ungünstig. Es bestand dauernd die Gefahr, daß der Franzose durch Angriffe von Samogneux und aus der Hindenburg-Schlucht heraus die ganze Trichterstellung von West und Ost her aufrollte, ehe wirksame Unterstützungen durch die Samogneux-Schlucht von rückwärts herangeeilt sein konn-ten. Hinter dem Kampfbataillon lagen die beiden anderen Bataillone (I. und II.) flügelweise als Bereitschaftsbataillone in und bei der sogenannten Hagenstellung, die nördlich des Dorfes Haumont quer durch den Regimentsabschnitt verlief. Sie waren also etwa 2 Kilometer vom Kampfbataillon entfernt. Ihre Unterbringung war mangelhaft. Stollen gab es nur wenige. Ein großer Teil der Mannschaften lag in Zelten und Fuchs-löchern. Nur in der Schwaben- und Bayernschlucht waren einige Stollen und splitter-sichere Unterstände vorhanden, die aber gleichzeitig auch von Batteriebesatzungen benützt wurden.“


aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Sonntag, 10. September 2017

10. September 1917


„An den noch folgenden Kampftagen bis zur Ablösung der 27. Inf.-Division machte der Gegner noch mehrere kleinere Angriffsversuche. Sein artilleristischer Kraftaufwand war dabei immer bis aufs äußerste gesteigert, der unsere Batterien manche Verluste kostete. Bei 9./49 fiel am 9. September Kanonier Neumetzger und Fahrer Gerhardt. Bei 2./49, die auf jedes Schießen eine Erwiderung bekam, fiel am 9. Kanonier Schwarz beim Munitionheranfahren und am 10. der Gefr. Goggele auf der Beobachtungsstelle, nach-dem er, einige Tage vorher verwundet, in aufopfernder Pflichttreue seinen Dienst weiter versehen hatte. Unteroffizier Beutler dieser Batterie löschte mit größter Kaltblütigkeit in Brand geratene Munition und verhinderte dadurch die Explosion der in der Nähe gelagerten Gasmunition. Die Batterie schoß trotz feindlichen Feuers das angeforderte Vernichtungsfeuer weiter.“

aus: „Das 3. Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922


Samstag, 9. September 2017

9. September 1917


„Am 8. September wurde das I. Bataillon mit der Bahn von Han-les-Juvigny wieder vorgezogen und in dem Abschnitt des Infanterie-Regiments Nr. 475 als Sturmbataillon eingesetzt. Nach vorausgegangener Artillerie- und Minenwerfervorbereitung fand am 9. Sept., 6 Uhr vormittags, der Sturm statt. Die verstärkte 51. Reserve-Infanterie-Division sollte die Höhe 344 dem Feind entreißen, das I. Bataillon des Infanterie-Regiments 127 die Höhe 326 wieder erobern.
Der Nebel war so stark, daß man keine zwanzig Schritt weit sehen konnte. Trotzdem gelang es Teilen des I. Bataillons in schneidigem Anlauf sich, wenn auch mit Verlusten, in Besitz der Höhe zu setzen. Als einer der ersten hatte der tapfere Musketier Uhl, der als frischer Draufgänger bekannt war, den feindlichen Graben erreicht. Auch Sergeant Reißer und Unteroffizier Ritter der 2. Kompagnie, Vizefeldwebel Gratwohl der 3. Kompagnie und Unteroffizier Raile der 4. Kompagnie befanden sich unter den vordersten. Leider erlitt dabei der tapfere Führer der 4. Kompagnie, Leutnant d. R. Pfleiderer, den Heldentod. Obwohl krank, wollte er am Tage des Sturmes seine Kom-pagnie nicht im Stiche lassen. Der bewährte Führer der 2. Kompagnie, Leutnant d. R. Pfleghar, wurde schwer verwundet. Infolge des dichten Nebels – man konnte, wie ein Verwundeter aussagte, nicht unterscheiden, ob im Nachbartrichter Freund oder Feind sitze – der in dem unbekannten Gelände jede Orientierung ausschloß, sowie wegen des heftigen feindlichen Flankenfeuers gelang es dem Bataillon auf die Dauer nicht, die Höhe zu halten, zumal die Verluste an Offizieren und Mannschaften sich häuften. Das Bataillon ging daher in seine Ausgangsstellung zurück und hielt sie fest in der Hand. Auch die Höhe 344 ging wieder an die Franzosen verloren.“


aus: „Das neunte Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 127 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Freitag, 8. September 2017

8. September 1917


„Als am 8. September das III./124 in vordere Linie rückte, kam es beim Vormarsch in Artilleriefeuer, besonders die 11./124 hatte unter Beschießung mit Gasgranaten sehr zu leiden. Vizefeldwebel Hagel von Ochsenhausen zeichnete sich bei diesem Anlaß durch anerkennenswerte Kaltblütigkeit ganz besonders aus. Er setzte in seinem Wirkungs-bereich alles daran, die durch das Feuer zerstreuten Leute wieder zusammen zu bekom-men.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

