Montag, 18. Juni 2018

18. Juni 1918



„Das I./Reg. 122 hielt nach Abwehr des feindlichen Angriffes auf Kaysug am 10. Juni noch einige Tage seine Stellung besetzt. Es hatte infolge des hohen Krankenstandes und der geringen Frontstärke aus den Bagagen letzte Reserven ausgeschieden, bestehend aus Begleitsleuten, Schreibern, Köchen und Ordonnanzen, und sie im Kaysuger Schulhaus untergebracht. In diesen Tagen kam es nur zu Patrouillengefechten im Vorgelände- Nach Fliegermeldung sollten bei Kajala an der Südbahn aus zehn Zügen Truppenausladungen stattgefunden haben.
Die Stimmung der Bevölkerung in Kaysug war zurückhaltend und keineswegs freund-lich. Die besser gesinnten Leute hatten Angst vor den Bolschewiki, während der größere Teil auf ihre Wiederkehr hoffte. Im Zusammenhang hiermit begannen auch wieder ein-zelne Hetzer und Aufrührer sensationelle Gerüchte unter der Bevölkerung und unseren Truppen zu verbreiten, wonach die Bolschewiki neue Angriffe planten. Man erkannte bald aus dem heuchlerischen Verhalten der Bevölkerung, daß es die unverhüllte Absicht der Bolschewisten war, unsere Truppen und Heimat zu revolutionieren. Am 15. Juni übergaben Parlamentäre der Kuban-Schwarzen-Meer-Armee ein Schreiben an die Division, in welchem die Einleitung von Friedensverhandlungen angeregt wurde. In Erwiderung teilte das deutsche Oberkommando in Rostow mit: „In den nächsten Tagen wird in Taganrog ein Vertreter der russischen Friedensdelegation aus Kiew eintreffen, der die Verhandlungen führen wird; das deutsche Kommando in Rostow wird seine Truppen anweisen, vom 17. Juni morgens ab bis zum Abschluß dieser Verhandlungen, die Feindseligkeiten einzustellen, falls von den gegenüberliegenden Truppen der Kuban-Schwarzen-Meer-Republik keine feindlichen Handlungen gegen die deutschen Truppen oder die Kosaken der Don-Regierung begangen werden. Ein Herankommen an die Stellungen der anderen Partei außer für Parlamentäre mit weißer Flagge gilt als feind-liche Handlung und wird mit Feuer beantwortet.
Von einer ehrlichen Verständigung konnte hier kaum die Rede sein. Die Abmachungen waren bei unserem Gegner vor Kaysug offenbar nicht durchgedrungen oder wurden nicht befolgt. Denn feindliche Patrouillen gingen weiter gegen und vor. Am 18. Juni stießen sogar 150 Mann Infanterie und 80 Reiter über den M.-G.-Hügel gegen Kaysug zweimal vor, wurden jedoch leicht abgewiesen, wobei die beiderseitigen Artillerien mitwirkten. Wir hatten 2 Tote und 1 Schwerverwundeten. In Kaysug traten verschiedene Verluste bei den Bewohnern ein und wurden mehrere Häuser zusammengeschossen.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Sonntag, 17. Juni 2018

17. Juni 1918



„„Der Angriff auf die Stadt Reims findet nicht statt, die Division richtet sich zur Abwehr ein.“ So lautete die Ziffer 1 des Divisionsbefehls vom 16. Juni 1918. Die Kämpfe nah-men daher den Charakter des Stellungskrieges an. Die Bataillone wechselten sechstägig zwischen vorderer Linie am Petersberg und in Tinqueux und Ruhequartier in St. Thierry. Der Ausbau der Stellung trat in den Vordergrund, vor allen Dingen mußten Hindernisse vor die Front und die Gräben vertieft werden. Am Ausgang von Champigny nach Tinqueux wurden Küchen in den Steilhang eingebaut, hinter welchem sich auch der Verbandplatz und ein kleiner Kirchhof des Regiments befanden. Der Weiler Champigny mit hübschen Villen und Parks zeigte noch die Spuren einstigen Wohlstandes. In den Gärten gab es Gemüse, besonders Spargeln und neue Kartoffeln, die eine willkommene Bereicherung des Speisezettels bildeten. Der Veslegrund war mit prächtigen Bäumen bestanden, der Fluß, etwa 10 – 15 Meter breit und 2 – 3 Meter tief, hatte sumpfige Ufer. Ein besonders wichtiger und gefährdeter Punkt war die Gärtnerei bei Cinqueux, welche nur 300 Meter vom Gegner entfernt, von einer Feldwache des Regiments besetzt war. Von der Dachluke des Gärtnerhauses hielt der Posten Auslug. Der tadellos angelegte Garten lieferte Gemüse für Freund und Feind. Vom hochgelegenen Ruhequartier St. Thierry aus hatte man einen wunderbaren Blick auf die Stadt Reims und den Abschnitt des Regiments. Das Vesletal und die umliegenden Höhen waren landschaftlich von hohem Reiz. Das Regiment kannte Reims jetzt von drei Seiten, es fehlte nur noch der Süden. Am 17. Juni abends wurde das Infanterie-Regiment Nr. 475 aus seinem Ab-schnitt herausgezogen und wieder links neben dem Infanterie-Regiment Nr. 476 einge-setzt. Der Abschnitt des Infanterie-Regiments Nr. 127 mußte daher nach rechts verbrei-tert werden. Zur Verstärkung wurden 2 Kompagnien des Landsturmbataillons Braun-schweig, alte gute Bekannte von der Aisne her, und 2 Scharfschützen-Maschinenge-wehr-Kompagnien dem Regiment zugeteilt.“

aus: „Das neunte Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 127 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Samstag, 16. Juni 2018

16. Juni 1918



„Am 16. Juni traf bei einem feindlichen Minenüberfall (Flügelminen) der erste Schuß mitten in die Werferbedienung Stand 1 in der Schweppermannschlucht, die sich vor ihrem Stollen befand, und tötete Sergeant Setzer, Ldstpfl. Breisch, Ersatzres. Balb und Ldstpfl. Beha. „Ein vorbildliches Beispiel von Unerschrockenheit und treuer Kamerad-schaft haben die übrigen Männer der Werfergruppe, besonders der Ldstpfl. Trommer und der Ersatzres. Nagel gegeben, indem sie mitten im schweren Feuer ihren fallenden Kameraden zu Hilfe eilten, diese aber leider nicht mehr lebend bergen konnten“, mel-dete der Minenwerferoffizier; Leutnant Canz, dem Regiment. Die Gefallenen wurden auf dem Friedhof in Marcq am 18. Juni beerdigt.“

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

Freitag, 15. Juni 2018

15. Juni 1918



„Im Laufe des Nachmittags wurde unser linker Nachbar abgelöst. Gegen Abend trafen auch die Vorkommandos des Res.-Inf.-Regts. 212 zu unserer Ablösung ein.
Infolge der Gefechtslage konnte die Ablösung des I. Batls. nicht sofort erfolgen. Dage-gen wurde das II. Batl. schon zwischen 9 und 11 Uhr abends herausgezogen und gelang-te nach schwierigem Rückmarsch über Le Translon – Chaudun nach Léchelle, wo es gegen 3 Uhr morgens im Eisenbahntunnel eintraf. Während so das II. Batl. wenigstens ein schützendes Dach über dem Kopfe hatte, stand das I. immer noch draußen in der Hölle des Waldes von Villers-Cotterêts. Die ganze Zeit raste das feindliche Feuer. Am Morgen des 15. folgte, nicht unerwartet, ein feindlicher Angriff. Ein schneidiger Gegen-stoß der 1. Komp. warf den Feind in seine Stellung zurück. Damit war auch dieser Kampf siegreich bestanden.
Während dieser ganzen Zeit lag der Regiments-Gefechtsstand in der Translon-Ferme unter schwerem Feuer. Kurz nach 5 Uhr früh hatte ein Geschoß schwersten Kalibers den Keller, in dem, sich der Regimentsstab mit dem zugeteilten Artilleriekommando befand, zertrümmert. Der Regiments-Kommandeur mit seinem Stab und dem der Artillerie war verschüttet. Nur den zu Hilfe eilenden Mannschaften einer Reserve-Kompagnie war es zu danken, daß die Mehrzahl der in den Trümmern Begrabenen einem qualvollen Tode entgingen. Leider hatte jedoch das zusammenstürzende Kellergewölbe schon seine Opfer gefordert. Der in allen Gefechten bewährte Regiments-Adjutant, Leutnant d. R. Grau, war mit drei braven Schützen des Stabes von den hereinbrechenden Steinmassen erdrückt worden. In wenigen Tagen hatte das Regiment zum zweitenmal seinen Adju-tanten verloren – ein tragisches Geschick!
Gegen 7 Uhr vormittags hatte das feindliche Feuer nachgelassen, so daß nunmehr auch die Ablösung des I. Bataillons erfolgen konnte. Da jedoch das Regiment nach Ablösung noch der 90. Res.-Brigade unterstand, rückte das I. Batl. zunächst in den Hohlweg nördlich  Maison Neuve-Ferme, während sich das II. Batl. für den Fall eines feindlichen Angriffs in Léchelle marschbereit hielt. Erst gegen Abend, als die Alarmbereitschaft aufgehoben wurde, rückten auch der Regimentsstab und das I. Batl. dorthin. Obwohl die Unterkunft sehr dürftig war, fühlte man sich doch nach den Schrecken des Waldkampfes hier wie in der „Etappe“. Man konnte mal wieder schlafen, ohne daß ein Ast oder Baum auf einen runterfiel, oder eine Granate einem zwischen den Beinen platzte. Auch gab es wieder warmes Essen in den kalten Magen und Wasser, um sich zu waschen.“

aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933


Donnerstag, 14. Juni 2018

14. Juni 1918





Vorbemerkung:
Heinrich Butz war am 7. Juni 1918 wegen fortgeschrittenen Alters und als Vater von vier Kindern von der 2. Kompagnie Landwehr-Infanterie-Regiment 126 zum Austausch-Kommando des Feld-Rekruten-Depots der 7. Landwehr-Division versetzt worden und zur Rückkehr in die Heimat vorgesehen. Nach dem Angriff auf die Mius-Halbinsel wurden auf Grund der zahlenmäßigen Schwäche der deutschen Truppen 400 Mann vom Feld-Rekruten-Depot der Gruppe Nord unterstellt. Die nachfolgende Schilderung der Kämpfe auf der Mius-Insel ist der Regimentsgeschichte des Ulanen-Regiments Nr. 20 entnommen.

„Am Sonntag, den 9. Juni, war anscheinend alles ruhig, wie immer. Die zurückkeh-renden Patrouillen meldeten ihr: „vom Küstenschutz nichts Neues, die Bevölkerung ruhig, alles in Ordnung.“ Am Abend schwirrten Gerüchte von einer Landung bolsche-wistischer Streitkräfte, doch konnte niemand Bestimmtes sagen. Ein Patrouillenboot fuhr aus, um auf hoher See nach dem Gegner in der Nacht noch zu suchen. Da die planmäßige Patrouille der Esk. unterwegs war, wurde diese durch 2 Meldereiter davon benachrichtigt, daß Gefahr im Anzug sei und ihr aufgetragen, erneut Nachforschungen anzustellen.
Das Patrouillenboot stieß in dunkler Nacht auf den Feind, der mit 33 Fahrzeugen, darunter einigen Kriegsschiffen, gegen die Miushalbinsel im Anmarsch war; das Boot wurde auf seinem Rückzug auf Taganrog scharf verfolgt und beim Morgengrauen donnerten von hoher See her die Schiffsgeschütze, deren platzende Grüße in Taganrog eine unwillkommene Tagwacht ansagten.
Die Meldereiter erreichten bei Tagesgrauen des 10. Juni nach scharfem Nachtritt über 25 km die in Solotnia-Kosa befehlsgemäß in der Nacht vom 9. / 10. Juni untergezogene Patrouille des Sergt. Gehm, die das Auftauchen der Flotte eben bemerkte und fertig machte, um Meldung zu erstatten und erneute Erkundungen nach andern Punkten der Halbinsel anzusetzen. Die erste Meldung erreichte die Esk. 6.15 vorm. Inzwischen waren von der Esk. eine Reihe weiterer Patrouillen als Verstärkungen (Lt. Frhr. v. Watter, Sergt. Riedinger) und Relais (Sergt. Geisel und Schleeh) abgesandt worden, außerdem aber Lt. Erbgraf zu Königsegg im Kraftwagen nach vorne gefahren, um Meldungen auf dem schnellsten Wege zurückzubringen, sowie um einen Gesamt-überblick über die Lage zu gewinnen. Er traf die Patrouille im Gefecht mit dem an zwei Stellen ausbootenden Gegner, der von der See aus mit schweren Schiffsgeschützen seine Landung unterstützte. Sergt. Gehm hatte in vorbildlichem Draufgehen mit 5 Karabiner-schützen wiederholt das erste an Land haltende Fahrzeug beschossen, bis er infolge von Feuerüberfällen aus den Hecken und Häusern durch bolschewistische Franktireurs das Feld räumen mußte. Gemeiner Weise schlug sich die früher freundlich tuende Bauern-bevölkerung alsbald auf Seiten der Bolschewiken und bedrohte unsere zurückgehenden Patrouillen mit Steinen und Prügeln. Leider verlor die Esk. an diesem Morgen drei ihrer besten Ulanen, die von Bauern überfallen (z. T. auf Patrouille, teils beim Rasten in einzelnem Hofe) nun vermißt werden (Ulan Mäule und Bauer) oder tot mit schwersten Verwundungen und der Kleider beraubt (Gefr. Kugler) gefunden wurden; auch vier vorzügliche Pferde fielen durch Artilleriefeuer oder auf Patrouille.
Vorm. 10 Uhr traf Exz. von Knoerzer in der Ortsunterkunft der Esk. ein, um sich die nun zahlreich einlaufenden Meldungen an Hand der Karte vortragen zu lassen. Der gelan-dete Feind hatte an zwei Stellen Brückenköpfe gebildet und trieb nun 10 Uhr vormit-tags, während hinten die Ausladungen planmäßig fortgesetzt wurden, Schützenlinien gegen Norden und Osten vor, welchen die Ulanenpatrouillen zäh das weitere Vordringen zu verwehren versuchte. Allein die Übermacht war zu groß. Mittags war der Feind 12 km vorwärts gekommen und bedrohte Taganrog, aus dem das Generalkommando abroll-te, um nicht die freie Hand zu verlieren.
Unter dem Führer I. Res. 224 Rittmeister v. Müller (Ul. 5) (dem Sohn des früheren Regimentskommandeurs Ul. 20) trat mittags ein Detachement zusammen, bestehend aus 1 ½ Komp. Res. 224, 1 Batterie, 1. Esk, U. 20 und einem Panzerkraftwagen mit 3 M. G.s, und rückte dem anmarschierenden Gegner entgegen, der sich schon 8 km westlich von Taganrog näherte.
Da die Lage einen Angriff auf den mehrfach überlegenen Gegner nicht ratsam er-scheinen ließ, wurde eine Stellung ausgehoben und die Nacht zur Aufklärung und zum Anrollen von Verstärkungen benützt. Aber auch der Feind brachte von Stunde zu Stunde Verstärkungen von den Schiffen, sowie Landbatterien heran. Am Morgen des 11. Juni stellten die Ulanenpatrouillen diese fest. Der Tag blieb sonst ruhig, da beide Gegner beschlossen, die Verstärkungen abzuwarten und dann zum vernichtenden Schlage, wo-möglich mit Umfassung, auszuholen. So verging ein langer Tag, zum Glück funktio-nierte der Bahntransport vollkommen, trotzdem Streiks drohten, so daß Batl. um Batl., Artillerie, Munition und alles Notwendige, das aus weitester Entfernung herangezogen werden mußte, wie mit einem Uhrwerk betrieben herankam.
Auch 2 Esk. der 5. Bayr. Chevauxleger (7. Kavalleriebrigade) unter Major von Löffel-holz, der die Führung des Detachements „Nord“ übernahm, trafen nach einem Tage-marsch von 75 km an glühend heißem Tage rechtzeitig ein. Am Morgen des 12. griffen die Bolschewiken um 10 Uhr vorm. an. Sie drangen in die zwischen den beiden De-tachements „Süd“ (v. Müller), „Nord“ (v. Löffelholz) vorhandene 3 km breite Lücke, in der sich zur Verschleierung nur eine dünne (17 Karabiner starke) Schützenlinie der 1./Ul. 20 befand. Die im rechten Moment ankommenden Verstärkungen aus eigener Infanterie warfen den angreifenden Gegner auf seine Angriffsstellung zurück und drängten ihn auf seinem linken Flügel gegen Abend und im Laufe des nächsten Tages immer mehr gegen seine Ausladepunkte an der Küste. Am Nachmittag des 13. Juni übernahm Oberst Bopp (Ul. 20), Kommandeur der 53. Landw.-Inf.-Brigade, den Befehl. 5 Uhr nachm. trat alles zum Sturm an. Verzweifelt wehrten sich die Desperados, deren Reiter, 60 an der Zahl, in kühner Attacke den Durchbruch zur Flucht riskierten. Bis zu Leitung „Süd“ durchdringend, fielen die letzten von den Karabinern der Ulanen nieder-geschossen. In einem Gehölz an der Landungsstelle zusammengepfercht, versuchten Tausende die Flucht auf Flößen und Fischerseglern, die von Artillerie, M. G. und Schützen mit Feuer überschüttet wurden, wollten auf ihren Pferden im seichten Meere der Steilküste, die Tod und Verderben spie, entlang reitend, an unbewachter Stelle das rettende Ufer erreichen. Vergebens. Der Tod hielt reiche Ernte. Ein Schlachten war’s, nicht eine Schlacht zu nennen, dem die Nacht ein Ende setzte. Der Rest mit einer Anzahl von Weibern ergab sich auf Gnade und Ungnade, welch letzterer alle, da Pardon weder verlangt noch gegeben wurde, im Feuer von M. G. fielen. Von den 10 000 gelandeten Bolschewiken sind wohl kaum 1000 Mann, diese meistens verwundet, entkommen. Die Beute betrug 7 Geschütze, viele M. G. s, Massen von Gewehren und Munition auf den Transportschiffen, von denen 9 nicht mehr vom Lande abkamen, und sonstiges Kriegsmaterial aller Art.“


