Montag, 20. Oktober 2014

20. Oktober 1914


 
 
„Das Regiment 125 löste in der Nacht vom 19./20. Oktober das Regiment 139 in seinen Stellungen bei Hallenes ab und stand am 20. Oktober folgendermaßen zum Angriff bereit: III. Bataillon rechts, I. Bataillon links in den in der Nacht eingenommenen Stellungen, 6. und 8. Kompagnie als Brigadereserve bei Le Riez, 5., 7. und M.G.-K. als Regimentsreserve in Hallenes.
 
Auf 9 Uhr vormittags war der Beginn des Angriffs festgesetzt. 9.30 Uhr vormittags erreichten mit einer Linksschwenkung das III. und I. Bataillon die Bahnlinie Escobecques–Erquinghem, rechts angelehnt an Füsiliere 122, links an Grenadiere 119. Den Anschluß in der Brigade hatte das III./125 mit Marschrichtung seines rechten Flügels Château de Flandres–Le Maisnil. Die erste Bewegung nach der Bahnlinie hatte sich glatt vollzogen, sie wurde durch die eigene Artillerie, welche die englische kräftig anfaßte, sehr erleichtert. Am Bahndamm aber erhielten die Kompagnien starkes Artilleriefeuer aus der rechten Flanke und von Château de Flandres her, wo der Gegner Geschütze in die Infanterielinie eingebaut hatte.

12.15 Uhr nachmittags wurde der Angriff fortgesetzt, mit dem III. Bataillon (Major Melsheimer) auf Radinghem Südteil, mit dem I. Bataillon (Major Juncker) auf Château de Flandres.

Vor dem Flandernschloß lag ein stattlicher Park, der mit einer undurchschreitbaren und undurchsichtbaren hohen Hecke umgeben war. Die Hecke umzog ein tiefer Graben. Schloß und Park waren zu einer kleinen Festung ausgebaut, aus welcher vorzüglich durchgebildete englische Söldner ihr wohlgezieltes Feuer auf die in größeren und kleineren Abteilungen sprungweise vorgehenden Schützen abgaben. Es ist für uns ein überaus mühsames und verlustreiches Vorarbeiten, es dauert Stunden, bis wir an die Parkhecke herankommen, aber wir nehmen sie und dringen durch das Parktor in Richtung auf das Schloß noch etwas weiter vor. Da schlägt uns von neuem mörderisches Feuer entgegen, vom Feind ist nichts zu sehen, er hat sich in einem etwa 50 m vor der Schloßfront angelegten Graben, hinter den hohen Bäumen und im Buschwerk des großen Parkes, hinter verbarrikadierten Schloßfenstern und Dachluken gut versteckt. Trotz aller Tapferkeit kommen weder die Musketiere noch die links von ihnen vorgedrungenen Grenadiere weiter vorwärts. Zurückgehen wäre sicherer Tod. Man gräbt sich ein und harrt aus, auf Unterstützung hoffend. Der Führer der 2. Kompagnie, Hauptmann Frhr. von Houwald, der Leutnant Rampacher (ein Verwandter des Oberst von Rampacher, Kommandeur des Regiments 125 in den Jahren 1870/71) sind gefallen, der Führer der 1. Kompagnie, Hauptmann d. R. Henning ist verwundet. 

Die Überreste der 8./119 unter ihrem Hauptmann Nagel sind am weitesten vorgekommen. Da der Gegner Verstärkungen heranzieht, droht ihnen Vernichtung, die kleine Schar kann leicht umzingelt und gefangen werden. Diese gefahrvolle Lage erkennt der Feldwebel Proß der 1. Kompagnie, welcher der Kompagnie Nagel am nächsten ist, faßt die ihrer Hauptleute beraubten Kompagnien (1. und 2.) unter seinem Befehl zusammen und stürmt den Graben vorm Schloß. Die 4. Kompagnie schließt sich an. Aus dem Schloß selbst will der Engländer immer noch nicht weichen. Endlich naht von links die Unterstützung, die 2./119. Mit ihrer tatkräftigen Hilfe und unter Einsatz der als Reserve zurückgehaltenen 3. Kompagnie auf dem rechten Flügel gelingt es, das Schloß schließlich zu Fall zu bringen. 7 Uhr abends waren die hartnäckigen Verteidiger vertrieben und trotz starker Granat- und Schrapnellbeschießung blieben Schloß und Park fest in unserer Hand.