Donnerstag, 7. September 2017

7. September 1917


„Der Abtransport arbeitete vorzüglich – trotz aller Erschwerungen; Kraftwagen standen genügend zu Gebote. Unsäglich schwer und gefahrvoll war nur der Transport aus der vordersten Linie. 3 – 4 Stunden mußten die Verwundeten von den Krankenträgern im Artilleriefeuer, oft mit aufgesetzter Gasmaske durch das schlammige Trichterfeld ge-schleppt werden – Stunden aufopfernder Pflichttreue, aber auch unbeschreiblicher Qual und seelischer Erschütterung und Spannung für die Verwundeten. So mancher, fast schon gerettet, fiel, ein Opfer der Brisanzgranaten oder des heimtückischen Gases. Besonders furchtbar und schwierig war der Transport durch den Houthulster Wald mit dem Gewirr von gefällten Baumstämmen, zersplitterten Ästen und Trichtern. Vielfach konnten die Krankenträger ihre Aufgabe auch nur bewältigen mit Unterstützung der kämpfenden Truppe selbst, von der, wie auch schon an der Somme, Mannschaften zum Verwundetentransport abgegeben werden mußten – zum Schaden für die Gefechtskraft. Die Krankenwagen der Sanitätskompagnien konnten von den Wagenhalteplätzen bis in die Gegend der hinteren Sanitätsunterstände nur an ruhigeren Tagen vorfahren, da das Artilleriefeuer alle Gespanne, die sich bei Tage zu weit vorwagten, vernichtete. Außer-dem gab es fahrbare Wege vorwärts der schweren Artilleriestellungen kaum mehr. Am Wagenhalteplatz waren die Verwundeten so gut wie geborgen. Rasches Umladen in die Sanitätskraftwagen, vorher noch eine Erfrischung mit Tee, Kaffee, Wein, bei starker Erregung oder unerträglichen Schmerzen eine Spritze Morphium – und fort ging’s auf immer besser werdenden Wegen und Straßen zum Hauptverbandplatz. Jeder Hauptver-bandplatz verfügte über 4 – 5 Sanitätskraftwagen mit Anhängern, bei großem Verwun-detenanfall stand noch ein Omnibus sowie Lastautos bereit für die Leichtverwundeten. sehr bewährt haben sich die kleinen zweiräderigen „Mannesmann-Anhänger“ für 2 liegende Verwundete. Mit diesem Transportmittel ließ sich der Transport vom Wagen-halteplatz her, wie der Abtransport nach den Feldlazaretten bewerkstelligen.“

aus: „Das Sanitätswesen im Weltkrieg 1914–18“, Stuttgart 1924

Mittwoch, 6. September 2017

6. September 1917


„Ein einziges Mal – am 6. September – ist es dem Engländer gelungen, in der Mitte des Abschnitts, im sogenannten „Kaminhof“, einzudringen. Aber es bestand für ihn kein Anlaß, sich dieses Erfolges zu rühmen, denn was er hier vorfand, waren die Leichen von Helden, die bis zur letzten Stunde ihr Menschenmöglichstes geleistet hatten; unter ihnen befand sich der schneidige Kompagnieführer, Leutnant d. R. Lenhardt. Zudem warf sie ein glänzend geführter Gegenstoß zweier Kompagnien des III. Bataillons (9. und 12.), ehe sie sich versehen hatten, wieder hinaus. Mit der Einbuße einiger Dutzend Gefan-gener und schweren blutigen Verlusten war für sie dieser vorübergehende Erfolg teuer erkauft.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

Dienstag, 5. September 2017

5. September 1917


„Nachdem am 4. September der ganze Divisionsabschnitt ohne sichtlichen Grund wiederum eingenebelt worden war, griff der Gegner am 5. abends 10 Uhr nach Trommelfeuer den linken Flügel des Regiments an und auf 150 m Entfernung tauchten im Schein der Leuchtkugeln stärkere englische Kräfte auf. Die 9. Kompagnie empfing sie entsprechend und im Salvenfeuer brach der Angriff zusammen. Von den Tapferen, die im Trommelfeuer sich duckend, als erste am Trichterrand standen, sobald der Tommy sich zeigte, sei der Gefreite Heinzelmann der 9. Kompagnie genannt, der mit seine Gruppe dem Engländer jedes Vorkommen verwehrte. Leider hat ein Volltreffer auch dieser Kompagnie an jenem Abend mehrere brave Grenadiere entrissen.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

Montag, 4. September 2017

4. September 1917


Gebhard Josef Emberger
LEUTN. D. R. FLIEGERSTAFFEL 29                                                               4. SEPTEMBER 1917
Geb. 12. 2. 96 in Schmalegg, Sohn des Oberlehrers. Sem. Saulgau 1915, rückte im Oktober 1914 freiwillig nach Ravensburg ein und stand von Dez. 1914 bis August 1916 bei Landw. 123 in den Vogesen – E. K. II. Von August 1916 bis Juni 1917 Ausbildung als Flieger in Gotha und Böblingen, dann Flugzeugführer bei der Fliegerabtlg. 13 und seit Juli 1917 Kampfflieger. Am Abend des 4. Sept. 1917 verfolgte Emberger mit zwei weiteren deutschen Jagdfliegern 6 Engländer. Dabei kam er mit zwei von den Feinden in Kampf; sein Benzinbehälter wurde durchschossen, er brannte und hellauf flackerte wie eine feurige Fackel das Flugzeug. Emberger sprang aus ca. 1000 m ab, um dem Verbrennungstode zu entgehen. Zerschmettert lag er hinter der deutschen Linie am Südrand des Houthulster Waldes. Er ruht auf dem Ehrenfriedhof II nördlich Thourout. Große Geistesgegenwart und ein scharfes Auge befähigten ihn zum Kampfflieger. Sonst gütig und anspruchslos war er immer freundlich und gefällig und deshalb allgemein beliebt.“

aus: „Ehrenbuch der im Weltkrieg gefallenen kath. Lehrer Württembergs“, Biberach an der Riß 1927


