Montag, 22. Oktober 2018

22. Oktober 1918



„Etwa um 2.30 nachts ging beim Regiment der Befehl ein, daß heute, am 22. Oktober um 7.30 früh, der Angriff festgesetzt wird. Der Feind muß über die Aisne zurückge-worfen werden.
Patrouillen des I. und II. Batls. haben durch ständiges Vorfühlen festgestellt, daß der Feind noch da ist, wo er sich gestern abend eingeschanzt hat. Dauernd liegt eigenes Sperrfeuer auf den Brücken über die Aisne und den Straßen zwischen dem Dorf Vandy und der Stadt Vouziers.
Punkt 7.20 früh setzt unsere Artillerie zu kurzem, energischen Feuerschlag ein; sofort fordert der Franzose durch gelbe Leuchtkugeln Sperrfeuer an, das alsbald kommt. Punkt 7.30 brechen unsere tapferen Männer aus ihren Löchern hervor; sofort knattert wieder aus der rechten Flanke rasendes Maschinengwehrfeuer und bringt dem II. Batl. schwere Verluste bei. Langsam kommt links das I. Batl. vorwärts, sein Kommandeur, Haupt-mann d. R. Schier, ist bei der vordersten Linie, er dringt bis ganz nahe vor den ersten Graben der Brunhildenstellung vor; obwohl am rechten Knie durchschossen, verläßt er sein Batl. nicht, und harrt aus, bis der Blutverlust ihn zwingt, das Kommando an Leut-nant d. R. Kaufmann abzugeben. Nach 9 Uhr ist die Höhe 163, die sich zwischen der Oldershauser- und der Sibyllenhöhe vorwärts erhebt, in der Hand des I. Batls. Unser Artilleriefeuer liegt zu weit vorne, es muß näher herangezogen werden, der Infanterie-angriff geht nicht so schnell vorwärts, wie die Artilleristen wohl annehmen.
Ein feindliches Fliegergeschwader erscheint ohne tätig zu werden. Von der Kuppe 172 südwestlich der Oldershauserhöhe setzt Maschinengewehrfeuer dem II. Batl stark zu; mit Erfolg richtet unsere Begleitbatterie ihr Feuer dorthin, immer noch ist die 9./Feld-art.-Reg. 6, die uns für heute in Aussicht gestellt ist, nicht da. Das Regiment fordert diese Batterie dringend von der Untergruppe an, sie soll sofort über Quatre Champs auf der Straße nach Vandy vorkommen; dort wird sie den Regimentskommandeur finden. Aus dem Gefechtslärm links bei 127 und 475 erkennen wir, daß es auch dort vorwärts geht, aber unser rechter Nachbar greift nicht mit an.
Gegen 11 Uhr kommt der erwartete feindliche Gegenstoß mit endlosen Massen, er richtet sich in der Hauptsache gegen das I. Batl. auf Höhe 163. Hauptmann d. R. Schier, der trotz seiner Verwundung noch hier steht, nimmt seine tapferen Männer – es sind höchstens 80 Mann – geordnet nach de Ausgangsstellung zurück. Dort bricht sich der feindliche Stoß, kein Franzose kommt einen Schritt weiter. Von einem Einsatz der schwachen Reste des bayr. Res.-Reg. 24, die in Aussicht gestellt werden, verspricht sich der Regimentskommandeur keinen Erfolg. Wir müssen, zum Angriff zu schwach, halten was wir haben. Der Regimentskommandeur fordert leichte Maschinengewehre und Bedienungsmannschaften und Draht an, um die Waldränder zu verdrahten. Der uner-müdliche Ordonnanzoffizier, Leutnant d. R. Gottlob Berger, stellt beim Nachbarregi-ment rechts die Lage fest. Allem nach hat dieses Regiment den Angriff nicht mitge-macht, jedenfalls ist ein Erfolg nicht zu verzeichnen.
Unser III. Batl. unter Hauptmann Jörling war auf dem linken Flügel des Schlachtfeldes neben dem III. Batl. 2. bayr. Inf.-Reg. unter Hauptmann Schenk eingesetzt worden. Es hatte am 21. Oktober mehrere Tschecho-Slowaken gefangen genommen und war am 22. Oktober früh eingesetzt worden, von Süden her die Brunhildenstellung am Hang der Sibyllenhöhe rechts herauf aufzurollen. Nach gutem Vordringen von einigen hundert Metern stockte der Angriff in dem unübersichtlichen Gelände. Ein Volltreffer brachte dem in vorderster Linie befindlichen Bataillonsstab empfindliche Verluste bei. Erbittert wird um einen Stollen, dann an der Ban-Mühle am Fournellesbach, wo der Bataillons-arzt Dr. Weinhardt zeitweise den Verbandplatz eingerichtet hat, gekämpft. Wieder und wieder schlagen schwere deutsche Granaten auf diese unsere Stellung nieder; nach rückwärts gesandte Meldungen um Abhilfe bleiben ohne Erfolg.
Gegen 4 Uhr abends setzt feindliches Maschinengwehrfeuer ein; feindliche Leuchtku-geln fallen dicht vor uns nieder, wo die 3. M. G. K. unter Leutnant Frhr. v. Hermann mit Vizefeldwebel Berger und Unteroffizier Gasser aus ihren 6 M. Gs. und einem erbeuteten französischen Maschinengewehr unermüdlich schießt. Jetzt kommen feindliche Maschi-nengewehrgeschosse auch von hinten. Da bleibt dem Hauptmann Jörling, der die Stel-lung bis zum äußersten hielt,  dem aber ein Gegenstoß des Inf.-Reg. 127 keine Entlas-tung gebracht hatte, nichts übrig, als den Rückzugsbefehl zu geben, mit seinem Stab Mann hinter Mann den Unterstand zu verlassen und sich in dem Gestrüpp nach rück-wärts durchzuschlagen. Dem Bataillonsadjutanten Leutnant Gunkel gelingt es; Leutnant Frhr. v. Hermann fällt auf einen Misthaufen und als er wieder aufsteht, sieht er Haupt-mann Jörling, Leutnant Winter, den Regimentstambour Vizefeldwebel Dettling, Vize-feldwebel Berger und Unteroffizier Gasser nicht mehr.
Die Reste des Bataillons, etwa 70 – 80 Mann, sammeln sich mit 3 Maschinengewehren der 3. M. G. K., die ihre Kastenmunition gerettet hatte, bei Hauptmann Schenk, der sie bei Claire-Fontaine unter dem Kommando des Leutnants Gunkel aufbaut. Vergeblich warten dieser Adjutant und das Bataillon auf den Kommandeur – Hauptmann Jörling kommt nicht mehr. Er war mit der Pistole in der Hand in dem Gestrüpp von einem großen Haufen Tschechen umringt worden und fiel in die Hände des Feindes; ebenso der Rest des Stabes.
So verlor das III. Batl. seinen Kommandeur, der es seit Juli 1917 kommandiert und vor Reims, vor Verdun, bei Conchy, an der Arnes und an der Aisne mit größter Auszeich-nung geführt hatte, geliebt und verehrt von jedem Mann und jedem Offizier. Das Batail-lon unter Leutnant Gunkel ist dann von dem III. Batl. Inf.-Reg. 127 unter Hauptmann v. Hartlieb aufgenommen worden und hielt die Verbindung nach links mit dem Käseberg, bis später Hauptmann Sautermeister vom Inf.-Reg. 475 das Kommando übernahm.
Sobald die Verhältnisse es erlauben, wird an der ganzen Front mit Nachdruck gearbeitet. Leider hat der Verlauf des Tages nicht gehalten, was der Morgen versprach, dagegen haben wir viele Helden verloren; es fehlt der Tapferste der Tapferen, Hauptmann Jörling und der heldenmütige Hauptmann Schier. Solche Führer, solche Vorbilder in allen mili-tärischen Tugenden sind nicht mehr ersetzt worden.“

aus: „Die Geschichte des Württembergischen Infanterie-Regiments Nr. 476 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

Sonntag, 21. Oktober 2018

21. Oktober 1918



„Für den 21. Oktober war ein großer Angriff angesetzt, um die Lage an dem äußerst wichtigen Brückenkopf bei Vouziers wiederherzustellen. Die 199. Inf.-Division sollte rechts anschließend an die 1. bayr. Inf.-Division die Oldershäuser Höhe nehmen. Dieser selbst fiel der Angriff auf die Sybillenhöhe zu, während das links anschließende 1. Garde-Regiment z. F. die Fürtstenhöhe von Süden her aufrollen und Chestres nehmen sollte. Dem Regiment wurden das Sturmbataillon 2 und das II. Bataillon des 24. bayr. Inf.-Reg. unterstellt. Es sollte sich, sobald ein Erfolg des 1. Garde-Regiments z. F. bemerkbar war, dem Angriff anschließen. Das I. Bataillon des Inf.-Reg. 475 wurde dem 2. bayr. Inf.-Reg. unterstellt und nach Gegend Ballay gezogen. Es bekam außerdem die Begleitbatterie 5./281 mit.
Trotz der geringen Neigung eines biederen bayrischen Landwehrmannes zum Angriff  (er meinte: „heit geht nix z’samm‘“) begann dieser nach kurzem Feuerschlag 8 Uhr vormittags. In raschem Ansturm nahm das I. Bataillon die vordere feindliche Linie nördlich Claire-Fontaine. Dann aber geriet sein Angriff ins Stocken. Da protzte die Begleitbatterie 5./281 unter Führung des einstigen Adjutanten des Regiments 475, Hauptmann Burr, auf und schuf über die Infanterielinie vorgehend den Angreifern mit einigen wohlgezielten Treffern Luft. Dann aber begann ein Wettlauf zwischen Infanterie und Artillerie. Nach kurzer Zeit war die Sybillenhöhe im Besitz des I. Bataillons. Leider wurde dessen tapferer Führer, Rittmeister Jobst, dabei schwer verwundet. Die Olders-häuser Höhe kam nicht in den Besitz der 199. Inf.-Division; von ihr aus hatte das I. Bataillon schwer unter Flankenfeuer zu leiden. Von der Sybillenhöhe auf die Aisne-brücken zurückgehende feindliche Kolonnen erlitten durch das Feuer der Begleitbatterie schwere Verluste.
Inzwischen war es dem 1. bayr. Inf.-Reg. gelungen, den Käseberg zu erstürmen. Trotzdem von links noch kein Erfolg bemerkbar war, entschloß sich das Regiment 475 zum Angriff. Es stieß in den Waldstücken „Waldeinsamkeit“ und auf Höhe westlich „Evawald“ auf starken Widerstand. Jedoch konnte der Feind dem Ansturm der kriegsgewohnten Schwaben nicht widerstehen und mußte weichen. Am Abend stand das III. Bataillon im Anschluß an das 1. bayr. Inf.-Reg. auf dem Käseberg mit linkem Flügel an der von Chestres nach Osten führenden Straße. An dieses schloß sich das II. Bataillon am Ostrand der Fürsten-höhe an.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 475 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