aus: „Bilder aus der Geschichte de Ulanen-Regiments König Wilhelm I (2. Württ.) Nr. 20“, Stuttgart 1934

Mittwoch, 13. Juni 2018

13. Juni 1918



„Unablässig lag das feindliche Artilleriefeuer auf dem Wald. Ächzend splitterten dessen Stämme im Granathagel. Ungeheuerlich dröhnten die Einschläge. Dazwischen klatsch-ten Gewehr- und M. G.-Geschosse mit scharfem Knall gegen das Astwerk. Holz- und Eisenfetzen flogen surrend umher. Ein unbeschreibliches Gewirr von Ästen und Stäm-men sperrte den Weg.
Trotz alledem traten 10 Uhr vormittags die Stoßtrupps des I. Bataillons an und drängten, der Feuerwalze folgend, den hartnäckigen Verteidiger schrittweise zurück. Bald war jedoch die Verbindung nach rechts und links abgerissen. Unsere Patrouillen stellten fest, daß beide Nachbarn zurückgeblieben waren. Die rechts anschließende 4./211 wurde zwar auf die Höhe des Württ. Gebirgs-Regiments vorgeführt, die links angrenzende 3./218 erklärte aber, daß sie wegen schwerer Verluste zunächst nicht weiter vorgehen könne.
Dessen ungeachtet setzte Leutnant d. R. Schropp mit seiner 3. Komp. den Angriff fort und erreichte gegen 11 Uhr vormittags die Schneise, etwa 1500 m östlich La Beauve. Inzwischen waren auch die 1. und 2. Komp. unaufhaltsam gegen den Waldrand östlich Montgobert vorgestoßen. Nach letztem, verzweifeltem Widerstand des Gegners nördlich La Beauve gelang es, dort in der „2. Pariser Stellung“ einzudringen, diese ein Stück weit nach beiden Seiten aufzurollen und dann abzuriegeln. Die Stoßtrupps folgten dem weichenden Gegner bis zur großen Straße, wo sie vor dem Widerstand feindlicher Reserven Halt machen mußten. Währenddessen wurde beobachtet, wie der Gegner, offenbar überrascht durch unser schnelles Vordringen, nördlich Montgobert zurückging. Aus dem Ort selbst galoppierten französische Artilleriegespanne heraus, um die noch östlich davon stehenden Geschütze zurückzuholen. Gegen 2 Uhr nachmittags meldete Vizefeldwebel Köpcke, der Sturmtruppführer der 2. Komp., daß sich der Feind gegen den linken Flügel seines Sturmtrupps heranziehe. Allem Anschein nach war der Feind auf unserem linken Flügel infolge des Zurückhängens des Res.-Inf.-Regts. 218 noch nicht genügend erschüttert und suchte jetzt dort einen Gegenstoß anzusetzen. Sofort wurden Sicherungen vorgeschoben, denen es auch nach hartem Kampf gelang, einen starken, von Südwesten kommenden Gegner zurückzuschlagen. Nun richteten sich die Kompagnien, verstärkt durch die 2. M. G.-Komp., etwa 100 m jenseits der genommenen feindlichen Stellung zur Verteidigung ein.
Auf die Meldung von Oberleutnant Roller, daß das I. Batl. die „2. Pariser Stellung“ und damit das befohlene Tagesziel erreicht habe, folgte 2 Uhr nachmittags folgender Regi-mentsbefehl:
„I. Batl. geht über die „2. Pariser Stellung“ (dicht östlich der Straße Valsery – Ferme La Beauve) vorläufig nicht hinaus. Das Vorarbeiten des Res.-Inf.-Regts. 211 rechts und des Res.-Inf.-Regts 218 links muß abgewartet werden. Verbindung mit dem linken bzw. rechten Flügel dieser Regimenter ist zu nehmen. Patrouillen sind zur Sicherung bis über die große Straße vorzuschieben. Die eroberte Stellung ist zur Verteidigung einzurichten und zu halten. I. und II. Batl. nehmen sofort Tiefengliederung ein und sichern ihre Flanken.“
Der Gegner machte verzweifelte Versuche, das verlorene Gelände zurückzugewinnen. Seine Artillerie tat ihr Äußerstes, um uns den Aufenthalt im Walde unmöglich zu ma-chen. Vergebens. Jeder Versuch, unsere Linie zu durchbrechen, scheiterte. Die Gebirgler wichen nicht. Restlos wurde die Stellung gehalten. Aber unter schweren Opfern – 16 Tote, 86 Verwundete!“


aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

Dienstag, 12. Juni 2018

12. Juni 1918




„Der Verlauf der vorderen Linie war hier bei Serre etwa derselbe wie vor den Kämpfen im Juli 1915, südlich Hébuterne bis La Signy-Ferme einschließlich. Es war eine Trich-terstellung fast ohne Unterstände, nur das Bereitschaftsbataillon hatte einige, teilweise vom Regiment selbstgebaute Unterstände. Sonst war von den alten Bauten und Anlagen des Regiments aus dem Jahr 1916 nichts mehr zu sehen. Das Massengrab vom Juli 1916, die großen Küchenunterstände bei den „Fünf Weiden“. die Feste Soden mit ihren Unterständen waren nicht mehr zu finden; Serre war vollständig mit Brennessel über-wuchert. Überall lagen noch tote Pferde herum; ein besonderes Kommando zum begra-ben derselben hatte wochenlang zu tun. In den kommenden Wochen herrschte rege Kampftätigkeit. Dauerndes Artilleriefeuer, besonders bei Nacht, starke Feuerüberfälle mit nachfolgenden Patrouillenvorstößen. Handgranatenkämpfe, Minenfeuer, systemati-sche Beschießung einstiger Unterstände mit Gasgranaten, Beschießung der Anmarsch-wege wechselten gegenseitig ab. Auch Flieger beteiligten sich an dem Kampfe mit Maschinengewehren und warfen Bomben aus geringer Höhe auf die Stellung ab. Das Reservebataillon in Grévillers wurde oft von Fliegern angegriffen. Am 11. Juni hatte das I. Bataillon allein 1 Toten und 22 Verwundete durch eine Fliegerbombe. Der englische Flieger beherrschte alles.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1922