Sonntag, 3. September 2017

3. September 1917


„Im Laufe des 3. waren tagsüber schon mehrfach Ansammlungen beim Feind unter Vernichtungsfeuer genommen worden, 11 Uhr abends setzte schlagartig Trommelfeuer auf das in Kampfstellung befindliche III./124 ein, die Batterien und das Hintergelände erhielten schwere Kaliber. 11.30 Uhr abends kam der Angriff, er wurde überall abgewiesen. Da die 11./124. erhebliche Verluste hatte, wurde sie durch die 9. aus der Wilhelmsstellung verstärkt. Die Engländer wiederholten ihre Angriffe erfolglos noch einige Male, dann trat Ruhe ein. 2 Uhr vormittags brach das Trommelfeuer abermals los und dichte Sturmwellen brachen besonders gegen den linken Flügel los. Diesmal wurde der Angriff von Flammenwerfern unterstützt, die in dem von dem Gegner besetzten Tank einen vorteilhaften Stand hatten. Hier kam der Feind unserer Trichterlinie etwas näher, einzudringen vermochte er auch diesmal nirgends. Unter Verlust von 35 Mann hielt das III. Bataillon die Stellungen. Dies war immerhin ein fühlbarer Ausfall, denn die Kompagnien rückten mit nur 45 Gewehren in Stellung. Die neugebildeten 4. Züge lagen vom Kampfbataillon in Mosselmarkt und hatten den Nachschub zu besorgen. Diese Maßnahme war erforderlich, um nicht das in Stellung kommende Bataillon schon vor dem Einsatz durch diese Trägerdienste zu ermüden.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

Samstag, 2. September 2017

2. September 1917



„Nicht unglücklich waren wir, als alm 2. September 1917 die Brigade die demnächst bevorstehende Ablösung der 26. durch die 208. Inf.-Division (119 durch 185) bekanntgab. Die Aussicht, bald aus dem Schlamm und Dreck und dem englischen Eisenhagel herauszukommen, versetzte alle Grenadiere in die freudigste Stimmung; wir bedauerten nur, daß wir die Ausführung des inzwischen gut vorbereiteten, aber aus allerlei Gründen immer wieder verschobenen Unternehmens „Tarnopol“ auf Grund höherer Weisung unseren Nachfolgern überlassen mußten.“


aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Freitag, 1. September 2017

1. September 1917


„Eine Unmenge Fesselballons beobachteten dauernd das Kampfgelände. Artillerie streute kreuz und quer wechselnd ab; man hatte den Eindruck, daß die veränderte Abwehrkampfweise – vorne Postenlinie, dahinter eine Art Tiefenzone des Kampf- und Bereitschaftsbataillons ohne erkennbare Stellung – den Feind zu einem besonderen Schießverfahren mit großem Munitionsaufwand zwingt. Er sucht im Lauf des Tages mit kurzen, heftigen Feuerüberfällen das ganze Gelände zu unregelmäßiger Zeit ab und so die innerhalb dieses Raumes öfters wechselnden Infanteriebesatzungen und zerstreut liegenden M.-G.-Züge zu fassen. Gleichzeitig werden alle erkennbaren Anlagen (Ge-fechtsstände, Betonunterstände, Batterien, markante Geländepunkte, Straßenkreuzung-en, Bahnübergänge usw.) mit schweren und schwersten Kalibern bedeckt.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1921

Donnerstag, 31. August 2017

31. August 1917


„Das I. Batl. war durch diesen Großkampf derart abgekämpft und geschwächt, daß in der Nacht vom 28. auf 29. August seine Zurückziehung in den Reserveraum östlich der Straße Westroosebeke – Paschendaale in der Gegend des Heidegutes befohlen wurde, betrugen doch die Verluste an Toten, Verwundeten und Vermißten nicht weniger als 4 Offiziere, 147 Mann. Der Aufenthalt in diesem Reserveraum war auch nicht ideal zu nennen. Einige Baracken und einzelne Gehöfte, die teilweise unter schwerem Feuer lagen, dienten dem Bataillon als Aufenthalt, während jetzt das III. Batl. die Wilhelm-Stellung und das II. Batl. die 2., sog. Flandern-I-Stellung, besetzt hielt. Bis zum 1. September ereignete sich nichts Wesentliches mehr. Der Engländer scheint an der am 27. August erlittenen Abfuhr vorläufig genug zu haben, lediglich die Flieger- und Artillerietätigkeit ist auf allen drei Stellungen des Regiments unvermindert stark. Am 31. August erfolgte erneute Umstellung der Bataillone: II. ist Kampfbataillon, I. Bereitschaft und III. Reservebataillon. Die Lage bleibt zunächst unverändert; starke Feuerüberfälle auf Kampf- und Bereitschaftsbataillon fügen dem Regiment trotzdem nicht unbedeutende Verluste zu.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936