Samstag, 20. Oktober 2018

20. Oktober 1918



„In der Nacht vom 19./20. Oktober drang der Feind bei Beveren über die Lys und besetzte das Dorf. Das Schützenbataillon 30 wurde wiederum eingesetzt und ging an der Straße Vije St. Eloi – Harlebeke in Stellung. Das Bataillon erhielt die Aufgabe, eine Linie entlang des Feldweges Beveren – Desselghem zu halten und hatte rechts Anschluß an die 13. Husaren, links an die 7. Res.-Dragoner. Die Schützeneskadron Dragoner 25 wurde mit 3 Gruppen in verschiedene Gehöfte dieser Linie verteilt, die 4. Gruppe blieb an der großen Straße als Reserve zurück.
Bereits in den frühen Morgenstunden des 20. Oktober konnte das Bataillon erkennen, daß es von beiden Seiten umgangen war, englische Patrouillen streiften schon südlich der großen Straße. Gegen 7 Uhr vormittags legte der Feind Trommelfeuer auf die Straße und das ganze dahinterliegende Gelände. Gleichzeitig rückte der Engländer in der Däm-merung und unter dem Schutze künstlicher Vernebelung gegen die Straße vor und um-ging die von den Schützen besetzten Gehöfte, die später erst nach tapferer Gegenwehr vom Feinde genommen werden konnten. Die Gruppe des Gefreiten Pöhler zeichnete sich in diesem Endkampf ganz besonders aus.
In diesen erbitterten Nachhutkämpfen der auf die Scheldelinie abziehenden 4. Armee mußten sich die Nachhuttruppen restlos bis zur Aufopferung einsetzen, um der Armee den geordneten Rückzug zu ermöglichen. Auch die letzte Eskadron unseres Regiments ist dabei beinahe vollkommen aufgerieben worden.
In Woteghem westlich Audenarde sammelten sich die Truppen der 7. Kavallerie-Schüt-zendivision wieder. Das Dragoner-Regiment „Königin Olga“ formierte einen Zug.“

aus: „Mit den Olga-Dragonern im Weltkrieg“ Stuttgart, 1920
Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 510

Freitag, 19. Oktober 2018

19. Oktober 1918


„Am 19. Oktober zeigte der Feind, daß seine bisherigen Teilangriffe nur zur Vorberei-tung und Einleitung eines großen Angriffes mit weitgesteckten Zielen gedient hatten. In der Morgendämmerung, durch dichten Nebel begünstigt, griffen die Franzosen in dichten Massen die Vorpostenkompagnie, nunmehr 1. Kompagnie unter Leutnant d. R. Nuber, an, ohne daß etwa ein Anschwellen des Artilleriefeuers oder bemerkbare Unruhe beim Feind dessen Angriffsabsichten verraten hätten. Da im Nebel die Maschinenge-wehre nicht recht zur Geltung kamen, wurden die schwachen Feldwachen bald umgan-gen. Etwa die Hälfte der Leute konnte sich durchschlagen und erreichte die Hauptwider-standslinie, gegen welche die nachdrängenden Franzosen vergebens anliefen, die andere Hälfte wurde überwältigt und gefangen. Die deutsche Artillerie hatte infolge der durch den Nebel behinderten Beobachtung die von unseren Vorposten abgeschossenen Signal-kugeln nicht erkannt und deshalb nicht mitgewirkt. Nur ein seit 17. Oktober zur Verfü-gung des K. T. K. in Gegend Savy-Ferme vorgeschobener Feldkanonenzug des III./Feld-art. 29 konnte vorzügliche Dienste leisten. Ungünstig war der Umstand, daß das Regi-ment 121 in der vorhergegangenen Nacht behufs Verwendung als Armeereserve heraus-gezogen worden war und der Abschnitt des Regiments demgemäß nach links hatte verbreitert werden müssen. Bei der Nachbardivision rechts, der 10. Res.-Division, hatte der gleichzeitig geführte Angriff dem Feind – allerdings nur vorübergehend – den Besitz der in unserer rechten Flanke gelegenen Fay-le Sec-Ferme gebracht, von wo er uns sehr unangenehm ins Hintergelände sehen konnte; auch beim linken Nachbar, der 227. Divi-sion, waren die Vorposten zurückgedrückt worden. Ein energischer Gegenstoß konnte vom Kampfbataillon, dessen Stab bei der Savy-Ferme lag, aus Mangel an Kräften nicht sofort eingeleitet werden. Als er nach Heranziehen der 6. und 8. Kompagnie um 2 Uhr nachmittags durchgeführt wurde, war es zu spät. Der Feind hatte sich festgesetzt und schickte den vorgehenden Kompagnien einen Hagel von Geschossen aus Geschützen und Maschinengewehren entgegen, daß man froh war, mit geringen Verlusten wenig-stens einige hundert Meter Vorfeld wieder gewonnen zu haben. Wichtig aber war, daß, wie sich nachträglich herausstellte, durch den Gegenangriff die Fortführung des feind-lichen Angriffes, dessen Ziel nicht nur die Wegnahme der Dörfer Vesles und Pierrepont, sondern auch ein 15 Kilometer tiefer Durchbruch der 72. französischen Division nach Norden war, vereitelt wurde. So kam es, daß während die Truppe über dem äußeren Mißerfolg des Tages in wenig freudiger Stimmung war, der Brigadekommandeur auf Grund der Gefangenenaussagen dem Regiment zu dem Abwehrerfolge seine Glückwün-sche aussprach. Die Gesamtverluste des Tages betrugen 3 Mann tot, 2 Offiziere (Leut-nant Fürst Karl Gero v. Urach und Leutnant d. R. Widmaier) und 12 Mann verwundet und 30 Mann vermißt. Während des feindlichen Angriffes erhielten die teilweise von der Zivilbevölkerung noch bewohnten Ortschaften Neuville und Curieux, wo der Regi-mentsstab lag, zum erstenmal Artilleriefeuer.“


aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Donnerstag, 18. Oktober 2018

