Sonntag, 1. März 2015

1. März 1915


„Weit ernster verlief eine andere Hilfeleistung, die das III. Bataillon am 1. März 1915 der Vauquoisstellung bringen mußte. Der Befehl hiezu traf am 28. Februar gegen Abend im Hüttenlager ein und Hauptmann d. R. Schaal, der das Bataillon führte, rückte nachts 1 Uhr über Apremont und Baulny nach dem zu Steinhäufen zusammengeschossenen Cheppy ab, wo es 4.45 Uhr früh eintraf. Sofort erhielt es von der dort befehligenden 66. Brigade den Befehl, nach Vauquois abzumarschieren und im Frühlicht des 1. März erkletterten, an riesigen Granattrichtern vorbei, auf verschlammtem Feldwege, zum zweitenmale Ulmer Grenadiere den seit Tagen heißumkämpften Berg.

Die Lage war anders als im letzten Dezember, wo nach einem ersten mißglückten Ansturm der Gegner sich schnell beruhigt hatte. Diesmal hatte er schon seit Tagen mit einer überwältigenden, wohl aus Verdun herangezogenen Festungsartillerie den Berg bearbeitet und in mehreren Infanterieangriffen war es ihm geglückt, schon in den südöstlichen Dorftrümmern Fuß zu fassen, so daß die ehemalige Linie am Südrand nirgends mehr in unserem Besitz war. Die Deutschen vollends hinunterzuwerfen und sich zum Herrn des Bergrückens zu machen, von dem aus die deutschen Stellungen bis zu 10 km Tiefe eingesehen werden konnten, war das Ziel seiner weiteren Angriffe. Solche Verhältnisse traf das Bataillon an, als es nach Eintreffen auf der Höhe den Befehl erhielt, die vordere Stellung zu besetzen. Diese war nicht mehr erkenntlich und nur eine aus Mauerresten, Geröll, Ziegeln, Balken und Erde bestehende Wüste zeigte das Kampffeld an, auf dem seit Tagen gerungen wurde. Schwache eigene Kräfte hielten sich dort noch, die sehnsüchtig nach Hilfe schauten. Aber nur noch Teile konnten abgelöst werden und zwar auf dem äußersten linken Flügel, wo ein Zug der 12. Kompagnie in einem nach Südosten gerichteten Hohlweg Stellung bezog. Sonst machte das inzwischen herauf gekommene Tageslicht jede Bewegung unmöglich, so daß 9. und 10. Kompagnie im allgemeinen hinter dem östlichen Teil der Stellung, die 11. hinter dem westlichen als Reserve zurückgehalten wurden. Als Unterkunft waren nur elende Bretterhütten, von denen schon viele zerschossen waren, vorhanden und nicht ein einziger in den Berg gegrabener Stollen zum Schutze gegen Artilleriefeuer wurde vorgefunden. Eine schwere Vernachlässigung des Stellungsbaus in den letzten Monaten, die jetzt Dutzenden der deckungslos daliegenden Infanteristen das Leben kostete!

