Samstag, 23. Juli 2016

23. Juli 1916


„Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß neue feindliche Angriffe bevorstanden. Zwecks besten Zusammenarbeitens beider Waffen wurde ein älterer, erfahrener Offizier der Abteilung als Verbindungsoffizier zu dem Abschnitts-Infanterie-Bataillon nach vorne geschickt: Leutnant d. R. Sapper (Richard), mit je einem Telephonisten der Batterien der Untergruppe. Was dieser kleine Trupp erlebte und leisten mußte, und in welcher Weise Sapper zur Wiedereroberung von Guillemont beigetragen und dadurch vielen Kameraden das Los der Gefangenschaft erspart hat, ist am besten aus nach-folgender Erzählung dieses hochverdienten Offiziers des Regiments zu ersehen:
„Ich melde mich gehorsamst als Artillerie-Verbindungsoffizier zum Bataillon kom-mandiert!“ Etwas atemlos erstattete ich am frühen Morgen des 20. Juli 1916 im Bataillonsgefechtsstand in Guillemont diese Meldung, denn die letzten 500 Meter der Straße, die ich zurückgelegt hatte, waren unter heftigem Artilleriefeuer gelegen. In ununterbrochener Folge hatten die schweren Geschosse des Engländers den Schotter der Straße aufgerissen oder sich dicht links und rechts derselben in den weichen Ackerboden gebohrt und mit ohrenbetäubendem Krachen messerscharfe Stahlsplitter und schwere Erdstücke umhergeschleudert.
Der Gefechtsstand des sächsischen Infanterie-Bataillons, zu dem ich kommandiert war, befand sich am Ostrande des kleinen Dorfes Guillemont in einem sieben Meter unter die Erde getriebenen Stollen mit zwei Ausgängen, etwa 500 Meter hinter der vordersten Linie, die am Westrande des Dorfes verlief.
In dem 1,20 Meter breiten Gang, der die beiden Ausgänge verband, stand ein kleiner Tisch. An ihm saßen beim Licht einer rußenden Kerze der Bataillonsführer und sein Adjudant über ihren Karten und Stellungsplänen. Ein handgroßes Plätzchen an ihm bekam nun auch ich als Arbeitsplatz zugewiesen. Drei Infanteristen und drei Artilleristen bedienten auf dem Boden kauernd ihre Telephonapparate, und auf den Stollentreppen hockten noch ein halbes Dutzend Meldegänger und Gefechts-ordonnanzen; damit war „das Haus“ bis auf den letzten Platz gefüllt. Zum Schlafen war keine Stelle zu finden, an der man sich hätte ausstrecken können. Nur der Kommandeur hatte ein kistenähnliches Bett, eine Annehmlichkeit, die er aber während meines viertägigen Aufenthalts beim Bataillon nur einmal für einige Minuten ausnützen konnte. Am ersten Tage meines Kommandos leg der schwer gasvergiftete Bataillonsarzt in diesem Bett. Er konnte, wie alle Verwundeten und Kranken, erst des Nachts nach rückwärts gebracht werden.
Über Mittag flaute das feindliche Artilleriefeuer etwas ab. Nur die eigensinnige englische „dicke Berta“, ein 38 Zentimeter-Geschütz. warf mit unheimlicher Ausdauer und Pünktlichkeit alle 4–6 Minuten ihre derben Grüße in unser Dorf. Schon seit Tagen, alle 4–6 Minuten, Tag und Nacht.