18. Oktober 1918



„Am 17. Oktober noch in der Morgendämmerung raste ein bisher an dieser Front noch nicht gehörtes Trommelfeuer auf die vordere Linie nieder und es gelang den Englän-dern, die Hauptwiderstandslinie zu nehmen. Das Regiment war schon längst alarmbe-reit, bis es kurz vor 11 Uhr vormittags Befehl erhielt, an den Südausgang Bazuel zu rücken, um sich dort gegen Südwesten zum Gegenangriff zur Wiedergewinnung der Hauptwiderstandslinie bereitzustellen. Die Bereitstellung, III, rechts, II. links, I. Regi-mentsreserve hinter der Mitte, war gegen 5 Uhr abends beendet und alles bereit, den Angriff gegen Arbre de Guise, 1 km östlich St. Souplet vorzutragen.
Das Füs.-Regt. 122 hatte aber in der Zwischenzeit im Anschluß an das zur 204. Inf.-Division gehörende Res.-Inf.-Regt. 120 wenn auch nicht die frühere Hauptwiderstands-linie, so doch wieder die Linie Le Quennelet-Ferme – Arbre de Guise mit eigenen Kräften im Gegenstoß genommen, so daß der befohlene Angriff unterblieb. Das Regi-ment verblieb nun zunächst in dem Bereitstellungsraum, bis kurz nach 1 Uhr nachts am 18. Oktober der Befehl eintraf, daß das Regiment das Füs.-Regt. 122 in vorderer Linie abzulösen habe. III. Batl. rechts, II. Batl. links kamen in vordere Linie beiderseits Le Quennelet-Ferme, Man sah nicht die Hand vor den Augen, als die Bataillone im unbe-kannten Gelände nach vorne zogen. Die Ablösung zog sich lange hin, da durch den Angriff des Vortages die Stellung sehr unübersichtlich verlief. Eben, es war kurz nach 6 Uhr vormittags und es lagerte dichter Bodennebel auf dem durch Hecken durchschnit-tenen Gelände, hatten die Kampftruppenkommandeure, Hauptmann d. R. Bühler (III.) und Hauptmann Rösler (II.) die Meldungen ihrer Kompagnieführer über Übernahme der Stellung und lückenlosen Anschluß erhalten und man dachte daran, die versäumte Nachtruhe in den feuchten Löchern etwas nachzuholen, als schlagartig an der feindli-chen Front tausende von Geschützen aufbrüllten und aus ihren rauchenden Mäulern Unmengen Eisen und Gas auf unsere Stellung spien. Vorbei war es mit Schlaf und Ruhe, man lag bereit, der englischen Infanterie den gebührenden Empfang zu bereiten. Fast eine Stunde wütete der Feuerorkan, dann, als er glaubte, bei uns alles zermalmt zu haben, schickte der Engländer seine Infanterie hinter einem dichten Feuervorhang, der Feuerwalze, zum Sturme vor.as III. Batl. rechts, das mit der 10. und 11. Komp. in vorde-rer Linie lag und Anschluß an Inf.-Regt. 479 hatte, wehrte den Angriff des Gegners in der Front ab, und der Gegner ging unter heftigem M.-G.-Feuer aus der Quennelett-Ferme wieder zurück. Da tauchten plötzlich in der rechten Flanke und im Rücken der in Reserve unmittelbar westlich der Roue-Ferme liegenden 9. Komp. dichte Haufen Eng-länder auf, die anscheinend beim Regiment 479 durchgebrochen waren. Nach kurzem Kampf war die Kompagnie von der Übermacht überwältigt. Nur der durch Brustschuß verwundete Kompagnieführer Leutnant d. R. Fischer (Th.) entging mit knapper Not der Gefangennahme. Die 10. Komp. auf dem rechten Flügel des Regiments wurde von rechts aufgerollt und konnte, da der Gegner schon hinter ihr, nicht mehr nach rückwärts ausweichen. Am längsten hielt sich die 11. Komp. unter der tapferen Führung des Leut-nants d. R. Reindel. Die Quennelett-Ferme war von allen Seiten vom Tommy einge-schlossen, und wieder und wieder versuchten es feindliche Stoßtrupps, gegen das zu-sammengeschossene Gehöft vorzugehen. Aber sobald sich ein flacher englischer Stahl-helm vorwagte, ratterten auch schon die leichten Maschinengewehre der 11. Komp. los. Bis 10 Uhr vormittags hat das kleine Häuflein auf verlorenem Posten ausgehalten, bis es den herangezogenen feindlichen Verstärkungen gelang, die Tapferen zu überwältigen. Beim II. Batl. war im Anschluß an das III. Batl. die Hauptwiderstandslinie durch die 7. Komp. tief gestaffelt besetzt; daran anschließend lag die 6. Komp. mit Anschluß an das Inf.-Regt. 413. Dem Engländer gelang es, die Hauptwiderstandslinie zu überrennen, doch konnten sich die beiden Kompagnien rechtzeitig auf die Reservekompagnie (5.), die im Hohlweg südöstlich Roueferme mit dem Bataillonsstab lag, zurückziehen. Ihre beiden tapferen Führer mußten sie leider am Feind zurücklassen, Leutnant d. R. Bareiter war dem Trommelfeuer zum Opfer gefallen, während Leutnant d. R. Essig mit durch-schossenem Bein in englische Gefangenschaft geraten ist.
Der Engländer tauchte in dicken Massen plötzlich zwischen den Hecken vor dem Hohlweg auf und wurde von einem verheerenden M.-G.- und Infanteriefeuer empfan-gen. Das II. Batl. des Füs.-Regt. 122, geführt von Leutnant d. R. Schoder, das als Ein-greifreserve hinter dem Regiment lag, kam dem Bataillon zu Hilfe und riegelte gegen die Roue-Ferme ab, von der Aufrollung und Flankierung gedroht hatte. Die Stellung war fest in Der Hand des Regiments, doch konnte sie, da auch bei der linken 204. Inf.-Division die Stellung durchbrochen war, nicht auf die Dauer gehalten werden. Erst 6 Uhr abends räumte das Regiment den beiderseits weit vom Feind überflügelten Hohl-weg auf Befehl der Brigade ohne vom Gegner belästigt zu werden. Das I. Bataillon unter Hauptmann d. R. Maisch stand als Regimentsreserve am Südwestrand von Bazuel und war gegen 10 Uhr vormittags im Vorgehen über Höhe 150 gegen Roue-Ferme, wurde aber von der Brigade aufgehalten und nach Bazuel zurückgenommen, da von Nordwesten her starker Gegner gemeldet war.
Das Regiment ging zunächst auf die Höhen östlich Bazuel zurück und stellte sich dort im Anschluß an Füs.-Regt. 122 rechts zum Gegenstoß gegen einen eventuell über die Straße Bazuel – Catillon vorbrechenden Gegner bereit. Jedoch folgte der Gegner nicht und so wurde die Front der Division wieder vorgeschoben in die Linie Le Planty Ferme – Gymbremont-Ferme – Zuckerfabrik Catillon. Noch spät am Abend stellten unsere Patrouillen fest, daß Bazuel vom Gegner noch nicht besetzt war. Auf der ganzen Front der Division fühlte der Engländer nur sehr zögernd nach.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Mittwoch, 17. Oktober 2018

17. Oktober 1918



„Unsere Ansicht, daß der Gegner etwas plane, war richtig, denn am 17. Oktober – dichter Nebel lag über dem Gelände – begann in den frühen Morgenstunden schlagartig einsetzendes Trommelfeuer mit Brisanzgranaten und Nebelbomben auf die ganze Divisionsfront. Die schon bekannte Taktik der Engländer wurde auch hier wieder durchgeführt. Kurz aber stark wütete das Trommelfeuer auf der vorderen Linie, dann wurde die Feuerwalze langsam nach rückwärts verlegt und gleichzeitig begann der Gegner mit dem Tank- und Infanterieangriff. Das völlig undurchsichtige Nebelmeer begünstigte die feindliche Operation und plötzlich standen die Engländer neben den vordersten Postierungen. Was blieb da anderes übrig, als das Vorfeld aufzugeben? Tapfer kämpfend, immer wieder die M. Gs. in Stellung bringend, wich die vordere Linie auf die Zwischenstellung zurück, die auch gegen weitere Angriffe gehalten wurde, ja, man sollte es kaum für möglich halten, zusammen mit den Trümmern von Res.-Inf.-Regt. 120 gelang es, die Quennelet-Ferme und die daran anschließende Stellung dem Gegner wieder zu entreißen und trotz schwerer Verluste zu behaupten. In diesen Tagen war es auch, daß sich die feindlichen Flieger besonders intensiv bei den Infanterie-angriffen beteiligten. In ganz geringer Höhe der Front entlangfliegend, beschossen sie die in ihren Stellungen und Trichtern liegenden deutschen Truppen, warfen Bomben und sogar Handgranaten, ein besonders niederdrückendes Gefühl, denn von unsern Fliegern war so gut wie nichts mehr zu sehen und deshalb von dieser Seite keine Hilfe oder Unterstützung zu erwarten. Ich erinnere mich noch genau, daß ich an diesem 17. Okto-ber von Oberstleutnant Stein beauftragt wurde, Hauptmann Mattes über die Lage zu orientieren, den Befehl zum Gegenangriff zu überbringen, diesen Angriff mitzumachen und sofort Meldung über den Erfolg zurück zu bringen. Ich ging allein den etwa 1 km langen Weg vom Regimentsgefechtsstand zu dem in vorderer Linie liegenden Bataillon. Kaum war ich im freien Gelände, als ein feindlicher Flieger von rückwärts aus Richtung Catillon kam, der mich mit M. G. beschoß. Zuerst glaubte ich, daß die Kugeln zufällig um mich herum einschlugen, als der Flieger aber kehrtmachte und mich von vorne beschoß, war ich mir darüber klar, daß diese Munitionsverschwendung mir galt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als von Granattrichter zu Granattrichter, von Baumstamm zu Baumstamm zu springen und mich immer so zu decken, daß ich nach vorne oder hinten geschützt war, denn dieses Spiel ging eine ganze Weile fort. Welchen Überfluß an Fliegern und Material muß der Gegner gehabt haben, daß er es sich leisten konnte, vom Flugzeug aus auf einen einzelnen Mann Jagd zu machen!
Leider hatte der oben erwähnte Gegenangriff, trotzdem er zunächst erfolgreich war, nicht die Wirkung, die wir uns von ihm erhofft hatten. Trotz Verstärkung der Front durch eine preußische Division (17. Res.-Div.), deren Regimenter auch nur noch 150 – 200 Mann stark waren, gelang es nicht, das Erreichte zu halten. Wir mußten langsam weichend zurückgehen, insbesondere weil der Gegner in den Nachbarabschnitten mehr Erfolg hatte. So kam es, daß der Gegner am Abend des 17. Oktober bis an die Straße Le Cateau – Ribeauville gelangt war.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936

Dienstag, 16. Oktober 2018

16. Oktober 1918



„Am 16. Oktober morgens setzt auf dem Kanonenberg, einer südlich Pierrepont gele-genen Erhebung, deren Verteidigung einem Teil der 11. Kompagnie zugewiesen war, Artilleriefeuer leichter und mittlerer Kaliber ein, dem um die Mittagszeit ein Angriff zwei bis drei feindlicher Kompagnien folgt. In hartem Kampf in alten Gräben wehren sich die Tapferen unter ihrem Führer, Leutnant d. R. Dieterle, der selbst so lange an der Verteidigung persönlich teilnimmt, bis er von einem Franzosen, wie Verwundete erzähl-ten, zu Boden geschlagen wird. Wenige, die nicht fielen, oder verwundet in die Hände der Feinde kamen, wurden sofort von der Kompagnie aufgenommen, die, durch M.-G. verstärkt, dem feindlichen Vorgehen unter schweren Verlusten ein Halt geboten. Um schnell festzustellen, welcher Gegner dem Bataillon gegenüberliegt, unternahm der Vi-zefeldwebel d. R. Göbel der 11. Kompagnie noch am Abend mit einigen Freiwilligen eine Patrouille; ihm gelang es durch frisches Draufgehen einen französischen Melde-gänger vom Regiment 365 zu fassen.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1921

