Freitag, 20. Februar 2015

20. Februar 1915


„Der 20. Februar. Major Breyer, der Führer unseres IV. Bataillons übernahm 4 Uhr morgens den Barrenkopfabschnitt an stelle des gefallenen bayrischen Kommandeurs, des Oberstleutnants Zenker. Wurden Barren- und Kleinkopf heute nicht genommen, so war die Schlacht im Gebiet nördlich Münster zu unsren Ungunsten entschieden. Nachdem ein Versuch des I.-R. 23 zusammen mit 14. und 15./L. 121, sich des Barrenkopfes in der Dunkelheit durch Handstreich zu bemächtigen, an der Wachsamkeit und Bereitschaft der Franzosen gescheitert war, entschloß sich die Division zu neuer Artillerievorbereitung der Angriffe, obschon bereits Mangel an Munition drohte; der Verbrauch namentlich an schweren Kalibern, überstieg alle Berechnungen. Die Infanterie mußte das Feld freimachen, das heißt: über die Hänge zurückgenommen werden, die tags zuvor mühsam genug erklommen worden waren.

Am Barrenkopf führte der Sturm kurz nach Mittag unter bedeutenden Verlusten beider Teile zum Ziel, und unsere Batterien verlegten ihr Feuer auf den Combe- und den Großhörnleskopf vor, die als nächste an die Reihe kommen sollten. Denn das ist das Höllische dieses Geländes: hinter jeder Höhe wachsen dem Grenzkamm zu neue, noch stattlichere Erhebungen auf, welche die vorhergehenden irgendwie beherrschen und infolgedessen genommen werden müssen. Auf dem Kleinkopf waren über Nacht neue Drahthindernisse entstanden. In der Morgendämmerung beobachteten und beschossen wir Alpenjägerzuzug auf dem Weg zur Kuppe; der Feind verstärkte sich. Dann hämmerten unsere Granaten wieder auf und Vor den Gipfel; leider schossen einige Batterien hartnäckig zu kurz in unsere eigenen Reihen und ruhten nicht, bis sie die Infanterie den Hang hinuntergedrängt und Major Föttinger, der Artilleriekommandeur, zum Abbruch des Vorbereitungsfeuers gezwungen hatten. Batterie nach Batterie durfte aufs neue beginnen und das Kurzschießen wurde ausgemerzt. 11 Uhr morgens gingen die Kompagnien dicht hinter dem aufs höchste verdichteten Artilleriefeuerschleier wieder vor, die Bayern von Osten, II./L. 121, das jetzt seine 6. Kompagnie zurückerhalten hatte, von Südosten; rote Flaggen markierten für die Geschütze hinten das Vorrücken unseres Bataillons, die von Freiwilligen über den kahlen Südhang vorgetragen uns toll beschossen wurden, denn die Bedeutung dieser Signaltücher konnte der Feind sich zusammenreimen. Nach einer bösen Kampfstunde hatte das II. Bataillon die vordersten Anlagen vor der Kuppe in seinen Besitz gebracht, während die Bayern rechts neben ihm noch nicht so weit waren. Frontal und aus westlicher Richtung flankierend wetterte das französische Feuer gegen diese Fortschritte, während unsere Artillerie sich wegen der zu großen Annäherung der Schützen an den frontalen Feind jetzt auf das Niederhalten der Flankierungsanlagen beschränken mußte; sie leistete hierin, was man nur verlangen konnte. Am besten bei Laune zeigte sich allerwege der bayrische Artilleriehauptmann Pickl, der alles sah und beschoß, mitunter vier verschiedene Gegner auf einmal mit seinen vier 15-cm-Haubitzen, jedes Rohr nach einer anderen Richtung gestellt, und zwischendurch noch Zeit für ein munteres Wort in den Fernsprecher fand. Abschnittsweise drängte dann auch das II./R. 23 von Osten heraufkommend die Franzosen zurück. Pulverdampf und Rauch hüllte die Kuppe ein, in dem wüster Gefechtslärm brodelte; immer enger schloß sich unsere Klammer und zuletzt waren die letzten Gräben und Stützunkte der Kuppe eingeschlossen. „Geballte Ladungen, Handgranaten, schnell!“ Und Abschnitt v. Sprösser ließ sie im Laufschritt aus dem nächsten Pionierlager hinaufschaffen. Da der Feind sich nicht ergab, wurde er mit Sprengmitteln still gemacht; einiges flog in die Luft. Fertig! 3 Uhr nachmittags nahmen II./L. 121 und die Bayern zu gleicher Zeit von der obersten Haube des Berges Besitz. „Grad‘ wie auf Schießplatz,“ dozierte zwischen Wehrmännern und Kriegsfreiwilligen ein bayrischer Leutnant auf der Kuppe zum Verfolgungsfeuer, „ruhig hinhalt’n a Handbreit unter die Haxen, sonst treffen’s nix!“ Gräben und Hindernisse entstanden in wenigen Stunden auf der feindwärtigen Seite des Kopfes, der bis zum  Abend vorläufig eingerichtet war.

Links daneben am Hörnleskopf war lebhaft geschanzt worden; zwischendurch bekam unser III. Bataillon hier wuchtige Artilleriefeuerüberfälle. Nachdem es Flanke und Rücken mit dem Kleinkopf gedeckt wußte, fühlte das III. mit Offizierspatrouillen vor; die drei wie Schwalbennester an den Steinhängen klebenden Flecken Hohrodberg wurden durchsucht, wobei aus den Kellern allerlei Alpenjäger ans Licht zu ziehen waren. Westlich der Linie „am Wald“–Ostseite des Eichwaldes (Höhe 795) wurde der Feind in einer rückwärtigen, ausgebauten Stellung erkundet; weiter südlich fand das Landsturm-Infanteriebataillon Karlsruhe die nächsten Franzosen im Wäldchen westlich Hohrod am Osthang der „Katzensteine“. Hier waren Nüsse zu knacken, das wußten wir, denn an den Katzensteinen war von jeher nachdrücklich gebaut worden. Die Dunkelheit schob weiteren Unternehmungen einen Riegel vor.“

aus: „Das Württembergische Landw.-Infanterie-Regiment Nr. 121 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1925

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