Donnerstag, 16. August 2018

16. August 1918



„Erst am 16. August war sich der Gegner über die Zurücknahme unserer H.-W.-L. klar geworden. Er beschoß nunmehr Regiment 414 und unser rechtes Flügelbataillon, das I., heftig. Dann erfolgte ein Angriff seiner Infanterie, der bedeutend Boden gewann. Es gelang in einem Gegenstoß den Feind aus dem Abschnitt des I. Bataillons wieder hinauszuwerfen, aber Regiment 414 blieb weiter zurückgedrängt. Wir mußten daher die rechte Flanke wieder abriegeln; und hatten am 15. und 16. August insgesamt 4 Offiziere und 64 Mann verloren.
Die deutsche Artillerie, weit hinten stehend, feuerte in diesen Tagen nur schwach, die des Gegners aber sehr viel. Und wenn auch der Feind bei Regiment 414 nichts Ent-scheidendes, bei R. 120 überhaupt nichts erreicht hatte, so spürte doch jedermann mit dumpfem Gefühl, es steht schlimm, eine Katastrophe liegt in der Luft.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Mittwoch, 15. August 2018

15. August 1918



„Der Gegner nimmt am 15. August den Bahndamm, dessen Besetzung er natürlich schon bemerkt hatte, unter starkes Feuer. Roye selbst wird unter ein Vernichtungsfeuer genommen, wie ich es selten erlebt habe. Granaten allerschwersten Kalibers mit Verzö-gerungszünder, die eine verheerende Wirkung hatten, rissen metertiefe Löcher in die Straßen und brachten ganze Häuserblocks zum Einsturz. Brandgranaten vernichteten, was noch übrig geblieben war, und in kurzer Zeit war die vor ein paar Tagen noch wohlerhaltene Stadt ein Trümmerhaufen. Es war ein unheimlicher, schauriger Anblick vom Bahndamm aus: vor uns das höllische Feuerwerk der explodierenden Geschosse und der vielfarbigen Leuchtkugeln, hinter uns das brennende Roye mit seinen grotesk beleuchteten Umrissen. Dazu das unaufhörliche Donnern der Geschütze, das Krachen der Granaten, das Hämmern der Maschinengewehre und das Bellen der Gewehre, Schreie von Verwundeten, Stöhnen von Sterbenden, das unheimliche Zischen der die Luft durchschneidenden Geschosse, ein Bild und ein Erlebnis, wie dem Inferno Dantes entnommen.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936

Dienstag, 14. August 2018

14. August 1918



„Unsere Artillerie konnte sich schwer in die neue Lage finden, denn täglich schlugen Kurzschüsse in und hinter unsere Linien. Alle Nachrichtenmittel, Brieftauben, Melde-hunde und Läufer wurden vergeblich in Bewegung gesetzt, um durch klar gezeichnete Skizzen der Artillerie den Verlauf der eigenen vorderen Linie deutlich zu machen. Nichts wirkt niederdrückender auf die schwer ringende Infanterie, als wenn die Hilfe ihrer Schwesterwaffe ausbleibt. Viele durch eigenes Gas Erkrankte mußten unter schlimmen Symptomen ins Lazarett zurück und Offizier und Mann in der Stellung konnten kaum ein lautes Wort herausbringen, da die Atmungsorgane durch das Gelbkreuz gereizt waren, wenngleich die Gasmaske schlimmeres verhütete.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 246 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1931

Montag, 13. August 2018

13. August 1918



„Kaum hatten sich die erschöpften Kompagnien etwas erholt, als der Engländer am 13. August, morgens 5.45 Uhr, erneut einen höllischen Granatensturm, der von lebhaftem Maschinengewehr-Feuer begleitet war, entfesselte. Das Echo aus den Rohren unserer Artillerien kam prompt mit einer Kraft und Wirkung, die der Stellungsbesatzung wirk-lich imponierte.
Auf die Meldungen ihrer immer regen Erkundungsgeschwader, denen der Anmarsch von Reserven und auch unsere Umgruppierungen nicht verborgen blieben, hat die feind-liche Führung offenbar mit einem Gegenangriff gerechnet, den sie zu stören beabsich-tigte. Die feindliche Infanterie machte an keiner Stelle Miene, zum Angriff vorzugehen. Das Feuer forderte erhebliche neue Opfer (6 bis 8 Mann der Kompagnie) und beein-flußte Kampfwert und Stimmung der mitgenommenen Truppe weiter ungünstig.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 246 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1931

