Samstag, 21. Juli 2018

21. Juli 1918



„Was das ganze mit so emsigem Fleiß der Führung und so viel Schweiß der Truppe vorbereitete Unternehmen beiderseits Reims anbelangt, so war es mißglückt, weil ihm das Moment der Überraschung fehlte. General Foch hatte bedauerlicherweise, wie schon erwähnt, genaue Kenntnis der deutschen Heeresbefehle und konnte daraufhin seine Gegenmaßnahmen mit geradezu mathematischer Genauigkeit treffen. Unser Artillerie-feuer lag stundenlang bei größtem Munitionseinsatz auf leeren Stellungen, unsere Infanterie machte unter beträchtlichen Opfern einen Luftstoß und saß dann – man muß das Kind beim richtigen Namen nennen – in einer Falle.
Wir mußten in dieser mißlichen Lage noch einige Tage aushalten, wobei uns das feind-liche Feuer noch manchen wackeren Kämpfer erschlug.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1923

Freitag, 20. Juli 2018

20. Juli 1918



„Was die Herren vom Munitionslager uns so liebenswürdig mitgeteilt hatten, das ge-schah nun, das Regiment wurde herausgezogen, voran die erste Abteilung.
Ein dumpfes Rollen von Westen her begleitete die drei Batterien am Morgen des 18. Juli auf ihrem Marsch.  Als sie gegen Mittag in ihre Unterkunftsräume bei Braisne rückten, da lag es wie eine Ahnung auf den Gemütern, daß sie sich hier nicht zur Ruhe strecken werden. Und noch hatten Fahrer und Kanoniere den Straßenstaub nicht von den Stiefeln geschüttelt, da fiel schon der Befehl an die Batterien herein; „Die Abteilung rückt sofort vor nach Nanteuil notre Dame!“ Der längst erwartete Vorstoß der Franzosen aus den Wäldern von Villers Cotterêts war erfolgt. Vorwärts denn und wieder zurück den Weg!
Glühende Julihitze, die Straßen dick mit Staub bedeckt. Immer deutlicher, je weiter sie kamen, zeichnete sich ihnen, was auf sie wartete. Bagagen, Protzen, Feldküchen, ohne Weisung und Befehl, fluteten ihnen entgegen, dazwischen Ausreißer und Drückeberger mit verstörten Gesichtern, die im Vorübereilen abgebrochene Sätze hervorstießen von Tankgeschwadern, die alles vor sich her zerstampften. Verwirrung auch in den Stäben; der Artilleriekommandeur befahl: hist! die Division: hott! So gab es für Abteilung und Batterien nur ein Kommando: selber sehen und handeln.
Die Batterien biwakierten am Straßenrain; bei Sonnenaufgang trafen sie bei Latilly an der befohlenen Stelle ein. Dasselbe Bild wie am Abend zuvor: überall zurückflutende Infanterietruppen, die in kopfloser Hast wichen, ohne einen feindlichen Angriff nur mehr zu erwarten, die Lage völlig ungeklärt. So setzte der Abteilungsführer, Hauptmann Eisenlohr, nur eine einzige, die erste Batterie ein; mit ihrem Führer ging er selber zur Höhe vor zum Erkunden.
Weit sah man von dort in das Vorgelände hinein. Reifendes, wogendes Korn, kleine Waldstücke dazwischen gestreut, Hügelwellen und flache Mulden. Im hohen Getreide vier zusammengeschossene rauchende Tanks, ein paar hundert Meter hinter uns die Trümmer einer deutschen Haubitz-Batterie. Sie war gesprengt worden auf das Gerücht: die Franzosen kommen! Wo kamen sie denn? Weit und breit war kein Gegner zu sehen, nur Trüpplein eigener Infanterie, die rückwärts liefen. Da kam wieder so eine Schar an den Artillerie-Beobachtern vorübergeschlichen. „Wohin, Herr Kamerad?“ Mit verlege-ner Mine meldete sich der angeredete Führer bei Hauptmann Eisenlohr; die Munition sei ihnen ausgegangen. Ei, da war abzuhelfen, da lagen eben fünftausend Schuß trefflicher Infanterie-Munition. Aber da wuchs die Verlegenheit des Leutnants. Seine Mannschaf-ten wollten ja keine Munition, nur fort wollten sie, weit weg von den Tanks. Wir danken für Ihre Hilfe, Herr Leutnant, und putzen Sie auch ihre Hosen gut aus, von innen nämlich!
Aber was war denn das? Leutnant Schlecht will sich eben auf der neugeflickten Leitung mit seinen Geschützen in Verbindung setzen, da ist keine Batterie mehr da! Sie hat abrücken müssen. Auf höheren Befehl! Es hieß: Die Franzosen kommen! Der feuer-leitende Offizier hatte sich auf die Hinterbeine gestellt: „Da vorne sitzt ja noch mein Batterie- und mein Abteilungsführer!“ Umsonst: „Wenn die noch da vorne sitzen,“ ward ihm zur Antwort, „dann sind sie längst gefangen.“
Wirrwarr, Kopflosigkeit oben und unten.
„Die Franzosen kommen!“ – und auf Kilometerweiten kein Franzose. Die Drähte waren zerschlagen, die Befehlsstellen nährten ihre Kenntnisse von Ausreißern von vorn, und die wußten alle nur eines: „Die Franzosen kommen!“
Einen Tag später. Noch schläft die Welt. Im Morgenzwielicht sehen wir den Führer der dritten Batterie, Leutnant Fischer, in seiner Feuerstellung zwischen La Croix und Latilly am Scherenfernrohr stehen. Siehe da, plötzlich wird es lebendig drüben am Waldsaum, ein halb Dutzend Tanks bricht aus dem Gehölz gegen unsre im Grunde liegende Schüt-zenlinie vor. „Batterie vor, offene Feuerstellung!“ Der Batterieführer selbst sitzt als Richtkanonier am linken Flügelgeschütz, das schon oben auf dem Rücken steht, die Kanonen lösen Schuß auf Schuß. Zwei Tanks sind getroffen, weißen Dampf ausstoßend bleiben sie liegen, der Rest des Panzergeschwaders verschwindet. Verlassen von ihren Schrittmachern stehen die französischen Infanteristen da, in ihre dichten Gruppen hinein fahren die Granaten.
Doch die eigene Infanterie denkt es der dritten Batterie schlecht. Sie räumt den Grund von Latilly und geht zurück. Da bekommt die Batterie Befehl zum Stellungswechsel. Es ist höchste Zeit; denn der Franzose hat aufgespürt, wer ihm den Angriff zerschlagen hat, und deckt die Batterie mit schwerem Feuer zu, an der Stellung vorbei aber hasten bereits die Trüpplein der weichenden Infanterie. Eben sind die Protzen angetrabt, drei Bespan-nungen sind abgerückt, die letzte will abfahren. Aber der Batterieführer läßt sie nicht fort: „Die Munition muß mit zurück!“ und fiebernd arbeiten sechzehn Arme zusammen. Da, ein Knall, Schmerzensrufe, ein Knäuel von Menschen und Pferden. Der Stangenrei-ter sitzt noch, von Schreck gelähmt, ohne Unterschenkel und Unterarme im Sattel. Unser Blick sucht die Stelle des Einschlags. Da erhebt sich Leutnant Fischer, als wollte er etwas befehlen, aber er sinkt lautlos wieder neben fünf schwerverwundeten Kame-raden. Die andern springen herzu und helfen, wo noch zu helfen ist; Leutnant Fischer ist hoffnungslos schwer getroffen.
Über die Höhe aber klimmen die ersten Blaujacken, und fragend schauen sich die Ka-meraden an: sollen sie ihren sterbenden Führer verlassen? Da kommt der Feldwagen und führt den Sterbenden und die Toten davon, die Kugeln schwirren um ihre Köpfe.“

aus: „Das 4. Württ. Feldartillerie-Reg. Nr. 65 im Weltkrieg“, Stuttgart 1925

Donnerstag, 19. Juli 2018

19. Juli 1918



„Der Gesundheitszustand der Truppe wird dauernd schlechter, der Ausfall an kranken immer stärker, die Grippe fordert nun auch Todesopfer. Durch Herausziehen einer Division im Korpsbereich, die durch keine andere ersetzt wird, ist eine Neueinteilung der Abschnitte notwendig. Das Regt. 413 übernimmt nach links zwei Kompagnieab-schnitte vom Res.-Inf.-Regt. 120, das Inf.-Regt. 399 wird vom Regiment 414 abgelöst und übernimmt den Abschnitt bis zum Bahndamm, während das für die Divisionsgrenze vorgesehene Nahtkommando, das seither von uns gestellt wurde, in Wegfall kommt. Die 4 Kompagnien vorderer Linie werden nach der Tiefe gestaffelte Linie selbst wird nur sehr schwach besetzt, eine Kompagnie des Bereitschaftsbataillons wird dem K. T. K. als Stoßkompagnie zur Verfügung gestellt, die anderen drei Kompagnien des Bereitschafts-bataillons unterstehen in und bei Marquéglise dem B. T. K. zu evtl. notwendig werden-dem Gegenstoß und zur Verteilung auf M. G.-Nester als Sicherungsbesatzung. Das II. Batl. ist zunächst in vorderer Linie, das III. in Bereitschaft und das I. im Ruhelager im Wald von Caponne. Von besonderer Gefechtstätigkeit ist zunächst nichts zu berichten.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936