Mit Bangen sah man dem Tag entgegen und eine schwüle Stimmung lag über den Verteidigern von Vauquois, die sich auf einen Raum von 400 Meter Länge und 200 Meter Tiefe zusammengepreßt eiligst in den Grabenresten, Granat- und Erdlöchern einzurichten versuchten. Von dem Franzosen wurde nichts gesehen, aber schon um 7 Uhr früh begann er, das Dorf, den Nordhang und die Mulde nördlich davon mit Granaten und Schrapnells zu beschießen. Gegen 11 Uhr mittags erzitterte der Boden, wie wenn ein Erdbeben im Innern wühlte. Ein dumpfes Rauschen in der Luft, ein gewaltiger Schlag, turmhoch spritzten Steine und Erde in die Luft – das erste 28 cm-Flachbahngeschoß riß unweit der Kirche ein 4 m tiefes Loch in die zerwühlte Stellung. Das war der Anfang! Ein zweiter, dritter Schuß folgte,  andere Geschütze fielen ein und von Minute zu Minute sich steigernd ergoß sich aus West, Süd und Ost ein furchtbarer Eisenhagel über die Kuppe, die zu einem wahren Berg des Schreckens wurde. Steine und Splitter zerschnitten die Luft, die gas- und staubgeschwängert das Atmen erschwerte, und einem Vulkane gleich, dessen Haupt eine schwarze Wolkenkappe trug, stand vor dem Auge des fernen Beobachters das dampfende Vauquois. Schwere Stunden waren über das Bataillon gekommen, dem keine andere Wahl blieb, als seinem Gott vertrauend in diesem Feuer auszuhalten, solange dem Gegner dieses grauenvolle Eintrommeln der paar Quadratmeter von Vauquois gefiel. Wie sehnten sich da die Leute nach den Waldgründen der Argonnen zurück, nach dem kurzen frischen Angriff, nach den gut ausgebauten Stellungen und heimeligen Hütten! In wenig Kilometer Entfernung hob sich der Wald in leicht gewellter Linie vom westlichen Horizonte ab und wie im Trugspiegel grüßte sein dunkles Braun freundlich herüber zu den Argonnenkämpfern, die unversehens ihm entrissen wurden, um in diesen Hexenkessel geworfen zu werden.

Hiobsbotschaften trafen beim Führer des Bataillons ein; eisern hielt er in seinem Unterständchen, das in der Mitte des Abschnitts unmittelbar hinterm Nordrand lag, die Fäden der Verteidigung in Händen und ruhig sah er, bauend auf Geist und Tapferkeit der Leute, dem kommenden Sturm entgegen. Schwere Lücken wurden im Laufe der Stunden in seine Truppe gerissen und nicht nur Mann um Mann, nein gruppen-, ja zugweise zerschlugen ihm die schweren Granaten die Gefechtskraft. Um 2 Uhr mittags steigerten sich die Feuerwellen zum Sturm und in tollem Wirbel zerhämmerten bis gegen 3 Uhr Granat- und Schrapnellsalven das letzte Fleckchen Erde, das noch heil geblieben war.

Da plötzlich verstummten die Geschütze und die französische Infanterie trat auf den Plan. Sie mochte sich die Sache diesmal leicht gedacht haben, als sie mit mehreren Kompagnien vom Südhang aus in etwa 200 m Frontbreite auf das Dorf vorging; tief gestaffelt wälzte sich Welle um Welle, hauptsächlich gegen die östlich de Kirche gelegenen Dorfpartien heran. Aber die kritische Minute des Angriffs war rechtzeitig erkannt worden, schon vor 3 Uhr wurde das Seitengewehr aufgepflanzt und mit dem Erscheinen der ersten Franzosen stürzten sich links 9., 10. und Teile der 12. Kompagnie, rechts die 11. über den Nordrand hinweg dem Feind entgegen. Kampfentbrannt prallten die Linien aufeinander und auf 20, 30 Meter Entfernung entwickelte sich von Trichter zu Trichter, von Mauerrest zu Mauerrest ein wildes Infanterienahgefecht, das blutigste Verluste auf beiden Seiten forderte. Brennpunkt des Angriffs war der linke Abschnitt, wo der Gegner dauernd Verstärkungen nachschob. Schritt um Schritt gewann er hier Boden und drängte das kleiner werdende Häuflein der Verteidiger immer mehr an den Nordrand zurück. Sie waren auf sich allein gestellt und jede Verbindung mit der Außenwelt fehlte; der Draht nach Cheppy war schon vor Stunden abgeschossen und der Lichtsignalapparat versagte. So hielten sie ihr Los selbst in Händen und, wenn sie wichen, war nicht nur ihr Schicksal, sondern auch das des Berges entschieden. Mit verbissener Wut wehrten sie sich und gaben den Nordrand der Höhe um keinen Preis her. Lange stand hier das Gefecht, und jeder Versuch des Gegners, die Deutschen vollends in die Mulde hineinzudrücken, wurde im Infanteriefeuer zum Scheitern gebracht. Furchtbar bluteten die 9. und 10. Kompagnie, während an den beiden andern, die auf den Flügeln fochten, der Hauptstoß vorüberging. Diese hatten somit mehr Bewegungsfreiheit und ihrem Eingreifen war es mit zu verdanken, wenn die Mitte schließlich stand halten konnte. Auch das Bajonett tat seine Schuldigkeit.