Alle 4–6 Minuten erzitterte der Boden unter der furchtbaren Wucht der Einschläge dieses Riesengeschosses. Mit höllischem Krachen schoß eine riesenhafte schwarze Staub- und Rauchwolke gegen den Himmel, gefolgt von dem Prasseln und Klirren stürzenden Mauerwerks. In unserem Stollen erlosch das Licht, die Nägel in den Wänden lockerten sich, Mützen, Mäntel, Waffen, alles flog durcheinander. Es war klar, daß auch unser sieben Meter tiefer Stollen der vernichtenden Kraft dieser Granaten nicht hätte widerstehen können. Wir hatten deshalb nach jedem Einschlag, der unsere Deckung noch nicht eingedrückt hatte, das „erleichternde“ Bewußtsein, daß das Schicksal uns nocheinmal eine Frist von mindestens 4–6 Minuten gegönnt hat, ehe wir vielleicht verschüttet, verkohlt oder erstickt, dem Leben den Rücken kehren mußten. Die Versuchung, immer nur diesem Gedanken nachzuhängen, war so groß, daß es aller Willenskraft bedurfte, bei seiner Arbeit zu bleiben und seine Ruhe zu bewahren.
Täglich wurden auch mehrmals durch die besonders nahe einschlagenden 38er unsere Stolleneingänge verschüttet, so daß schnellstens mit Picke und Spaten Luft geschafft werden mußte.
Wieder bebte die Erde. Ein neuer Donnerschlag schmerzte in den Ohren, als gleich darauf zwei Leute die Treppe herunterkeuchten. Bart- und Kopfhaare waren ihnen weggebrannt, der Rock des einen glostete noch. Sie würgten nach Worten, die Angst war ihnen an die Kehle gesprungen. A–a–alles tot! A–alles tot, rang es sich endlich von ihren verzerrten Lippen. Es waren zwei Leute aus unserer Telephonzentrale, die in einem ebenfalls mindestens sieben Meter tiefen Stollen unter einem Haus uns gerade gegenüber untergebracht war. Der Stollen war von dem letzten Schuß durchschlagen worden und 23 Mann lagen unter seinen Trümmern, sieben Meter unter dem Boden, begraben. Die beiden geretteten Leute befanden sich  zur Zeit des Unglücks am Stollen-eingang oben, und es war ihnen aus dem Stollen heraus die Stichflamme des explodierenden Geschosses ins Gesicht geschlagen. Die sofort ausgeschickte Rettungs-mannschaft konnte nur einen Militärstiefel mit dem Rest eines verkohlten Beines bergen. Ein weiteres Vordringen durch den fast gänzlich verschütteten Eingang machte das Vorhandensein von Kohlenoxydgas, an dem auch einer der Rettungsmannschaften erkrankte, unmöglich. Die 23 Mann im Stollen waren verloren.
Unendlich langsam verstrich der Tag. Dumpf vor sich hinstierend lauschte man auf den wieder anschwellenden Gefechtslärm. Aus einer Ecke drang das quälende Röcheln des gasvergifteten Rettungsmannes, vermischt mit dem leisen Wimmern der völlig zusam-mengebrochenen Leute aus der Telephonzentrale. Ab und zu kamen Gefechts-ordonnanzen mit durch Schrecken und Anstrengung unkenntlichen Gesichtern, über-brachten wortlos ihre Meldungen aus vorderster Linie und wurden mit Befehlen wieder hinausgeschickt.
Meine Telephonverbindung zu den Artilleriebeobachtungen waren schon längst nicht mehr aufrechtzuerhalten gewesen. Ich konnte meine drei Telephonisten nur als Meldegänger verwenden. Schon am ersten Tage fielen zwei von ihnen durch Gas-vergiftung aus, und erst nach zwei Tagen bekam ich einen Mann einer preußischen Batterie und den Kriegsfreiwilligen Hofer der 6. Batterie als Ersatz.
Gegen Abend steigerte sich das feindliche Artilleriefeuer aller Kaliber zum Trommel-feuer. Zweifellos wollte der Engländer wieder angreifen, wie er es seit Tagen fast jeden Morgen und Abend an dieser Stelle versucht hatte.
