Dienstag, 19. Juli 2016

19. Juli 1916


„Waren die Verhältnisse im Fort, wie wir gesehen haben, wenig erquicklich, so herrschten bei den unglücklichen Verwundeten, die wohl unter dem Zwang des Artil-leriefeuers statt nach dem Fort oder der Méraucourt-Ferme nach dem „Steinbruch“ gebracht worden waren, geradezu grauenhafte Zustände, und es dreht sich einem das Herz im Leibe um, wenn man liest, was Assistenzarzt Dr. Schröder in seinem Bericht darüber schreibt:
„Bei meiner Ankunft lagen in dem Verbandsraum, einer bombensicheren Kase-matte von 50 qm Bodenfläche und 4 m Höhe, schon 30 Schwerverwundete. Der halbverschüttete Eingang konnte nur kriechend passiert werden, die Luftzufuhr war sehr mangelhaft. Es herrschte daher stets eine äußerst schlechte Luft bei 30–40 Grad Hitze. Etwas frische Luft wurde durch Schwenken einer Zeltbahn vom Eingang her zugeführt.
Der Angriff begann, und bald war der Raum mit etwa 50 Schwerverwundeten belegt und ich mußte die weiterhin Ankommenden im Steinbruch selbst im Freien unterbringen, wobei es nicht zu vermeiden war, daß sie bei den häufigen Feuer-überfällen durch Stein- oder Granatsplitter von neuem verwundet wurden.
Am 12. Juli wurden die Zustände unhaltbar. Im Steinbruch waren alle Wege durch Verwundete belegt, die Kasematte bot ein fürchterliches Bild. Als einziges Getränk waren in der Nacht fünf Flaschen Mineralwasser vom Fort geschickt worden, die Granattrichter in der Nähe waren unter Lebensgefahr ausgeschöpft worden, der letzte Rest Kaffee, den die Gesunden gern hergaben, war getrunken. Der Durst wurde furchtbar unter den Verwundeten; dabei wurde die Luft in der Kasematte immer schlechter, die Hitze immer größer, trotzdem der Eingang freigelegt worden war und die Pioniere einen Luftschacht in den Felsen getrieben hatten. Die Lichter begannen zu erlöschen, Schwerverletzte erhoben sich und tasteten an den feuchten Wänden entlang, um die Tropfen abzulecken; ein Mann trank in einem unbewach-ten Augenblick seinen eigenen Urin.
Dieser Tag stellte an die Sanitätsmannschaften die höchsten Anforderungen. Selbst ohne Wasser, mußten sie in dem überhitzten Raum den Verwundeten Tag und Nacht die größte Aufmerksamkeit schenken, um Leute, die der Durst an den Rand des Wahnsinns gebracht hatte, zu verhindern, selbst Hand an sich zu legen. Am Abend endlich kam der ersehnte Kaffeetransport. Mit 80 Flachen konnte man den größten Durst der Kranken stillen. Auch der Abtransport ging jetzt glatt vonstatten. Am 15. wurde das gänzlich erschöpfte Sanitätspersonal durch Mannschaften der Sanitäts-Kompagnie 50 abgelöst.“
Ein Lichtblick in diesem Bild voll Schrecken und Grauen war die auch sonst vor Verdun beobachtete Tatsache, daß die Verwundetentransporte unter der Roten Kreuz-Flagge auch von den Franzosen respektiert wurden.“


aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929

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