Sonntag, 12. August 2018

12. August 1918



„Am 12. August hat anscheinend der Gegner seine Angriffsvorbereitungen dem Ab-schnitt gegenüber vollendet und er drückt energisch gegen die neuen Linien vor. Auf dem rechten Flügel des Regiments ist die Lage infolge der Ungunst des Geländes und der abgekämpften preußischen Anschlußtruppen besonders gefährlich. Der rechte Flügel des II. Batl. mußte, den Preußen folgend, dem feindlichen Drucke nachgeben und zurück; da trat die dort gestaffelte Res.-Komp. (6.) des. II. Batl. unter Leutn. Fetscher zum Gegenstoß an, riß die zurückgehenden Teile des Bataillons wieder nach vorne und warf den Gegner, der schon bis zur Bahnlinie vorgedrückt hatte, über die Höhe 81 (800 m westlich Chuignolles) und die Straße Proyard – Bray zurück. Ein M.-G.-Zug der 2. M.-G.-Komp., von Leutnant d. R. Gauß ohne Rücksicht auf das rasende feindliche Feuer vorgeführt, bekommt den zurückgehenden Gegner in seine Garbe und reibt ihn nahezu auf. Gleichzeitig mit diesem Flügelangriff greift der Gegner in starken Massen die Front des Regiments aus Proyard heraus an. Die dünnen Linien können dem ersten Anprall nicht stand halten, vor allem da zu dem feindlichen Artilleriefeuer auch noch das eigene auf unseren Stellungen liegt. Zudem werfen deutsche Flieger in unser Zwischengelände schwere Bomben. So von den eigenen Schwesterwaffen im Stich gelassen, ja gefährdet, wird die 7. und 8. Komp. bis zum Dorfrand Chuignolles zurück-gedrängt, und einzelne freche Engländertrupps sind schon in die Ortschaft eingedrun-gen. Da treffen die 9. und 10. Komp. der Regimentsreserve ein, die der nunmehrige Führer des III. Batl. Leutnant d. R. Reindel, in raschem Entschluß auf die gefährdete Stelle angesetzt hatte. Vereint mit der 7. und 8. Komp. werfen sie in hartem Ringen den Feind aus Chuignolles zurück, nehmen, von Leutnant d. R. Hoffmann geführt, das Bahnhofgebäude im Sturm und besetzen die alte Linie wieder. Das I. Batl. links hält in blutigen Nahkämpfen und Gegenstößen seine Stellung. Der M.-G.-Zug des Vizefeld-webels Diem der 1. M.-G.-Komp. hat sich bei dem fortgesetzten Massenangriff der Engländer vollkommen verschossen und liegt wehrlos vorne. Umpeitscht von Geschos-sen kriecht die Gewehrbedienung, das schwere M.-G. hinter sich herschleppend, zurück und als sie die fehlende Munition ergänzt haben, erkämpfen sich die Wackern ihre alte Stellung wieder und jagen dem Engländer ihren todbringenden Gruß entgegen.
Nun erkennt der Engländer, daß in der Front des Regiments seine Angriffe nutzlos sind und so versucht er es nochmals anschließend an unsern rechten Flügel bei Inf.-Regt. 13. Und wieder gelingt es ihm, vorwärts zu kommen. Wieder ist der Gegner in unsere Lini-en eingebrochen und geht von dort aus gegen Flanke und Flügel unseres Regiments vor. Die letzte Reserve des II. Batl., ein M.-G.-Zug und ein schwacher, im Bahnabschnitt zurückgehaltener Zug der 12. Komp., wirft sich entschlossen, vom Adjutanten des II. Batl., Leutnant d. R. Wider, geführt, den Zurückgehenden entgegen, reißt sie wieder nach vorwärts und wirft den Gegner in seine Ausgangsstellungen zurück.
Mit einbrechender Dämmerung beruhigt sich der Tommy und gibt seine vergeblichen Angriffe auf. Nicht einen Fuß breit Boden hat das Regiment dem Feind preisgegeben und die blutige Wallstatt zeigt von der Erbitterung, mit de auf beiden Seiten gekämpft wurde; zahllose tote Engländer liegen im Niemandsland und in unseren Stellungen; aber auch bei uns hat der Tod um sich gehauen und bittere Lücken gerissen.“


aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 478 und seine Stammtruppen Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 51, 52, 53 und Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 51“, Stuttgart 1924

Samstag, 11. August 2018

11. August 1918



„Unsere Division hatte Befehl, die Stellung bei Villers les Roye zu halten, der Gegner folgte nur zögernd. 2 Schwadronen kanadischer Kavallerie erschienen vor R. 120, erhielten von demselben überraschend M.-G.- und Gewehrfeuer und galoppierten unter schweren Verlusten in wilder Flucht zurück.
Das war immerhin ein Erfolg. Doch kam auch die üble Nachricht, daß der Troß des Regiments Fliegerbomben erhalten habe; 2 Mann waren dadurch getötet, 1 Offizier, 7 Mann und 10 Pferde verwundet.
Am nächsten Tag, den 11. August, gab der Feind kurzes Trommelfeuer auf unsere Stellung ab, dann griff seine Infanterie an. Es gelang ihm zunächst, an einer Stelle des Regimentsabschnitts einzudringen. Dann aber erfolgte unsererseits ein Gegenstoß, der die Franzosen nicht nur wieder hinauswarf, sondern uns auch 48 Gefangene einbrachte.
Der Gegner versuchte sin Glück noch zweimal, beidemal brach sein Angriff vor unserer Front zusammen, ohne auch nur einen vorübergehenden Erfolg zu ergeben.
Die Verluste des Regiments an diesem Tag betrugen 2 Offiziere und 9 Mann tot, 44 Mann an Verwundeten, dazu vermißt 28 Mann. Das Schlimmste aber bei der Sache war, der Kampfgeist des Regiments ging zurück; Verluste, Erschöpfung und vor allem die seelische Stimmung drückte ihn herunter.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

