Samstag, 28. Februar 2015

28. Februar 1915


„Am 26. wird die 9. Kompagnie durch die erst vor zwei Tagen von Höhe 263 nach Varennes zurückgekehrte 6. abgelöst. Tags darauf wird das Feuer wieder lebhaft, und dann beginnt am 28. morgens 9.30 Uhr eine Beschießung von Vauquois, gegen die, wie Hauptmann Fetzer in einem Briefe schreibt, „alles bisher erlebte nur ein Kinderspiel war“. „Die 28,5er flogen dem Dutzend nach brüllend durch die Luft daher. Der ganze Berg sprühte Feuer wie ein Vulkan. Der Ausbruch des Vesuv, den ich im August 1897 oben auf dem Berg mitgemacht habe und der für mich bisher das Großartigste war, was ich gesehen habe, tritt zurück im Vergleich mit diesem Schauspiel. Droben riß es natürlich alle Schützengräben zusammen, legte fast die letzten Trümmerreste des Bergortes nieder, fegte den vorher zackigen Rücken glatt und riß haustiefe Löcher in das Plateau, eines am andern. Kein bombensicherer Unterstand fast bot mehr Schutz; in einem, den man für besonders sicher gehalten hatte, wurde nahezu ein Dutzend Offiziere auf einen Sitz erschlagen. Meine 6. Kompagnie verlor in einer Stunde alle Offiziere und die Hälfte der Mannschaften. Ein Bataillon des Regiments 144 verlor bis auf den Bataillonsführer und seinen Adjudanten alle Offiziere, noch 7, die das Bataillon aus den Argonnen herausgebracht hatte, 1 verwundet, 3 tot, 3 verrückt geworden. Auch von meiner 6. Kompagnie verloren 4 Mann den Verstand.

Nach dieser unerhörten Artilleriebeschießung schritten die Franzosen zum Infanterieangriff und drangen tatsächlich in Vauquois, d. h. die Trümmerstätte auf dem Plateau des Totenhügels, ein. Aber unsere bis zum Wahnsinn beschossenen Leute über den Nordhang des Berges hinüberzuwerfen, gelang ihnen nicht; ja nicht einmal das ganze Trümmerfeld oben vermochten sie zu erobern: Und selbst der nicht weniger furchtbaren Beschießung am folgenden Tage hielten unsere Braven noch immer stand.“

Die 6. Kompagnie, von der während dieser unerhört gewaltigen Beschießung ein Teil in vorderer Stellung war, zog die Grabenbesatzung bis auf einen Beobachtungsposten für jede Gruppe in die Unterstände zurück und, als der Graben schließlich völlig eingeebnet war, und auch die Posten sich nicht mehr halten konnten, wurde von dem Keller aus beobachtet, in dem sich der größte Teil der Stellungsbesatzung befand, bis der Gegner durch Maschinengewehrfeuer auf den Kellereingang jede Beobachtungsmöglichkeit unterband. Da sitzt man denn eng zusammengedrängt im Keller, ohne zu wissen, wie es draußen steht, ohne die Möglichkeit, sich zu wehren. Unaufhörlich krachen die schweren Granaten. Eisig wie Grabesluft weht der Luftdruck über die schweigend wartenden Männer. Da ein ohrenbetäubender Krach, Steine und Schutt rieseln herab, beengend legt sich der Staub auf Gesichter und Lungen. Der Eingang ist verschüttet, nur noch kriechend kann man ins Freie. Endlos scheinen die Stunden. Wann schlägt die nächste Riesengranate den Keller zusammen und begräbt die Insassen in einem Massengrab? Endlich, nach 6stündiger Beschießung wird das Feuer rückwärts verlegt. Aber noch ehe man sich aus dem Gefängnis herausarbeiten kann, schießen die Franzosen schon in den Keller hinein. Jeder Widerstand ist nutzlos. Leutnant Betzler verhandelt. Er fordert seine Leute auf, sich zu ergeben. Einzeln kriecht man aus dem Keller heraus. Leutnant Betzler wird als erster abgeführt, aber die Hinterdreinkommenden werden sofort niedergemacht. Nein, dann lieber lebendig begraben. Widerstand ist aussichtslos.  In den Winkeln des Kellers drückt man sich zusammen. Die Stimmung ist verzweifelt. Da plötzlich ein lautes Hurra. Die 120er haben die Franzosen im Kampf Mann gegen Mann geworfen. Aber noch ist’s unmöglich, aus dem Gefängnis herauszukommen, wider sperrt Maschinengewehrfeuer den Ausgang, und bis zur Dunkelheit müssen die Eingeschlossenen aushalten.“
 
aus: „Das Württembergische Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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