Da keine telephonische Verbindung mehr nach rückwärts bestand, eilte ich mit einer Leuchtpistole und roten und grünen Leuchtkugeln nach dem Stolleneingang hinauf. Dort oben war die Hölle los! Mit betäubendem Krachen schlugen überall die Granaten ein, hüllten die stürzenden Häusermauern in ihre schwarzen Rauchwolken, bohrten sich in die Trümmer und wühlten in den Schutthaufen, Steine und Eisen emporreißend. Mit scharfem Krachen und heller Flamme zersprangen die Schrapnells und klirrend barsten die Dachziegel unter ihrem Bleihagel. Balkenwerk begann zu brennen und über der Feuerglut flatterten zahllose weiße Leuchtkugeln am Himmel, von dem sich die zerschossenen und zerfetzten Häuserruinen in grotesken Silhouetten abhoben. Und da! – jetzt ging’s los! – Scheinwerfer blitzen auf, Maschinengewehr- und Infanteriefeuer knatterte die Gräben entlang. Ich feuerte meine roten Signalpatronen ab, auch aus den Gräben stiegen jetzt überall unter weißen Leuchtkugeln rote hoch, – Sperrfeuer!
Wütend kläfften hinter uns unsere Feldgeschütze auf, hämmerten und klopften Haubitzen und Mörser. Jetzt erst war das Orchester vollständig! Mit wilder Freude lauschte ich über mir auf das Pfeifen, Schleifen und Gurgeln unserer Geschosse, die den Engländern entgegenschlugen. Brav so, ihr Artilleristen, schießt, schießt, was die Rohre schaffen können!
Nach ungefähr einer Stunde ließ das Feuer nach. Die Meldungen von den Kompagnien und benachbarten Bataillonen liefen ein. Der Angriff war wieder überall, teilweise im Nahkampf, abgewiesen worden.
Am nächsten Morgen begleitete ich den Bataillonskommandeur in den Graben. Mühsam kletterten wir über die Trümmer der Häuser und durch die unzähligen Trichter, die die Granaten in die Straße gerissen hatten, oder keuchten unter der Gasmaske durch den Giftnebel der Gasgeschosse, die der Engländer in reichem Maße verwendete. Hin und wieder peitschte eine Reihe Maschinengewehrschüsse die zerstörte Dorfstraße entlang. Mit eigentümlichem Gezwitscher zerschnitten die kleinen Geschosse die Luft und bohrten sich mit hartem Schlag in zersplittertes Holz, oder prallten grell aufsingend von Mauerresten ab.
Dann kam der Graben! – Graben? – zerwühlte, zerrissene Erde. In kleinen, mit dem Handspaten ausgehobenen Löchern kauerten lehmbeschmutzt graue Bündel mit braun gegerbten, faltigen Gesichtern und rußigen Händen. An einigen Stellen lagen Tote in langen Reihen mit Zeltbahnen bedeckt über Deckung. Mit dumpfem Knallen schlugen immer von neuem die feindlichen Infanteriegeschosse in ihre verstümmelten Glied-maßen.
Ein furchtbar schreiender Mann wurde unter den Trümmern eines verschütteten Unterstandes hervorgezogen; ein anderer saß in einer Dreckpfütze und sang. Seine Haare klebten in filzigen Strähnen an der Stirn; der Wahnsinn stand in seinen weit aufgerissenen Augen. Als wir vorübergingen, erzählte er uns geschwätzig, er habe den Teufel gesehen, gestern und alle Tage, es sei sehr lustig gewesen ֪ ha, ha! – er habe mit ihm getanzt – und er lachte und schnalzte mit der Zunge.
Ein junger Mensch trat auf mich zu. Er zitterte am ganzen Leib und stammelte immer wieder die eine Frage: „Wann werden wir abgelöst?“
Zu Tode erschöpft hatten diese braven Leute seit 14 Tagen in vorderster Linie im furchtbarsten Feuer ausgehalten, ohne Ablösung, ohne genügende Verpflegung, und wehrten täglich die wütenden Durchbruchsversuche des Engländers ab.