Montag, 11. Juni 2018

11. Juni 1918


„Am 11. Juni wurde das schwer erschöpfte R. 120 abgelöst durch Regiment 408. Während dieser Ablösung erfolgte ein Angriff der Franzosen gegen Bethancourt. Nach vorausgegangenem Trommelfeuer drang ihre Infanterie in den Ort ein. Das I./R. 120 war schon aus Bethancourt herausgezogen aber noch nicht gesammelt. Der Bataillons-führer, Hauptmann Gebhardt, raffte vom Bataillon zusammen, was zusammenzuraffen ging, stieß damit hinein in das Dorf und warf die Franzosen wieder hinaus. 50 Gefan-gene machte das Bataillon bei seinem Vorstoß. Die Franzosen gingen zurück auf Mache-mont. Das Sammeln des Regiments konnte seinen Fortgang nehmen.
Die Verpflegung in den 3 Kampftagen war nicht schlecht gewesen. Überdies erbeutete das Regiment große Mengen von französischem Weißbrot, Kaffee, Tee, Schokolade und dergl. Über den Sanitätsdienst der 11. Division dagegen wurde sehr geklagt.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Sonntag, 10. Juni 2018

10. Juni 1918




„Der große Augenblick war gekommen, die Offensive begann auch für uns.
Schon am 8. Juni – die Truppe ruhte – ritten die Stäbe des Regiments und der Bataillone vor und erkundeten die mitgeteilten Bereitstellungsplätze für den Angriff. Es ergab sich, daß diese Plätze Nacht für Nacht unter schwerstem feindlichem Feuer lagen. Unter solchen Umständen hätte man mit großen Verlusten rechnen müssen, noch ehe man in den eigentlichen Kampf trat. Oberstleutnant Fleischmann stellte daher den Antrag, daß das Regiment erst bei Beginn des Vorgehens dort einzutreffen habe. Das wurde geneh-migt.
R. 120 und seine Begleitbatterie marschierten daher in der Nacht vom 8. auf 9. Juni zunächst nur in die Gegend nördlich und nordöstlich Cuy und warteten hier das weitere ab. 12.50 vorm. begann am 9. Juni das Vorbereitungsschießen der deutschen Artillerie, der Gegner erwiderte nur schwach. 2.30 vorm. wurde vom Regiment der Marsch wieder aufgenommen nach den Bereitstellungsplätzen; es war eine stockdunkle Nacht mit dich-tem Nebel.
Zwei Stunden später erfolgte die elektrische Zündung von 800 deutschen Minen, zu-gleich das allgemeine Angriffssignal. Auch unser Regiment hatte sich auf dieses Zei-chen wieder in Bewegung gesetzt, von den Bereitstellungsplätzen aus. Alles war in fieberhafter Spannung.
Doch nach kurzer Zeit trat schon wieder eine Stockung ein, das vor uns marschierende Grenadierregiment 10 konnte über den sumpfigen Divettegrund nicht hinüber. Die Kompagnien dieses Regiments mußten teils durch Umwege, teils auf andere Art das Hindernis überwinden.
Währenddessen stellte das I./R. 120 einen behelfsmäßigen Übergang her und schob sich über diesen heran gegen Thiescourt, wo es 6.30 vorm. anlangte. Das Dorf selbst lag unter feindlichem Feuer, deshalb blieb das I. Bataillon nördlich davon in der alten franzö-sischen Stellung.
Das II. Bataillon traf den Oberbau der Brücke bei Evricourt zerstört an, die Pfeiler standen noch unverletzt. Ein neuer Oberbau wurde gelegt; vorsichtig überschritten, sobald dies möglich war, auf halbfertigem Steg 2 Kompagnien den Divettegrund.
Für all diese Brückenbauten war keinerlei Material bereitgestellt worden; auch mußten die einstigen Infanteriepioniere aus ihren jetzigen Kompagnien erst zusammengeholt werden. Das alles brauchte viel Zeit. Währenddessen lag der Divettegrund nicht nur stark unter feindlichem Feuer, er war auch so sehr vergast, daß Aufenthalt und Arbeit hier nur mit Maske möglich war.
Um 9.20 vorm. traf, freudig begrüßt, die Nachricht ein, Plémont westlich Thiescourt und Thiescourt selbst samt den südlich vorliegenden Häusern seien genommen, Connectan-court wahrscheinlich durchschritten, an den Divetteübergängen werde noch gearbeitet. Die Brigade habe sofort den stürmenden Bataillonen der 11. Division zu folgen. Die Fahrzeuge sollten nachkommen, sobald die Divettübergänge dies ermöglichten.
Das I./R. 120 ging von Thiescourt aus weiter vor, bis in die vorderste Linie des Kampf-es, um hier links neben Grenadierregiment 10 in das Gefecht einzugreifen. Vom II. Bataillon rückten auf den eben genannten Befehl hin sämtliche Kompagnien über den Divettegrund hinüber, das III. Bataillon blieb noch als Reserve des Regiments in der Gegend von Cuy.
Der deutsche Angriff rechts von uns schritt gut vorwärts, auf dem Lörmont aber, also vor uns, war das Grenadierregiment 10 auf heftigen Widerstand gestoßen.
Um 2 nachm. mußte hier von neuem das Vorbereitungsfeuer der deutschen Artillerie einsetzen, dann gelang es dem Regiment 10 und dem mittlerweile links daneben eingetroffenen I./R. 120 auf dem Nordwesthang des Berges vorwärts zu kommen, bis etwa 150 Meter unterhalb der Kuppe. Hier aber stand man vor einem fast völlig unver-sehrten Drahthindernis und über dieses hinweg raste uns französisches M.-G.- und Gewehrfeuer entgegen. Es gab kein anderes Mittel, als möglichst gedeckt nochmals abzuwarten, bis die Artillerie nochmals Bahn geschossen haben würde, um dann dicht hinter deren Feuerwalze vorzustürmen.
Alles war hiezu vorbereitet, die Artillerie entsprechend verständigt, da traf der Befehl ein, die 204. Division ohne R. 120 habe behufs anderweitiger Verwendung sofort von hier abzurücken, unser Regiment sei der 11. Division unterstellt.
Das II./R. 120 hatte unterdessen bei Evricourt auf dem äußersten rechten deutschen Flügel sich entwickelt. Gegenüber dem sehr starken Gegner war es aber dem Bataillon ebenso wie dem preußischen Regiment 408 links daneben nicht gelungen, erheblich vorwärts zu kommen.
Jetzt, wo die 204. Division samt ihrer Artillerie herausgezogen werden mußte, jetzt verzögerte sich der Wiederbeginn des Angriffs auf den ersten Teil des Lörmonts natur-gemäß.
R. 120 zog zunächst seine 11. und 12. Kompagnien das erste Treffen vor und stellte sie dem I. Bataillon zur Verfügung. Dieses füllte mit den beiden Kompagnien die große Lücke rechts neben sich aus, zwischen den Grenadieren und dem Bataillon selbst.
Der Rest des III. Bataillons rückte als Regimentsreserve an den Nordrand von Thies-court, ebenso ein Zug der Begleitbatterie.
Nach 8 abds. konnte der Angriff wieder aufgenommen werden. Die Artillerie arbeitete aus allen Rohren, doch leider schoß die schwere wiederholt zu kurz und veranlaßte insbesondere beim I. Bataillon starke Verluste.
Von solchen Dingen ist die moralische Wirkung noch schlimmer als die tatsächliche.
8.30 konnte die Infanterie wieder antreten. Einzelne französische M.-G,-Nester leisteten hartnäckigen Widerstand, dazwischen aber brach der deutsche Angriff durch und nahm dann die M.-G.-Nester von der Seite her.
Auch das II. Bataillon bei Evricourt vermochte jetzt nach vorwärts Boden zu gewinnen. Nach einer Stunde war der Lörmont in unserem Besitz, die Bataillone des R. 120 lagen am Süd- und Südosthang des Berges, der Anschluß an die Nebentruppen, rechts Regi-ment 10 und links Regiment 408 war vorhanden.
Erbeutet hatte das Regiment 1 Geschütz, 30 schwere und viele leichte M.-G., 19. M.-W. Die eigenen Verluste betrugen an Toten 1 Offizier und 40 Mann, an Verwundeten 3 Offiziere und 108 Mann.
