Sonntag, 19. April 2020

19. April 1920


Richard Pregizer.

Geboren 12. März 1888 in Essingen bei Aalen als Sohn des Pfarrers Albert Pregizer, späteren Dekans in Böblingen. Besuchte das Gymnasium in Heilbronn. Studierte 1906–12, erst Theologie, dann neuere Philologie und Geschichte, großenteils in Tübingen, dazwischen in Freiburg und Paris. Trat Herbst 1906 in die Normannia ein. Doktorierte im Februar 1912. War nach seinem Examen (Herbst 1912) als Hilfslehrer in Eßlingen, Göppingen und seit Herbst 1913 in Kirchheim tätig. Wurde während seiner Abwesenheit im Krieg zum Oberreallehrer ernannt.
Zum Militär eingerückt 1. Mai 1916 (Inf.-Rgt. 246). Ins Feld am 23. August 1916 zum Füs.-Rgt. 122. Geriet am 5. September 1916 in der schweren Katastrophe seines Regiments bei Halicz in Galizien in russische Gefangenschaft, kam zunächst in das Gefangenenlager Jerni-jar bei Astrachan an der unteren Wolga, dann kurze Zeit zum Arbeitsdienst nach Mologa und war seit April 1917 in Sibirien in dem Gefangenenlager Krasnojarsk am Jenissei. Dort starb er am 19. April 1920 am Fleckfieber.
Als Richard Pregizer im Herbst 1912 die Hochschule verließ, war er noch immer der belebende Mittelpunkt eines großen Freundeskreises. Er genoß jene unbedingte Liebe und Verehrung, die dem älteren Studenten so gerne von den jüngeren zufließt, wenn er auch mit dem Blick auf die ernsteren Lebensaufgaben nicht matt und eng geworden ist. Seine Persönlichkeit war damals ganz entfaltet und auf dem Höhepunkt ihrer Wirkung, lachend, genießend, begeistert und doch voll Maß, voll stiller Treue und Freundesgüte. Er verstand seine Pflicht zu tun, ohne daß jemand es merkte. Man sah nicht, wenn er arbeitete. Der notwendige Alltag lief geräuschlos hinter der Szene ab. Er war voll reichen Wissens, so als ob das alles in ihm selbst gewachsen wäre, eine schöne selbst-verständliche Blüte eines feinen Gemüts, das sich in guten und reifen Gedanken entfaltete. Ohne Hast und ohne banausische Mühe nahm er das aus der Welt auf, was zu seinem Wesen paßte. Sein Temperament wiegte sich in jener schönen Mitte eben-mäßiger Freude und Tätigkeit, die sich nicht in jähem Ehrgeiz stürmisch verzehrt, noch weniger zu versanden vermag in dem schlaffen Vergnügen am Niederen.
So hat er gerade in jener Zeit sein Erstlingswerk geschaffen, vielleicht den Torso von dem kommenden Lebenswerk eines deutschen Historikers, das wir, schmerzlich auf seine Rückkehr hoffend, in der Stille unserer Phantasie schon künftig unter seinen Händen vielleicht entstehen sahen. „Die politischen Ideen des Karl Follen“ nannte er die Abhandlung, die die politische Geschichte der deutschen Burschenschaft und ein Stück deutscher Einheits- und Freiheitsbewegung  in dem Spiegel einer eigenartig düsteren und fanatischen, am Horizont der Tagesgeschichte wie ein Blitz aufluchtenden und verlöschenden Persönlichkeit zusammenfaßte. Sein Lehrer, Professor Adalbert Wahl in Tübingen, der bis zuletzt mit herzlicher Anteilnahme seinen Lebensgang verfolgte, suchte ihn damals für eine wissenschaftliche Laufbahn zu gewinnen. In der Tat hat Pregizers Monographie über Karl Follen in ihrem knappen, schlichten und sachlichen Stil, der anschaulichen Gestaltungskraft und dem warmen, persönlichen Temperament in der Darstellung, ihrer kritischen Sicherheit und wesentlichen Gedrängtheit recht wenig von einer Anfängerarbeit an sich. Sie zeigt die instinktive geistige Sicherheit des Sohnes aus altem Gelehrtengeschlecht und das künstlerische Erbteil seines Urgroßvaters, des Liederkomponisten und Mörikefreundes Kauffmann. Die Früchte dieser reichen geisti-gen Anlage hatten eben bei ihm zu reifen begonnen.