Freitag, 10. August 2018

10. August 1918



„Der Tag begann wieder mit größter Ruhe. Auch weiter südlich hörte man nichts. Nur vereinzelte Einschläge krachten im Hintergelände.
Die englischen Flieger waren außerordentlich tätig. Sie wollten die neuen Stellungen und den neuen Stand unserer Artillerie kennen lernen. Reg. 246 erhielt Befehl, sich auf die Straße Méaulte – Etinehem zurückzuziehen. Nun blieb 247 allein vorne, ohne rechts und links Anschluß zu haben. Bald sah man denn auch, wie Engländer sich in der rech-ten Flanke im Hohlweg beim früheren Kampftruppenkommandeur sammelten. Andere marschierten auf Morlancourt, und auf der großen Straße sah man im dichten Verkehr zwölf Tanks. Auch östlich vom Tailleswald wurde Bereitstellung beobachtet und Haupt-mann Fernand erbat gegen 4.30 Uhr Vernichtungsfeuer dahin. Tatsächlich war unsere Artillerie auch wieder da und feuerte in die Gegend. Als etwas später der Gegner süd-lich der Wegegabel eindrang – denn dort klaffte eine weite Lücke –, wurde er durch Artilleriefeuer wieder zum Rückzug gezwungen.
Im Lauf des Nachmittags waren die Engländer sich über unsere neue Stellung klar geworden und hatten sich eingeschossen. Um 6 Uhr begann die Betrommelung der Stellungen. Die Kompagnien in den schutzlosen Bereitschaftsgräben litten schwer. Nach 1½ Stunden erschienen 4 Panzerwagen, die aber an diesem Tage wenig Schneid entwickelten. Die dahinter sich deckende feindliche Infanterie hatte noch weniger Mut, da sie trotz der weiten Entfernung auch von unseren Maschinengewehren wirksam ge-faßt wurde. Schließlich aber kamen die Tanks näher an die Stellung heran und began-nen, sie von links her aufzurollen. Es hatte absolut keinen Zweck, sich niederwalzen zu lassen, darum befahlen die Kompagnieführer, nach rechts auszuweichen. Das geschah auch. Im Schritt gehend, trotz des Artilleriefeuers, das die Höhe zerwühlte, rückte die Besatzung der Bereitschaftsgräben in die Regimentsmulde ab. Die Hauptwiderstandlinie bestand jetzt noch aus dem M.-G.-Nest „Julius“ der 3./247 und einem Zuge der 4./248. Sie hatten prächtiges Schußfeld und nutzten das aus. Der angreifende Gegner flutete wieder zurück. Auch ein Tank, der einmal Miene machte, näher zu kommen, gab es wieder auf. Von 8 Uhr an trommelte daraufhin die feindliche Artillerie aufs neue, und nach einer halben Stunde, schon in der beginnenden Dämmerung, versuchte der Englän-der noch einmal vorzugehen, wurde aber wieder von schärfstem Maschinengewehrfeuer zurückgetrieben.
So war der Tag besser verlaufen, als man hatte hoffen, können, aber der Ausblick in die Zukunft blieb trostlos.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 247 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1924

Donnerstag, 9. August 2018

9. August 1918



„9. August 6.30 Uhr in der Frühe greift der Engländer das III. Bataillon überraschend an, wird aber zurückgewiesen. Feindliche Kampfflieger bekämpfen mit Bomben und Maschinengewehrfeuer das Bataillon und lassen es den ganzen Tag nicht zur ruhe kommen. Es soll als Brigadereserve nördlich des Tailles-Waldes gesammelt werden; es kommt aber nicht zur Ausführung dieses Planes. Mittags zeigt sich ein feindlicher Kampfwagen, der ziemlich schnell wieder verschwindet.
Den ganzen Tag kann man die Vorbereitungen zu einem englischen Angriff deutlich beobachten. Frech marschieren englische Kolonnen geschlossen von hinten vor, rattern Panzerwagen nach vorn. In aller Seelenruhe stellt der Engländer seine Angriffstruppen und seine gefürchteten Tanks bereit, unbehelligt, von niemand gestört. Es ist zum Verzweifeln. Wo bleibt nur unsere Artillerie? Die der 27. I. D. ist zerschlagen und unsere hat andere Sorgen. Sie muß ihre Munition für die Abwehr des feindlichen An-griffs sparen.
Ab 5 Uhr nachmittags beginnt der Engländer mit seiner genau zu erkennenden Aufstellung. In einem Abstand von 100 Meter halten vor der Front des III. Bataillons 8 englische Tanks. Die Engländer entwickeln sich in mehreren lichten Wellen am Hang, dahinter ist weitere Infanterie in Reihen und sogar in Kolonnen aufgestellt. Eine feindliche Stoßbatterie ist deutlich zu erkennen. Die ganze Leuchtmunition wird ver-schossen, um Sperr- und Vernichtungsfeuer anzufordern. Umsonst! Unsere Artillerie schweigt!
Ein Teil des I. Bataillons will eben mit 247ern die erschöpften 123er südlich Morlan-court ablösen, als der Engländer sein Feuer zum Trommelfeuer steigert. Um 6 Uhr abends treten die Tommies zum Angriff an, ihre Tanks sollen ihnen freie Bahn schaffen.
Das III. Bataillon muß sich verraten und verlassen vorkommen. In ohnmächtiger Wut sieht es die feindlichen Angriffsvorbereitungen, und niemand hilft ihm, das schon den ganzen Tag unter feindlichem Maschinengewehrfeuer, das aus der linken Flanke kommt, sehr zu leiden hat. Furchtbar werden die Kompagnien durch Durst gequält. Sie sind am vorhergehenden Tage so plötzlich alarmiert worden, haben so schnell in den Kampf eingreifen müssen, daß sie ihre Feldflaschen nicht mehr haben füllen können. So haben sie seither nichts bekommen. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel, der Staub, der Rauch und der Pulverdampf trocknen vollends ganz die lechzende Kehle aus. Und trotzdem verlieren die Leute den Mut nicht, trotzdem wanken und weichen sie nicht. In vorbildlicher Feuerdisziplin nehmen sie den um 6 Uhr angreifenden Gegner unter wohl gezieltes Feuer. Zweimal branden die englischen Massen gegen die feldgraue Mauer und zweimal brechen sie kraftlos zusammen.
Um 7 Uhr abends dringen Engländer links von der 10. Kompagnie ein. Was sage ich: Kompagnie? Das war einmal! Aber auch der kärgliche Überrest denkt nicht daran, zu verzweifeln, denkt nicht daran, der Übermacht zu weichen. Die paar Mann schwenken gegen den Gegner in der Flanke ein und nehmen ihn unter Feuer. Das kennen sie nicht anders und werden es auch nie anders machen.
Neue Tanks und neue Infanteriemassen tauchen in der rechten Flanke auf. Auch jetzt weichen die braven Kompagnien nicht, sie lassen nicht mutlos die Waffen sinken. Sie wehren sich vielmehr mit allen Kräften, schmelzen aber unter dem feindlichen Feuer wie Butter in der heißen Sonne zusammen. Keine Verpflegung, nichts zum Trinken – Durst ist viel schlimmer als Hunger –, und jetzt wird auch noch die Munition knapp! Die letzten Patronen werden etwa 500 Meter westlich des Tailleswaldes verschossen. Jeder einzelne Mann leistet Unglaubliches im Kampfe gegen die englischen Massen, im Kampfe gegen die für die Infanterie so gut wie unverwundbaren Tanks. Schließlich werden es der Gegner zu viele, die letzte Patrone ist verschossen, – und dann ist es um das Bataillon geschehen. Nach vier langen Kriegsjahren hat es noch Einzigartiges geleistet. Nun liegt es waidwund am Boden, ehrenvoll geht es unter, es kann vor der Geschichte bestehen.
11 Offiziere, 1 Offizierstellvertreter und 226 Unteroffiziere und Mannschaften hat es am 8. und 9. August verloren. Der Bataillonskommandeur – Hauptmann Beckh – ist tödlich verwundet und stirbt in der vordersten Linie in den Trümmern seines Bataillons. Der Tod läßt ihn der Gefangenschaft entgehen.
Nur einigen wenigen Leuten gelingt es, sich noch durchzuschlagen, gelingt es, im letzten Augenblick aus der geschlossenen Zange zu entweichen. Den Kampf geben sie aber noch nicht auf, es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, nun das Weite zu suchen und auf die eigene Rettung bedacht zu sein. Auf der Höhe des Tailleswaldes nehmen sie wieder Stellung und verwehren mit den Trümmern von vier anderen württembergischen Regimentern dem Gegner noch einmal ein weiteres Vordringen.
Das I. Bataillon, dessen 2. und 3. Kompagnie bei R. I. R. 247 eingesetzt sind, hat ebenfalls schwere Verluste erlitten.“