Mittwoch, 18. Juli 2018

18. Juli 1918



„Der Rückmarsch war noch eine recht schwierige Sache. Stockdunkel war die Nacht, es regnete in Strömen. Die beiden Marneübergänge, die Schleuse nördlich Mareuil und die Brücke bei Trissy lagen unter ständigem Feuer. Der Gegner hatte offenbar besondere Überwachungs-Batterien angesetzt, die Tag und Nacht auf die Übergänge zu schießen hatten. Alle Augenblicke lohte dort eine Feuergarbe auf, gefolgt von einem donnerähn-lichen Schlag. Recht verlockende Aussichten für den Gang über die Brücken! Doch, was half’s? Man mußte. Sobald allemal eine „Schwere“ eingeschlagen hatte, rannte wieder ein Trupp über die Brücke – und schon heulte die nächste Granate heran. Am schwierigsten war die Sache natürlich mit den Pferden. Aber auch das wurde geschafft. Gegen 3 Uhr früh traf man, naß bis auf die Haut, in Vandières ein, das mit Truppen und Bagagen vollgepfropft war. An ein Quartier war nicht zu denken. Trotz der naßkalten Nacht mußte biwackiert werden. Unter Zelten und Fahrzeugen, unter Wagenplanen und Kistendeckeln suchte jeder vor Regen und Kälte Schutz so gut es ging. Die Müdigkeit war glücklicherweise so groß, daß man in der unmöglichsten Stellung schlief. Leider störte gegen Morgen die feindliche Artillerie. Unvermittelt flogen einige dicke Brocken in unsere Nähe – als Warnung. Aber was tun? Wo denn hin? Man pennte weiter, bis es gegen Morgen fröstelig wurde. Man stand auf, rekelte sich, rieb die Augen aus und trank einen Schnaps – so vorhanden. Damit war die Toilette beendet. Bald zog die Sonne herauf und weckte die alten Lebensgeister wieder. Vormittags wurden Waffen gereinigt und die Bekleidung  der nötigsten Reinigung unterzogen. Auch Pferde und Tragetiere wurden wieder mal geputzt. Dabei war aber Vorsicht geboten, da man vom feindwär-tigen Flußufer eingesehen war. Außerdem kreisten zahllose Flieger über dem Marnetal. Wollte man nicht Gefahr laufen, noch einmal eine Nacht wie in Arcis le Ponsart zu erleben, so mußte alles geschehen, um nicht erkannt zu werden. Die gegen die Marne-übergänge angesetzten Bombengeschwader kehrten immer wieder. Einigemal warfen sie neben Aufschlagbomben auch solche mit Brennzündern, die wie ein Baldachin aus Rauch und Feuer über den Brücken hingen. Der Überblick, den unser Standpunkt über das Gefechtsfeld bot, zeigte unaufhörlich neue Bilder. Hier war es ein Luftkampf, dort der Einschlag schwarzer Granaten, da ein erstürmter Schützengraben in zertrampeltem Kornfeld. Tote Pferde, aufgedunsen, die Beine von sich gestreckt, lagen umher und verbreiteten süßlichen Leichengeruch. Auch gefallene Franzosen sah man noch da und dort in den Weinbergen und Ährenfeldern, blaß und steif mit gläsernen Augen.
Nachdem Mann und Roß wieder leidlich gesäubert waren, ging es daran, die stark zusammengeschmolzenen Verbände neu zu ordnen. Aus allen 6 Schützenkompagnien, die vor zehn Tagen zum Kampf gezogen waren, konnten gerade noch 2 Kompagnien gebildet werden: Die Kompagnie Heubach aus der bisherigen 1., 2. und 6. Kompagnie und die Kompagnie Schrop aus der 3., 4. und 5. Kompagnie. So hatte die 2. Marne-Schlacht unsere Reihen gelichtet! Zu alledem schied an diesem Abend auch noch die brave Infanteriegeschütz-Batterie aus dem Verbande des Regiments, um nach Coulonges zu rücken. Nur ungern ließen wir diese lieben Waffengefährten und treuen Helfer ziehen, die uns in manch heißer Stunde brüderlich zur Seite gestanden. Unvergessen werden sie in unserer Erinnerung fortleben, die tapferen Kanoniere und Fahrer der I. G. B. 4, voran ihr trefflicher Führer, Leutnant Feninger. Noch hörte man in der Ferne das Rasseln der Geschütze, als die Sonne hinter dem bewaldeten Horizont versank. An der Front aber zuckte Geschützfeuer. Auch wir sollten von diesem „Abendsegen“ nicht verschont bleiben. Eben waren die Kompagnien dabei, sich unter Zelten und Wagen-decken zur Ruhe zu legen, als das Schicksal jäh dazwischen griff. Granaten krepierten – schwarzer Qualm – getroffen lagen einige Kameraden am Boden. Mit hastigem Griff wurden Gewehr und Gepäck erfaßt, Zeltbahn und Decke genommen und gelaufen, nordwärts dem Walde zu. Dort war es ruhiger, dort konnte man die gestörte Nachtruhe fortsetzen. Der Troß wurde an den Nordrand des Trotte-Waldes geschickt.
Während wir so bei Vandières lagen, hatten unsere M. G.-Kompagnien an den Marne-brücken keine leichte Arbeit. Die feindliche Artillerie, die fortgesetzt an Stärke gewann, verfolgte jede Bewegung vor allem an den Brückenstellen mit beobachtetem Feuer. Unter Einsatz ungeheurer Munition versuchte sie den Verkehr über die Marne zu sper-ren, um den südlich liegenden Truppen den Nachschub abzuschneiden.
Auch gegen Vandières hatte sich das feindliche Feuer verstärkt. Auf Anordnung der Brigade wurde deshalb das Regiment an den Nordrand des Trotte-Waldes verlegt. Hier bat der Regiments-Kommandeur angesichts der schweren Verluste des auf ein Drittel zusammengeschmolzenen Regiments das Armee-Oberkommando um Ablösung, um nicht durch erneuten Einsatz die Bataillone völlig aufzureiben. das A. O. K. würdigte diese Verhältnisse. Noch am Nachmittag wurde das Regiment als Divisionsreserve nach dem Wald Garenne de Villers Agron zurückgenommen.“

aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

Dienstag, 17. Juli 2018

17. Juli 1918



„Auch westlich Reims war der Angriff nach anfänglichen Erfolgen auf der ganzen Linie festgefahren; schon am zweiten Tage wurde deutlich, daß die weitgesteckten Ziele der Offensive nicht zu erreichen waren und so wurde sie auf höheren Befehl auch östlich Reims eingestellt. Die Brigade gliederte sich zur Abwehr der zu erwartenden Gegenan-griffe in die Tiefe; das Grenadierregiment (alle 3 Bataillone) wurde in der Hauptwider-standslinie der früheren 1. französischen Stellung hinter 121 und 125 bereitgestellt. Das halbe II. Bataillon wurde durch I./121 in der Nacht 16./17. Juli in vorderer Linie abge-löst. Der Gegner überschüttete die ihm wohlbekannten Stellungen und Unterstände mit Artilleriefeuer, trat aber nicht zum Gegenangriff an.“


aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Montag, 16. Juli 2018

16. Juli 1918



„Punkt 1.10 Uhr flammen die Mündungen ungezählter Geschütze auf, heulend und zi-schend rauschen die Geschosse über die dichtgefüllten Gräben hinweg, wie blitzschnelle Glühwürmer sieht man einzelne Geschosse am Nachthimmel feindwärts ihre Bahn ziehen; aber keine Überraschung bringen sie leider dem Gegner, der – sei es durch Ver-rat, sei es durch seine glänzend arbeitende Spionage, der gewissenlose Schwätzer und Wichtigtuer in Feld und Heimat nur allzu reichlichen Stoff lieferten – über Stunde, Mittel und Ziele des Angriffs genau unterrichtet war und die Abwehr aufs zweck-mäßigste vorbereitet hatte. Die französische Artillerie antwortet zuerst lebhaft, aber nach kurzer Zeit verstummen die feindlichen Geschütze. Die drüben mögen genug zu tun haben, um sich vor der verderblichen Wirkung der Gasgranaten zu schützen. Macht sie sich doch infolge der ungünstigen Windrichtung selbst für den Angreifer unangenehm genug fühlbar; in dicken Schwaden zieht Gas und Rauch von der französischen Stellung herüber, so daß auch auf deutscher Seite alles zur Gasmaske greifen muß.
Auf die befohlene Sekunde treten die vorderen Regimenter zum Sturm an, kaum eine Viertelstunde später folgt das Grenadierregiment, in Reihen zu einem, an der Spitze das II. Bataillon, dahinter Regimentsstab, I. Bataillon und Minenwerferkompagnie. Schon kurz nach dem Antreten setzt die Gegenwirkung der französischen Artillerie ein, deren in Erwartung des Angriffs weit zurückgezogene Batterien von der deutschen Artillerie-vorbereitung überhaupt nicht gefaßt worden waren. Schon vor Erreichung des Höhen-rückens Luginsland, der sich zwischen Hochberg und Cornillet erstreckt, geraten die Bataillone in heftige Feuerüberfälle mit Gas- und Splittermunition. Die Verluste waren jedoch trotz des anfangs sich verstärkenden feindlichen Artilleriefeuers relativ gering. Unter den beim Vormarsch Gefallenen befand sich der tapfere Führer der 6./119, Leutnant d. R. Giersch. Am 20. Januar hatte er sich noch im Urlaub am friedlichen Fuß-ballkampf der Regimentsmannschaft gegen die 1. Mannschaft der Stuttgarter Kickers auf deren degerlocher Spielplatz mit Begeisterung und Jugendfrische beteiligt.
Dem unerschrockenen Leutnant d. R. Bruder, der schwer verwundet lag, konnte der Regimentskommandeur im Vorbeigehen noch Trost spenden. Mannhaft ertrug er seine Todeswunde, der er kurze Zeit nachher erliegen mußte.
Beim Überschreiten des Höhenrückens zeigt sich die ganze gegen Prosnes und wei-terhin zur Maas sich dehnende Ebene in einem dichten Schleier von Nebel, Rauch und Gas gehüllt, schweres Feuer liegt auf dem Zwischengelände und der 1. französischen Stellung. Trotzdem erleiden die Bataillone beim Abstieg in die Ebene, wohin zunächst das II. Bataillon im Anschluß an Regt. 121 folgt, nur geringe Verluste. Dagegen wird das feindliche Artilleriefeuer den Begleitbatterien des Feldart.-Regt. 29 und der Infan-teriegeschützbatterie zum Verhängnis. Dicht hinter der Infanterie suchen sie über die zahllosen Gräben und Trichter, über Kalkgeröll, Drahtgewirr und Trümmer von Unter-standsbauten dem Angriff zu folgen, unermüdlich greifen Pioniere und Grenadiere hel-fend in die Speichen der Geschütze und Protzen, aber nur Schritt für Schritt geht es vorwärts und bald fordern die schweren französischen Brisanzgranaten ihre Opfer unter der Bedienung und Bespannung.
Allmählich zerstreut die schon in den Morgenstunden heiß brennende Sonne die Nebel-schwaden und ermöglicht vom Hochberg aus, wo Regiments- und Brigadegefechtsstand sich befinden, einen – wenn auch durch das Grabengewirr und hügelige Trichterfeld beeinträchtigten – Überblick über den Stand des Kampfes. Der Brigadestab hatte, kaum auf dem Hochberg angelangt, durch einen Volltreffer schwere Verluste. Der Regiments-stab entging nur wie durch ein Wunder dem gleichen Schicksal. Die Regimenter vor-derer Linie hatten, dicht hinter der vorwärtsschreitenden Feuerwalze in Rauch und Qualm vordringend, den 1. französischen Graben überschritten. Er war leer, wohl schon vor oder gleich zu Beginn unseres Feuers geräumt, kein Toter, keine Waffe war darin zu finden. Auch der 2. Graben war von den Sturmwellen ohne Widerstand überschritten worden, aber dahinter saß der Franzose in zahlreichen Maschinengewehrnestern, um die alsbald ein wütender Kampf entbrannt war. In stundenlangem heißem und aufreibendem Ringen, Schritt für Schritt den zäh verteidigten Boden erkämpfend, hatten die Sturm-regimenter den Angriff hier vorwärts getragen und standen nun in der Gegend der Rö-merstraße, wo der Kampf teils noch in langsamem Fortschreiten war, teils in heftigem Infanteriefeuergefecht zum Stehen zu kommen drohte. Dicht hinter Regt. 121, zum Ein-greifen bereit, stand das II./119; es hatte, über Wald Beilpicke vorgehend, gegen 9 Uhr vormittags die Gräben westlich Wichmann-Wäldchen erreicht. Das I. war dem II. Bataillon gefolgt und bis in die Gegend des Wichmann-Wäldchens vorgerückt, das III. auf Befehl der Division zunächst am Hochberg verblieben. Hier sah man bald in den zusammengeschossenen Gräben blaugraue Schlangen die Höhe sich heraufwinden, ge-fangene Franzosen, große, kräftige Gestalten, ausgezeichnet genährt und gekleidet, von selbstbewußter Haltung. Was sie auf Befragen erzählten, eröffnete für den Fortgang des Angriffs wenig günstige Aussichten: seit Tagen war ihnen die Stunde des Angriffs be-kannt gewesen, die vordersten Gräben waren geräumt, die Artillerie weit zurückgezo-gen, das Sperrfeuer weittragender Batterien in neuen Stellungen übertragen worden, die vom deutschen Wirkungsschießen überhaupt nicht gefaßt werden konnten. Trotzdem war es gelungen, den Angriff im Divisionsabschnitt auf beinahe 5 Kilometer vorzutra-gen. Bei der rechten Nachbardivision war er vor der 2. Stellung ins Stocken geraten, so daß die vorderen Teile der 26. Division im Kampf um die Römerstraßen-Stellung schwer unter flankierendem Feuer von rechts zu leiden hatten. Mehrfache Versuche der 3. G.-Inf.,-Division, auf die Höhe der von den Regimentern 121 und 125 erreichten Linie vorzustoßen, scheiterten im feindlichen Feuer.
Eine vom Regimentskommandeur zur Verbindung mit der rechten Nachbarbrigade ent-sandte Patrouille meldete 5.20 nachmittags: „Rechtes Regiment der 3. G.-Inf.-Division liegt mit seinen vordersten Teilen an der Römerstraße, linker Flügel stark zurückgebo-gen; dieser (Lehr.-Inf.-Regt.) liegt dicht südlich Parallelwald, vor ihm halten sich die Franzosen in der Römerstraßenstellung (also in der Flanke von Inf.-Regt. 121).“
Zur Sicherung der offenen Flanke und zur Verbindung des rechten Flügels der Division mit dem Lehr-Infanterieregiment wurde nun vom Grenadierregiment „Königin Olga“ das halbe II. Bataillon (6. und 7. Kompagnie) und die 2. M.-G.-K. an der bedrohten Stelle eingesetzt.
Die 8. und 5./119 blieben am Wichmann-Wäldchen zur Verfügung des Regimentskom-mandeurs.
Oberst Frhr. v. Gemmingen hatte von 1.30 Uhr nachmittags den Regimentsgefechtsstand in der 2. französischen Stellung nördlich des Wäldchens Beilpicke, das, gänzlich zer-schossen, nicht mehr als Wald zu erkennen war, eingenommen.
Dem Inf.-Regt. 125 waren auf Befehl der Brigade 2 Kompagnien des I./119 (1. und 2.) zur Verfügung gestellt worden.
Von stundenlangem erbittertem Kampf in Sonnenglut, Qualm und Kreidestaub er-schöpft, lagen die Angreifer vor dem stark ausgebauten feindlichen Stellungssystem an der Römerstraße. Ein auf 7 Uhr abends befohlener neuer Angriff der 3. G.-Inf.-Division, 26. Inf.-Division und der links vorgehenden G.-E.-Division kam bei ungenügender Artillerievorbereitung und starker feindlicher Gegenwirkung nicht zur Entwicklung.
Nachdem Teile der Artillerie in der Nacht weiter vorgezogen worden waren, wurde am Vormittag des 16. Juli der Angriff auf Prosnes erneuert. Das II. Bataillon mit der 6. und 7. Kompagnie und 2. M.-G.-K. in vorderster Linie griff 11 Uhr vormittags zusammen mit dem I./121 und der rechts stehenden Garde an. Im heftigsten Artillerie- und Maschi-nengewehrfeuer stießen die Kompagnien bis fast an den Nordrand des Dorfes vor. Aber der Gegner stand hier in wohlvorbereiteten, planmäßig ausgebauten Stellungen unter dem Schutze seiner unversehrten mächtigen Artillerie, während die eigene Artillerie über das Trichtergelände nur zum kleinsten Teile hatte folgen können. Die Anschluß-truppen rechts stießen auf unüberwindlichen Widerstand und wie ein Keil ragte die 6. Kompagnie aus der allgemeinen Linie heraus, notdürftig durch die 7. Kompagnie gegen Flankenangriffe gesichert. Die Lage war auf die Dauer nicht haltbar und zur Vermei-dung weiterer Verluste wurden die beiden Kompagnien nachmittags wieder in die Römerstraßenstellung zurückgenommen.“


aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Sonntag, 15. Juli 2018

15. Juli 1918








Im Felde, 15. Juli 1918


Geehrter Herr Schmid!

            Ich habe Ihnen leider die überaus traurige Nachricht zu geben, dass Ihr lieber Sohn
            Wilhelm heute morgen den Heldentod gefunden hat, nachdem er eben erst aus dem Urlaub zurückgekehrt war.
            Ein Stück einer in seiner unmittelbaren Nähe einschlagenden schweren Granate verwundete ihn an beiden Füßen, so schwer, daß er ohne einen Laut über Schmerzen + seiner Lebensgefahr nicht bewusst, alsbald sanft entschlummerte. Auf dem Regimentsfriedhof in C … wird er seine ewige Ruhe finden.
            Lieber Herr Schmid, wenn ich Ihnen sage, daß durch diesen Verlust die Kompagnie eine Lücke bekommt, so möchte ich mich persönlich dessen auch nicht verschließen, daß ebenso ich einen trefflichen Kameraden, einen äußerst zuverlässigen + schneidigen Soldaten in ihm gehabt habe; Ihr Wilhelm war beliebt bei Allen, wer ihn kannte, freute sich an ihm.
            Aus diesem Gunde ist er uns unersetzlich, das Andenken an diesen guten Kameraden wird immer bestehen bleiben.
            Der Nachlass wird Ihnen nächster Tage zugehen.
            Helfe Ihnen + Ihrer Familie der allmächtige Gott, diesen Verlust zu ertragen.
            Ich begrüße Sie bestens

Ltn. Zitzer.





18. 7. 18

Sehr geehrter Herr Schmid!

              Von meinem Komp. Führer Herrn Leutnant Zitzer wird Ihnen bereits die tieftraurige Mitteilung zugegangen sein, daß Ihr lieber Sohn Gefreiter Wilhelm Schmid am 15. 7. 18 Vorm. den Heldentot für das geliebte Vaterland erlitt. Auch ich, in meiner Eigenschaft als Kompagnie Feldwebel möchte es nicht versäumen Ihnen, sehr geehrter Herr Schmid anläßlich des Ihnen und Ihrer werten Familie widerfahrenen herben Verlustes mein aufrichtiges Beileid auszudrücken. Die ganze Komp. trauert für den in so jungen Jahren Dahingegangenen, um einen lieben unvergeßlichen Kameraden, der stets ein Vorbild war für die Übrigen mit seinem unerschrockenen Mute, seiner ausdauernden Arbeitsfreudigkeit und nicht zuletzt in wirklich ehrlicher Kameradschaft. Ganz besonders mir war Ihr lieber Wilhelm ans Herz gewachsen, nachdem er, wie Ihnen bekannt sein dürfte, mehrere Monate den Dienst als Komp. Radfahrer zu meiner vollsten Zufriedenheit versah. Erst vor Kurzem wurde er vom Herrn Komp. Führer von diesem anstrengenden Posten enthoben, um ihm, bei seiner Tüchtigkeit die wohlverdiente Anerkennung, einer Beförderung nicht vorenthalten zu müssen. So wurde er am 3. 6. 18 vom Gemeinen sogleich zum planmäßigen Gefreiten, unter Überspringung des überzähligen Gefreiten ernannt. Er war zur Beförderung zum Unteroffizier in nächster Zeit in Aussicht genommen. Nun ist er leider dem Kriege zum Opfer gefallen.
              Gestern am 17. 7. Nachm. 5.oo betteten wir ihn zur letzten Ruhe im Soldatenfriedhof zu Carnoy bei Albert. 4 Unteroffiziere 13 Mann der Kompagnie gaben dem Dahingeschiedenen unter meiner Führung das letzte Geleite. Den Offizieren der Komp. war leider nicht möglich von der Stellung abzukommen. Nach der kirchlichen Einsegnung u. den Trostworten des Divisions-Geistlichen nahm Herr Oberst u. Brigadekommandeur Reinhardt, unser früherer Regimentskdr. das Wort und widmete den dahingegangenen lieben Kameraden in markanten Worten einen ehrenvollen Nachruf. Nachdem eine Regimentsmusik zum Abschied „Ich hat einen Kameraden“ spielte, war die erhebende Trauerfeier beendet.
              Der Friedhof wird von einem besonderen Kommando unserer Division ständig in Ordnung gehalten. – Die Nachlaßsachen Ihres Sohnes gehen heute per Post an Sie ab und dürften Sie in absehbarer Zeit in deren Besitz kommen. Das durch einen Urlauber an Ihren Sohn gesandte Packet erreichte ihn leider nicht mehr. Ich öffnete es daher und sende Ihnen die Zahnbürste mit Paste mit seinen übrigen Sachen zurück. Das Brot würde auf dem weiten Rücktransport wohl verderben und entnahm ich es daher, um es anderweitig zu verwenden. Beiliegend eine kleine Entschuldigung hierfür. Seine Uhr mit Geldbörse werden Sie auf dem Dienstwege in einiger Zeit empfangen.
              Ich wiederhole nochmals die Versicherung meines tiefsten Beileides und grüße Sie

              hochachtungsvoll
Bachschmid
Offz. Stellv.