Zuweilen suchen wir uns in schmerzlichem Erinnern seinen Lebensgang zu Ende zu denken. Es trieb ihn kein Ehrgeiz nach hohen Zielen. Er konnte, wann die Gelegenheit an ihn herankam, Großes leisten, fast ohne es selbst zu merken. So hat er mit seinem starken Vaterlandsgefühl den Kriegsdienst, der seinem zarten und guten Gemüt innerlich so fremd war, mit einer schönen Gelassenheit ertragen, die mehr sagte als eine heroische Gebärde und die den ganzen Adel seines Wesens enthielt. So tief er das Pathos dieser Tage innerlich empfand, so wenig war äußerlich an ihm zu merken. Er hätte vielleicht, wenn das Schicksal es erlaubt hätte, ein stilles Gelehrtendasein abseits der großen Welt gewählt, wie es der schwäbischen Natur so nahe liegt. Denn es war in ihm vor allem eine Neigung zu stillem, beschaulichem Betrachten und Genießen, zu einem prunklosen aber ebenmäßigen Aufbauen seines Persönlichkeitskreises. Er hatte sich als Lehrer, besonders zuletzt in Kirchheim, so eingelebt, daß er sich Besseres nicht wünschen konnte. Er hatte eine gutherzige, warme Menschenfreundlichkeit, die niemand verletzte, die nie seine geistige Überlegenheit fühlen ließ und doch unmerklich die Besten zum Umgang um sich sammelte. Auch in Kirchheim gehörte er einem kleinen privaten Zirkel an, der das Schöne pflegte und der ihn nach seinem Tode besonders herzlich betrauert hat. Sein Talent im lebendigen dichterischen Vortrag, der das Dramatische, Pathetische und sodann auch das Humoristische bevorzugte, und die Leichtigkeit, mit der er im Familien- und Freundeskreis kleine gesellige Feiern improvisierte, kam ihm dabei wohl zustatten.
Auch in der Gefangenschaft in Sibirien finden wir ihn bald wieder als den treuesten Freund seiner Kameraden, von allen geliebt und geehrt, auch in der Öde und Ferne gestaltend und belebend. Er leitete die Unterrichtskurse des großen Gefangenenlagers, er verwaltete die Bibliothek, er hielt vor allem selbst Vorträge über Geschichte, die großen Zulauf hatten und von seinen gebildeten Hörern als glänzend und bedeutend geschildert werden. Dies ist nicht das meiste. Er behielt den Mut und erhielt ihn den andern. In jahrelangem und immer hoffnungsloserem Warten, in dem fruchtlosen Dahin-streichen seiner besten jungen Mannesjahre, in hundert Schwierigkeiten, eine dunkle, bedrohte Zukunft vor Augen, abgeschnitten von der Heimat und umringt von tödlichen Seuchen war er heiter und fest. Die Briefe von ihm, die die Heimat erreichten, sind sorglos, freundlich, selbstverständlich; hinter ihrer Gelassenheit verbirgt sich die rüh-rendste Liebe und zarteste Schonung für seine Familie.
Als das Frühjahr 1920 und immer noch keine Änderung in der Lage der Gefangenen heranrückte, betrieb er energisch die selbständige Flucht und Heimkehr. Mit den drei ihm eng verbundenen Kameraden, mit denen er den Winter durch in der Schulbaracke allein gewohnt hatte, machte er die Vorbereitungen fertig. Die drei sind inzwischen heimgekehrt. Er selbst wurde, als schon die ersten Strahlen der Frühlingssonne zum Aufbruch mahnten, vom Fleckfieber überfallen und liegt, von treuen Freundeshänden bestattet, auf dem Friedhof von Krasnojarsk in der weiten asiatischen Ebene.
Das Schicksal dieses lieben Freundes, des guten und edlen Menschen ist so schwer, daß wir schweigen müssen, ohne es zu verstehen.“

aus: „Gedenkbuch der Tübinger Normannia für ihre Gefallenen“, Stuttgart 1921

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