Mittwoch, 10. September 2014

10. September 1914


„Unheimliche Stille lag über dem nächtlichen Gelände. Schwere Wolken am Himmel öffneten zeitweise ihre Schleusen. Die feindlichen Geschütze blitzten hinter den Höhen auf und sandten Granat- und Schrapnellwellen. Lautlos stellen sich die Bataillone und Kompagnien in dichten Kolonnen bereit; Gewehre entladen. Punkt 1 Uhr wird angetreten, dem eingenisteten Feinde entgegen. In der Dunkelheit ist es schwer, Verbindung und Marschrichtung zu halten; die Kompagnien und Bataillone vermischen sich, die Ordnung leidet und dies umso mehr, als das stellenweise einsetzende und bald zunehmende feindliche Infanterie- und M.-G.-Feuer die Verluste steigert. Der Tod hält reiche Ernte. Doch fällt, was fällt. Neben Oberst v. d. Esch inmitten des stürmenden Regiments sinkt der tapfere, kampferprobte und allseits geschätzte Regimentsadjudant, Oberleutnant Hauber, zu Tode getroffen nieder. Doch unaufhaltsam geht’s vor. Ran an den Feind. Jeder hat nur das eine Gefühl, möglichst schnell vor an die Tod und Verderben speiende Feuerlinie; je schneller umso besser zur Verringerung der Verluste. Die Hand faßt fester das Gewehr. Die Grenadiere wollen ihre toten Kameraden rächen. Der Feind schießt, was aus seinen Gewehrläufen herausgeht. Er tut ja leicht, wir schießen nicht. Es ist gut, daß nicht jede Kugel trifft, sonst wäre wohl nach kurzer Zeit kein einziger Grenadier mehr kampffähig. Zunächst wurde die Bahnlinie erreicht, die der Feind räumte. Mit Tagesgrauen des 10. September Fortsetzung des Angriffs; Höhe 309 östlich Rembercourt wird trotz starken feindlichen Artilleriefeuers genommen und gehalten. So gut es geht, graben sich die Bataillone der stark vermischten Regimenter 119, 125, 121, 127 in der eroberten Stellung ein. Am frühen Morgen war das I. Bataillon (Divisionsreserve) für die 51. Inf.-Brigade freigegeben worden. Die 1. Kompagnie wurde dem Inf.-Regt. 125 zur Verfügung gestellt; 3. Kompagnie Reserve des Brigadekommandeurs; 2. Und 4. Kompagnie besetzten Höhe 309. Der nächtliche Angriff hatte große Anforderungen an die Truppen gestellt, und so war es nicht zu verwundern, daß am 10. September bei hellem Tage trotz des feindlichen Feuers mancher Grenadier in der Schützenlinie zu schnarchen begann. Gegen Abend gelang es, die Verbände einigermaßen zu ordnen.“ 
 
aus: „Das Grenadier-Regiment Königin Olga  (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927
 
 
 

Bericht eines 127ers:

„Mit Grausen denkt jeder daran, wie wir damals in der Regennacht vorwärts zogen, zuerst dreiviertel Stunden über Tal und Hügel, dann in den härtesten Kampf, den wir jemals erlebten. Hinter einem Bahndamm (auf Höhe Vaux Marie Ferme) lag der Feind verschanzt. Wir wußten nichts über die Lage, bis uns Infanteriegeschosse wie Hagelkörner umflogen. Es blies Sturm. Da lagen sie schon zu Dutzenden, unsere Wackeren! Wieder Sturm. Wieder dies Hinsinken. Bis endlich die Flanke vorkam. Unser Regimentsführer war tot. Ich verband ihn noch vorher, zu spät. Wie Habergarben lagen sie umher, Hunderte – aber Hunderte. Von zwei Seiten angegriffen, wichen endlich die Franzosen und flohen. Wir hatten keine Zeit mehr, liegend zu zielen, stehend jagten wir unsere Kugeln nach. Und wie das Feld aussah! Ganz bedeckt waren Kilometer Erdstrecken, zu Massen lagen die toten Feinde umher. Einer am andern oder aufeinander, alle auf dem Gesicht. Wir drüber hinweg, vowärts. Indessen war es Morgen geworden, und so hatte der Gegner Schußfeld. Mit einemmal tobten die Granaten und Schrapnelle, wahnsinnig. Auf dem weiten Schlachtfeld war kaum ein Erdfleck, wo nicht ein Artilleriegeschoß hinfuhr. Wir schanzten uns ein. Wehe, wenn einer sich zeigte, er wurde unter Feuer genommen. Ich sah, wie auf einen Reiter fünfzehn Granaten gefeuert wurden, ohne zu treffen. Verwundete, die herum lagen, wurden nochmals getroffen. Tote wurden noch ärger zerschmettert, mancher Lebende verstümmelt. Wie der Tag verfloß, weiß ich nicht, nur das, daß wir in unheimlichem Feuer lagen; oft schlug Schrapnell an Schrapnell über uns, Granate und Schrapnell vor uns ein. Es ist nicht übertrieben. Etwas Schrecklicheres habe ich nie seither erlebt. Von einer Gruppe neben uns war noch ein Mann am Abend da.“
 
aus: „Schwäbische Kunde aus dem großen Krieg“, Stuttgart 1918 

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