Gegen den Kellerwald gingen Patrouillen vor. Ein Nachdrängen in größeren Abteilun-gen verbot die Dunkelheit, welche nun rasch sich über dem unübersichtlichen Gelände ausbreitete. Die Truppen biwakierten daher in ihrer Kampfstellung.
Am andern Morgen, am 10. Juni, rückte die Division weiter vor. R. 120 trat aber erst um 120.15 vorm. an und zwar durch die Mulde von Orval. Man erreichte die Straße nach Ribécourt und stieß hier auf den Anfang des Regiments 408. R. 120 mußte halten, um erst dieses durchzulassen. Jetzt schlugen feindliche Granaten auf den von uns eben verlassenen Lörmont und die Orvalmulde ein; die Marschkolonne des Regiments blieb augenscheinlich unbemerkt.
12.10 konnte wieder angetreten werden. Dabei benutzte das III. Bataillon die Straße Orval – Cambronne, das II. marschierte links daneben, das I. links neben diesem; allge-meine Richtung Attèche-Ferme.
Sobald aber die Spitzen der Bataillone die Hochfläche südlich Orval erreichten, empfing sie starkes M.-G.- und Gewehrfeuer aus südlicher Richtung, besonders von der Attèche-Ferme her. Das I. und III. Bataillon traten alsbald ins Gefecht, das II. wurde als Reserve hinter das I. genommen.
Das III. Bataillon erhielt jedoch auch Feuer aus dem Kellerwald, also von halbrechts her. Der 11. Kompagnie mit 2 M.-G. gelang es, über den Wiesengrund in den Wald gegen des Gegners Flanke vorzudringen. Die 12. Kompagnie warf den Feind, der die Gräben östlich der Straße besetzt hielt, zurück und stieß ihm dann in südlicher Richtung nach. Die 9. und 10., M.-W. und Begleitbatterie folgten auf der Straße. So erreichte das Bataillon kämpfend die Höhe, auf welcher die Ferme gelegen ist, und schickte sich an, den Hof selbst zu nehmen.
Das I. Bataillon war unterdessen mit seinen vordersten Teilen aus dem Wald heraus-getreten. Da sah sich die Spitze einem vierfachen Grabensystem gegenüber. Es gelang, ihr sich bis an das davor liegende Drahthindernis heranzuschleichen und dieses zu durchschneiden. Die Spitzenkompagnie folgte. Zwar fiel der Führer, Leutnant Binder, aber durch die Drahtlücke hindurch drang die Kompagnie weiter; die übrigen Kompagnien des I. Bataillons griffen ein und das ganze französische Grabensystem wurde aufgerollt.
Doch die Ferme selbst zeigte sich stark befestigt und besetzt, so daß der Auftrag des I. Bataillons, links an derselben vorbeizustoßen, zu einer taktischen Unmöglichkeit wurde. Hauptmann Gebhardt, der stets bewährte Bataillonsführer, setzte auf eigene Verantwor-tung seine Kompagnien zum links umfassenden Angriff gegen die Ferme an.
Noch aber schlugen in dieser deutsche Granaten ein, mit Leuchtkugelzeichen mußte man erst die deutschen Geschütze zum Schweigen veranlassen. Dann ging der Angriff vorwärts, unaufhaltsam vorwärts. Zur Unterstützung des I. Bataillons waren noch die 11. und 12. Kompagnie eingetroffen; um 2.15 nachm. befand sich die Attèche-Ferme im Besitz der 6 Kompagnien.
2 französische Offiziere und 200 Mann fielen als Gefangene in deutsche Hände, der Rest, etwa 300, entflohen in südliche Richtung.
Das III. Bataillon war mittlerweile vollzählig herangekommen, es folgte gemeinsam mit dem I. dem weichenden Feind. Die Begleitbatterie fuhr im Galopp auf und sandte ihm ihr Feuer nach.
Auch das II. Bataillon, bisher Regimentsreserve hinter dem I., rückte gegen die genom-mene Ferme nach. Da schlugen von rückwärts her deutsche Granaten wieder in diese ein. Vielleicht war das Mißverständnis veranlaßt worden durch den Kanonendonner des eben erwähnten Verfolgungsfeuers. Das II. erlitt Verluste und wich nach Süden aus.
Etwa 1 Kilometer südlich Attèche mußte das Regiment zunächst einmal seine gänzlich durcheinandergekommenen Verbände ordnen. Dann erst konnte wieder angetreten werden, und zwar nunmehr vom II. Bataillon auf Antoval, vom III. auf Ribécourt, das I. folgte dem III. Eine Reihe M.-G.-Nester empfingen die Bataillone mit ihrem Feuer. Doch man nahm sie eines um das andere. Aber langsam nur kam das Regiment auf diese Art vorwärts und die beiden Führer der vorderen Bataillone, Major Schmidt und Haupt-mann Wider, wurden verwundet.
So erreichte das III. Bataillon Ribécourt, mußte aber angesichts des Ortes noch einmal Halt machen, weil deutsches Artilleriefeuer in demselben einschlug. Erst nach Aufhören desselben stieß das Bataillon durch den Ort hindurch bis zur Kanalbrücke. Einige Franzosen, die im Begriff waren, die Brücke zu sprengen, wurden abgeschossen, der Kanal überschritten und die Zündleitungsdrähte durchschnitten.
Weiter ging es, über La Verrue-Ferme nach der Oisebrücke. Auf 100 Meter schon waren die vordersten Schützen herangekommen, da flog mit Donnergetöse die Brücke in die Luft. Auch die andern in der Nähe befindlichen Oiseübergänge waren zerstört.
Leutnant Schmidt von der 11. Kompagnie durchschwamm den Fluß und holte einen am Südufer liegenden Kahn. In diesem setzten ein paar Mann über. Sie fanden das Gelände hier bis auf einige Patrouillen frei vom Feind.
Auf die entsprechende Meldung hin schob das Bataillon eine seiner Kompagnien über die Oise vor, mit den andern besetzte es Ribécourt und die Kanalbrücke. 2 Kompagnien des Gegners, welche – anscheinend abgeschnitten – von Pimprez her auf Ribécourt marschierten, wurden mit Feuer empfangen und ergaben sich. Ähnliches Schicksal hatten Franzosen, welche von Ville und Dreslincourt her abziehen wollten.
Das II. Bataillon kämpfte sich indessen mühsam in Richtung Antoval vor, überwand verschiedene M.-G.-Nester und nahm 2 noch feuernde 15 Zentimeter-Batterien. Von einer dritten entflohen im letzten Augenblick die Bedienungsmannschaften, die Ge-schütze fielen in die Hand des II./R. 120. In Antoval und Cambronne stieß das Bataillon auf starken französischen Widerstand, die deutsche Kraft reichte nicht mehr aus, den-selben zu brechen, der Siegeszug kam vorläufig ins Stocken.
Das I. Bataillon endlich hatte der Regimentskommandeur über das vom III. genommene Ribécourt nachgezogen und dann gegen Bethancourt angesetzt. Aber auch im letzteren Ort leisteten die Franzosen zähen Widerstand. Da traf gegen 9 abends das II./408 bei unserem Regiment ein.
Mit Hilfe dieser noch ziemlich frischen Truppe und kräftig unterstützt durch das Feuer eines Zuges der Begleitbatterie gelang es, Bethancourt zu nehmen. Doch mußte dabei Haus um Haus dem Feind abgerungen werden.
Jetzt war auch Cambronne und Antoval für den Feind unhaltbar, sie fielen in unsere Hand.
Unsere Verluste am 10. Juni waren weniger schwer gewesen als tags zuvor. Sie betrugen an Toten 2 Offiziere und 13 Mann, an Verwundeten 44 Mann mit 2 Offizieren. Reich, überreich aber war unsere Beute. 34 Geschütze, darunter viele schwere, hatte R. 120 genommen, ferner eine Unmenge M.-G., 1 Auto, Munition, Gewehre, Kriegsmaterial aller Art. Mindestens 800 Gefangene, darunter 20 Offiziere, hatte man nach rückwärts abbefördert.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Samstag, 9. Juni 2018