Gegen Abend zerriß wieder das wütende Dröhnen und Krachen des Trommelfeuers die Luft; wieder wurde die Erde und die Trümmerstätte des Dorfes von Tausenden von Geschossen durchwühlt; wieder schritt der Engländer zum Angriff. Auch diesmal wurde er abgeschlagen. Aber sein Feuer setzte nicht aus. Die ganze Nacht lief unter der Wucht der Einschläge ein Beben durch die Erde. Von den Kompagnien kamen verzweifelte Hilferufe. Die wenigen ihnen noch gebliebenen Unterstände und Stollen wurden nacheinander durch das rasende Feuer zerhämmert. Unser Unterstand füllte sich mit Schwerverwundeten. Stöhnen, Weinen und Schreien erfüllte immer lauter und furcht-barer den kleinen Raum. Es waren meist Essenholer, die ihren Kameraden von den weiter hinten haltenden Feldküchen die warme Suppe und Brot in den Graben bringen sollten. Jeder von uns hatte alle Hände voll zu tun, den teilweise fürchterlich Verletzten den ersten Notverband anzulegen.
Sonntag, den 23. Juni, morgens 5 Uhr, war wieder heftiges Infanteriefeuer durch den Höllenlärm der Artillerieschlacht zu hören. Nach einer Stunde jedoch plötzlich fast vollständige Ruhe ein. Meldungen von vorne waren noch nicht eingetroffen. In der Annahme, daß der Angriff wieder abgeschlagen, nützte alles die seltene Ruhe, um endlich einmal wieder ein wenig zu schlafen. Ich vermochte aber trotz der großen Müdigkeit kein Auge zu schließen. Die seltsame Stille beunruhigte mich. Kein Schuß fiel mehr in unsere Nähe, selbst die „dicke Berta“ schwieg sich aus.
Plötzlich hörte ich einige Infanterieschüsse. Sie mußten ganz in der Nähe unseres Stollens abgefeuert worden sein. Das war unheimlich. Ich eilte nach oben. Da sah ich zwei Infanteristen in schnellstem Lauf durch die Trümmer hetzen. Die wollten offensichtlich zu uns. Und dann krachten wieder ganz nahe zwei Schüsse. Mit gräßlichem Aufschrei warf der eine der beiden Meldegänger die Hände hoch und stürzte vornüber aufs Gesicht. Der andere rannte an mir vorüber die Stollentreppe hinunter mit dem Ruf: „Herr Major, die Engländer sind da!“
Das war kein sanfter Weckruf für die erschöpften Schläfer dort unten; es trat ein Moment wortlosen Erstarrens ein, dann rannte alles mit seiner Waffe nach oben. Doch ehe wir wußten, wo wir den Feind zu suchen hatten, krachte eine Handgranatensalve zwischen uns und setzte lebhaftes Schützenfeuer auf uns ein. Und schon nach wenigen Sekunden waren zwei Mann gefallen, der Major, der Adjudant und fünf Ordonnanzen verwundet. Wir Übriggebliebenen trugen darauf die Verletzten wieder in den Stollen und legten ihnen Notverbände an. Viel Mühe hatten wir mit dem Unterbinden eines Mannes, dessen Schlagader am Oberarm verletzt war. In dickem Strahl spritzte ihm das Blut aus der Wunde und rieselte wie ein kleiner Wasserfall die Stufen der Stollentreppe hinunter.
Plötzlich leuchtete ein Feuerblitz im Stollen auf und ein heftiger Doppelknall erschreckte uns. Die Stollentüren zersplitterten. – Handgranaten! – Der Engländer warf durch die beiden Stolleneingänge Handgranaten, die in dem dichten Knäuel verzwei-felter Menschen weitere Verwundungen herbeiführten. Eine der Handgranaten brachte hundert Leuchtkugeln, die im Stollen lagerten, zur Explosion, und der kleine, dunkle Raum füllte sich dadurch mit zähem, beizendem Rauch, der das Atmen beinahe zur Unmöglichkeit machte. – Es kamen fürchterliche Stunden für uns. Die Hand-granatenwerferei nahm ihren Fortgang. Meldungen von außen gingen natürlich keine ein. Die Hoffnung auf Entsatz schwand von Stunde zu Stunde mehr. Beklemmende Stille herrschte draußen. Die anfängliche Erregtheit wich langsam einer völligen Apathie. Die irrenden Gedanken begannen sich auf den einen festzulegen: man macht sich mit dem Gedanken des Todes, bestenfalls mit dem einer Gefangennahme vertraut.