Mittwoch, 30. August 2017

30. August 1917


„Man kann sagen, daß während der drei Wochen eine ununterbrochene Artillerie-schlacht tobte; auf beiden Seiten kamen die Batterien nicht zur Ruhe. Die Kanoniere standen schweißbedeckt bei Tag und Nacht an ihren Geschützen und ließen eine Granate nach der anderen auf die Feinde niedersausen. Selbst die schwersten Kaliber unter-hielten ein Feuer, dessen Stärke man drei Jahre früher kaum bei den leichten Feldge-schützen gewohnt war. Je nach dem Zweck bediente sich die Artillerie allerlei Arten von Munition. Zum großen Verdruß unserer Gegner verwandten wir vornehmlich zur Be-kämpfung der feindlichen Artillerie und zur Verseuchung des Schlachtgeländes eine neue Gasgranate, das sogenannte Gelbkreuzgeschoß, das eine furchtbare Wirkung hatte und dem die Engländer nichts Ebenbürtiges entgegenstellen konnten. Sie machten gerne von Nebelgranaten Gebrauch, mit denen sie kurz vor dem losbrechenden Infanterie-angriff das ganze Kampfgelände in ein undurchdringliches Wolkenmeer einhüllten. In seinem Schutz erhoben sich die englischen Sturmreihen aus den Granattrichtern und strebten dann, wo die Beschaffenheit des Geländes es zuließ, von Tanks begleitet, dicht gedrängt in vorher festgelegter Richtung auf unsere Unterstände zu. In geringer Höhe eilten ihnen ungezählte Fliegergeschwader voraus, die sich mit Bomben und Maschinen-gewehrfeuer am Kampf beteiligten. Auf die Mitwirkung von Minenwerfern mußten beide Parteien verzichten. Aus der Rolle des Angreifers erwuchsen der englischen Infanterie große Vorteile gegenüber der unsrigen. Während jene erst kurz vor dem Sturm sich in die Hauptfeuerzone begab, mußten unsere Kompagnien sich tagelang in den wenigen engen Betonklötzen dem schweren feindlichen Artilleriefeuer aussetzen. Was das heißt, fortgesetzt Granaten von 21 cm und 24 cm Kaliber um sich herum einschla-gen zu sehen und dabei sich sagen zu müssen, daß schon die nächste dem schützenden Unterstand den Garaus machen kann, also hilflos sich und seine Kameraden einem qualvollen Erstickungstod zwischen Betonklötzen preisgegeben zu wissen, kann nur der fühlen, der solche entsetzlichen Stunden miterlebt hat. Fast täglich forderte das feind-liche Artilleriefeuer einen oder mehrere Unterstände; von ihren Besatzungen hat man nur selten noch Spuren gefunden. Schließlich kam es so weit, daß sich die Leute lieber schutzlos in Granattrichtern niederließen, als sich den gefährdeten Unterständen anzu-vertrauen.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922
Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 708

Dienstag, 29. August 2017

29. August 1917


„Die beiden nächsten Tage verliefen bei lebhafter Artillerietätigkeit sonst ruhig. Am 29. August nahm die 5./124 einen englischen Oberstabsarzt, 2 Trainoffiziere und 14 Krankenträger gefangen, die sich beim Bergen Verwundeter in unsere Linie verlaufen hatten, sie gehörten der 61. englischen Division an. Sie protestierten zwar lebhaft gegen die Gefangennahme unter Hinweis auf das Genfer Kreuz, aber nachdem sie unsere Linie genau erkundet hatten, erforderte die eigene Sicherheit diese Maßnahme. 6./124 wies einen feindlichen Patrouillenvorstoß ab. In der Nacht nahm der Gegner besonders die Anmarschstraßen und das Hintergelände unter Schrapnell- und Granatsalven. Hierbei fiel Leutnant Hepp, 7./124, und 2 Mann durch Volltreffer, 7 Mann wurden verwundet.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

Montag, 28. August 2017

28. August 1917


„In der Nacht vom 27. / 28. wurde das tapfere I./124 durch das frische II. aus Roulers abgelöst, konnte aber infolge der gespannten Gefechtslage nicht in die Unterkunft zurück, sondern mußte im Calwer-Lager unterziehen. Diese Unterbringung war nicht gut, außerdem wurde das Lager vom Gegner beschossen. Die Ablösung war außer-ordentlich schwierig geworden, da sie nicht unbemerkt vom Gegner hatt6e erfolgen können, das Regiment verlor 4 Tote, dabei Offizierstellvertreter Moosbrugger, 28 Ver-wundete und 2 Vermißte.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

Sonntag, 27. August 2017

27. August 1917


„Durch starken Regen am 26. August abends sind die Gräben völlig verschlammt, alle Granattrichter voll Wasser. Das nach kurzer Ruhe notgedrungen schon wieder eingesetzte I. Bataillon drängt auf baldige Ablösung; sie wird ihm auf 28. August früh versprochen. Doch vorher hat das Bataillon Gelegenheit, noch zu beweisen, daß selbst eine stark ermüdete und durch Feuer und Verluste in der Gefechtskraft geschwächte Truppe (z. B. die 2. Kompagnie nur noch 20 Mann in der Stellung) Großes zu leisten vermag.
Schlagartig beginnendes Trommelfeuer leitete am 27. August 1917 gegen 2.45 Uhr nachmittags einen Großkampf ein. Schon 2.50 Uhr nachmittags ging die feindliche Infanterie in dichten Schützenlinien mit Flammenwerfern, von denen ein Träger bren-nend zu Boden stürzte, von Langemarck aus vor, während zahlreiche englische Flieger aus geringer Höhe unsere vordere Stellung mit Maschinengewehren beschossen; ihre Tätigkeit litt aber dann erheblich unter dem einsetzenden Regen und Wind.
Angesichts der englischen Angriffswellen ging nun durch die ermüdeten Grenadiere sofort wie ein elektrischer Funke das Kampffeuer. Im Nu war alles feuerbereit. Die Schützen und die Maschinengewehre eröffneten ein mörderisches Feuer auf den im aufgewühlten und aufgeweichten Boden mühsam heranstapfenden Gegner, der nach Augenzeugen kaum 100 Meter vorzukommen vermochte. Der Angriff wurde von der 1., 2. und 4. Kompagnie und den Maschinengewehren glänzend abgewiesen. In Unordnung und mit schweren blutigen Verlusten flutete der Feind zurück.
Der Kompagnieführer der 2. Kompagnie berichtete nach dem Kampf: Alle Führer und die wenigen Grenadiere der Kompagnie haben im schwersten englischen Granat- und Schrapnellfeuer, beunruhigt noch durch zahlreiche Kurzschüsse einer eigenen 15-cm-Haubitzbatterie unmittelbar hinter und in unserer Trichterlinie, mit bewundernswerter Ruhe, Tapferkeit und Entschlossenheit unter höchst ungünstigen Witterungsverhält-nissen aus- und standgehalten in gehobener Stimmung, hervorgerufen durch den großen Erfolg des Tages, der ganz auf unserer Seite war, bei verhältnismäßig sehr geringen Verlusten (nur 2 Leichtverwundete).
Ähnlich war es bei den anderen Kompagnien. Die 4. Kompagnie am linken Flügel hatte jederzeit Augenverbindung mit dem links anschließenden Res.-Regt. 120. Die am Kampftage selbst auftauchende, wenig angenehm berührende Nachricht, daß der Gegner bei 4./119 eingedrungen und von hier gegen die rechte Flanke des linken Nachbar-regiments (Res.-Regt. 120) vorgegangen sei, war lediglich Erfindung oder Wahnvor-stellung..“


aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Samstag, 26. August 2017

26. August 1917


„Am 25. August kam der Befehl, daß die 27. Inf.-Division die 12. Res.-Division als Kampfdivision ablöst, In den Nächten zum 26. und 27. gingen 1., 2., 4., 5., 6. und 7./49 in Stellungen der abgelösten Batterien des Res.-F.-A.-R. 12, während die 3./49 und die 8. und 9./49, welche mit dem Stab III/49 noch in ihren Stellungen zweiter Welle blieben, erst in den Nächten vom 28. bis 29. August eingesetzt wurden. Auch in den Morgen-stunden des 25. und 26. erfolgten feindliche Angriffe und die Umgruppierung der Batterien in dem die ganze Nacht unter Streufeuer liegenden Gelände gestaltete sich nicht einfach. Bei 4./49 wurde, nachdem die eine Hälfte der Batterie schon in der neuen Stellung war, die alte Stellung noch planmäßig beschossen, wobei durch einen Voll-treffer in den einzigen Unterschlupf, einem alten Keller, Kanonier Mäuerle getötet und Kanonier Käser schwer verwundet wurde. Die Batterien der II./49 und später die 3. und 9./49 traten zur Gruppe Nord, deren Führung auf dem mit dem Gren.-Reg. 123 zusam-menliegenden Gefechtsstand der Stab II./49 am 27. übernahm.“


aus: „Das 3. Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Freitag, 25. August 2017

25. August 1917


„In der Nacht vom 24. / 25. wurde die vordere Linie des Res.-Inf.-Regts. 51 abgelöst. Diese Ablösung war außerordentlich schwierig, in dem heftigen Artilleriefeuer war allein schon die Befehlsübermittlung an die Bataillone eine Leistung. Am Nachmittag mußten sich Vorkommandos vorn umsehen, die Nachrichtenmittel übernommen werden und der Nachschub eingerichtet werden. Das alles war auszuführen, während der Groß-kampf tobte und nur in den Angriffen, aber nicht in der Artillerietätigkeit der Engländer eine Pause eingetreten war. Die Ablösung wurde ferner dadurch erschwert, daß die Verbände vorn gemischt waren. In das Res.-Inf.-Regt. 51 war das Inf.-Regt. 38 einge-schoben. Trotz aller Vorsicht ging die Ablösung nicht ohne Verluste durch Artillerie-feuer vor sich. I./124 unter Major Ullerich besetzte das Vorfeld tief gegliedert mit der 1. und 3. Kompagnie, se lagen ohne Stellung in Granattrichtern, Anklammerungspunkte boten einige noch erhaltene Betonunterstände aus früherer Zeit, 2./124 besetzte die Wil-helmsstellung, die 4. dahinter. Der K.-T.-K. bezog einen Gefechtsstand am Almenhof, III. Bataillon bezog die Bereitschaften vorwärts Grafenstafel, II./124 kehrte als Ruhe-bataillon nach Roulers zurück. Rechts vom Regiment lag das Gren.-Regt. 123, links Inf.-Regt. 120. Kaum war das Regiment in die Stellung eingerückt, da schoß der Gegner derartig mit Gasgranaten, daß die Masken lange Zeit aufgesetzt werden mußten.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921