aus: „Ehrenbuch des württembergischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 248“, Stuttgart 1932

Mittwoch, 8. August 2018

8. August 1918



„In der sternenhellen Nacht vom 7./8. August waren eben die Kompagnien des II. Bataillons an Stelle des III. Bataillons in der vordersten Linie eingesetzt worden, als zu beiden Seiten der Somme tausende von feindlichen Geschützen ein furchtbares Konzert anstimmten und zahllose englische und kanadische Bataillone, von vielen Tank- und Reitergeschwadern umgeben, sich in den Mulden und Waldstücken hinter ihrer Front-linie zum Angriff bereitstellten. Standhaft hielten die 120er in dem Höllenfeuer aus. In der Kampf- und Tiefenzone des Regimentsabschnitts reihte sich ein Geschoßeinschlag neben den andern. Im Nu waren die Küchen- und Gressaire-Mulde mit dichten Pulverdampfwolken erfüllt. In der letzteren saß unfreiwillig in seinem Gefechtsstand eingeschlossen und jeder Verbindung nach vorne und rückwärts beraubt, der Abschnitts-kommandeur. Er hielt lange einen neuen, rein örtlichen Vorstoß der Engländer, mit der Wiedererlangung unserer vorderen Gräben als Ziel, für bevorstehend. Erst als gegen 9 Uhr vormittags Infanteriegeschosse und kleinkalibrige Granaten, aus Tankgeschützen herrührend, die schweren Geschosse feindlicher Steilfeuergeschütze an seinen Unter-stand begleiteten, mußte es für ihn außer Zweifel sein, daß ein großzügig angelegter feindlicher Durchbruchsversuch im gang war. Bald darauf von vorne kommende ver-wundete und versprengte Leute bestätigten diese Ansicht unwiderleglich. Entlang des nördlichen Sommeufers vorgehende feindliche Bataillone hatten sich in diesem Augen-blick schon über die Gräben der linken Nachbardivision hinweg in die linke Flanke der 27. Division Bahn gebrochen. Auf der großen Straße nach Bray, rechts vom Regiment, hatten Tanks die Linien des Grenad.-Regiments 123 und des Regiments 124 überfahren und operierten in dem Rücken des Regiments 120. So wacker sich auch am Anfang die Kompagnien des II. Bataillons den frontal angreifenden Gegner vom Halse gehalten hatten, jetzt erheischte die Lage dringend ein Zurückverlegen ihrer Verteidigungslinie, wenn sie nicht sämtlich in die Hände des Feindes fallen sollten. Die Umklammerung war schon in ein sehr ernstes Stadium getreten, als sich die ersten Leute vorsichtig auf den Westrand der Küchen-Mulde zurückzogen. Für viele war es schon zu spät, sie gerie-ten in Gefangenschaft. In dem allgemeinen Wirrwarr gelang es später manchem von diesen, sich den Händen der Sieger wieder zu entwinden und sich nach Osten durchzu-schlagen. Auf den Höhen westlich Bray-sur Somme sammelten unterdessen tatkräftige Offiziere und Unteroffiziere die versprengten Mannschaften.. Das I. Bataillon wurde vom Ruhelager Suzanne herangezogen. Bis zum Anbruch der Abenddämmerung war keine rechte Klarheit darüber zu erlangen, wie weit der Gegner im Regimentsabschnitt tatsächlich vorgedrungen war. Die widersprechendsten Nachrichten liefen beim Regi-mentsstab ein. So meldeten einzelne Batterien, daß ihre Geschütze in der Küchen-Mulde noch feuerten, während andere Berichte besagten, daß englische Infanterie bereits am Rande der weiter östlich gelegenen Gressaire-Mulde sich eingenistet habe. Um endgül-tige Gewißheit über die Lage zu haben, setzte der Regimentskommandeur die herbeige-eilten Kompagnien des I. Bataillons nach vorne in Marsch, mit dem Auftrag, die Füh-lung mit dem Gegner wieder aufzunehmen. Sie gelangten, ohne Widerstand zu finden, bis auf den Sachsenberg vor und setzten sich dort zur Verteidigung fest. Vor ihnen irrten englische Infanterieabteilungen planlos zwischen unseren alten Kampfstellungen herum. Nach anfänglich größerem Geländegewinn hatte sich der Engländer wieder respektvoll nach rückwärts verzogen. Eine von Südwesten bis zur Gressaire-Mulde vorgeprellte schwache feindliche Infanterieabteilung, welche vorübergehend wilden Schrecken in die Reihen der 120er getragen hatte, befand sich zu dieser Zeit längst schon auf dem Marsch in unsere Etappe.  Unerschrockene Leute der Nachrichtenkompagnie, denen die Abteilung unvermutet in der Schlucht in die Arme gelaufen war, hatten sie nach kurzem Kampf überwältigt, entwaffnet und gefangen nach hinten abgeführt.
Die beiden anderen Infanterie-Regimenter der Division waren der feindlichen Umklam-merung bedeutend weniger ausgesetzt gewesen. Sie hatten dem Vorwärtsstürmen der Engländer noch weiter westlich als das Regiment 120 Einhalt geboten. Die taktische Lage im Abschnitt der 27. Division und die Haltung ihrer Kampftruppen gab am Abend des 8. August keinerlei Anlaß, die Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand der Division bei etwaiger Erneuerung des feindlichen Angriffs schon von vornherein sinken zu lassen. Allein die beträchtlichen Ausfälle an Toten, Verwundeten und Vermißten und das Fehlen der nötigen Reserven an Infanterie und Artillerie waren doch bedenklich. Was uns an Reserven zur Verfügung gestanden hatte, mußte auf das Südufer der Somme hinüber geschickt werden, wo nach dem völligen Zusammenbruch der deutschen Abwehr australische Divisionen fast kampflos ihren Vormarsch nach Osten angetreten hatte. Daß die Entente-Truppen, angefeuert durch ihren dortigen Erfolg, bald auch bei uns nochmal ihr Glück versuchen würden, damit mußte mit Bestimmtheit gerechnet werden.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