Montag, 15. Oktober 2018

15. Oktober 1918



„In diesen Tagen zeigten sich die amerikanischen Flieger in Mengen; bei der Abwehr ging am 15. ein offenbar abgeschossenes deutsches Flugzeug bei Thénorques nieder. Um ihm Hilfe zu bringen, entsandte der Führer der Überwachungsgruppe, der von seinem Gefechtsstand in Thénorques den Vorgang beobachtet hatte, Hauptmann Simon, die beiden Sanitätssergeanten seines Stabs (I. Abt.) Herm und Schmidtberger, an die Landestelle. Dort wurden beide durch eine Granate tödlich verwundet und fielen so bei einem Werk echter Kameradschaft und in Ausübung ihres Berufs, der von unserm gesamten Sanitätspersonal so oft den rücksichtslosen Einsatz der Person forderte.“

aus: „Das Württembergische Landw.-Feldartillerie-Regiment Nr. 2 im Weltkrieg 1914-1918“ׅ, Stuttgart 1927

Sonntag, 14. Oktober 2018

14. Oktober 1918


„Die Infanteriekompagnien zählten im Durchschnitt nur 1 Offizier und 30 Mann mit 2 bis 3 leichten M.-G. 08/15; die M.-G.-Kompagnien konnten je 4 bis 5 M.-G. 08 bedienen; den Minenwerferzügen der Bataillone standen für je 2 leichte Werfer etwa 16 Mann zur Verfügung. Rechnet man die Offiziere, die Fernsprecher und Melder der Stäbe hinzu, so bestand die ganze „Macht“, mit der das Regiment in seine letzte große Schlacht eintrat, aus rund 450 Köpfen.
Seit 6 Uhr vormittags belegte die Artillerie der 39. Inf.-Division die erkannten feind-lichen Bereitstellungsräume mit Vernichtungsfeuer. Auffallenderweise antwortete die gegnerische Artillerie fast gar nicht.
6.30 Uhr vormittags brach jedoch auf der ganzen Front gewaltiges Trommelfeuer aus allen Kalibern, vermischt mit Nebelgranaten los. In wenigen Minuten war das ganze Gelände bis zur Straße Meenen – Roeselaere in undurchdringlichen Nebel gehüllte. Mit besonderer Wucht lastete das Feuer auf der Gegend der Gefechtsstände der Kampfgrup-penkommandeure und der in ihrer Nähe liegenden Bereitschaften und Reserven. Schon nach einer Viertelstunde versagten alle Fernsprechverbindungen zum Regimentsge-fechtsstand am Nordausgang von Meenen. Der Nebel machte das Erkennen von Blink-lichtsignalen ganz unmöglich.
Dichte Massen englischer Infanterie brachen kurz vor 7 Uhr vormittags aus Gheluwe heraus und östlich davon in südlicher Richtung vor. Sperrfeuerzeichen gingen in der vordersten Linie hoch. Durch das furchtbare von den platzenden Artilleriegeschossen verursachte Getöse hindurch war kurze Zeit Abwehr-Maschinengewehrfeuer hörbar. Dann brandeten die Sturmwellen über das III. Bataillon hinweg. Nicht besser erging es dem II. Bataillon, dessen Kompagnien aus nordwestlicher und westlicher Richtung an-gegriffen sich wehrten, bis auch sie von der Flut verschlungen wurden. Ihre letzten Maschinengewehre hämmerten noch, als der Feind schon tief in ihrem Rücken stand. Der Nebel war so dicht, daß einzelne Postierungen den Gegner erst erkennen konnten, nachdem dieser bis auf wenige Meter an sie herangekommen war. Die ganze Front ge-riet ins Gleiten nach rückwärts. Freund und Feind wogten, im Nebeldunst und Pulver-qualm kaum unterscheidbar, in Richtung auf Coucou an der Straße Meenen – Wervicq und auf Meenen durcheinander. Die Reserven warfen sich, wo sie gerade standen, dem Gegner  entgegen; vergebens, das Unheil war nicht mehr aufzuhalten.
Mit knapper Not entging der tapfere Führer des II. Bataillons, Hauptmann d. R. Klein dem Schicksal seiner Kameraden vom I. und III. Bataillon. Er konnte gerade noch mit wenigen Begleitern seinen in einem Betonunterstand östlich von Hoogpoort-Hof einge-richteten Gefechtsstand durch den einen Ausgang verlassen, als vor dem andern ein englischer Flammenwerfertrupp erschien, dem eine mindestens 100 Mann starke Abtei-lung folgte.
Westlich und nordwestlich von Meenen begann der feindliche Stoß, der auch den Eng-länder viel Blut gekostet hatte, gegen 11 Uhr vormittags endlich zu erlahmen und sich in Einzelkämpfe aufzulösen.
Teile der Gruppenreserve (Inf.-Regt. 134) waren dem Regiment zur Verfügung gestellt und hielten im Norden und Nordwesten der Stadt in einer ungefähr der Eisenbahn nach Roeselaere folgenden Linie den Gegner erfolgreich ab, der mehrfach gegen den Nord-eingang vorzustoßen versuchte.
Unvergänglichen Ruhm hat sich hier die 4. Batterie Feldart.-Regts. 80 erworben. Sie hielt an der Straße nach Gheluwe so lange tapfer aus, bis die britische Sturmflut in die Geschützstellungen vorgebrandet war. Als 10.30 Uhr vormittags die 134er nördlich und nordwestlich von Meenen zum Gegenstoß vorbrachen, da stürmten auch die noch kampffähig gebliebenen Batterieoffiziere mit ihren Kanonieren wieder vor, um die Kanonen wieder zu gewinnen. Das gelang. Die Munition reichte gerade noch aus, eine in Gegend Comerenhoek offen aufgefahrene englische Batterie in Schach zu halten und unter den vom Gegner weiter herangeführten Infanteriekolonnen tüchtig aufzuräumen. Die 134er mußten, nachdem ihr Gegenstoß sie ziemlich weit über die Bahn nach Roeselaere hinausgeführt hatte, 11.30 Uhr vormittags unter dem Druck der feindlichen Übermacht fast bis an diese Bahn wieder zurückgehen. Damit gingen die Geschütze endgültig verloren.
Ebenso wacker haben sich die südlich von der 4./Feldart.-Regts. 80 eingesetzten Batte-rien (3. Feldart.-Regts. 80, 1. und 2. Feldart.-Regts. 32) gehalten, ohne deren aufop-fernde Mitwirkung es unserem Regiment kaum möglich gewesen wäre, das Eindringen des Engländers in den Brückenkopf Meenen bis zum Abend zu verhindern.
Zwischen den Straßen nach Gheluwe und Wervicq verwehrten schwache Teile fast aller Regimenter der 61. Brigade vermischt mit solchen der 40. Inf.-Division dem hier ziem-lich nahe an den Westrand herangekommen Feind das weitere Vordringen. Im Südwes-ten hielt sich Hauptmann d. R. Klein mit Trümmern des I. und II. Bataillons beiderseits de Straße nach Wervicq etwas vorwärts der Eisenbahn Meenen – Tourcoing. Mit dem auf dem anderen Lysufer kämpfenden bayer. Res.-Inf.-Regt. 25 war vorerst noch keine Verbindung erreicht.
Das ausgezeichnete persönliche Verhalten des genannten Offiziers verdient rühmende Erwähnung. Immer ganz vorne, ein leuchtendes Vorbild für die Mannschaft, erkannte er 11 Uhr vormittags, daß der Engländer von Coucou her  zu einem Angriff ansetzte. Er entschloß sich, ihm im Gegenstoß zuvorzukommen, sammelte in seiner Nähe befind-liche Mannschaften der 6. Kompagnie und der Infanterie-Pionier-Kompagnie des Regi-ments, zog die an der Eisenbahnbrücke über die Lys stehende, vom 5. Kürassier-Regi-ment gestellte kleine Brückenwache, die über ein leichtes Maschinengewehr verfügte, an sich heran und stieß mit diesen 30 Mann unaufhaltsam fast bis zu den Gehöften östlich vom Hoogpoort-Hof vor, in denen vor Beginn des großen Angriffs unser I. Bataillon als Reserve gelegen hatte. So viel Kraft und Kühnheit hatte der Engländer von dem kleinen Schwabenhäuflein nicht erwartet. Er wandte sich zur Flucht; mancher Tommy blieb im Verfolgungsfeuer liegen.
Als erster holte Hauptmann Klein zusammen mit dem Offizierstellvertreter Bainder, den Sergeanten Bader und Beller der Infanterie-Pionier-Kompagnie ein paar Feinde aus einem besetzten Mebu* heraus und drang dann nach Coucou vor, wobei er weitere 15 Gefangene machte und 4 Vickers-Maschinengewehre erbeutete. Auch ein am frühen Morgen verlorengegangenes Tankabwehrgeschütz konnte, noch völlig unversehrt, den Briten entrissen werden. Ein kleiner Rest der 1. Kompagnie, Leutnant d. R. Kappler mit 2 leichten Maschinengewehren, der bis südlich der Eisenbahn nach Wervicq abgedrängt worden war, hatte sich dem Vorstoß angeschlossen, gleichfalls einige Gefangene ge-macht und stellte südlich von Coucou die Verbindung mit dem bayerischen Res.-Inf.-Regt. 25 her.
Am Nachmittag herrschte auf dem Schlachtfeld im allgemeinen Ruhe. Der Alkohol-rausch, der die feindlichen Infanteriemassen zum rücksichtslosen Vorstürzen in den deutschen Abwehreisenhagel hinein befähigt hatte, war verflogen. Die Erkenntnis, daß die ausgemergelten deutschen Regimenter im offenen Felde sich noch immer nicht so leicht besiegen ließen, wie britische Generale in hochmütigem Stolz ihren Truppen vor-gegaukelt hatten, wirkte ernüchternd. In einem ein paar Tage später in deutsche Hand gefallenen Befehl war ausdrücklich empfohlen, bei Fortsetzung der Angriffe den vom Regiment 126 besetzt gehaltenen Abschnitt nach Möglichkeit zu meiden!“

aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929

* Mebu: Maschinengewehr-Eisenbetonunterstand

Samstag, 13. Oktober 2018

13. Oktober 1918



„Auch am 13. Oktober zeigte sich nur schwacher Gegner vor der Front. Die an den Retourne-Übergängen vorgenommenen Zerstörungen erschwerten ihm das Vorbringen seiner Artillerie. So bekam die Stellung zunächst nur Feuer leichter Kaliber. Feindliche Patrouillen, die von Seuil aus an den Kanal vorfühlten, wurden vertrieben. So hatte das Regiment an diesem und am folgenden Tage einigermaßen Ruhe.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 475 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