Samstag, 14. Juli 2018

14. Juli 1918



„Der 14. Juli war ein wunderschöner Sommersonntag. Unter lachendem Himmel wurde in Frankreich das Nationalfest gefeiert. Der Pariser Burgeois konnte sich der Festes-freude in ungestörter Begeisterung hingeben, nicht so der Franzmann an der Front, denn dem ließen wir keine Ruhe. „Wir müssen jeden Augenblick auf einen Angriff gefaßt sein,“ sagte der französische General Gourand in einem Befehl vom 7. Juli an die Soldaten seiner Armee.
Nach 8 Uhr vormittags teilte sich der Nebel, wir konnten nun mit bewaffnetem und unbewaffnetem Auge Um- und Ausschau halten. Das ist also der berühmte Hochberg, links davor die zerklüftete Bärenburg und dort noch weiter links der Keilbreg. Rechts begrenzt der Luginsland die Fernsicht. Kahl und staubig, von ungezählten Granaten durchsiebt, erheben sich diese im April 1917 in Feindeshand gefallenen Bergkuppen als stumme Zeugen opfervoller Kämpfe; vor Jahresfrist ist hier noch viel deutsches Blut geflossen, mit Ehrfurcht gedenken wir der gefallenen Helden. Es sind starke beherrsch-ende Höhen diese Kreidefelsen, sie bilden mit den dahinter liegenden Stellungen eine gute Wehr, dessen ist sich auch der Franzose wohl bewußt. „Ihr habt alle das Gefühl,“ sagt General Gourand in seinem Befehl vom 7. Juli weiter, „daß niemals eine Abwehr-schlacht unter günstigeren Bedingungen angenommen wurde. Ihr kämpft auf einem Gelände, das eure zähe Arbeit in eine furchtbare Festung verwandelt hat, die unbe-zwingbar bleibt, wenn alle Zugänge in guter Hut sind.“
Auf den heißen 14. Juli folgte eine gewitterschwere, stürmische Nacht. Lautlos setzten sich die Bataillone gegen 11 Uhr abends in Bewegung und erreichten nach und nach die vor dem Sturm einzunehmenden Stellungen, das II. Bataillon (Hauptmann Ackermann) gewinnt Anschluß an das Regiment 121 rechts (das Schulter an Schulter mit der 3. Garde-Division zu kämpfen hat), während das III. Bataillon (Hauptmann Hug) links die Fühlung mit dem 6. Garde-Res.-Regiment (Garde Ers.-Division) herstellt. Das I. Bataillon (Hauptmann Kopp) rückt hinter das III. Bataillon. Mühsam arbeiten sich die jedem der beiden Sturmbataillone zugeteilten zwei Begleitgeschütze, von Pionieren unterstützt, durch das Trichterfeld, ebenso mühsam die Minenwerfer, deren kleine Räder unter der schweren Last tief einsinken. Mit Riemen werden die Werfer vorgeschleift, viel Munition kann für sie nicht mitgeführt werden, es ist so wenig, daß sich die Mühe, die der Einsatz dieser Werfer erfordert, kaum lohnt. Vorsichtig, aber eifrig gehen ge-wandte Hände daran, Sturmgassen ins eigene Drahthindernis zu schneiden.
Das feindliche Streufeuer fordert einige Opfer, die Verluste sind aber erträglich, merk-würdig, der feindliche Artillerieabschuß klingt schon seit dem 14. Juli entfernter, als an den Tagen zuvor. Das gibt zu denken.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–
1918“ׅ, Stuttgart 1923

Freitag, 13. Juli 2018

13. Juli 1918







„Da – gegen 4 Uhr morgens ein ohrenbetäubender Knall, kurz darauf ein zweiter. Was war das? Aus dem Schlafe geschreckt, lag man mitten im Feuer. Rings herum brannte es, die Baracken waren verschwunden. Verzweifelte Hilferufe unter brennenden Trüm-mern. „Da drunten liegt unser Hauptmann, rettet ihn,“ gellte es durch die Nacht. Da-zwischen wimmerten Verwundete. Pferde rasten über den Brandplatz. Leute rannten halbnackt nach allen Seiten auseinander.
„Das Lager wird beschossen!“ schrie irgend einer. Im selben Augenblick zwei zuckende Blitze, ein infernalisches Heulen, zwei donnernde Einschläge. Das Lager lag unter dem Feuer schwerer Artillerie – die Folge des feindlichen Fliegerbesuches gestern morgen. Es war ein Bild des Schreckens. Nur in Hemd und Unterhose rannte jeder um sein Leben. Immer wieder sausten ein paar schwere Geschosse auf unser Lager nieder. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatten die ersten Granaten eingeschlagen und furchtbar getroffen. Eines der hochbrisanten Geschosse hatte als Volltreffer in eine Mannschafts-baracke, das andere mitten in die Offiziersbaracke getroffen und beide in Atome zer-rissen. In wenigen Minuten war das Lager verlassen. Haushoch loderten die Flammen. Gierig fraß das Feuer alles bis zum letzten Rest. Dazwischen knallte die zurückge-bliebene Munition wie ein Feuerwerk. Unablässig heulten neue Granaten heran. Erst als es hell wurde, stellte die feindliche Batterie ihr Feuer ein. Langsam und vorsichtig näherte man sich der Stätte der Verwüstung. Ein schauerlicher Anblick bot sich da. Voll-kommen verkohlt, Arme und Beine verkrampft nach oben gerichtet, lagen die Leichen der gefallenen Kameraden inmitten der niedergebrannten Baracken. Nicht weniger als 19 Tote, darunter Hauptmann Junge, Leutnant Büttler und Hügel, sowie 55 Verwundete hatte die nächtliche Beschießung gekostet. Fast das gesamte Gepäck, der größte Teil der Ausrüstung und Bekleidung, sowie einige Pferde und Fahrzeuge waren den Flammen zum Opfer gefallen. Erschütternd war der Eindruck dieser Katastrophe für alle, die sie miterlebt.“

aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

Donnerstag, 12. Juli 2018

12. Juli 1918



„Der Munitionsbestand war 1400 Brisanz-, 1100 Blaukreuz- und 300 Gelbkreuzgrana-ten. Mißlich, daß die Munition fast ohne Deckung gegen Beschuß dalag. Denn der Geising war neuerdings das Ziel zunehmender Feuerüberfälle des nervös (oder wis-send?) gewordenen Gegners. Beinahe auf jeden Schuß von drüben aber flog hüben Munition hoch. Die Höhe war ja seit zwei Tagen derart mit Artillerie bestückt, daß dies gar nicht anders sein konnte. Dabei war der fallende Hang, auf dem wir standen, bei Tag und Nacht mindestens einigermaßen einzusehen.“


aus: „Das 3. Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Mittwoch, 11. Juli 2018

11. Juli 1918



„Am 21. Juni kam das ganze R. 120 in eine Stellung an den Feind, bei Vignemont, auf den rechten Flügel der Division. Deutsche und Franzosen arbeiteten hier eifrig an ihren recht mangelhaften Schützengräben. Posten- und Patrouillenschießereien waren an der Tagesordnung, auch gab die feindliche Artillerie viel Streufeuer ab. Infolge dieser Verhältnisse stieg der tägliche Verlust auf durchschnittlich 5 Mann. das schon erwähnte 5 Tage-Fieber nahm überdies zu. Größere Unternehmungen aber fanden in der ganzen Zeit von fast 3 Wochen, bis zum 9. Juli, nicht statt.
An diesem Tag jedoch, 4.15 vrm., setzte schlagartig feindliches Trommelfeuer ein in breiter Front. Der Feind griff alsdann mit Tanks und nachfolgender Infanterie die rechte Nebendivision an. Das Ruhebataillon des R. 120 wurde marschbereit gemacht, kam aber nicht zur Verwendung. Irgend ein Angriff gegen das Regiment selbst erfolgte nicht.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Dienstag, 10. Juli 2018