Dienstag, 7. August 2018

7. August 1918



„Zu einem schwächeren Gegenangriff kam es erst am 7. August früh 6 Uhr, den ein überaus heftiges Trommelfeuer von kurzer Dauer einleitete. Dichter Nebel verhinderte jede Sicht und es gelang dem Gegner unter dessen Schutz, im Abschnitt der 4. Kom-pagnie vorübergehend mit schwachen Kräften in unseren ersten Graben einzudringen, aus dem er unverzüglich durch die Grabenbesatzung selbst wieder hinausgeworfen wurde. Im Vorgelände spielten sich den Vormittag über noch kleinere Nahkämpfe ab, die aber nichts daran änderten, daß unsere Hauptstellung, der Grüne Graben, ganz in der Hand des Regiments blieb. Diese Abwehr war ausschließlich ein Verdienst des tapferen I. Bataillons, denn der Artillerieschutz hat des dichten Nebels wegen im ersten Stadium des Angriffs nahezu gefehlt.
Nicht so günstig ging es beim linken Nachbar, dem I. R. 120, bei dem der Grüne Graben völlig verloren ging. Unser linker Flügel hing daher mit Ausnahme einiger weniger leichter Maschinengewehre dieses Regiments in der Luft und unsere dort zur Verstär-kung eingesetzte 8. Kompagnie bemühte sich stundenlang, den Anschluß herzustellen. Daß der Gegner besonders in dieser Lücke versuchte, weiter zu kommen, lag auf der Hand, aber alle Versuche scheiterten an der Standhaftigkeit und Wachsamkeit der dort aushaltenden Grenadiere. In den Mittagsstunden wurde unser linker Flügel etwas zu-rückgebogen, wodurch Fühlung mit der 8./120 erzielt werden konnte. Gegen Abend gelang es dann den 120ern in hartem Angriff, auch ihre Grüne Linie wieder zu nehmen, so daß der Angriff im ganzen Divisionsbereich als restlos gescheitert gelten konnte. Die Stellung in der linken Flanke blieb aber nur dünn und unzulänglich besetzt, so daß der Gegner andern Tags dort leichtes Spiel hatte.“

aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

Montag, 6. August 2018

6. August 1918



„Am 2. August begaben sich Vorkommandos der Bataillone auf Lastautos nach Bray, um dort die Übernahme des Abschnitts der 107. Division durch die Württemberger vorzubereiten. Am nächsten Tage folgten ihnen die Bataillone selbst nach und rückten in die Stellungen des Res.-Inf.-Reg. 232 nördlich der Somme ordnungsgemäß ein. Alles drängte zur Eile, denn schon am 6. August sollten die Kompagnien des Regiments zum Sturm auf die gegenüberliegenden feindlichen Stellungen antreten. Wie im Handum-drehen waren die Stunden des 5. August mit den  nötigsten Angriffsvorbereitungen ver-gangen, als sich am 6. August morgens nach mächtiger Feuervorbereitung die Sturm-reihen der 120er aus den Gräben erhoben und mit ihrem Regimentskommandeur, Major Scupin in der Mitte, auf den Feind stürzten. Nicht nur feindliche Geschosse aller Art, sondern auch schwere vom Wind gepeitschte Regenschauer schlugen den Truppen ent-gegen. Trotzdem brachen sie jeglichen feindlichen Widerstand, nahmen über 100 Eng-länder gefangen und drangen über das gesteckte Ziel hinaus vor. Gegen Mittag war der erste Teil der Arbeit geleistet, der Sturm war voll geglückt. Das am linken Flügel kämp-fende I. Bataillon hatte bedeutend schwerer zu fechten und zu leiden gehabt als das III. Bataillon. An ein Ruhen und Rasten der Truppen war jetzt nicht zu denken, denn es galt, den weitaus schwierigeren Teil des Auftrags, das Halten des eroberten Geländes, zu erfüllen. In Erwartung feindlicher Gegenstöße richteten die Kompagnien ihre Stellungen zur Verteidigung ein. Die heiße Augustsonne brannte erbarmungslos auf die schanzen-den Kampftruppen und die mit Munition, Maschinengewehren und Schanzzeug belade-nen, nach vorne eilenden Trägertrupps nieder. Der Abend brachte die ersten Versuche der Engländer zur Wiedergutmachung der erlittenen Schlappe. In einer schmalen Lücke zwischen dem I. und III. Bataillon, in der sich einige gewandte Engländer festgesetzt hatten, entwickelten sich Handgranatenkämpfe, welche von beiden Seiten sehr schnei-dig, aber ergebnislos die Nacht hindurch fortgeführt wurden.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