Freitag, 12. Oktober 2018

12. Oktober 1918



„Auf seinem Bereitstellungsplatz bei der Ville Forêt-Ferme erging am Abend des 8. Oktober an das Regiment der Befehl, sich der Gruppe Maas-Ost zur Verfügung zu stellen. Die Nacht vom 8./9. Oktober verbrachten die Bataillone im Jägerlager, einige Kilometer nördlich der Ville Forêt-Ferme und rückten von dort am folgenden Morgen an den Romagnerücken vor. In kleinen Waldstücken fanden sie dort tagsüber geeignete Aufstellungsplätze. Vor ihnen tobte die Schlacht um die Nordhöhen von Verdun mit aller Macht. Unglaubliche Mengen von Granaten aller Kaliber durchsausten ununter-brochen die Luft, Fliegergeschwader von noch nie gesehener Größe zogen am Himmel kreuz und quer vorüber wie riesige Vogelschwärme. Während der Nacht vom 9./10. Oktober wurden dem Regimentskommandeur nacheinander seine drei Bataillone entzo-gen; sie mußten Lücken ausfüllen, wo solche eben im Verlauf des Schlachttages entstan-den waren. Bei den verschiedensten Regimentern der 15. und 33. Division haben sie fünf Tage lang unter den schwierigsten Verhältnissen getrennt gefochten und ein jedes durfte nach Abschluß der Kämpfe mit vollem Recht die Anerkennung der Gruppe Maas-Ost annehmen. Besonders das I. Bataillon hatte sich durch einen schneidigen Gegen-angriff, der den Deutschen vorübergehend den heiß umstrittenen Haumont-Wald wieder zurückgab, hervorragend ausgezeichnet. Das II. und III. Bataillon hatten Schulter an Schulter mit österreichischen Jägertruppen des Regiments Marschan und preußischen und sächsischen Bataillonen oberhalb von Flabas starke amerikanische Angriffe zum Scheitern gebracht. Der Führer des III. Bataillons, Hauptmann Maisch, wurde in diesem Kampfe schwer verwundet. Der Wunsch der gegnerischen Truppen nach billigen Sie-geslorbeeren fand hier keine Erfüllung. Den geringen Geländegewinn hatten sie mit Verlusten erkaufen müssen, die im Vergleich mit den unsrigen weit höher waren. Für die 120er war dies aber nur ein schwacher Trost, da sich die Lücken in den Reihen der Gegner alsbald wieder schlossen, während sie bei sich von neuem eine Anzahl Front-kameraden hatten scheiden sehen müssen, die unersetzlich waren.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

Donnerstag, 11. Oktober 2018

11. Oktober 1918



„Nun kamen für das Regiment wie für die ganze Division geradezu furchtbare Tage. Ohne Deckung lagen die Batterien in offenem Gelände. Die schwerste feindliche Be-schießung setzte Tag und Nacht ein. Feuerüberfall auf Feuerüberfall mit allen Kalibern. Dabei war’s allmählich mit fortgeschrittener Jahreszeit dort oben in Nordfrankreich hundekalt. Man fror entsetzlich. Dazu kamen die seelischen Erschütterungen, die von den unglaublichsten Gerüchten herrührten, wie: der Kaiser hat abgedankt usw. Dann aber vor allem das Gefühl, daß allmählich der Gegner in riesiger Übermacht an Men-schen und Material uns gegenüberstand. Insbesondere fühlte man vorne an der Front, wie Amerika Material und Leute im Überfluß lieferte: junge, unverbrauchte Soldaten gegenüber den eigenen, abgekämpften, schwer mitgenommenen Truppen. Endlich die geradezu wahnsinnige Fliegerplage: in Geschwadern von 20 bis 30 ziehen sie über die Stellungen und werfen Bomben bis weit ins Hintergelände. Frech sind sie, sie sausen bis 30 m zum Boden herunter und pfeffern in die Infanterie und die Batteriestellungen hinein. Treffen sie auch meistens nichts, es zermürbt und reißt die Nerven auf, denn die eigenen Flieger sind in erschreckender Minderzahl und kommen nicht mehr auf.
Unsere Infanterie aber von den braven, kampferprobten Regimentern (R.-I.-R. 120, 413 und 414) ist naturgemäß am Ende ihrer Kraft. 20 bis 30 Mann noch in der Kompagnie; der alte Stamm fast völlig ausgefallen. Der junge Ersatz zum Teil schon von der Heimat gänzlich verdorben.
Die Artillerie hatte das berechtigte Gefühl, noch in fast ungebrochener Kampfkraft zu sein. Hatte sie doch aber auch im Gegensatz zu der noch schwerer leidenden Infanterie noch überall alte Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, die den alten Waffengeist auch auf den mangelhaften Ersatz übertrugen.“

aus: „Das Württembergische Res.-Feld-Artillerie-Regiment Nr. 27 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1925

Mittwoch, 10. Oktober 2018

10. Oktober 1918



„Am 10. Oktober verließ man die bisherige Stellung am Oise-Aisne-Kanal und erreichte in drei großen Sprüngen die neue, schon seit dem Frühjahr vorbereitete „Hundingstel-lung“, welche vom III. Bataillon als Kampfbataillon bei dem Dorfe Pierrepont besetzt wurde. Zwei Zwischenstellungen wurden für je eine Nacht besetzt, die erste da, wo die von Laon nach Süden ins Aisne Tal führende Landstraße den Damenweg überschreitet, in der Nähe der Dörfer Courtecon und Cerny bei Laon (I. und III. Bataillon), die zweite (Dietrich-Stellung) 10 Kilometer nördlich davon bei Bruyères und Parfondru (II. Bataillon). Offizierkampfgruppen, die wiederum ihren Auftrag, den Gegner am raschen Nachdrängen zu hindern und ihn möglichst zu schädigen, vortrefflich ausführten, wur-den von den Leutnants v. Sonntag, III. Bataillon, Krais und Bandell, II. Bataillon, ge-führt.
In der Nacht 9./10. Oktober wurde unter dem Decknamen und Stichwort „Berg und Tal“ die Aufnahme- und „Berg- und Tal“-Stellung am Damenweg (I. Bataillon im Vorfeld als Kampfbataillon anschließend rechts an 125, links an 477, III. Bataillon als Bereit-schaftsbataillon dahinter in der Hauptwiderstandslinie) auf dem sogenannten „Pots-damer Platz“ eingenommen.
Das seitherige Kampfbataillon (II.) ging am 10. Oktober 3 Uhr vormittags vom Feinde unbemerkt aus der Kanalriegelstellung zurück, marschierte nach Monthenault in Ruhe und abends noch nach Vorges. Leider gab es bei 8./119 unterwegs durch Granatvoll-treffer 2 Tote und 14 Verwundete. Der Regimentsgefechtsstand wurde am 9. Oktober abends nach Martigny und am 10. nach Parfondru verlegt.
Auf Rückschaffung der vorne gelagerten Reservemunition, aller Geräte, wie Spaten, fer-ner Gasabdichtungsstoffe, Chlorkalk usw. wurde besonderer Bedacht genommen. Alle Wegzeigertafeln in den alten Stellungen waren zu entfernen oder zu vernichten.
Der Feind folgte am 10. Oktober zögernd nach; er überschritt bei Moussy 2 Uhr nach-mittags den Oise-Aisne-Kanal mit 1 Bataillon und hatte 4.35 Uhr nachmittags das Fel-sennest auf dem Beaulner Rücken erreicht, Seine weittragende Artillerie streute unsere Rückzugsstraßen ab.“

 aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

Dienstag, 9. Oktober 2018

9. Oktober 1918



„In der Nacht vom 8./9. Oktober wurde die letzte Stellung im Argonnenwald im Wald von Cornay nördlich der Wolfsschlucht bezogen. Damit war endlich seit Beginn der Kämpfe wieder eine gerade, kurze Ostwestlinie in der Kampffront der Division erreicht.
Punkt 12 Uhr nachts begann auf der ganzen Front das Abbröckeln, welches durch geschickte Verschleierung durch M.-G.-Feuer und Handgranaten vom Feinde unbemerkt vonstatten ging. Jedermann hatte nun genugsam erfahren, wie furchtbar ein Rückzug war, wenn Feuer auf Weg und Steg lag; jedes verdächtige Anzeichen, jede feige Aussa-ge eines etwaigen deutschen Gefangenen konnte den Untergang bringen.
Bei der allgemeinen Erschöpfung war es äußerst schwer, nochmals tüchtige, gewandte Männer und Führer für die Nachhuten zu gewinnen, aber auch diesmal versagte die Pflichttreue und Opferbereitschaft der schwäbischen Landwehr nicht.
Die Nacht war stockdunkel, der Rückweg in dem schluchtenreichen, weglosen Gelände äußerst mühevoll. Die auf der Karte eingezeichneten Schneisen waren verwachsen, mit dem Leuchtkompaß mußte der Weg quer durch den Wald gesucht werden. Unter Auf-bietung der letzten Kraft wurde die Gefahrzone durchschritten. Leutnant Hopf schreibt u. a.: „Wenn ich halt machte, um mich zu orientieren, fielen die Leute wie tot um; ich hatte Mühe, die Leute weiter zu bringen.“ Was wäre in solcher Lage die Truppe ohne Führer gewesen!
Leutnant Kohl erzählt: „Die 8. Kompagnie, die am Spätnachmittag des 8. Oktober hinter der 12. Kompagnie eingetroffen war und kurz darauf schon einige blutige Verluste erlitt, sollte einer Bahn stark nordwestlich der Nordsüdstraße entlang in die neue Stellung einrücken. Die Linie hatte offenbar unter starkem Feuer gelegen. Das Geleise war grau-sig schön zusammengeschossen. Widerwärtiger kann es auch auf der so gefürchteten Nordsüdstraße nicht sein. Wir biegen in sie ein. Vorsicht ist am Platze, das wissen wir. Aber daß wir den Gegnern geradezu vor der Nase entlang marschiert waren, das wußten wir nicht; das hat uns im ersten Morgengrauen der Führer eines M.-G.-Zuges erzählt, als wir uns dem Humserberg näherten. Die Front des Feindes verlief dicht östlich der Nord-südstraße.
Mit anbrechendem Tag bezogen wir am 9. Oktober unsere Stellung nördlich der Wolfs-schlucht. Wir waren übermüdet, gruben uns aber sofort ein. Aber kaum gestattete es die Sicht, als die amerikanischen Flieger erschienen und alsbald ein gut geleitetes Artillerie-feuer einsetzte. In einem Erdloch, das sie soeben im Schweiße ihres Angesichts ausge-hoben hatten, wurden drei Mann, darunter der tüchtige Sergeant Vogel* von der 1. Kompagnie, durch einen Volltreffer getötet. Neben das Loch, in dem sich Offizier-stellvertreter Schramm einnisten wollte, schlug eine Granate; der Bursche war sofort tot; Schramm hatte verschiedene und schwere Verwundungen. Mit Wehmut nahm ich von dem vorbildlichen pflichteifrigen Zugführer, der sich beinahe noch entschuldigte, daß er mich in dieser schwierigen Lage nun verlassen müsse, Abschied. Wieder einer der alten goldtreuen und unbedingt zuverlässigen Garde weniger! Nach fünf Tagen starb er im Lazarett in der Kirche in St. Pierremont und wurde auf dem dortigen Friedhof begraben. An diesem Tag verlor die schwache Kompagnie 10 Mann.“
Einsatz der Kompagnien von rechts nach links: 7., 8., 6., 5. Kompagnie, die Abschnitte je etwa 400 Meter breit.
Leutnant Fritz gestattete seinen Leuten nach dem Einrücken in die neue Stellung zunächst auszuruhen, Kaffee zu trinken und dann erst mit dem Eingraben zu beginnen. Das rächte sich sofort, denn von 9.30 bis 2 Uhr lag starkes Feuer auf der Stellung, namentlich eine dicht massierte Feuerwalze brachte der 6. (und 8.) Kompagnie schwere Verluste. Leutnant Fritz schreibt: „Man glaubte, der jüngste Tag sei gekommen.“ Bald stiegen auch die Amerikaner in Massen und mit dem üblichen Geschrei in die Wolfs-schlucht herab. Vor der 5. Kompagnie tauchten Patrouillen in deutschen Stahlhelmen auf. Leutnant Göbel verlangte Parole; da sie undeutlich gegeben wurde, sprang er un-vorsichtig aus seiner Deckung und rief: „Noch einmal.“ In demselben Augenblick krachten zwei Schüsse, die ihm den linken Ober- und Unterarm durchbohrten und ihn nötigten, die Führung der Kompagnie bald darauf abzugeben. Die Wut unserer Leute kannte infolge dieser Hinterlist keine Grenzen mehr. .“

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

*Karl Vogel wurde am 1. Oktober 1918 zum Vizefeldwebel befördert

Montag, 8. Oktober 2018

8. Oktober 1918



„Gegen 6 Uhr abends rattern ganze Züge von Lastautos über das holperige französische Pflaster in die Ortsunterkünfte und ein Bataillon nach dem andern wird verladen. Das III. Bataillon wird direkt nach Serain befördert, während das I. und das II. in Maretz bereits unter starkem feindlichem Schrapnellfeuer ausgeladen werden und Serain durch Fußmarsch erreichen und –.inzwischen ist es Mitternacht geworden – hier die Stellung an der Straße Serain – Prémont besetzen. Wie weit die vordere Linie noch entfernt ist oder wo der Gegner ist, konnten wir nicht feststellen, denn eine Orientierung über die Lage war nicht erfolgt und Erkundungen durch Patrouillen waren erst eingeleitet. Nach Rückkehr derselben gegen 2 Uhr morgens des 8. Oktober wird der Befehl zum Vorgehen erteilt. Eilig sammeln sich die Kompagnien unter strömendem Regen und über freies Gelände geht der Marsch in südwestlicher Richtung. Allmählich wird es hell und feind-liche Flieger erscheinen in Massen. Bald hängen die ersten Schrapnellwolken über uns und nach diesem Einschießen folgen die Granaten. Wir nähern uns einer Ortschaft und stellen fest, daß es Bonrevoir-Ponchaux ist. Wir kommen auf eine schmale, schlechte Straße, die durch einen Hohlweg in den Ort führt. Am Straßenrand sind in den Hang schöne und gut erhaltene Stollen eingebaut, wo zunächst die ersten 3 Kompagnien des I. Batl. verbleiben, während die 4. Kompagnie gegen den Ort zu weitermarschiert.“
„Das III. Batl., das in Autos nach Serain befördert worden war, erhielt schon auf dem Wege dorthin, besonders aber im Ort selbst, stärkstes feindliches Artilleriefeuer, ein Ordnen der Verbände war nicht mehr möglich, die Kompagnien versuchten in aller Eile den Ortsrand zu besetzen, kamen aber dort gleichzeitig mit dem Engländer an, der alle Hilfsmittel der modernen Kriegsführung bei seinem Angriff anwandte. Infanterieflieger und Tanks in Mengen, wie selbst wir alten Westfrontler sie nicht gewöhnt waren, unter-stützten die in Massen vorgehende feindliche Infanterie und die mit einem Überfluß an Munition versehene feindliche Artillerie. So kam es, daß das Bataillon umgangen und von vorne und hinten mit Tanks befeuert, trotz heftigster Gegenwehr großenteils ver-wundet in englische Gefangenschaft kam.“
„Die beiden andern Bataillone zogen sich nach der Aufreibung des III. Batls. kämpfend auf die Bahnlinie Bertry – Bohain zurück und besetzten dieselbe westlich Bussigny. Die Kämpfe des 8. Oktober hatten das Regiment derart geschwächt, daß einzelne Kompag-nien nur noch aus 8 – 12 Mann bestanden. Allerdings stellte sich später heraus, daß viele Leute während der nächtlichen Kämpfe und während des Zurückgehens im feind-lichen Feuer zu anderen Truppenteilen gestoßen waren und mit diesen die Kämpfe mitgemacht hatten.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936