10. Juli 1918



„Der Anmarsch ist noch schlimmer als früher. Erleichtert atmen wir jedesmal auf, wenn wir unsere Kompagnien glücklich durch den Ancregrund gebracht haben. Der Weg nach vorn führt immer noch über das freie Feld, er ist vom Gegner ganz und gar eingesehen. Der Engländer legt schon auf einzelne Leute, die sich bei Tage im Gelände zeigen, Artilleriefeuer aller Art, vor allem die in ihrer tatsächlichen wie auch in ihrer morali-schen Wirkung furchtbaren Brisanzgranaten. Eine Ablösung bei Tage ist deshalb voll-ständig ausgeschlossen, und bei Nacht? Auch da hat es der Tommy sehr leicht. Wir haben ja nur eine Möglichkeit, den Weg von und zur Stellung zu machen, und das ist eine schmale Holzbrücke über die Ancre und ein ebenfalls schmaler Pfad durch den versumpften Ancregrund. Diesen Anmarschweg hält der Engländer fast dauernd unter Feuer, das sich oft zum Trommelfeuer steigert. Er vergast ihn außerdem mit Gasgrana-ten.
Es gehört sehr viel Glück dazu, den günstigen Augenblick zu erwischen. Wie oft liegen wir oben auf der Höhe hinter der Ancre, bei der Kiesgrube, oder bei der Viviersmühle oder vorn am Bahndamm und warten, bis das Feuer etwas nachläßt. Gespannt lauscht das Ohr auf jedes Geräusch. Wenn man glaubt, sie geben etwas Ruhe, dann eilt man im Laufschritt weiter. Und wenn du dann mitten im Ancregrund bist, dann hörst du plötzlich links und rechts in dem Sumpf ein leises Fauchen wie von einem zum Sprung bereiten Tiger. Eine leichte Nebelwolke steigt da und da auf. Du mußt genau hinsehen, um sie in der Dunkelheit zu erkennen. Es ist Gas! Heraus mit der Gasmaske, willst du nicht, daß deine Lunge elend verbrennt. Und nun kannst du nicht mehr rennen, denn ruhig muß der Atem gehen, sonst bekommst du nicht genügend Luft; deine Leute können nicht mehr, wenn auch das niederträchtige Kichern des Sensenmannes bald näher, bald ferner das Ohr erschrecken läßt. Die Sorge um dein eigenes Leben tritt vollständig in den Hintergrund, nun du die Verantwortung für deine Kompagnie hast, für so viele brave Leute, für so viele Familienväter, die zu Hause Weib und Kinder haben. Endlich der Bahndamm, endlich bis Kiesgrube! Ein schwerer Stein fällt dir vom Herzen, erleichtert atmest du auf. Nun erst mal kurz verschnaufen, und dann weiter!
Wie ein gehetztes Wild sichern wir mit allen Sinnen. Niemand kann uns sagen, wann die englischen Artilleristen eine Pause machen, wann wir’s wagen können. Wir müssen uns auf unser Fingerspitzengefühl und auf gut Glück verlassen. Es ist ganz eigenartig, welche Sicherheit wir dabei bekommen, es offenbaren sich in uns und um uns geheime Kräfte.
Auf einmal glaubst du eine innere Stimme zu hören: „Da mußt du weggehen; mach‘ daß du weiterkommst, sonst fällst du dem Tod zum Opfer“. Es ist nicht das erste Mal, daß du plötzlich diese Eingebung spürst. Wiederholt schon hast du dieser geheimnisvollen Stimme nachgegeben und hast dann kurz darauf feststellen müssen, daß sie recht hatte, daß sie dir dein Leben gerettet hat, daß du, hättest du ihr nicht gefolgt, längst in Atome zerrissen wärst.
Du stehst an der Kiesgrube, drunten im Ancregrund krachen ekelhafte Brisanzgranaten, zischen die widerlichen Gasgranaten. Du zögerst, in den Grund zu steigen. Plötzlich hörst du dieses zarte Stimmchen, du gibst deiner Kompagnie Befehl zum Weitermarsch. Verwundert sehen dich deine Leute an: „Herr Leutnant, hören sie nicht das Krachen da unten? Wir gehen ja sehenden Auges dem Tode entgegen!“ Du läßt dich nicht beirren: „Ohne Tritt, Marsch!“ Sie haben gehorchen gelernt, sie folgen dir, bestimmt aber nicht sehr gerne. Unten kracht es immer noch, du kommst dem Winseln der Granaten, dem Brodeln des Gases immer näher. „Herr Leutnant ….!“ Da läßt der Lärm auf einmal nach, höchstens noch einige Gasgranaten bohren sich in die Wiesen. Und wenn du dann vorne bist, wenn du deine Kompagnie in Stellung gebracht hast, wenn du dich überzeugt hast, daß deine Posten richtig aufgestellt sind und daß sie gut aufpassen, dann lehnst du dich an die Grabenwand, dein Blick verliert sich im am prächtigen Sternenhimmel.“

aus: „Ehrenbuch des württembergischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 248“, Stuttgart 1932

Montag, 9. Juli 2018

9. Juli 1918



„Am 6. 7. wurde das ganze Regiment im badischen Lager bei Hauteregniville vereinigt.
Schlechte Wasserverhältnisse nachten weite Wege zum Tränken nötig. Die Verpflegung litt an Eintönigkeit. Pferdefleisch war sehr beliebt.
Doch das wurde alles in Kauf genommen, im Gedanken, daß es wieder vorwärtsgehen solle.
Die nächsten Tage waren den eingehenden Vorbereitungen für den Angriff gewidmet. Die Berechnungen für die Feuerwalze wurden wieder und wieder gepr0ft. Das Gelände, so gut es ging, erkundet.
Starke Kommandos mußten zur Munitionierung gestellt werden. Harte Tage für die Be-teiligten. Manch Donnerwetter war notwendig, um Ordnung in die Massen der Kolon-nen zu bringen.
Die Batterien der II. und III. Abteilung gingen in der Nacht vom 8./9. 7. in Stellung. Leider erlitt die 5. Batterie dabei erhebliche Verluste.“

aus: „Das 2. württ. Feldartillerie.-Reg. Nr. 29 „Prinzregent Luitpold von Bayern“ im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Sonntag, 8. Juli 2018

8. Juli 1918



„Am 8. Juli drang der Feind nochmals vorübergehend in den Vorpostengraben ein. Das Sperrfeuer der Batterien wurde sofort selbständig auf den Vorpostengraben und vor den Kampfgraben gelegt. Damit war es dem Feind unmöglich gemacht, weiter vorzudrin-gen. Schon nach wenigen Stunden setzte sich unsere Infanterie durch einen Gegenstoß wieder in Besitz des Vorgrabens und des Vorfeldes.“

aus: „Das Württ. Feld-Artillerie-Regiment Nr. 238 früher Württ. Ersatz-Feld-Artillerie-Regiment Nr. 65 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1921

Samstag, 7. Juli 2018

7. Juli 1918



„Die Engländer erneuerten ihre Angriffe auf die Höhe 110 nicht. Der Angriff des Inf.-Reg. 479 und die Wiederinbesitznahme des Vorfeldgrabens hatten einen dauernden Erfolg gebracht. Nun aber, nachdem die Kampftätigkeit nachgelassen hatte, machte sich bei der überangestrengten Truppe das Ruhebedürfnis stark geltend. Die Mannschaften schliefen an der Brustwehr ein. Es war kaum mehr möglich, die Posten wach zu erhal-ten. Das Füs.-Reg. 122 und das Inf.-Reg. 479 mußten abgelöst werden. Die Ablösung konnte aber erst allmählich erfolgen. In der Nacht von 5. auf 6. Juli wurde die rechte Hälfte des Regimentsabschnitts Nord vom I. Bataillon des Inf.-Reg. 450 übernommen. Das Füs.-Reg. 122 wurde vollständig herausgezogen. Vom I. Bataillon Inf.-Reg. 479 wurden die 1. und 3. Kompagnie nach Süden geschoben, in den Abschnitt des II. Batail-lons hinein, um dieses durch Zusammenrücken zu verstärken. Die 2. Kompagnie rückte als Nahtkompagnie Ost in die Gegend westlich La Boiselle, die 4. Kompagnie in den Bahneinschnitt nördlich Albert. In der Nacht vom 6. auf 7. Juli wurden das I. und II. Bataillon abgelöst, sie rückten in das Lager in der Küchenmulde, welches auch der Regimentsstab nach Abgabe des Befehls über den Abschnitt an das Inf.-Reg. 450 am 8. Juli morgens bezog. Das III. Bataillon verblieb vorläufig noch im Regimentsabschnitt Nord als Rückhalt für die neue Truppe.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 479“, Stuttgart 1923

Freitag, 6. Juli 2018

6. Juli 1918



„Das gesamte Regiment hatte in diesen Tagen, die dem Schwesterregiment und dem III. Batl. so harte Kämpfe brachten, naturgemäß sehr unter der gesteigerten feindlichen Artillerietätigkeit zu leiden, die und manchen Kameraden wegraffte. Hinten in der Gegend, wo einst das Dorf Montauban stand, im Bagagelager ist durch kunstsinnige Arbeit, die besonders in unserem Regimentsarzt Dr. Frey einen nimmermüden Förderer fand, ein würdiges Ruheplätzchen geschaffen worden, wo die Toten unseres Regiments ausruhen von Kampf und Streit. Die hochragende Eichenpforte mit dem schlanken Kreuz dahinter mahnt den Wanderer an das Leiden und Sterben der bis in den Tod Getreuen.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Donnerstag, 5. Juli 2018