Wehmütiges Lächeln spielte um manchen herb geschlossenen Mund. Sie mochten an die Vergangenheit denken, an ihre Lieben, an das Märchen von Frieden und Glück.
Verschiedene Meldegänger hatten schon versucht, mit Berichten über unsere bedrohte Lage ins Freie zu kommen. Es war ihnen nicht gelungen. Einer brach gleich am Stolleneingang durch einen Hieb auf den Kopf ohne Laut zusammen. Ein anderer wurde wenige Schritte davor erschossen.
Nach sechsstündigem, qualvollen Zuwarten erbot ich mich selbst, nocheinmal zu versuchen, eine Meldung zu unseren Reserven durchzubringen. Der Kommandeur, der aus seiner durch einen Bauchschuß verursachten Bewußtlosigkeit erwacht war, diktierte mir den Bericht. Mein einziger Telephonist, der mir noch unverwundet geblieben war, der Kriegsfreiwillige Hofer, wollte mich durchaus begleiten. Ich gab ihm meine Meldetasche zu tragen, steckte die Meldung aber selbst zu mir. Es war wahrscheinlich, daß unmittelbar vor oder über den Stolleneingängen die Engländer lagen. Zunächst also galt es, möglichst rasch aus dem Bereich ihrer Nahkampfwaffen zu kommen, noch ehe sie die Zeit gefunden hatten, dieselben gegen uns in Anwendung zu bringen. Was dann weiter zu tun war, mußte der Lage angepaßt werden und unserem Glück überlassen bleiben. Ich unterrichtete Hofer demgemäß: Wir mußten versuchen, ganz lautlos den halbverschütteten Stolleneingang hinauszusteigen, dann wollte ich mit größtmöglicher Schnelligkeit hinaus ins Freie eilen, Hofer sollte dann in einigem Abstand folgen.
Mit entsicherten Revolvern gelangten wir auch unbehelligt bis zur letzten Treppenstufe. Zu unseren Füßen, den Ausgang halb versperrend, lag hier mit zertrümmertem Schädel, blutüberströmt, der eine unserer Ordonnanzen, die schon versucht hatten, mit Mel-dungen aus dem eingeschlossenen Stollen zu gelangen; kaum fünf Meter davon, das Gesicht im Schmutz vergraben, der andere von ihnen. Das war kein ermunternder Anblick, und es trat der Moment ein, in dem ich erst „den inneren Schweinehund zu überwinden hatte“, wie Richthofen sich ausdrückte. Aber nur nicht denken, nur nicht denken und durch!
Unter Aufbringung aller meiner Kräfte jagte ich aus dem Stollen und wandte mich dann unter der Deckung einer zerschossenen Böschung nach rechts. Doch schon nach den ersten Sprüngen krachten hinter mir zwei Handgranaten und setzte Infanteriefeuer ein. Ich sah keinen der Gegner, jedoch konnten die Schützen nicht weit entfernt sein, denn die Abschüsse hörten sich hell und scharf an, wie wenn man eine kleine Kinderpistole dicht bei meinem Ohr abfeuern würde. Sand- und Steinsplitter spritzten mir von den einschlagenden Geschossen ins Gesicht. Ich fühlte, wie kalter Schweiß meinen Körper bedeckte. Um ein wenig Atem zu schöpfen, sprang ich in einen mit Wasser gefüllten Stollen in Deckung. Zehn Minuten lang stand ich bis an die Brust in dem stinkenden Wasser. Nicht weit von mir stöhnte ein Mensch, von Zeit zu Zeit stieß er röchelnde Rufe aus. Sehen konnte ich ihn nicht. Meine Lage war nicht sehr aussichtsreich. Das feindliche Artilleriefeuer hatte plötzlich wieder eingesetzt; es lag hauptsächlich auf den Reservegräben, meinem Ziele. Unter unaufhörlichem Dröhnen und Krachen schossen die Rauchwolken der Einschläge in die Höhe, vom tiefsten Schwarz bis zum hellen giftigen Gelb. Ein Zurück war aber gänzlich ausgeschlossen; ich mußte unter allen Umständen versuchen, trotz des heftigen Artilleriefeuers die Reserven zu erreichen.
