Mittwoch, 12. Juni 2019

12. Juni 1919



„Oberst Vowinkel war ein besonderer Typ von einem Frontsoldaten gewesen. Bei Offizieren und bei Mannschaften hatte er sich große Achtung und vielfach auch Liebe und Verehrung erworben. Als ein im Frieden lang gedienter, erfahrener Offizier eignete er sich durch seine klare Auffassung militärischer Verhältnisse, seine sprichwörtliche Ruhe und Bestimmtheit ganz besonders zum Kommandeur eines Landw.-Regiments. Von Ende November 1915 bis 17. Oktober 1918 hat er an der Spitze des Landw.-Inf.-Reg. 123 gestanden. Das Regiment hat unter seinem Kommando Großes geleistet, in Abwehr feindlicher Vorstöße wie im eigenen Angriff. Als geborener Frontoffizier hat er trotz mancher körperlicher Beschwerden stets die vorne eingesetzten Kompagnien, Feldwachen und Posten aufgesucht und Gefahren, die durch Beschießungen drohten, nie gescheut. Kein Freund vom Schützengraben, ist er hundert Male mit seinem Adjutanten und seinem „Feldmann“ über das freie Feld der Höhe 425 gegangen. „Auf mich schießen sie nicht“, pflegte er lächelnd zu den Umstehenden zu sagen. Für das Wohl und Wehe seiner Bataillone und Kompagnien hat er sich unaufhörlich eingesetzt, mehr als die meisten Regimentsangehörigen wissen. in durchaus gerader, offener Charakter, scheute er sich nicht, die Wahrheit beim Namen zu nennen, und dies ebensosehr nach oben wie nach unten. Das Wahrheitsgefühl ging ihm über die Form und Etikette. Und wenn er auch manchmal im äußeren Verkehr eine rauhe Schale zeigte – „wenn’s sei mueß au saugrob“ – so hatte er doch im Innern ein außerordentlich weich empfindendes Herz. Jeder Tote, der für das Vaterland sein Leben hergab, tat ihm in der Seele weh. Und was hatte er nicht für eine Freude an Tieren; davon wissen die Pferdepfleger des Regiments ein Liedlein zu singen. Sein Herz schlug für König und Reich; an Vater-landsliebe, die von persönlichem Ehrgeiz völlig frei war, ließ er sich nicht übertreffen. Den Offizieren seines Stabes stand er nah. Leider war ihm kein langer Lebensabend mehr beschieden. Am Morgen des 12. Juni 1919 starb er als Bezirkskommandeur in Mergentheim plötzlich an einem Gehirnschlag. In aller Stille wurde er dort beigesetzt. Der Verfasser, der drei Jahre als sein Adjutant mit ihm Freud und Leid geteilt hatte, schloß den Nachruf am Grabe seines Kommandeurs mit den Worten: „Solange es 123er gibt, wird Oberst Vowinkel im Gedächtnis leben. Sein Name hat in den Annalen des Landw.-Inf.-Reg. 123 einen guten, einen hellen Klang.“

aus: „Württembergisches Landw.-Inf.-Regiment Nr. 123 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

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