Sonntag, 7. Oktober 2018

7. Oktober 1918



„Mit einem erneuten Großangriff wurde gerechnet und das schon erwähnte verstärkte Störungsfeuer am Abend und während der Nacht konnte diese Vermutung nur bestä-tigen, allein der Angriff kam doch noch früher, als man gedacht hatte. Wenn auch die Loslösung der Infanterie aus der alten Stellung trotz der Nähe des Gegners von diesem völlig unbemerkt vor sich gegangen war, so geriet sie doch beim Rückmarsch in den Morgenstunden  in das bereits einsetzende heftige Feuer und erlitt, da jegliche Deckung fehlte und die Ausdehnung dieses Feuers kein seitliches Ausweichen zuließ, schwere Verluste: Landw.-Inf.-Regt. 122 namentlich in der Valerine-Schlucht, Landw.-Inf.-Regt. 120 auf der Nordsüdstraße, Landw.-Inf.-Regt. 125 auf dem Wege von der Mudrahöhe nach Schloßberg und Schöne Aussicht. Dies erschwerte natürlich das Einnehmen der neuen Stellung, eine Aufgabe, die bei Nacht und morgens bei Nebel und Regen im Walde ohnehin nicht leicht zu lösen war, da einen Anhalt dafür lediglich die Bezeich-nung auf der Karte bildete. Durch das Feuer waren auch die Verbände gelockert worden, die schon vorher durch die aushilfsweise Verwendung an bedrohten Stellen etwas durch-einandergekommen waren. In der neuen Stellung fand sich keinerlei Deckung vor und es ist verständlich, wie dann ein Feuer wirken mußte von einer Stärke, die für den Sturm auf eine ausgebaute Stellung berechnet sein konnte, und auf eine Truppe, die schon vor-her schwach, unterwegs noch stark durch Verluste gelichtet worden war; um so höher ist es einzuschätzen, daß diese mit ihren Resten überhaupt noch solchen kräftigen Wider-stand leistete.
Chatel war von zugeteilten Truppen besetzt. Landw.-Inf.-Regt. 125 hatte die schöne Aussicht (Höhe 180) und Schloßberg Chatel, Landw.-Inf. Regt 120 die Hohenbornhöhe und Landw.-Inf.-Regt. 122 die weitere in Richtung Valerine-Tal nach Westen verlaufen-de Strecke mit Anschluß an die Nachbardivision zu halten. Die Divisionsreserve befand sich hinter dem linken Flügel. Unsere schweren Batterien standen noch auf dem Humserberg, die 3./57 (10 cm) war noch dazu gekommen. Die Gruppe Simon stand mit ihren 5 Batterien bei Marcq und die Gruppe Rapp war zwischen 7 und 8 Uhr vormittags auf dem Nordufer feuerbereit; 8. und 9. Batterie bei der Mohin-Mühle östlich Champig-neulle, 5. Batterie im Körnergrund nordöstlich St. Juvin, Gruppengefechtsstand im Munitionslager bei Bahnhof St. Juvin. Der Regimentsgefechtsstand, der bisher auf der Hohenbornhöhe, erst mit der 54 Landwehr-Brigade zusammen, dann 500 m westlich davon gewesen war, wurde wieder mit der Infanterie-Brigade zusammen nach der Wumba-Schlucht verlegt.
Schon ab etwa 4 Uhr vormittags liegt starkes Feuer auf Chatel, Schöne Aussicht, Schloßberg, Hohenbornhöhe und den Mulden westlich Chatel, das sich gegen 6 Uhr vormittags noch steigert. 6.45 Uhr vormittags erfolgt ein Sturm auf Chatel, das den schwachen dort befindlichen Truppen schnell entrissen wird. Nebel macht jede Über-sicht unmöglich. Das Feuer auf die Höhen verstärkt sich gegen 8 Uhr und dann gelingt es dem Feind, die auch hier schwache Besatzung zurückzudrängen und die beiden Höhen Schloßberg und Schöne Aussicht zu nehmen. Ein Gegenstoß um 9 Uhr bringt wenigstens den Westrand, ein mit stärkeren Kräften nachmittags ausgeführter den gan-zen Schloßberg wieder in Besitz des Landw.-Inf.-Regts. 125. Auf die Hohenbornhöhe begann nach gleicher Artillerievorbereitung, die von 11 Uhr vormittags ab noch durch starkes M. G.-Feuer unterstützt wurde, der Angriff von Süden her. Es gelang dem Feind, trotz der schweren Verluste, die durch das Feuer eingetreten waren, nicht, die Höhe zu nehmen. 3 Uhr nachmittags begann das Feuer von neuem und, wenn es dem Feind auch glückte, an der Nordsüdstraße etwas vorzudringen, so blieb doch durch Einsetzen aller verfügbaren Kräfte des Regiments an dieser Stelle die Höhe in Besitz des Landw.-Inf.-Regts. 120. Dagegen versuchte der Feind nach Wegnahme des Schloßbergs und der Schönen Aussicht schon an der Straße nach Cornay in nördlicher Richtung, und in der Mulde westlich Cornay, dem früheren Schießplatz für Maschinengewehre, nach Westen vorzudringen. Dagegen wurde nun alles eingesetzt, was der Division und dem General-kommando an Reserven zur Verfügung stand: ein buntes Gemisch von Teilen der 1. Garde-Inf.-Div., der 53. Res.-Div., dem Regt. 240, der 45. Res.-Div. und den M. G.-Scharfschützen-Abteilungen 47 und 58. Ein Gegenangriff gegen die Schöne Aussicht, der nach kurzer Artillerievorbereitung von I./Landw.-Inf.-Regt. 120 und II./Landw.-Inf.-Regt. 125, unterstützt durch das auf Kraftwagen rasch herbeigeholte Res.-Inf.-Regt. 210, ausgeführt wurde, konnte diese nicht wieder in deutschen Besitz bringen.“


aus: „Das Württembergische Landw.-Feldartillerie-Regiment Nr. 2 im Weltkrieg 1914-1918“ׅ, Stuttgart 1927

Samstag, 6. Oktober 2018

6. Oktober 1918



„Die Batterien mußten teils mehrmals an einem Tage die Stellungen wechseln und die Munitionstransporte dadurch mit den ohnehin vollkommen erschöpften Pferden auf schlechten oder gar keinen Wegen noch Irrfahrten machen, um manchmal, trotz aller Bemühungen, doch nicht ans richtige Ziel zu gelangen. Intensives feindliches Artillerie-feuer, die fortgesetzten Stellungswechsel in dem überaus unübersichtlichen Gelände und nicht zuletzt die beherrschend auftretenden starken feindlichen Bombengeschwader, die bald zu jeder Tages- und Nachtzeit bis tief in die Etappe angriffen, was sich auf de Erde regte, trugen das ihre zur Störung jedes geordneten Betriebes bei. Die Kolonnen hatten keine festen Standquartiere mehr und die Fühlung mit ihnen ging mehr oder weniger verloren.“

aus: „Das 3. Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 49 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Freitag, 5. Oktober 2018

5. Oktober 1918



„Am frühen Morgen des 5. Oktober zeigte sich alsbald, daß die feindliche Artillerie einen gewaltigen Sprung nach vorwärts gemacht hatte. Das Mündungsfeuer ihrer Feld-kanonen blitzte in Apremont auf, ebenso beim Lager Bielwiese an der Straße Apremont – les Granges, selbst im Montrebeauwalde. Feindliche Infanterie sah man am frühen Morgen über Chéhéry hinaus vorgehen. Und alsbald entbrannte wieder die Schlacht zwischen Fléville und Gesnes. Wenn je, so mußte man es an diesem Tage bedauern, daß nicht genug Kräfte vorhanden waren, um aus der Linie Châtel – Mudrahöhe vorzubre-chen, Apremont zu nehmen, aufs Ostufer überzugehen und so die ganze amerikanische Herrlichkeit zuschanden zu machen. Eine neue Division, nein, ein ganzes kampfkräf-tiges Infanterie-Regiment im Stile von 1914 hätte dazu genügt. Das Ergebnis des Tages war das, daß zwar Fléville behauptet, daß aber der Feind allerwärts in die Waldtäler nördlich der Linie Exermont – Gesnes eingedrungen war, in jene friedlichen Wiesentäler bei der Robinette-Ferme, in denen wir einst im Frühjahr 1916 Schlüsselblumen und Weißdorn hatten blühen sehen. Zu einem Vorstoß auf Châtel setzte der Feind nicht an, obwohl es ihm hätte nicht schwerfallen müssen; den neben zwei Dutzend Leuten, die die bayr. Pionier-Mineur-Komp. 7 darstellten, neben einigen Geschützen in den Straßen von Châtel stand nur Vizefeldwebel Ambacher mit einem Zug der 5. Komp. in den Baumgärten zwischen Menilhof und Châtel. Die 8. Komp. wies, während feindliche Schlachtflieger ihr zusetzten, mehrfach feindliche Patrouillenvorstöße in den Steinbrü-chen bei Klein-Zwickau ab. Die letzten Beobachtungen am Abend zeigten alle Straßen bei Véry und bei Charpentry dick belegt mit Kolonnen aller Waffen. Am Westfuß des Montrebeau fuhren sechs Tanks nach Norden, Batterien feuerten immer zahlreicher während der Nacht südlich dieses Berges.“

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Donnerstag, 4. Oktober 2018

4. Oktober 1918



„Der neue Angriff ließ nicht lange auf sich warten. Die Nacht vom 3./4. Oktober lag das ganze Hintergelände bis Verpel unter Feuer, Borrieswalde erhielt Steilfeuer, die Batterie- und Protzenstellungen wurden vergast, das Airetal gegen Morgen vernebelt. Aber schon der natürliche Nebel ließ anfangs keine rechte Klarheit aufkommen, was eigentlich zu erwarten sei, als 5.30 Uhr vormittags stärkstes Feuer einsetzte, das sich gegen 7 Uhr vormittags bis zum Trommelfeuer verstärkte. Es stellte sich heraus, daß die Hauptmasse dieses Feuers auf das östliche Aireufer trommelte, doch lag starkes Feuer auch auf Teilen unserer Front. Noch nach 9 Uhr vormittags war eine Beobachtung des östlichen Aireufers nicht möglich; es blieb deshalb nichts anderes übrig, als auf den vermuteten Nachschub des Gegners zu schieße trotz des Feuers das auf den Batterien lag und das ihnen schon mancherlei Verluste gebracht hatte und trotz der Vergasung. Bei Heller-werden zeigte es sich, daß es den Amerikanern nach ihrem Trommelfeuer und dank dem Nebel – dem wirklichen und künstlichen – gelungen war, die 52. Inf.-Div. zwischen Gesnes und Exermont einzudrücken und weiterhin bis Fléville vorzudringen.
Die 2. Landw.-Div. sollte dabei offenbar zunächst nur niedergehalten und ihre Entwik-klung durch Feuer, Gas und Vernebelung ausgeschaltet werden. Doch versuchte der Amerikaner im Anschluß an den Hauptangriff auch von Apremont über Mesnil-Ferme Boden zu gewinnen, hauptsächlich mit Unterstützung von Tanks, von denen sechs in der Zeit von 10.20 bis 11 Uhr bei Klein-Zwickau vorfuhren, aber von Zug Groß der 9., der 2., 3. und 6. Batterie beschossen und zum Zurückfahren auf Apremont gezwungen wurden; sie erschienen nach einer darauf folgenden Beschießung von Apremont, an der sich auch die Fernkampfgruppe beteiligte, nicht mehr. Aber auch auf dem rechten Flügel fand nachmittags ein Angriff in kleinerem Maße statt, der von Landw.-Inf.-Regt. 122 unter starken Feindverlusten abgewiesen wurde; morgens schon hatte die rechte Nach-bardivision um Unterstützung in Richtung Charlepeaux-Mühle gebeten gehabt.
Was in der Frühe infolge des Nebels nur in beschränktem Maße möglich war, die Unter-stützung der linken Nachbardivision, wurde nachmittags nachgeholt, als diese einen Gegenangriff machte, der den Feind wenigstens wieder über die Linie Schloß Chéhéry – Exermont zurückwarf, wozu unser lebhaftes Feuer in die Gottbergmulde entschieden beitrug.
Einzelne Batterien und Nahkampfgeschütze zeigten sich schon bei Apremont auf dem West- und in der Bielwiese auf dem Ostufer; sie wurden von der 5. und 3. Batterie bekämpft, die 3. beschoß 8 Geschütze, von denen 3 getroffen wurden, 2 vorfahrende Munitionswagen wurden zerstört, die Bespannungen teilweise zersprengt, teilweise ver-nichtet. Die 4. Batterie, die tags zuvor in der Stellung der 7. Batterie eingesetzt worden war, machte vormittags zu besserer Wirkung einen Stellungswechsel etwa 1 km nach Westen unmittelbar nördlich der Straße Châtel – Lançon.
In der Nacht wurde das Feuer auf die verschiedenen Mulden, die rechts und links in das Airetal ausliefen und in denen Ansammlungen und Arbeiten für den weiteren Angriff anzunehmen waren, gerichtet. In Erwartung neuer Vorstöße auf dem rechten Ufer ver-langte die Division, daß sämtliche Batterien dorthin wirken könnten.“


aus: „Das Württembergische Landw.-Feldartillerie-Regiment Nr. 2 im Weltkrieg 1914-1918“ׅ, Stuttgart 1927