5. Juli 1918



„Wiederum waren gewaltige Vorbereitungen getroffen worden. Zwar lagen tagsüber die zur Front führenden Straßen leer und verlassen im Sonnenbrand, aber mit Einbruch der Dunkelheit erwachte geschäftiges Leben: Erkundungsabteilungen gingen an die Front vor, lange Kolonnen von Lastkraftwagen, endlose Züge von Fahrzeugen aller Art rollten nach Süden, schwer beladen mit Munition und Gerät. Erstaunlich war der Artillerieauf-marsch und die Masse der bereitgestellten Munition, aufs sorgfältigste waren die Vorbe-reitungen zum Nachziehen der Artillerie und Minenwerfer, von Munition und Verpfle-gung über das Trichterfeld getroffen: jedes Fahrzeug war mit Faschinen und Bohlen zum Überwinden von Gräben und Trichtern ausgerüstet, besondere Pioniertrupps stan-den bereit, um Wege und Übergänge herzustellen, beim Vorschleppen der Geschütze und Fahrzeuge mitzuhelfen. Peinlichste Sorgfalt wurde insbesondere auch der Geheim-haltung des Angriffsplanes gewidmet: Urlaub und Feldpostverkehr mit der Heimat waren beschränkt, strengstes Schweigen jedermann zur Pflicht gemacht, niemand durfte die Unterkunft ohne schriftlichen Ausweis verlassen. Angesichts dieser Vorbereitungen war die Stimmung zuversichtlich.“

aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Mittwoch, 4. Juli 2018

4. Juli 1918



„Vinzenz  E b e r h a r t, beim Schiff, Marktstraße 27.
Geb. 4. April 1894.
Sohn der Ida Eberhart.
W e h r d i e n s t: im Krieg: Ers.-Rekr. bei der Gebirgsartillerie.
Gestorben in der Garnison durch Krankheit am 4. Juni 1918 als Ers.-Rekr.

Eberhart erlag während der Ausbildungszeit einer Lungenkrankheit, mit der er erblich belastet war. Er war groß und stattlich, aber den Anforderungen zum Kriegsdienst war er auf die Dauer nicht gewachsen.
Auf dem Friedhof in Hirrlingen wurde er mit militärischen Ehren begraben.
Eberhart hatte keine Eltern mehr, er war 24 Jahre alt und ledig.“

aus: „Hirrlingen Kreis Tübingen (Württemberg) Ehrenbuch 1914-18“, Cannstatt ca. 1939

Ausweislich der Stammrolle wurde Eberhart bereits am 21. September 1914 eingezogen und zum Fahrer „vom Sattel und Bock“ ausgebildet. Er nahm in den Jahren 1915 bis 1916 – unterbrochen durch einen krankheitsbedingte Lazarettaufenthalt – bei den Württembergischen Gebirgs-Kanonen-Batterien Nr. 6, 10 und 11 an den Feldzügen in Tirol, Frankreich, Rumänien und Mazedonien teil.

Dienstag, 3. Juli 2018

3. Juli 1918



„Auf dem rechten Flügel des II. Bataillons ging die 5. Kompagnie hinter einem Sturmtrupp der Jäger zum Angriff vor. Die erste Hälfte der Kompagnie stieg kurz vor Erreichen des Vorfeldgrabens aus dem Laufgraben heraus und breitete sich nach links aus, um, über freies Feld vorgehend, den Vorfeldgraben in breiter Front zu nehmen. Die zweite Hälfte der Kompagnie blieb im Laufgraben und rückte auf die Jäger auf. Gegen diese Hälfte der Kompagnie wendete sich überraschend ein Gegenstoß der Engländer, die nördlich des Laufgrabens aus dem Vorfeldgraben herausgestiegen waren und Handgranaten werfend in der Richtung auf den Laufgraben vorbrachen. Es gab bei der 5. Kompagnie erhebliche Verluste. Der Flammenwerfer versagte, nachdem ein Mann der Bedienungsmannschaft verwundet worden war, aber dem Vizefeldwebel Neumeyer gelang es, die dadurch entstehende Stockung zu überwinden, mit eigenem Beispiele die Leute der 5. Kompagnie, den Jägertrupp und die noch weiter rechts befindliche 3. Kompagnie vorzureißen und den Gegner in den Vorfeldgraben zurückzuwerfen. Dann wendete sich die 5. Kompagnie wieder ihrem alten Ziele zu und schwenkte an der Mündung des Laufgrabens nach links in den Vorfeldgraben ein, um den letzteren nach Süden aufzurollen, während der Jägertrupp, die 3. und nachher auch die 1. Kompagnie, nun unter gemeinsamer Führung des Leutnants d. L. Rustige, sich daran machten, den Vorfeldgraben vom Laufgraben aus nach Norden aufzurollen. Die 5. Kompagnie machte vier Gefangene und erbeutete zwei Lewisgewehre, welche sofort von der Kompagnie in Benützung genommen wurden.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 479“, Stuttgart 1923

Montag, 2. Juli 2018

2. Juli 1918



„Im Juni und Juli 1918 breitete sich beim Feldheer, wie in der Heimat bei Militär und Zivil eine Grippeepidemie aus, die allmählich einen großen Teil der Offiziere und Mannschaften ergriff. In der Heimat waren bis Ende Juli 20187 Mann erkrankt, worunter die Ersatzgestellung vorübergehend litt. Der Verlauf war meist gutartig und kurz, Tod durch Lungenentzündung selten. Diese Grippe erlosch nicht mehr ganz, weder im Feld noch in der Heimat, und forderte noch bis in die Nachkriegszeit hinein bei mehr vereinzeltem Auftreten Todesopfer, namentlich in der bürgerlichen Bevölkerung.“