9. Juni 1918



„Um 12.50 Uhr morgens begann die Artillerievorbereitung mit einer Mächtigkeit, daß die Erde erzitterte. Das erste war wieder das Vergasen der feindlichen Artillerie. Bald setzte auch empfindliche feindliche Gegenwirkung ein. Bei 4./49 wurde Blaukreuz-munition zur Explosion gebracht und die Batterie mußte vorübergehend die Stellung räumen. Die Batterie hatte auch später sehr unter dem feindlichen Feuer zu leiden, so daß Unteroffizier Lendler und Kanonier Weißhaar fielen und Kanonier Brucker und Notz schwer verwundet wurden und die Batterie am Abend ihre Stellung verlegen mußte.  Auch bei 6./49 wurden zwei Mann schwer verwundet. Bei 5./49 fielen infolge von Beschädigungen nach und nach alle Geschütze aus, so daß die Batterie andern Tags nach Fréniche rücken mußte, um sich neu auszurüsten. Mit Beginn des Sturmes um 4.20 Uhr vormittags wurden auf der ganzen Front gleichzeitig tausend mittlere Minen abge-schossen. Es war im Verein mit dem Artillerietrommelfeuer ein in der Weltgeschichte nie dagewesenes Ohrenschauspiel.
Um 4.20 Uhr vormittags nach Beginn der Feuerwalze schied die I./49 aus ihrem Gruppenverband aus. Es war noch vollständig Nacht und für die in der Gegend Bussy bereitgestellten und bis Forsthaus – Grunewald allmählich herangezogenen Protzen war es keine Kleinigkeit, sich zwischen den immer noch in der Feuerwalze begriffenen Kompagnien hindurchzuwinden, um aufzuprotzen. Es gelang jedoch ohne Schaden, trotz vereinzelt noch einschlagender schwerer Schüsse, die Abteilung an der Vormarsch-straße der 204. (württ.) Inf.-Division, welcher die I./49 und einige Stunden später auch die III./49 zugeteilt waren, bereitzustellen. Die I./49 sollte dem Res.-F.-A.-R. 27, dem sie, wie auch später die III./49 unterstellt war, folgen, während die II./49 bis auf weiteres aus ihrer bisherigen Stellung den Angriff der 202. Inf.-Division zu unterstützen hatte. Die Vormarschstraße der 204. Inf.-Division, ein schlechter, auf Cuy zuführender Wald-weg, war lange Zeit verstopft und dazu unter dem Feuer vernichtender Einschläge mittelschweren Kalibers, so daß die Abteilung in einer recht unangenehmen Situation war. Von 1./49 fiel dabei Unteroffizier Dürr und wurden Unteroffizier Gaiser, sowie sechs Pferde verwundet. Nach langem Aufenthalt ging es weiter auf Cuy.
Die III./49 war zu gleicher Zeit über Suzoy dorthin gelangt. Beide Abteilungen kreuzten sich dort. Die I./49 mit dem Befehl auf Höhe südlich Cuy, III./49  mit dem Befehl bei Evricourt in Stellung zu gehen. Letzteres erwies sich als unmöglich, da der Angriff der Infanterie ins Stocken geraten war und die überragenden Höhen des Loermont und südlich Connectancourt noch nicht erklommen waren. III./49 wurde bald darauf nach Lassigny dirigiert und dem Regimentsstab unterstellt, welcher um 10 Uhr vormittags von dem Kommando als Aka-Gruppenstab abtrat und das Kommando über die schwere Artillerie der 204. Inf.-Division zu übernehmen hatte und zu diesem Zweck sich bei dem Artilleriekommandeur dieser Division, Oberst Frhr. v. Mühlen, auf dem Divisions-Gefechtsstand bei Lagny einfand.
Recht unglücklich traf es die I./49. In der am Vormittag erfolgten schwersten Beschies-sung von Cuy war eine Pause eingetreten. Das bei Cuy in Betracht kommende Gelände war derart unwegsam, daß nur ein steiler Hohlweg die Zufahrt zu den Stellungen südlich des Ostausgangs von Cuy bildete. Als die vorderste, die 1. Batterie in diesen Hohlweg eingebogen war, wurde sie, wohl durch feindliche Flieger, entdeckt und mit einem Feuerüberfall schweren Kalibers erfaßt. Die nachfolgende 2./49 wollte kehrt machen, um auf einem anderen Weg in die Stellung zu gelangen; am Ostausgang von Cuy trafen sie vernichtende schwere Brisanzgranaten. Das Bild war ein erschütterndes. Überall liefen losgerissene verwundete Pferde blutend herum. Bei 2./49 war der durch seine Tapferkeit und Pflichttreue so hoch geschätzte, mit dem Eisernen Kreuz I. Kl. ausge-zeichnete Sergeant Eble und Unteroffizier Beyer, Gefr. Kümmerle, Kanonier Kohler, Heinkel und Kottmann gefallen. Leutnant Sigwarth so schwer verwundet, daß er nach zwei Tagen starb. Außerdem waren von der 2./49 noch 6 Mann verwundet, 6 Pferde getötet und 3 verwundet; bei 1./49 waren 2 Mann schwer verwundet, 5 Pferde getötet und 4 verwundet. Bei dieser Gelegenheit muß derjenigen anerkennend gedacht werden, welche trotz des todbringenden feindlichen Feuers den Verwundeten und Sterbenden Hilfe leisteten und durch zweckdienliche Anordnung es ermöglichten, daß die zusam-mengeschossenen Gespanne trotzdem die Batterien rasch in Stellung brachten. Unter diesen Persönlichkeiten sei neben manchen anderen der Wachtmeister Waldmann der 2./49 und auch der Stabsveterinär Dr. Reichert, der in diesem Augenblick bei der 2./49 marschierte, genannt.“

Freitag, 8. Juni 2018

8. Juni 1918



„Die 26. Res. Res.-Division sollte die 41. Inf.-Division  nordwestlich Bapaume ablösen. Am 6. Juni wurde das Regiment in Arleux verladen und nach Vélu geführt. Am hellen Tage fuhren die Bagagen nach Bancourt vor, um Truppenansammlungen und Angriffs-absichten vorzutäuschen. In Frémicourt standen noch Häuser, die zum Wohnen einge-richtet waren. An Mauern waren Hütten gebaut und die Kirche als Unterkunft einge-richtet.  Weithin dehnte sich das furchtbare Trichterfeld der ersten Sommeschlacht. Aber der Frühling hatte Leben über den Tod gegossen und Granatlöcher und Trümmer mit freundlichem, frischem Grün überzogen, das die Öde füllte und verschönte. In Bapaume waren die meisten Häuser vernichtet, das Rathaus wie weggeblasen. Nur die Ecke mit der typisch französischen Bedürfnisanstalt hatte die Höllenmaschine, die das Gebäude nach dem Einzug der Engländer in die Luft jagte, wie aus Ironie stehen lassen. Die Straßen waren aufgeräumt und gangbar. Biefvillers war ein riesiger Park. Das englische Barackenlager, in dem ein Ruhebataillon des Kampfregiments abgelöst werden sollte, war leer, die den Kampf im Westen noch ungewohnte Truppe ausgezogen. „Rausge-schossen!“ erklärten die Leute, als die Schwaben die Wellblechbaracken bezogen. Irles war vom Erdboden verschwunden, kaum zuerkennen, wo einst die Kirche gestanden hatte, die alte Straße überwachsen, eine neue, das Tal nach Grévillers hinaufführende angelegt. Das Schlößchen in Miraumont, wo einst der Divisionsstab gehaust hatte, war noch etwas erhalten, aber sonst das ganze Dorf vernichtet, von Pys kommend kaum mehr die Lage zu finden. In der Sandgrube am Bahnhof bei Miraumont in Fuchslöchern nisteten sich die Trägertrupps ein, um ihres mühevollen Amtes zu walten. In der Nacht vom 6./7. Juni löste das I. Batl./Res.-Reg. 119 das II./Inf.-Reg. 152 östlich Hébuterne ab. Der Feind saß am Hang vor dem Dorfe und sah tief ins Hinterland. Die eigene Linie sprang weit vor. Die württembergische 26. Inf.-Division hatte hier gestürmt und den Angriff einstellen müssen weil die rechts und links anschließenden Truppen nicht mit-gekommen waren. So ragte dieser „Schwabenbauch“, wie ihn der Soldatenwitz taufte, weit über die Linie hinaus. Hier gab es wieder einen durchlaufenden Graben, in dem man sich auch tags bewegen konnte. Aber vier Fünftel der Truppe lagen in Kaninchen-löchern, nur wenige in alten Stollen.
Anfangs verhielt sich der Gegner ruhig, nur seine Minen waren immer unbequem und nächtliches Maschinengwehrfeuer störte Arbeit und Herankommen der Träger. Diese hatten fast übermenschliches zu leisten, als Regen einsetzte und die zahllosen Trichter in Seen, das pulverisierte Erdreich in ein zähes Schlammeer verwandelt wurde. Stunden-weit mußten sie im feindlichen Zerstörungsfeuer schwere Lasten heranschleppen, um durchnäßt und frierend in ihren Fuchslöchern bei Miraumont einige Stunden Ruhe zu finden.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Donnerstag, 7. Juni 2018