Vorsichtig schaute ich aus meinem Wasserloch und rief mehrere Male nach Hofer, ohne Antwort zu bekommen. Plötzlich ein heftiger Knall dicht neben mir, wieder Hand-granaten. Die Engländer mußten mich gesehen haben oder hatten sie mich rufen hören? Jedenfalls durfte ich keinen Augenblick länger an meinem „freundlichen“ Zufluchtsort bleiben. Ich kletterte vorsichtig aus meinem Versteck und kroch, die Pistole in der Hand, auf dem Bauch weiter. Bald jedoch schlugen rings um mich Infanteriegeschosse ein. Da packte mich sinnlose Wut; ich fluchte und schimpfte wie ein ungezogenes Kind und warf alle Vorsicht beiseite. Ich sprang auf und hetzte, immer im Zickzack, über freies Feld. Ich lief und lief. Es ist kaum glaublich, wie ein Mensch in der Todesangst laufen kann. Ich kam in ein Haferfeld, die Halme schlangen sich um meine Beine, ich stolperte, pfeifend ging der Atem. Und endlich stürzte ich in einen Granattrichter, fiel platt auf das Gesicht, der Mund war voller Erde, und hier blieb ich liegen, wie lange, vermag ich nicht zu sagen. Langsam beruhigte ich mich wieder. Ja, eine gewisse Fröhlichkeit und Zuversicht bemächtigte sich meiner nach einiger Zeit. Mit fachmännischem Interesse verfolgte ich die Lage des feindlichen Artilleriefeuers und wunderte mich, daß ich bei der vorzüglichen Höhe und Weite der Schrapnellsprengpunkte nicht schon einige heiße Bleikügelchen in meinem Körper sitzen hatte. Mit vollständiger Ruhe kroch ich dann durch das Haferfeld gedeckt weiter, um mich erst kurz vor unseren Reservegräben aufzurichten, und in raschen Sprüngen durch das massierte feindliche Abriegelungsfeuer den Graben zu erreichen.
Das feindliche Feuer hatte hier in der kurzen Zeit schon furchtbar gehaust. Der halbverschüttete Graben lag voller Toter. Der Bataillonskommandeur und drei seiner Kompagnieführer waren in der letzten Stunde gefallen. Die angstvollen Schreie Verstümmelter und das entsetzliche Röcheln Sterbender begleiteten mich auf der mühsamen Suche nach dem einzigen überlebenden Kompagnieführer, jetzt stellver-tretenden Führer des Bataillons.
In einem kleinen, kaum splittersicheren Unterständchen, das wie durch ein Wunder bisher vom feindlichen Feuer verschont geblieben war, fand ich diesen. Ich übergab ihm meine Meldung und teilte ihm meine persönlichen Beobachtungen über die vermutliche Stellung des Feindes mit. Darauf wurden zwei Kompagnien zum Gegenstoß angesetzt. Nach kurzem Kampfe gelang es diesen, die in Guillemont eingedrungenen Engländer zurückzuwerfen und 140 Gefangene einzubringen.
Hofer, meinen zurückgebliebenen Telephonisten, fand man später, kam zehn Meter von unserem Stollen in Guillemont entfernt, mit schwerer Kopfverletzung tot in einem Granattrichter liegend. Meine Meldetasche hielt er in seinen verkrampften Händen. Ich eilte, nachdem die zwei Kompagnien der Reserve den Graben zum Gegenstoß verlassen hatten, zu den Batterien, um über die Lage Bericht zu erstatten.“


aus: „Das Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 116 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

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