aus: „Das Sanitätswesen im Weltkrieg 1914–18“, Stuttgart 1924

Sonntag, 1. Juli 2018

1. Juli 1918



„Der Kommandeur des I. Bataillons – Fürst Zeil – setzte seine letzte Reserve, zwei ihm unterstellte Kompanien des Bereitschaftsbataillons (5. und 6. Kompanie) ein, der Kommandeur des II. Bataillons – Hauptmann Franke – seine letzte Kompanie, die 8. Die außerordentlich schwache 7. Kompanie blieb im Bahndamm als Rückhalt zurück. Die vorstoßenden Kompanien mußten das englische Abriegelungsfeuer durchschreiten – ganze Gruppen rissen die feindlichen Granaten hinweg – aber sie erreichten die vorne um ihre Gräben kämpfende Besatzung.
Das hin- und herwogende Nachtgefecht, der Wechsel von Gegenangriff, Ausweichen, Wiedervorstürmen, Wiederverlieren und Wiedernehmen eines Grabenstückes flaute erst ab, als das erste Morgenlicht hinter den Bergen von La Boisselle empordämmerte. Erschöpft schwieg dann auf beiden Seiten die Kampftätigkeit.
Als es hell wurde, lag der Engländer in K 1 des I. (rechten) Bataillons und dem Vor-postengraben des III. (linken) Bataillons.
Der stellvertretende Regimentsführer, Major Reich, befahl daher als das vorerst Not-wendigste das Ordnen der durcheinandergekommenen Verbände. Sollte nicht die ganze Front bei Albert zusammenbrechen, so mußte zunächst die jetzige Linie des Regiments gehalten werden. Dann erst, wenn für alle Fälle geschlossene Kampfeinheiten bereit stünden, sollten Stoßtrupps die verlorenen Gräben aufrollen.
Die einzige Reserve des Regiments war die 7. Kompanie. Diese war aber so schwach, daß sie nur als Sicherheitsbesatzung für den Bahneinschnitt verwendet werden konnte. Die Division stellte daher dem Regiment das III./478 unter Hauptmann Rösler zur Verfügung. Es waren – 65 Mann; die anderen waren grippekrank.
Auch mit dieser „Streitmacht“ war ein planmäßiger Gegenangriff aussichtslos. Es blieb also nichts übrig, als mit Stoßtrupps dem Gegner zu Leibe zu rücken. Und der Unter-nehmungsgeist der kleinen Stoßtrupps bewährte sich glänzend. Um 4 Uhr nachmittags drang Leutnant Bräuchle mit Teilen der 8. und 6. Kompanie von Punkt C aus, jede einzelne Schulterwehr mit Handgranaten erkämpfend, im K 1 nach Norden vor bis zum Punkt B. Sergeant Engst half dabei mit seinem leichten Minenwerfer kräftig mit. Um 9.30 Uhr abends brach Leutnant Hiller mit Mannschaften der 4./122 und des III./478 beim Maschinengewehrnest Adam in den K 1 und drängte den Gegner im Graben nach Punkt B zu. Eingezwängt zwischen die Handgranatensalven der Stoßtrupps des Leutnants Hiller und Bräuchle und bearbeitet von dem Minenfeuer des Sergeant Engst, begann der Feind allmählich zu wanken: um 10.15 Uhr abends rannte die ganze englische Besatzung übers freie Feld zurück. Das deutsche Maschinengewehrfeuer riß blutige Lücken in die flüchtenden Reihen. Eine englische Kompanie wollte die Aus-reißer wieder vorreißen. Als ihr aber von allen Seiten deutsches Feuer entgegenschlug, kehrte sie wieder in den Vorfeldgraben zurück.
Damit war am 1. Juli abends der Kampfgraben wieder in der Hand des Regiments. Nur im Vorpostengraben saß noch der Feind.
Am 3. Juli, bei beginnender Nacht, büßte der Engländer auch diesen Graben vollends ein. Die englische Besatzung erlag dem Ansturm von Teilen des Infanterie-Regiments 479 und den Stoßtrupps des Jäger-Sturmbataillons 3. die dem Regiment unterstellt worden waren. Klar und sicher hatte Major Reich den Gegenangriff angelegt – tapfer führten die Sturmtruppen ihn aus. Was dem Bajonett und den Handgranaten nicht wich, vertrieben die Flammenwerfer.
In der genommenen Stellung sah es fürchterlich aus. An einer Stelle hatten die Eng-länder ihre Toten benützt, um mit ihnen den Graben abzudämmen. Viele Gefallene waren in der Hitze schon in Verwesung übergegangen. Andere waren nur lose mit Erde bedeckt, so daß Köpfe, erstarrte Hände und Füße aus dem Boden hervorragten. Ein fast unerträglicher Leichengeruch verpestete die Luft.
Auch mancher Kamerad wurde unter den Toten vorne wiedergefunden. Im Vorposten-graben der 1. Kompanie lag, das Gewehr noch krampfhaft in der Hand, Sergeant Kappler, einer der Tapfersten des Regiments. Seine Brust war von Bajonettstichen durchbohrt. Das Eiserne Kreuz 1. Klasse glänzte noch an dem blutgetränkten Waffen-rock. Neben ihm lag, im Handgemenge gefallen, fast die ganze Vorfeldbesatzung der 1. Kompanie. Die 3. Kompanie suchte mehrere Nächte lang nach ihrem Kompanieführer, Leutnant d. R. Kern. Er war beim Gegenstoß im Zwischengelände schwer verwundet zusammengebrochen und ist bis auf den heutigen Tag verschollen geblieben.“

aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Samstag, 30. Juni 2018

30. Juni 1918



„Am 30. Juni, um 10.35 Uhr abends, setzte auf der ganzen Regimentsfront schlagartig stärkstes feindliches Feuer ein. Gelbe Leuchtzeichen zischten aus dem Vorpostengraben und K 1 empor, zuerst deutlich sichtbar, dann allmählich verschwimmend in dem Rauch und Qualm, den der Hagel der feindlichen Geschosse in die Höhe schleuderte. Sie bedeuteten: Hilfe! Sperrfeuer!
Um 10.45 Uhr abends rollte auch auf deutscher Seite das Sperr- und Vernichtungsfeuer aus allen verfügbaren Geschützen los. Die vorher klar erkennbare Höhe 110 verschwand hinter einer Wand von Dampf und Dunst. Durch das Trommeln der gegenseitigen Artillerien tönte hell das scharfe Knallen der Maschinengewehre und das Krachen von Handgranaten. Kein Zweifel mehr – der Engländer griff an!
Die Kompanien der vorderen Linie waren gerade dabei gewesen, ihre Nachtpost-ierungen auszustellen. Da setzte plötzlich das englische Artilleriefeuer ein. Und kaum waren die ersten Granaten im Vorpostengraben, K 1 und bei den Bereitschaften einge-schlagen, da tauchte aus den vordersten englischen Gräben in der ganzen Breite der Regimentsfront eine dichte Schützenlinie, dahinter starke Reserven auf, die im Lauf-schritt auf den deutschen Vorpostengraben zueilten. Im Vorpostengraben standen etwa alle 150 Meter 3 bis 4 Mann. Die schwache Besatzung wehrte sich verzweifelt. Aber sie war zu schwach, um den Angriff aufzuhalten. Nach heldenmütiger Gegenwehr unterlag sie im Nahkampf. Der Feind eilte auf den K 1 zu. Die Teile des I. Bataillons (rechtes Kampfbataillon), die im K 1 lagen, traten zum Gegenstoß an. Im Zwischengelände zwi-schen K 1 und Vorpostengraben prallten die Gegner aufeinander. Der zahlenmäßig weit überlegene Engländer behielt die Oberhand und drang in den Kampfgraben des I. Bataillons ein. Die Verluste waren auf beiden Seiten schwer.
Beim linken Kampfbataillon – III./122 – wurde der Vorpostengraben ebenfalls über-rannt. Der K 1 hatte hier gutes Schußfeld und konnte gehalten werden. Nur am rechten Flügel ging er verloren. Die 12. Kompanie, die ihn schrittweise verteidigte, mußte ihn schließlich räumen, wenn sie der völligen Vernichtung entgehen wollte. Der tapfere Kompanieführer, Leutnant d. R. Späth, fiel hier durch Herzschuß.
Gleichzeitig mit dem Angriff gegen die Front des Regiments waren geschlossene englische Kolonnen, an der Spitze Offiziere, an der nördlichen Regimentsgrenze entlang gestoßen. Drei Minuten nach dem Einsetzen des Feuers tauchten diese Kolonnen schon, von Nord nach Süden vorstoßend, im Hohlweg vor der 2. Kompanie auf. Leutnant d. R. Sauter, der Kompanieführer der 2. Kompanie, und die dort liegenden Minenwerfer-Mannschaften warfen sich dem Feind entgegen. Nach blutigem Nahkampf gelang es, die Straßengabel bei Punkt A zu halten. Das war die rettende Tat dieses Abends. Wäre die starke englische Kolonne hier nicht zurückgeworfen worden, sondern hätte sie ihren Weg in Richtung Albert fortsetzen können, es wäre unabsehbares Unglück geschehen. Die dieses Unheil abgewehrt haben, waren nur eine verschwindend kleine Schar: Leut-nant d. R. Sauter, Sergeant Kübler, Unteroffizier Hommel, Gefreiter Ortwein, Weiß und Dietrich, die Füsiliere Schneck, Rabenstein und Thum (2. Kompanie), das Maschinen-gewehrnest Adam (Vizefeldwebel Beißwenger, Gewehrführer Hanold, Gefreiter Gun-zenhauser der 1. Maschinengewehrkompanie) und ein paar Mannschaften der Minen-werfer-Abteilung.
Wie hier im Hohlweg, so wogte auf der ganzen Regimentsfront der Kampf hin und her.
Das Wesen dieser erbitterten Kämpfe war die Ungewißheit. Es war Nacht. Eigene und englische Maschinengewehre kämmten aus nächster Nähe die Gräben ab. Von rückwärts her eingreifende Stoßtrupps entpuppten sich plötzlich als Engländer. Von der Seite anrückende Abteilungen, die ganze Salven von Handgranaten hinter die Schulterwehren schmetterten, wurden erst in der Nähe am Stahlhelm als deutsche Reserven erkannt. Aus den Wolken von Petroleum- und Nebelminen blitzen plötzlich die Bajonette geschlos-sener englischer Züge. Melder rannten fort in die Nacht hinein – in den Riegel von Granaten, den die Engländer noch immer hinter den K 1 legten. Sie kamen nicht mehr zurück.“


aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921