Donnerstag, 24. August 2017

24. August 1917


„Vor dem Marsch in die Flandernschlacht wurde noch ein stimmungsvoller Feldgottes-dienst in Hooglede abgehalten. Die feindliche Artillerie grollte dumpf von der nahen Front herüber. „Der Feind will in unser Haus eindringen, er will da Tor einschlagen, wir hören eben die dröhnenden Schläge, die er führt. Schon splittern die Bohlen, das Tor will nachgeben. Es gilt jetzt, sich mit der ganzen Kraft dagegenstemmen, damit der Feind nicht eindringen kann,“ sagte der Feldgeistliche. Das II. Batl. wurde zuerst eingesetzt. Zersplitterte Bäume, tiefe Granatlöcher, die wir auf dem Vormarsch antrafen, zeigten, daß wir im Bereich des feindlichen Feuers waren. Immer näher kamen wir der Schlacht, die vor uns tobte, wir hatten ein Gefühl, als ob wir in einen Höllenrachen marschierten. Allmählich war es Nacht geworden, vor uns glänzte das schönste Feuer-werk. Auf allen Seiten blitzte es unaufhörlich, es war das Mündungsfeuer der feindli-chen Kanonen. Einige weit entfernte Leuchtfeuer hüllten alles in rötliches Licht. Von Zeit zu Zeit stiegen farbige Leuchtkugeln auf, das Ganze war wie bei einer Herbstfeier, aber das unaufhörliche Krachen und Splittern der Granaten brachte uns zum Bewußt-sein, daß wir keiner fröhlichen Herbstfeier, sondern einer blutigen Schlacht entgegen-gingen. Der 1. Zug der 5. Komp., bei dem ich war, kam in Vorfeldstellung. Sie war so nah am Feind, daß sie nur nachts bezogen werden konnte. Beim Schein zweier engli-scher Leuchtfeuer einige hundert Meter halbrechts und halblinks von uns und beim Aufflammen der Leuchtkugeln konnten wir unsere nähere Umgebung betrachten. Rings-um eine schreckliche Öde, in der Hölle kann es nicht trostloser aussehen. Granattrichter neben Granattrichter, fast alle bis an den Rand mit Wasser gefüllt, der ganze Boden zerfetzt. Man konnte nicht mehr unterscheiden, war hier früher Wiese oder Acker, hatte ein schön angelegter Garten das Herz erfreut oder war der Boden noch nie angepflanzt gewesen, so viele Löcher hatten die Granaten gerissen. Mühsam hatten wir uns zwi-schen den Granatlöchern hindurchwinden müssen, um in die Vorfeldstellung zu gelan-gen. Da kauerten wir jetzt in schlammigen Löchern und starrten zum Feind hinüber, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett schußbereit. Wo war er wohl? Nichts war von ihm zu sehen. Nur drüben, nicht gar weit entfernt, flammte unaufhörlich das Mündungsfeuer der englischen Geschütze. Zerschossene Bäume hundert Meter rechts von uns, bewe-gungsunfähig gemachte Tanks, ein abgeschossenes Flugzeug mit steil in die Höhe gerecktem Schwanz zeigten den Verlauf einer Straße und waren Zeugen von schweren Kämpfen vorangegangener Tage. Ununterbrochen rauschten hoch über unseren Köpfen die schweren Granaten hinüber und herüber. Granaten leichteren Kalibers schlugen in unserer Nähe ein und überschütteten uns mit Sand und Schlamm. Dazwischen waren Gasgranaten gemengt, die mit kaum hörbarem Knall platzten und einen widerlich süßlichen Geruch verbreiteten. Wo war der Feind? Das mußte festgestellt werden. Eine Patrouille machte sich auf den Weg und unterzog auch die zerschossenen Tanks einer genauen Besichtigung. Die Besatzung lag tot umher. In dem einen Tank war ein noch brauchbares Maschinengewehr. Es wurde herausgeholt und leistete bei den späteren Kämpfen gegen die Engländer gute Dienste. Aber auch die Engländer entfalteten eine rege Patrouillentätigkeit. Vor den Leuchtfeuern sah man von Zeit zu Zeit starke eng-lische Patrouillen vorüberhuschen, kenntlich an den flachen Stahlhelmen. Die engli-schen Gräben hatten sich angefüllt, ein Angriff stand bevor. Gelbe Leuchtkugeln stiegen bei uns hoch, die Artillerie zu Vernichtungsfeuer auffordernd. Ein Höllenkonzert ging los, auch der Engländer antwortete mit Sperr- und Vernichtungsfeuer. Das Platzen der einzelnen Granaten war nicht mehr zu unterscheiden, es war ein unaufhörliches Don-nern, Brausen, Zischen, Fauchen. Hochauf flogen Steine, Sand, Holztrümmer. Dichter Qualm hüllte alles ein. Der beißende Gestank der explodierenden Granaten erschwerte das Atmen. Leuchtkugeln aller Farben stiegen bei uns und beim Engländer in die Höhe und bildeten im Verein mit dem Mündungsfeuer der Kanonen und den platzenden Granaten ein prächtiges Feuerwerk, dessen Glanz aber allmählich im aufgewirbelten Staub und Dunst verschwand. Nach einer halben Stunde verebbte allmählich das Höllenkonzert langsam und hielt sich dann auf seiner gewohnten Stärke. Als der Morgen dämmerte, gingen wir von der Vorfeldstellung etwa hundert Meter zurück. Unterstände waren keine vorhanden, jeder mußte sehen, wie er sich in einem halbwegs trockenen Granatloch möglichst schnell einrichtete. Kaum war es hell, so kamen schon die feindlichen Flieger. Wie Augen eines Ungeheuers schauten die rot-weiß-blauen Ringe der Tragflächen auf uns herab. Das Tak-Tak-Tak ihres Maschinengewehrs verkündete, daß wir entdeckt waren. Bald hagelte es dann auch Granaten. Rechts, links, vorne, hinten spritzten Sand, Erde, Schlamm, Steine, Balken, Wellblech in die Höhe. Wie eine Schaukel schwankte der Boden unter den schweren Einschlägen. Einige der Kameraden wurden in Stücke zerrissen, andere verloren Füße oder Arme, manche wurden verschüt-tet. Nachdem die Engländer glaubten, uns durch ihr heftiges Granatfeuer vernichtet oder zum Verlassen der notdürftig hergerichteten Deckung gezwungen zu haben, suchten sie uns durch rasendes Schrapnellfeuer vollends den Garaus zu machen. Mit betäubendem Gekrach platzten die Geschosse, wie Schloßen so dicht prasselten die Bleikugeln auf den Boden. Wir waren froh, als der Tag vorbei war und wir wieder unsere Vorfeld-stellung beziehen konnten. Dort waren wir zwar näher am Feind, aber die feindlichen Granaten gingen über uns weg, die Engländer vermuteten uns nicht so weit vorne.
Drei Tage und vier Nächte mußten wir in dieser Hölle aushalten, dann löste uns das I. Batl. ab. Hungrig und durstig zogen die Überlebenden rückwärts, vergeblich suchten sie den brennenden Durst mit dem ekelhaften Wasser der Granatlöcher zu löschen. Die Ablösung war infolge des schwierigen Geländes und der stockfinsteren Regennacht so spät gekommen, daß wir bei Tag zurückmarschieren mußten. Da konnten wir die Schrecken des Schlachtfeldes schauen. Hier hatte eine Granate in eine marschierende M. G.-Abteilung eingeschlagen. Zertrümmert lag das M. G., rings herum die zerschmet-terten Schützen. Dort waren zwei Krankenträger mitsamt dem Verwundeten, den sie zurücktragen wollten, vom Tod ereilt worden. Ein Stück entfernt lagen Essenträger, die vollen Eimer noch auf dem Rücken. Ringsum Tod und Vernichtung!“



aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936

Mittwoch, 23. August 2017

23. August 1917


„Am 21. ging der Marsch zur 206. Inf.-Division, hinter der wir bereitgestellt werden sollten, weiter. Der Regimentsstab kam nach Andevanne. Auf allen Straßen in Richtung Buzancy sah man die Kolonnen der Division marschieren, ein strahlend schöner Tag war es, eine herrliche Gegend, und überall ertönten Marschlieder. Der ganze Krieg hatte sofort ein ganz anderes Gesicht, wenn einmal marschiert werden konnte. Eine ganz andere Stimmung kam dann auf, als in dem ewigen Stellungskrieg, der einem nach-gerade zum Halse heraushing. Aber gleich auf dem Marsche ereigneten sich einige merkwürdige Unfälle. Ein Unteroffizier des Regimentsstabes stürzte mit dem Pferd und wird schwer verletzt. Offizierstellvertreter Huber, Verpflegungsoffizier der I. Abteilung, ein außerordentlich tüchtiger und aufrechter Mann, früher im Frieden mein Wacht-meister bei der 6./13, stirbt infolge eines Sturzes vom Wagen, dessen Pferde durchgin-gen, wobei noch ein Mann verletzt wurde.
Der Anfang war nicht gut. Aber es kam bald noch schlimmer.
Als wir Andevanne erreichten, ertönte in Richtung auf die Front eine mächtige Detonation. Was war das? Fliegerbombe konnte es nicht sein, dafür war die Detonation zu stark. Ein Schuß auch nicht, man hatte sein Herankommen nicht gehört, Die boden-ständigen Truppen der 28. Inf.-Division wußten Bescheid. Es war ein neues, torpedo-artiges Geschoß von 34 cm Kaliber, mit dem der Gegner nach Romagne schoß, wo der Bahnhof und Munitionsdepots sich befanden. Wir hörten diese Einschläge mehrmals in jeder Stunde, das Kommen der Geschosse war nicht zu hören, auch in der Nähe von Romagne nicht.
Die Stimmung war überall, wohin man kam, nervös, wie sie nach ungünstig verlaufen-den Kampfhandlungen zu sein pflegte. Allmählich erfuhr man einiges aus den Kämpfen. Der Gegner hatte am 20. beiderseits der Maas angegriffen, mit starker Artillerie-vorbereitung. Der „Tote Mann“ war verloren gegangen. Vor und hatte der Gegner nach Niedertrommelung der Infanteriebesatzung unsere vordersten Gräben genommen, welch bisher die 29. Inf.-Division gehalten hatte. Teile der 206. Inf.-Division waren in die Schlacht geworfen worden, und unsere Division sollte als weitere Verstärkung einge-setzt werden, da man eine Fortsetzung der Angriffe befürchtete. Von der Front hörten wir den dauernden Artilleriekampf, dazwischen die Einschläge in Romagne.
Schon in der Nacht vom 22. auf 23. August sollten die 1., 2., 9./Res. 54 die 7,. 9., 6./265 der 206. Inf.-Division ablösen. Den Einsatz sollte die abzulösende Division leiten. Der Regimentsstab war mal wieder ausgeschaltet, was sich nach unseren Erfahrungen nie bewährte. Fremde Stäbe und Truppen hatten naturgemäß nie dasselbe Interesse wie eigene. Ihnen war das Herauskommen wichtiger, als der Einsatz unserer Batterien. Die drei Batterien sollten neue, unausgebaute Stellungen östlich Montfaucon beziehen. Der Befehl zum Einsatz erreichte die Batterien etwa um 3 Uhr nachmittags. Um 4 Uhr sol-lten die Batterieführer am Straßenkreuz Montfaucon sein, um in ihre neuen Stellungen eingewiesen zu werden. Aber sie warteten stundenlang vergebens auf einen ortskun-digen Führer. Was tun? Leutnant Ottenheimer ritt zum Artilleriekommandeur der 206. Inf.-Division zurück. Die Batterien wollten keine Stellung beziehen, die nicht genau erkundet war. Inzwischen hatten die beiden andern Batterieführer den für die „Ein-weisung“ bestimmten Offizier gefunden, der merkwürdigerweise erklärte, er sei heute selber zum erstenmal in dieser Gegend, aber der ihn begleitende Vizewachtmeister wisse ausgezeichnet Bescheid. Jetzt hatte der Vizewachtmeister das Wort. Und was sagte er? Hier ungefähr – und dabei beschrieb er mit dem Arm einen weiten Halbkreis – sollen die Batterien in Stellung gehen, dann tauchte er mit seinem Begleiter in der Dämmerung unter.
Die zweite Batterie war infolge eines falsch überbrachten Befehls schon am Nachmittag vorgezogen worden. Sie stand angespannt an einem Steilhang im Schutze dichter Büsche und Bäume. Deshalb war sie zuerst zur Stelle. Leutnant Cantner wollte die Batterie am jenseitigen Waldrand in Stellung bringen, aber es war schlechterdings unmöglich, um die mit Granattrichtern besäte und noch immer unter Feuer liegende Ostecke des Waldes von Montfaucon herumzukommen. Es blieb nur ein schmaler Raum zur Aufstellung der Geschütze übrig. Vor der Batterie führte eine ziemlich tief einge-schnittene Feldeisenbahn vorbei. Rechts gähnte ein großer Steinbruch und nur nach links hatte die Batterie ein wenig Bewegungsfreiheit.
Das Einrichten der Geschütze dauerte ziemlich lange. Die über den Köpfen hinsur-renden Flieger gestatteten die Benützung von Taschenlampen immer nur für Augen-blicke.
Eben bog auch die Batterie Bosler in ihre „Stellung“ ein. Deutlich drangen die Kom-mandos zum Abprotzen zur 2. Batterie herüber. Fast gleichzeitig schlugen die feind-lichen Granaten in die 9, Batterie.
Der Batterieführer, Leutnant d. R. Bosler, und der soeben zur Batterie kommandierte Leutnant d. R. Klemm fielen, 4 Mann waren tot bzw. starben an ihrer Verwundung: Gefreiter Laichinger aus Eberbach, F. Emmendorfer von Wolfratshausen, Georg Mahler von Asch, gest. im Res.-Laz. 18 in Dun, Jakob Möst von Talheim. Die Leutnants d. R. Stählin und Wurster, 1 Vizewachtmeister, 1 Unteroffizier und 9 Mann waren schwer, 5 weitere leicht verwundet.
Die Batterie mußte sofort wieder herausgezogen werden, da kein Offizier mehr vorhan-den war und eine Neueinteilung erforderlich wurde. Als Batterieführer wurde Leutnant Niemann vom Regimentsstab zur 9. Batterie versetzt; an dessen Stelle trat Leutnant d. R. Klotz von der 1. Batterie zum Regimentsstab.
Bei der 2. Batterie waren die Bespannungen unversehrt geblieben, aber die Geschützbe-dienungen, die dem feindlichen Feuer ohne jede Deckung preisgegeben waren, erlitten ebenfalls starke Verluste. Der 42jährige Kriegsfreiwillige Unteroffizier Hofmann aus Ludwigsburg, der Sanitätsgefreite Zumsteeg, der Kanonier Roth und Gefreiter Olpp fielen, 2 Unteroffiziere und 5 Mann waren zum Teil schwer verwundet.
Die 1. Batterie war gerade im Anmarsch. Sie suchte sich dem Feuer, das auf dem Weg Montfaucon – Septsarges lag, so gut es ging zu entziehen. In starkem Tempo fuhr sie hinter der 9. Batterie vorbei. Der inzwischen selbst verwundete Batterieführer, Leutnant d. R. Ottenheimer, ließ die Batterie am Waldrand abprotzen und schickte Protzen und Pferde schnell zurück, um größeres Unheil zu vermeiden. Die Geschütze wurden links neben der 2. Batterie in Stellung gebracht. Der Batterieführer mußte nun die Stellung verlassen und sich in Lazarettbehandlung begeben. Außer ihm waren 6 Unteroffiziere und Mannschaften verwundet.
In der Nacht vom 23. auf 24. wurden 4. und 3. Batterie eingesetzt, was sich nunmehr ohne Verluste vollzog, da die Führer Zeit gehabt hatten, sich vorher zu orientieren. Auch der Einsatz der übrigen Batterien geschah ohne Verluste.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 54 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