Den Hauptmann Süskind, Chef der 3. Kompagnie, erreichte nach der Erstürmung noch ein feindliches Geschoß, als er die im Schloß erbeuteten Maschinengewehre in Augenschein nahm. Leutnant d. R. Theurer erlag am 30. Oktober seinen vor Château de Flandres erhaltenen Wunden. ( … ). Das III. Bataillon gelangte in seinem Angriff bis 4 Uhr nachmittags etwa 400 m über die Bahnlinie, erhielt dann aber so heftiges Artillerie- und auch Infanteriefeuer aus der rechten Flanke, daß es nicht weiter vorzukommen vermochte und mit der 10. Kompagnie seinen rechten Flügel zurückbiegend, sich eingrub. Zwischen dem rechten Flügel des Bataillons und dem Regiment 122 war eine große Lücke entstanden. Woher kam das?

Der Kommandeur des Regiments 122, Oberst v. Triebig, hatte den Eindruck gewonnen, daß an einen Erfolg nicht gedacht werden könne, ehe nicht das stark besetzte La Vallée in unserer rechten Flanke zu Fall gekommen sei. Er entschloß sich daher zum Angriff auf La Vallée, mit der 25. Division Fühlung suchend, die in heftigen Kämpfen gegen Ennetières stand. Dieser Entschluß des Kommandeurs 122 war späteren Weisungen der höheren Führung zuvorgekommen.

Zur Unterstützung wurden dem Oberst v. Triebig die 6. und 8. Kompagnie nebst ⅓ M.-G.-K. 119 unter Major Sproesser zugewiesen. Major Sproesser besetzte zunächst den Nord- und Westrand von Escobecques und verlängerte dann 4 Uhr nachmittags den rechten Flügel des III. Bataillons der Füsiliere, die nördlich Escobecques östlich der Bahnlinie zu beiden Seiten der Straße Escobecques–La Vallée im Kampf standen. Der anfangs befohlene Anschluß der Füsiliere an III./125 war aufgegeben.

Die Batterien unserer Divisionsartillerie-Regimenter beschossen gut Ennetières und La Vallée. Aber auch der Feind war rührig, Escobecques und Gegend lagen dauernd unter Artilleriefeuer.

Um 4.30 Uhr nachmittags begann der Angriff gegen das brennende La Vallée. Er gestaltete sich äußerst schwierig. Das Gelände ist fast ganz offen. Je näher man an La Vallée herankommt, um so deutlicher ist zu erkennen, daß die Engländer in mehreren Schützengräben hintereinander das vom Dorf leicht nach Süden abfallende Gelände besetzt halten. Die Besatzung dieser Gräben ist sehr stark, das feindliche Infanteriefeuer setzt uns zu. Auch feuert seit ¼6 Uhr eine feindliche Batterie aus naher Entfernung Lage um Lage auf den Angreifer. Trotzdem wird die Sturmentfernung erreicht und um 7 Uhr abends zum Sturm angetreten. Der Engländer nimmt – ganz im Gegensatz zu unseren bisherigen Erfahrungen mit den Franzosen – den Sturm an und wehrt sich aus den Gräben heraus mit der blanken Waffe. Wir bleiben aber die Sieger, die Füsiliere dringen von Süden und Westen, die Abteilung Sproesser von Südosten her in das Dorf ein und machen zahlreiche unverwundete Gefangene, die Abteilung Sproesser allein über 100.

Schwere Opfer waren uns bei dieser Kampfepisode naturgemäß nicht erspart geblieben, unter den Gefallenen hatte die Abteilung Sproesser auch den Leutnant d. R. Cronmüller und den Fähnrich Merkle zu betrauern.“

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923


Keine Kommentare:

Kommentar posten