7. Juni 1918



„Die Stellungen der III./49 befanden sich auf den Höhen zwischen Porquéricourt und Suzoy mit dem Gefechtsstand auf dem Nordabfall der Höhe von Porquéricourt. Die Stellungen der II./49 mit dem Gefechtsstand in einem Keller von Suzoy befanden sich 300 – 500 m südlich des nördlichen Endes dieses Dorfes, die der 2. und 3./49 westlich des Nordausgangs dieses Dorfes. Der Gefechtsstand des Stabes I./49 befand sich an einem Hohlwegstück bei der Straßengabel dicht nordwestlich Suzoy, der des Regi-mentsstabs auf dem Hang einer Waldmulde 500 m östlich Forsthaus – Grunewald.: Die Munitionsausstattung erfolgte etwas überstürzt, zum Teil erst in der letzten Nacht. Der Gegner war schon sehr unruhig geworden und streute unsere Artilleriestellungen und Straßen ab, wobei er manchen Munitionsstapel traf und wohl ahnen mußte, was bevor-stand. Eine Art Gelbkreuz-Gasgeschosse erzeugten mehrfach Gaserkrankungen. Bei 5./49 verunglückte Kanonier Munz schwer durch Scheuen der Pferde der Feldküche infolge feindlichen Feuers. Bei 9./49 war am 7. Juni Kanonier Zimmerling gefallen.“

aus: „Das 3. Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Mittwoch, 6. Juni 2018

6. Juni 1918



„In der Nacht vom 5. / 6. Juni zogen wieder die tüchtigsten Streifgänger der Kompag-nien auf bekannten Wegen aus. Sie stellten an der ganzen Front des Regiments die bisherigen Posten fest. Führer der Patrouille der 6. Kompagnie in C 2 a war Vizefeld-webel Müller. Sergeant Glatthaar, der vom Feldrekrutendepot der Kompagnie zugeteilt war und gebeten hatte, bei der Kompagnie bleiben zu dürfen, ging freiwillig mit. Müller ging mit Glatthaar, dem Gefr. Maier, den Unteroffizieren Herdeg und Zeininger und drei andern Streifgängern kühn bis zur dritten feindlichen Linie bei R. P. 1 vor. Die Patrouille erhielt flankierendes M.-G.-Feuer, wodurch Glatthaar, der zur Beobachtung auf den Grabenrand gestiegen war, schwer verwundet wurde. Obwohl nun alle feindli-chen Posten feuerten und Handgranaten warfen, trug Vizefeldwebel Müller den verwun-deten Kameraden zum Teil auf dem Grabenrand (Grabentüren!) zurück bis in die zweite feindliche Linie. Die Loslösung vom Gegner gelang, doch Glatthaar starb bald nach der Einbringung in einem Unterstand. Die Kompagnie und alle Befehlsstellen bis zur Brigade bedauerten den Tod dieses tapferen Soldaten.“

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

Dienstag, 5. Juni 2018

5. Juni 1918



„Die Stellung der Kampfbataillone zog sich unmittelbar westlich Albert in flachem, welligem Gelände hin und gliederte sich in Vorfeldgraben K 1 (Kampf-)Graben und Bahneinschnitt, welche miteinander durch verschiedene Laufgräben verbunden waren. Die Stellung war sehr mäßig ausgebaut, besonders die Annäherungsgräben und die Unterbringungsmöglichkeiten ließen zu wünschen übrig. Das Vorfeld, das zur Sicherung gegen feindliche Angriffe vor den K 1-Graben gelegt war, war bei Übernahme der Stellung ziemlich schmal, wie überhaupt die ganze Stellung an zu geringer Tiefenglie-derung krankte. Es war die erste Aufgabe des Regiments, den Vorfeldgraben, der nur durch einige Postierungen besetzt war, weiter gegen den Feind vorzuschieben, was auch in den folgenden Nächten gelang. Der Gegner, Engländer, war sehr aufmerksam, beson-ders bei Nacht, und versuchte wiederholt mit starken Patrouillen einen unserer Vorfeld-posten auszuheben. Doch diese Versuche scheiterten an der Wachsamkeit und den ziel-sicheren Handgranatenwürfen unserer Posten. Das Bereitschaftsbataillon lag im Westteil von Albert in verstärkten Kellern und halbfertigen Unterständen bezw. Stollen. Die Stadt Albert selbst, in der längst kein Haus mehr ganz war, lag als unangenehmes Hindernis im Rücken unserer Stellung. Die engen Straßen und Kreuz- und Quergäßchen er-schwerten den Nachschub und das Vorkommen der Reserven. Der Tommy tat mit seinen Brummern alles, damit den Aufräumkommandos, welche die Straßen von Trümmern und Schutt dem Verkehr frei zu halten hatten, die Arbeit nie ausging. Das einst so schöne französische Städtchen mit seiner historisch-schönen Kathedrale wurde von den Engländern planmäßig zu Schutt und Asche zerrieben, und besonders kurz vor Einbruch völliger Dunkelheit tobten sich die englischen Artilleristen nochmals gründlich aus; dieser „Abendsegen“ des Tommys war pünktlich und man hatte sich bald gut auf ihn eingespielt. Schwärme feindlicher Flieger schwirrten tagsüber entlang der Stellung und interessierten sich mächtig für jeden sich in Albert zeigenden Fußgänger.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Montag, 4. Juni 2018

4. Juni 1918



„Noch einmal ging es nach Flandern hinauf. Anfang Juni 1918 war das Landst.-Regt. 39 aufgelöst worden. Die Bataillone wurden wieder selbständig. Die Maschinengewehr-Kompagnie des Bataillons Calw wurde in Tongeren aufgestellt. Das Bataillon selber fuhr vom 1. bis 3. Juni von Remelach nach Loos, einer Vorstadt von Lille, um beim 55. Armeekorps Wacht- und Sicherheitsdienst zu übernehmen..“

aus: „Landsturm vor! Der mobile württembergische Landsturm im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart, 1929



„Vize-Feldwebel Jakob Haller (Offiz.-Aspirant)der 4. Komp. Ldst. Batl. Calw XIII/1. starb am 4. Juni 1918, 9.15 Uhr abds., an den Folgen einer ausgedehnten Granatsplit-terverletzung am Kopf, rechter oberer Schlüs-selbeingrube mit Durchschlagung der Schlüsselbeinschlagader, an Brust, am Bauch, einer großen, etwa 10 cm langen klopfen-den Wunde am lk. Oberschenkel mit Bloßlegung des Knochens u. zahlreicher erbsen- bis bohnengroßer Splitterverletzungen an beiden Unterschenkeln.