Sonntag, 5. August 2018

5. August 1918



„Einen etwas größeren Anfangserfolg hatte der Übergang des Gegners bei Braisne in der Frühe des 5. August. Diesmal drückte er die rechten Nachbarkompagnien bis an die Straße Braisne – Courcelles zurück und bedrohte dadurch stark die rechte Flanke des Regiments. Auf dem rechten Flügel der vorderen Linie befand sich am 5. August die 2. Kompagnie, hinter ihr die 1. Kompagnie. Diese beiden Kompagnien, mit dem linken Flügel entlang der Vesle vorgehend, warfen gegen 11 Uhr vormittags im Verein mit Teilen des Regiments 31 in schneidigem Draufgehen den Gegner wieder aus Braisne heraus. Auch vor unserem Regimentsabschnitt blieben die Versuche, über die Vesle vorzudringen, nicht aus, zumeist waren es aber nur kleine Abteilungen, die sich heran-wagten, anscheinend um zunächst mal Übergangsmöglichkeiten zu erkunden. Sie wur-den mit blutigen Köpfen heimgeschickt, an unserer Wachsamkeit scheiterte jeder Ver-such des Gegners, den Fuß auf das nördliche Ufer zu setzen. Wir blieben hier die Her-ren. An der Berührungsstelle von Bahnlinie und Vesle jedoch gelang es dem Gegner, sich mit einer starken Postierung nördlich des Flusses festzusetzen. Das war zwar im Gefechtsstreifen der Nachbarn, aber doch in recht bedrohlicher Nähe und mahnte zu besonderer Aufmerksamkeit.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–
1918“ׅ, Stuttgart 1923

Samstag, 4. August 2018

4. August 1918



„Auch dieser Tag sollte unter heißen Kämpfen vergehen. Schon 1.35 Uhr vormittags versuchte der Gegner einen Angriff auf die in der Pierquin-Ferme stehende Feldwache, der aber unterbunden wurde. Eine in der Nacht unternommene Offizier-Patrouille hatte Klarheit über den Verlauf der vorderen feindlichen Linie gebracht, aber auch die Not-wendigkeit der Schaffung eines neuen Vorfeldes ergeben. Daher setzte sich das Regi-ment mit der Artillerie in Verbindung und verabredete einen starken Feuerschlag, der von 11.15 – 11.35 Uhr dauerte. Sodann drangen vier Stoßtrupps des II. Bataillons vor. Dem am weitesten rechts vorgehenden Stoßtrupp gelang das Vorwärtskommen nicht, da er von Flankenfeuer gefaßt wurde. Die beiden nächsten an der Straße vorgehenden Stoß-trupps gewannen zunächst Gelände, dann aber schlug ihnen ein so heftiges Feuer aus den Häusern von La Neuvillette entgegen, daß sie nicht weiter kamen. Dem Stoßtrupp der 6. Kompagnie unter Unteroffizier Reyher gelang es, bis zum Kirchhof von La Neuvillette vorzudringen und einen feindlichen Posten zu verjagen, dann aber geriet er in Flankenfeuer und mußte seine Stellung räumen. So gelang es nicht, die Postierung vorzuschieben; überall hatte der Angriff des Stoßtrupps eine starke feindliche Besetzung ergeben.
Gleichzeitig mit dem Vorgehen der Stoßtrupps des II. Bataillons hatte der Gegner beim III. Bataillon seine Postierungen vorzuschieben versucht. Ein Stoßtrupp der 12. Kom-pagnie jagte ihn zurück. Am Abend von 8.10 – 8.30 Uhr fand eine erneute Beschießung der feindlichen Linie statt. Wiederum stießen Abteilungen des II. Bataillons vor, um ein Vorfeld zu gewinnen; wieder wurde ihnen gleich starker Widerstand geleistet, den zu brechen sie zu schwach waren. Fast zu gleicher Zeit setzte auf der ganzen vorderen Linie des III. Bataillons stärkstes französisches Vernichtungsfeuer aller Kaliber ein. In kurzer Zeit war alles in Rauch gehüllt, alle Übersicht ging verloren. Dicht hinter der Feuerwelle folgten starke Angriffsabteilungen. Die Posten wurden zurückgedrängt oder umgangen. 8.30 Uhr abends mußte eine Feldwache der 9. Kompagnie zurückgezogen werden; 8.40 Uhr griff eine Kompagnie Senegalschützen die schwache Feldwache der 10. Kompagnie in der Pierquin-Ferme an und zwang sie zum Weichen, nachdem sie schon umfaßt war. In energischem Gegenstoß verschaffte sie sich Luft und gelangte in einen Graben, von dem aus sie den Gegner am weiteren Vorkommen hinderte. Beim Abschluß der Kämpfe war es dem sowohl an Zahl überlegenen, als auch ausgeruhten Gegner gelungen, sich in Besitz unseres ganzen Vorfeldes zu setzen, das ihm nun den Einblick in den Regimentsabschnitt ermöglichte. Dieses Vorfeld durch Gegenstöße mit den schwachen Kräften des Regiments wieder zu gewinnen, war ich möglich; hiezu war ein gründlich angelegter Gegenangriff erforderlich.“