Dienstag, 22. August 2017

22. August 1917


„Der 22. August war wieder Großkampftag. Schon um 2 Uhr morgens streute der Gegner die vorderen Linien, besonders aber die Zufahrtswege im Hintergelände ab, wobei er Gasgranaten verwandte, so daß der reizwirkende Rauch über Lager und Bereitstellungen hinwegzog. Schon in den ersten Morgenstunden waren die Batterien alarmiert und vorgezogen worden auf ihre Bereitstellungsplätze. Stab I./49 begab sich mit dem Regimentsstab des Gren.-Reg. 123 auf den Gefechtsstand westlich Mossel-markt, wohin auch die Batterieführer kamen. Vorne war stärkstes Trommelfeuer. Auf die bereitgestellten Batterien kam viel Streufeuer, auch schweren Kalibers, wodurch bei 1./49 Kanonier Eyerich fiel und ein Mann verwundet wurde. Auch Fliegerbomben schlugen in der Nähe der Batterie ein. Die Batterien der II./49, die dem Inf.-Reg. 124 zugeteilt worden waren, bezogen neue Bereitstellungen in den Hecken bei Heidegut südlich Westroosebeke Auf die Meldung hin, daß der Angriff in der Hauptsache abgeschlagen sei, wurde II./49 wieder in ihre Biwakplätze entlassen. I./49 blieb die Nacht über bis 10 Uhr vormittags bereitgestellt. Auf dem Rückmarsch wurde Kanonier Trippel der 3./49 schwer und Fahrer Fülle des 4./49 am Kopf durch ein den Stahlhelm durchschlagendes Sprengstück verwundet. Die Batterien der III./49 hatten sich am Kampfe am 22. August lebhaft beteiligt und wurden dabei schwer beschossen, besonders die 9./49, deren Bedienung sich äußerst tapfer benahm. Die beiden Offiziere der 9./49, Leutnant d. R. Müller und Leutnant d. R. Erhardt, welche mit dem Fahrer Gommel am 22. August vormittags in die Feuerstellung vorreiten wollten, wurden auf der Straße bei Mosselmarkt durch eine Granate erfaßt, so daß Leutnant d. R. Müller sofort fiel, die beiden andern sehr schwer verwundet wurden und Leutnant Erhardt bald darauf starb. Alle drei Pferde waren sofort tot.


aus: „Das 3. Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922