Aber der Gegner wollte nicht locker geben und, um das Stocken seines Angriffs zu überwinden, warf er noch einmal wahllos in die feindliche, wie in die eigene Linie, seine Granaten. Auch Schrapnellfeuer aus der Flanke, von den Argonnen her, bestrich dauernd den Nordhang, wo der Bataillonsstab lag und der einzige Arzt, Unterarzt Lenz, eine beinahe übermenschliche Leistung vollbrachte. Ohne Unterbrechung strömten die Verwundeten dort zusammen, viele lagen hilflos verblutend in den Gräben und konnten nicht geborgen werden. Es fehlte an Krankenträgern und, was eine Flinte tragen konnte, war in der Feuerlinie, die schließlich nur noch aus einigen Dutzend Köpfen bestand. Der Kompagnieführer der 9. Kompagnie, Oberleutnant von Chaulin, kam mit zerschmettertem Unterkiefer zurück, Leutnant Höring, Führer der 10., blutete aus vierfacher Verwundung und starb nach wenigen Tagen, Hauptmann d. R. Waizenegger, eben aus der Heimat gekommen, führte die 11. und gab sie nicht ab, trotzdem er in einem Steinhagel ernstlich verletzt wurde, und schließlich warf auch den letzten der vier Kompagnieführer, Oberleutnant d. R. Hofmann, eine Schrapnellkugel durch die Lunge aufs Verwundetenlager, von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Leutnant d. R. Fraas, schwer verwundet, schleppt sich zum Verbandsplatz, da packt ihn eine zweite Granate und macht seiner Qual ein Ende. Mit ihren Führern bluteten und fielen die besten Zugführer, Unteroffiziere und Grenadiere. Unteroffizier Schmidt der 9. Kompagnie ließ sich trotz zerschmetterter Beine nochmals auf die Höhe tragen und feuerte solange weiter, bis er das Bewußtsein verlor und seine Heldenseele aushauchte. Wer nennt die Namen all, die ihnen gleich, den sicheren Tod im Auge, das Letzte hingaben, die verzweifelte Lage zu retten? Sie war nahezu hoffnungslos, als auch noch die letzte Reserve des Bataillons, hinterm Hang zurückgehaltene 50 Mann, durch einen Unglücksschuß der eigenen Artillerie nahezu vernichtet war. Aber noch reichte die eigene Kraft gerade aus, auch den letzten Stoß des Gegners zum Scheitern zu bringen, den er gegen 6 Uhr mit erneut herangeführten Verstärkungen – Gefangene sagten aus, 5 Bataillone hätten an diesem Nachmittag angegriffen – gegen die 9. und 10. Kompagnie richtete. Die letzten Patronen wurden verfeuert, Handgranaten hatte man schon längst keine mehr. Dann brachte ein kurz vor Einbruch der Dämmerung einsetzendes Schneegestöber Erlösung; der Gegner ging unter seinem Schutz auf der ganzen Linie bis in einen verlassenen deutschen Schützengraben südlich der Kirche zurück. Die Zähigkeit des Grenadierbataillons hatte gesiegt.

Zahlreich trafen in der Nacht Verstärkungen ein und der Rest der tapferen Kompagnien wurde als Reserve an den Nordhang zurückgezogen. Über die Hälfte des Bataillons fehlte: 8 Offiziere, darunter 2 Tote, 2895 Unteroffiziere und Mannschaften, unter ihnen 56 Tote hatte der Tag gekostet.“

aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

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