Freitag, 3. August 2018

3. August 1918



„Um starke Kräfte freizubekommen und der Truppe unnötige Verluste zu ersparen, hatte sich die Oberste Heeresleitung entschlossen, die westlich der Division stehenden Truppen auf das Nordufer der Vesle zurückzunehmen. Diese Maßnahme erhielt den Decknamen „Blücherbewegung“; sie begann am 1. August. Der Rückzug mußte auch auf dem rechten Flügel der Division fühlbar werden. Das Nachbarregiment (Inf.-Reg. 127) mußte seine Stellung ebenfalls zurückverlegen. Beim Regiment 475 machte sich erst am 3. August vormittags eine verstärkte feindliche Patrouillentätigkeit bemerkbar. Schon 4.30 Uhr vormittags hatte ein Posten der 12. Kompagnie mit einer vorfühlenden feindlichen Patrouille zu kämpfen; er vertrieb sie durch Feuer. Um 8 Uhr vormittags ging der Feind an La Neuvillette heran. Nach Handgranatenkampf zwang ihn der Posten der 2. Kompagnie zur Umkehr. 8.40 Uhr vormittags wurde der gleiche Posten von einer stärkeren Patrouille angegriffen; Musketier Lutz vertrieb sie durch Handgranaten. Ein Korporal des französischen Regiments 100 wurde von ihm schwer verwundet und gefangen.
Am Nachmittag des 3. August kam die Rückzugsbewegung immer deutlicher zum Ausdruck. Das feindliche Feuer hatte seit einigen Tagen sich sehr verstärkt und nach Norden zugenommen. Am Vormittag des 3. August hatte der Franzose St. Brice und Courcelles besetzt und war im Park von Schloß La Malle eingedrungen. Nun war auch beim Regiment der Angriff stärkerer Kräfte zu erwarten. 2.45 Uhr nachmittags setzte das Vorbereitungsfeuer starker Artilleriekräfte auf La Neuvillette und die Front des rechten (I.) Bataillons ein; 3.10 Uhr nachmittags griff der Feind an. Damit begann ein bis in die späte Nacht währender Kampf um La Neuvillette und die anschließende bisherige Hauptwiderstandslinie. Das Bataillon hielt sich, bis es dem Feind gelang, dem anschließend daran in seine neue Stellung zurückgehenden Inf.-Reg. 127 zu folgen. So saß der Gegner dem Bataillon im Rücken und es gelang ihm, in La Neuvillette einzu-dringen. Nun mußte die Hauptwiderstandslinie im rechten Bataillonsabschnitt an den Kanal zurückverlegt werden. Ein alsbald angesetzter Gegenstoß unter Führung des Vizefeldwebels Eitel gelang nicht; der Führer wurde verwundet. Auch eine Feldwache östlich La Neuvillette mußte vor starken französischen Angriffen zurückgenommen werden. 4 Uhr nachmittags wurde das II. Bataillon vorgezogen. Am Abend sollte im Einvernehmen mit dem Regiment 127 ein regelrechter Gegenangriff zur Wiederge-winnung des ganzen Vorfeldes geführt werden. Von 7 Uhr ab bereitete Artillerie den Angriff vor. 7.15 Uhr abends fand er statt und kam anfänglich gut vorwärts, namentlich auf dem rechten Flügel. Sodann aber prallte der Stoß auf den gleichzeitig angesetzten, mit weit überlegenen Kräften geführten Angriff der Franzosen. Es gelang ihnen, zwi-schen zwei Kompagnien durchzustoßen, so daß die 1. Kompagnie, die westlich La Neuvillette vorgegangen war, auf das Westufer des Kanals zurückgenommen werden mußte. Die in La Neuvillette kämpfende 2. Kompagnie wurde bis zur Mitte der Ortschaft zurückgedrängt. Weitere kleine Gegenstöße der 2. und 4. Kompagnie schei-terten an der Stärke des Feindes.“

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 475 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

Donnerstag, 2. August 2018

2. August 1918



„Nach Eintritt der Dunkelheit begannen die für die Nacht vom 1./2. August vorgese-henen Bewegungen zur Zurücknahme unserer Front hinter die Vesle. Die Bataillone des Gros der Division – darunter das I. Bataillon – traten 10.30 Uhr abends in breiter Front den Rückmarsch an. Um Mitternacht, nachdem der Feind noch kurz zuvor den Bois d‘ Arcy durch einen heftigen Feuerüberfall vergast hatte, lösten sich auch das II. und III. Bataillon vom Feinde los, es war stockdunkel. Hinter den abmarschierenden Bataillonen stiegen die weißen Leuchtkugeln der zurückbleibenden Offizierpatrouillen in die Luft. Bei Branges ging es durch die Linien der 87. Inf.-Division (Ziethen-Stellung) hindurch.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–
1918“ׅ, Stuttgart 1923