Mittwoch, 3. Oktober 2018

3. Oktober 1918



„Offizierstellvertreter Brugger, Feldwebel der 7. Kompagnie erzählte: „Zum Angriff auf Charlepauxtal wurde 12.30 Uhr nachmittags angetreten. Stärke der Kompagnie: 1 Offizier, 1 Offizierstellvertreter, 1 Vizefeldwebel, 4 Unteroffiziere und 39 Mann. Nach 300 Meter stießen wir auf den Feind. Leutnant Maucher und ich waren vorausgeeilt. Ich sah einen feindlichen Doppelposten, rief Leutnant Maucher zu, doch schon krachte ein Schuß und Leutnant Maucher brach tot zusammen. Ich erschoß den Kerl und verwun-dete den zweiten Gegner schwer. Inzwischen kam die Kompagnie und weiter ging unser vermeintlicher Siegeslauf. Doch der vor den feindlichen M.-G. liegende Schützen-schleier zog sich zurück, die Kompagnie geriet in heftiges M.-G.-Feuer frontal und flankierend. Anschluß nach rechts fehlte, deshalb wurde Vizefeldwebel Eppler mit zwei Mann nach rechts über den Kötherücken geschickt, um Anschluß mit den dort vor-gehenden Pionieren der 76. Res.-Division herzustellen. Unterwegs stieß Eppler auf ein feindliches M.-G.. Er nahm die Bedienung unter Feuer, worauf diese floh; das M.-G. wurde eingebracht. Anschluß nach rechts war nicht zu erreichen. Da die 12. Kompagnie infolge hoher Verluste zurückgehen mußte, zog sich auch die 7. Kompagnie 4.15 Uhr nachmittags in ihre Ausgangsstellung zurück. Der Rückzug im feindlichen Feuer war sehr schwierig. Um die Verwundeten zurückschaffen zu können, von denen manche 3 – 4 Schüsse hatten, mußten wir uns den scharf nachdrängenden Gegner mit Pistole und Handgranaten vom Leibe halten; dabei hat sich neben Vizefeldwebel Eppler und Unter-offizier Fuchs besonders Unteroffizier Beuerle ausgezeichnet. Ich hängte ein l. M.-G. um und gab immer wieder Feuerstöße ab. Verluste: Kompagnieführer Leutnant Maucher und 2 Mann tot, 9 Mann verwundet. Der Feind im Müllergrund scheint stärker als zwei Kompagnien zu sein.
Vernehmung des Gefr. Pflugfelder (12. Kompagnie) durch den K. T. K.: „Ich bin mit meinem l. M.-G. am südlichen Hang des Charlepauxtales westlich des Kolonnenweg 1 vorgegangen und bemerkte den Feind auf dem nördlichen Hang des Baches. Wir bekamen starkes M.-G.-Feuer. Vom Kötherücken hörte man starkes Schießen unserer 7. Kompagnie, dagegen war vom Nachbarregiment und den 76er Pionieren nichts zu sehen und zu hören, es wurde auch westlich und nördlich von dem Nest nicht geschossen. Der Gegner war von dort aus unbelästigt, so daß er seine sämtlichen M.-G. gegen uns ein-setzen konnte. 2 Mann meiner Bedienung sind vermißt, 2 Mann verwundet. Ich schoß, solange ich konnte, auf den Gegner und machte einen Gefangenen.““

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

Dienstag, 2. Oktober 2018

2. Oktober 1918



„Westlich Oberburnhaupt fielen am 2. Oktober 1918 die Grenadiere Johannes Riek und Josef Schmid. Grenadier Scholl wurde schwer verwundet. Unteroffizier Georg Nedele, der ebenfalls schwer verwundet war, mußte in der feindlichen Stellung zurückgelassen werden. An diesem mißglückten Unternehmen waren außer unseren Stoßtrupps Leute des bayerischen Landwehr-Infanterieregiments 8 beteiligt.
Die Führung der gesamten Abteilung hatte Leutnant R. vom Landwehr-Infanterieregi-ment 8. Er befand sich mit Unteroffizier Kruttschnitt beim Stoßtrupp A, Vizefeldwebel Grimm beim Stoßtrupp B, ebenso Unteroffizier Nedele. Die Sturmentfernung betrug etwa 2500 Meter. Nachdem die Patrouille vier Hindernisse durchschnitten hatte, kam sie 2.35 Uhr nachts, vom Feind unbemerkt, an die Straße Exbrücke – Niedersulzbach, bei der sie sich zum Angriff bereitstellte. Leutnant R. war der Ansicht. daß das noch 250 bis 300 Meter entfernte Sturmziel in 25 Minuten nicht lautlos erreicht werden könne und beschloß deshalb, den Beginn des Artilleriefeuers um 30 Minuten hinausschieben zu lassen. Da der Telephontrupp entgegen seinem Auftrag nicht bis zur Straße vorgekom-men war, machte sich Leutnant R., obgleich er eine Ordonnanz bei sich hatte, unver-ständlicherweise persönlich auf die Suche, so daß die Trupps ohne Führer waren.
Als nun um 3 Uhr das Abriegelungsfeuer der Artillerie einsetzte, weigerten sich die Unteroffiziere und Mannschaften vom Landwehr-Infanterie-Regiment 8, ohne ihren Führer zum Sturm anzutreten, was schließlich auch begreiflich ist.
Unsere Leute faßten darauf den Entschluß, allein anzugreifen. Sie verzichteten auf die Sprengung des letzten Hindernisses, die mittels gestreckter Ladung erfolgen sollte, und gingen vor. Einige Soldaten vom Landwehr-Infanterieregiment 8 schlossen sich ihnen an.
In höchster Eile durchschnitt der Stoßtrupp Kruttschnitt das letzte Drahtverhau und drang in den feindlichen Graben ein. Es entspann sich ein Kampf mit einer französi-schen Grabenpatrouille, welch letzterer sogleich weitere Franzosen zu Hilfe kamen. Bald gingen dem Stoßtrupp, der von allen Seiten bedrängt wurde, die Handgranaten aus, so daß ihm nichts anderes übrig blieb, als sich kämpfend zurückzuziehen. Von der feindlichen Grabenpatrouille sind zwei Mann getötet worden.
Der Stoßtrupp des Vizefeldwebels Grimm, bei dem sich Unteroffizier Nedele, Gefreiter Walter, acht Grenadiere, drei Pioniere und zwei Infanteristen befanden, wollte sich an anderer Stelle durch das Drahthindernis hindurcharbeiten. Auf einen feindlichen Posten, der fortwährend feuerte, wurden Handgranaten geworfen und außerdem von dem Ge-freiten Krumm, dem Grenadier Kast, sowie einem Bayern Gewehrgranaten in den Gra-ben geschossen. Noch ehe der Trupp den Graben erreichte, erhielt er aus allernächster Nähe Maschinengewehrfeuer. Unteroffizier Nedele, die Grenadiere Schmid und Scholl, sowie Gefreiter Wild vom Landwehr-Infanterieregiment 8 wurden getroffen. Vizefeld-webel Grimm gelang es nicht mehr, an die verwundeten Kameraden heranzukommen. Etwa acht feindliche Maschinengewehre taten von der Kleebachschanze und vom Schwebelhurst her in Tätigkeit.
Die Schwerverwundeten, Grenadier Karl Scholl und der bayerische Gefreite wurden von Karl Krumm, Johann Blumenthal und Franz Hausler über das 2,5 Kilometer breite Vorgelände getragen, wobei vier Drahthindernisse überwunden werden mußten. An der Straße Exbrücke – Niedersulzbach trafen sie Leutnant R., der ihnen Hilfe leistete.
Grenadier Riek und Grenadier Schmid, die als vermißt galten, sind gefallen. Unteroffi-zier Nedele kam schwerverwundet in Gefangenschaft.
Der Feind führte sofort mit starken Kräften einen Gegenangriff aus. Mit einem Maschi-nengewehr drängte er etwa 300 Meter ins Zwischengelände hinaus und brannte dabei Leuchtsatzfeuer ab. Auf der Ziegelei Mischen und Oberburnhaupt lag feindliches Sperr-feuer.
Nach Feststellung der Verluste gingen Vizefeldwebel Grimm, Unteroffizier Kruttschnitt, unsere Leute und sechs Krankenträger nochmals bis hinter das dritte feindliche Hinder-nis vor; sie mußten aber bei beginnender Helligkeit umkehren, ohne die Vermißten gefunden zu haben.“

aus: „Württembergische Sturm-Kompagnie im großen Krieg“, Stuttgart 1930