5. Juni 1918                
Fritz Heest
Assistenzarzt d. R.
Pion. Komp. 313/31.“

Sonntag, 3. Juni 2018

3. Juni 1918



„Mehr und mehr verdichtete sich vor unseren Linien der feindliche Widerstand. Die französische Artillerie, die in den ersten Tagen wie vom Boden weggeblasen schien, war wieder lebendig geworden, und zwischen den Einschlägen der Feldkanonen spritzten die Wirbel schwerer Kaliber. Da nisteten sich die deutschen Soldaten wohl für eine Nacht in den Felshöhlen des Ourqtales ein und dankten den Bauern, die diese Löcher einst zur Bergung ihrer Habseligkeiten gegraben hatten. Noch ein paar Kilometer, dann stand unser Angriff, wieder begann das schwere Ringen um die erkämpfte Linie. In jenen Tagen haben bei Passy die 7. und 9. Batterie, von der Infanterie im Stich gelassen, allein den Gegenstoß der Franzosen aufgefangen. Und wieder verschwanden die Divi-sionen, die den Angriff vorgetragen hatten, und machten nachrückenden Platz. Die Fünfundsechziger blieben stehen.“

aus: „Das 4. Württ. Feldartillerie-Reg. Nr. 65 im Weltkrieg“, Stuttgart 1925

Samstag, 2. Juni 2018

2. Juni 1918



„Nachdem die an die 1. Armee anschließende Gruppe der 7. Armee mit ihrem rechten Flügel die Marne überschritten hatte und in der Nacht vom 31. Mai auf 1. Juni das rechte Anschlußregiment 368 seine Neugliederung durchgeführt hatte, befahl die 242. Inf.-Division für den 1. Juni die Fortsetzung des Angriffs. Das Inf.-Reg. 368 war aus nordwestlicher Richtung auf Vrigny und Ormes angesetzt. Das stark befestigte Ormes sollte jedoch nicht durch die Infanterie genommen, sondern durch Artilleriefeuer niedergehalten werden. Als Angriffsziel war den Regimentern 475 und 127 zunächst die Straße Pargny – Reims gegeben; Angriffszeit war nach einstündiger Artillerievorberei-tung auf 10 Uhr vormittags festgesetzt. Zum Gelingen des Angriffs war die Niederhal-tung des in Ormes verschanzten Gegners äußerst wichtig. Acht schwere Batterien legten ihr Feuer auf das Dorf; es war jedoch nicht genügend wirksam. Kurz nach Beginn des eigenen Feuers setzte ein gewaltiges Sperrfeuer der französischen Artillerie ein; es lag vor Ormes und vor der Straße Ormes – Vorstadt Vesle. Trotzdem drang die Infanterie rasch vor; insbesondere gelang es der 10. Kompagnie unter Leutnant Kienzle, in der feindlichen Stellung sich vorzuarbeiten, obwohl sie von Ormes und von der „Schönen-Kreuz-Ferme“ her durch Maschinengewehrfeuer flankiert wurde. Der linke Flügel erreichte den Feldweg Ormes – Vorstadt Vesle. 10.30 Uhr vormittags war die Höhe von Ormes erreicht; das Angriffsziel winkte. Plötzlich, 10.40 Uhr vormittags, stieß die dem Regiment in der rechten Flanke sitzende durch das Artilleriefeuer nicht geschwächte Besatzung von Ormes zum Gegenstoß vor. Schnell wandte sich die Infanterie gegen den neuen Gegner und trieb ihn mit Hilfe der Begleitbatterien 4. und 5./Feldart.-Reg. 61 in seine Ausgangsstellung zurück. Blutig waren seine Verluste. Nun setzte aber südlich Ormes ein gewaltiges Maschinengewehrfeuer ein. Eine Fortführung des Angriffs war aussichtslos, solange die rechte Nachbardivision, die 213., nicht Vrigny und die Stel-lungen südlich der Straße Vrigny – Ormes in Besitz hatte. So stand 10.45 Uhr vormit-tags der Angriff. Der 213. Division gelang es nicht, Vrigny wegzunehmen; ihr Angriff hatte sie nur in Besitz des Nordwestrandes des Dorfes gebracht. Daher befahl 2.10 Uhr nachmittags die 242 Infanterie-Brigade Einstellung des Angriffs und Einrichtung zur Verteidigung. Infolgedessen gliederten sich die Bataillone rasch in die Tiefe; in vorder-ster Linie wurden eingesetzt: 10. Kompagnie, die die Verbindung mit dem rechts an-schließenden III. Bataillon des Inf.-Reg. 149 aufnahm, 12., 5. und 6. Kompagnie, an letztere schloß sich das Inf.-Reg. 127 an. 11. Kompagnie befand sich nördlich Thillois, 8. Kompagnie am Westhang des St. Peterbergs als Bataillonsreserven, 7. und 9. Kom-pagnie als Regimentsreserve beim Regimentsgefechtsstand südlich Champigny.
Die Nacht zum 2. Juni und dieser Tag verliefen unter heftiger beiderseitiger Artillerie-bekämpfung. Von weiteren Angriffen wurde zunächst abgesehen.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 475 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

Freitag, 1. Juni 2018

1. Juni 1918



„Die ganze Nacht über herrschte lebhafter Gefechtslärm. Der Gegner war sehr nervös; offenbar rechnete er mit einem nächtlichen Angriff von uns und hielt deshalb das ganze Gelände unter starkem Feuer. Unablässig erhellten Leuchtkugeln das Kampffeld. Es war eine Nacht, würdig des vergangenen Tages! Abgespannt hockte man in seinem Erdloch und sehnte den andern Morgen herbei, obwohl man wußte, daß er nichts Besseres bringen konnte. Tatsächlich erging auch schon 8 Uhr morgens folgender Angriffsbefehl:
„Das Regiment greift 10 Uhr vormittags nach Artillerie-Vorbereitung die Pariser Stellung an. Oberleutnant Roller setzt sich mit 2., 3., 5. Komp. und 3. M.-G.-Komp. in erster, 4., 6. Komp. und 1. M.-G.-Komp. in zweiter Linie rechts an Inf.-Regt. 159, links an Inf.-Regt. 53 angelehnt, in Besitz dieser Stellung.“ Die Artillerie-Vorbereitung begann, der Feind erwiderte heftig. Es ging schon auf 10 Uhr, die befohlene Sturmzeit, ohne daß man den Eindruck hatte, daß der Gegner durch unser Feuer erschüttert sei. Die Feuervorbereitung war zu schwach; offenbar fehlte die nötige Munition, um die festungsartige Stellung sturmreif zu schießen. Trotzdem traten zur befohlenen Zeit die Stoßtrupps der 2. und 3. Komp. an und gelangten in schneidigem Anlauf bis an das breite, kaum beschädigte Hindernis. Weiter ging es nicht, da zahlreiche, in hohem Gras versteckte Maschinengewehre ein wildes Feuer eröffneten. Überallher pfiff es und doch sah man keines dieser verdammten Gewehre. Wer wollte sie fassen? Mit ein paar Handgranaten war hier nichts zu wollen; nur planmäßiges, starkes Artilleriefeuer konnte freie Bahn schaffen. Gegen 11 Uhr vormittags setzte zu allem hin noch heftiges feind-liches Artilleriefeuer ein und kurz darauf kam die Meldung, daß die Nachbarregimenter in ihre Sturmausgangsstellungen zurückgegangen seien. Fast gleichzeitig wurde ein feindlicher Tankangriff aus Chaudun heraus beobachtet, der jedoch glücklicherweise schon in der Entwicklung von unserer Artillerie zerschlagen wurde. So lagen unsere 2. und 3. Komp. ohne jeden Flankenschutz vorne am Feind, als gegen 12.30 Uhr mittags ein starker feindlicher Angriff gegen das schon zurückgegangene Inf.-Regt. 159, also tief in unserer rechten Flanke, erfolgte. Jetzt war es hohe Zeit, auch unsere Leute zu-rückzuholen, sollten sie nicht leichtfertigerweise der feindlichen Umfassung ausgesetzt werden. In dieser wenig beneidenswerten Lage hatte Hauptmann Junge – soeben beim Regiment eingetroffen – die Führung des II. Bataillons übernommen.
Endlos schlichen die Stunden dieses Tages dahin. Glühend brannte die Sonne, unaufhör-lich hämmerte die feindliche Artillerie. In dieser dumpfen Stimmung brachte die Nach-richt des Einbruchs der linken Nachbardivision in die feindliche Stellung neues Leben. Sofort wurde auch bei uns der Angriff wieder aufgenommen. Das II. Batl. trat links, das I. rechts der gegen Chaudun vorspringenden Mulde zum Sturm an. Der 4. Komp. unter ihrem Führer, Leutnant d. R. Freitag, gelang es, durch einen feindlichen Laufgraben in die feindliche Stellung einzubrechen. Beim Aufrollen der Stellung aber fiel der Tapfere an der Spitze seiner Kompagnie. Der Angriff stockte. Auch links von uns ging es nicht weiter. Die feindliche Artillerie feuerte, was das Zeug hielt. In rasendem Wirbel schlu-gen die Geschosse ein. Was nun? Ging es vorwärts oder rückwärts? Keines von beiden. Der Kampf stand. Man hatte sich festgebissen. Erst bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Kompagnien in die Stellung des Vorabends zurückgenommen, um für die Nacht eine geschlossene Front zu gewinnen. Nur die 4. Komp. hielt im eroberten Graben die Totenwacht bei ihrem gefallenen Führer.“

aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933