Mittwoch, 1. August 2018

1. August 1918



„So kam der 1. August und mit ihm der erwartete feindliche Angriff. Gegen 4.30 Uhr vormittags nahm das nächtliche Störungsfeuer zu und steigerte sich gegen 6 Uhr vormit-tags zum Tosen des Trommelfeuers. Erst schien sich rechts des Regimentsabschnitts ein feindlicher Angriff zu entwickeln, um 6.15 Uhr vormittags griff der Gegner auch vor der Front des Regiments an. Hinter einer dichten Walze aufschlagender Granaten und plat-zender Schrapnells folgte die französische Infanterie in Massen. Gedeckt durch Nebel und Rauch und das wellige, kornbestandene Gelände kam sie dicht an die Vorposten heran, deren abgeschossene, alarmierende Signalkugeln rückwärts nicht gesehen werden konnten.
Die Fernsprechleitungen waren überall längst zerschossen, doch arbeiteten noch die Erdtelegraphenstationen bei den Bataillonsgefechtsständen. Unsere Artillerie, in Un-kenntnis über das Fortschreiten des feindlichen Angriffs, konnte nur wenig wirken; diejenigen Teile der Vorfeldposten, die sich mit dem Gegner nicht verbissen hatten, konnten in den hohen Kornfeldern auf die Hauptwiderstandslinie ausweichen. Vizefeld-webel Dengler der 9. Kompagnie jedoch hielt mit seinen Leuten zu lange auf seinem Posten aus und wurde mit 5 Mann gefangen genommen. Auch der Vorfeldkommandeur der 2. Kompagnie, Leutnant d. R. Peters, glaubte den Angriff schon im Vorfelde abweh-ren zu können. In heftigem Ringen wurde er seiner rechten M.-G.-Gruppe beraubt, so daß er mit den ihm verbleibenden beiden Gruppen den Rückzug auf die Hauptwider-standslinie antreten mußte. Erbitterte Einzelkämpfe mit Gewehr, Handgranaten und Messer spielten sich ab. Schritt für Schritt zurückweichend, brachten die Grenadiere dem Feind schwere Verluste bei. Durch das langsame Zurückgehen unserer Vorfeld-besatzung, unbekümmert um das, was sich links und rechts abspielte, gelang es dem Gegner, sie in den unübersichtlichen Kornfeldern vom Rücken zu fassen. Tapfer schlu-gen sich die Leute nach allen Seiten, um sich nach rückwärts Bahn zu brechen. Einige fielen, der Rest, größtenteils verwundet, kam in dichter Mischung mit den schneidig vorgehenden Franzosen vor das Feuer der Hauptwiderstandslinie. Herausgeschossen durch ihre Kameraden, vermochten sich die Kämpfer schließlich loszulösen, der zuletzt zurückgehende Leutnant d. R. Peters mit seinen beiden Meldern blieb leider in Feindes-hand. Ein Verwundeter, der sich in einer Korngarbe versteckt hatte und am Abend erst zurückkam, berichtete später von den prachtvollen Taten zu Beginn der Vorfeldkämpfe.
Als nun die Besatzung der Hauptwiderstandslinie freies Schußfeld auf den in Wurfweite in dichten Haufen herankommenden Feind hatte – es war inzwischen 6.30 Uhr vormit-tags und die feindliche Feuerwalze war schon im Hintergelände angekommen –, da schlug den Franzosen ein niederschmetterndes Feuer entgegen, das sie zwang, von den Kornfeldern aus ein Feuergefecht zu führen. Doch sie konnten nirgends die Übermacht erringen. Die Besatzung der Hauptwiderstandslinie schoß, um besser zu sehen, stehend freihändig von den höchsten Erdaufwürfen ihrer Schützenlöcher mit Gewehren, Ge-wehrgranaten und über die Schulter gelegten leichten Maschinengewehren. Wo der Geg-ner es wagte, aus den Kornfeldern herauszutreten, rannte er in den sicheren Tod. Zahl-reiche Verwundete sah man zurücklaufen und sich bei einer an dem wohlbekannten Waldstück, Stabswäldchen genannt, aufgestellten Sanitätsflagge sammeln. Dort und im sogenannten „Eisenwäldchen“ setzte sich der Gegner fest und organisierte sich anschei-nend zu neuem Angriff. Das Feuer unserer Artillerie war teils aus Mangel an Munition, teils wegen der fehlenden Verbindung nicht recht zur Entwicklung gekommen. Dagegen war den leichten Minenwerfern ein von Leutnant d. R. Sinn vorzüglich geleitetes Feuer gegen die beiden Wäldchen zu danken.
Die geschwächte Hauptwiderstandslinie wurde nun zunächst durch Teile der in zweiter Linie eingesetzten Kompagnien verstärkt und nachdem sich schon gegen 7 Uhr vormit-tags die 9. und 10. Kompagnie unter ihren Führern, den Leutnants d. R. Seeger und Klumpp, die Franzosen in energischem Gegenstoß bis über die Straße Cramaille – Trugny zurückgeworfen hatten, gelang es gegen 9 Uhr vormittags auch der 2. Kompag-nie unter Leutnant d. R. Heim und Teilen der 10. Kompagnie unter Vizefeldwebel Betz und dem gerade anwesenden Führer der 12. Kompagnie, Leutnant d. R. Kuhnle, im Handgranatenkampf – sehr gut unterstützt durch Gewehrgranatenschützen – das Eisen-wäldchen wieder in Besitz zu nehmen. 30 Gefangene und 1 Maschinengewehr blieben dabei in unserer Hand. Die gefangenen Franzosen gehörten der 68. Res.-Division (Regt. 206, 234 und 344) an, die erst vor wenigen Tagen von Verdun abtransportiert wurden, dort abgelöst durch Amerikaner und aufgefüllt durch Leute vom Jahrgang 98.
Unter dem Druck der dem Feind hart zusetzenden Patrouillen wich dieser, stark erschüt-tert, bis an die Hänge des Ourcq-Grundes, seiner Ausgangsstellung, zurück. Hierbei wurde Leutnant Menton (Otto) am Stabswäldchen auf nächste Entfernung angeschossen und schwer verwundet. Eine Besetzung des Vorfeldes mit starken Kampfgruppen konnte der eingetretenen Verluste wegen nicht mehr durchgeführt werden. Doch auch der Feind hatte sichtlich die schwersten Verluste, weit mehr als der Verteidiger, erlitten. Allein vor dem Abschnitt der 9. Kompagnie wurden am Abend 250 tote oder schwer verwundete Franzosen gezählt.
Unter den schwierigsten Umständen wurden in den nächsten Stunden die gänzlich er-schöpften Munitionsbestände aufgefrischt. Die wichtige Maschinengewehrmunition wurde vom Regimentsgefechtsstand in Foufry durch die noch immer unter starkem Feuer liegende Artilleriezone vorgeleitet. Wurfminen, Handgranaten, Infanterie- und Leuchtmunition wurden unter großen Anstrengungen im feindlichen Feuer nach vorne geschafft. Der Fernsprechdraht vom I. Bataillon zum Regiment, der an 17 Stellen abge-schossen war, wurde geflickt; die Meldehündin Bella, die beim I. Bataillon glänzende Dienste geleistet hatte, verkehrte wieder und auch einige Brieftauben waren noch flug-bereit. Die Blinkverbindungen waren leider durch Artillerietreffer fast sämtlich außer Gefecht gesetzt. Dank der Aufopferung der Ärzte und des Sanitätspersonals ging der Abtransport der Verwundeten rasch und reibungslos von statten.“

aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927