Donnerstag, 15. September 2016

15. September 1916


„Als der neue Tag graute, war es zunächst außergewöhnlich ruhig. Aber als die Sonne herauskam, wurde es klar, daß der Gegner diesmal die Priez-Ferme wegnehmen wollte. Schwerstes Feuer wühlte aufs neue das ganze Gelände um. Wieder kreisten feindliche Flieger tief über den Stellungen, die nun auch weiter nach Norden hin zertrommelt wurden.  Hauptmann Beckh, der tapfer am bedrohtesten Punkte aushielt, wurde verwundet, der Stahlhelm rettete ihm das Leben. Das Bataillon ordnete an, daß die in der Gegend der Priez-Ferme liegenden Mannschaften nach Norden ausweichen sollten. Aber es war in dem rasenden Feuer natürlich nicht möglich, diesen Befehl jedem einzelnen mitzuteilen. In den Nachmittagsstunden wurden Bewegungen im Anderlu-wald und in der Trichtergegend südlich der Ferme sichtbar. Das sofort darauf einsetz-ende M.-G.-Feuer nützte nicht viel. Der Gegner konnte sich, durch die vorhandenen Grabenreste und Trichter gedeckt, ungesehen näher heranarbeiten. Sperrfeueran-forderung wurde von der Artillerie nicht beachtet. den ganzen Tag über fiel kein Schuß der eigenen Artillerie vor diesem Teil der Front. Da alle Leuchtzeichen nichts nützten, mußte der Versuch gemacht werden, eine mündliche Meldung an das Regiment gelangen zu lassen. Eine Gefechtsordonnanz des Bataillons, der Ersatzreservist Haspel, wurde dafür bestimmt. Es war eine der schlimmsten Aufgaben während der Somme-schlacht. Mancher Meldegänger ist von solch einem Gang nicht zurückgekehrt. Sobald Haspel den Auftrag erhalten hatte, begann er ganz ruhig abzuschnallen und den Waffen-rock auszuziehen. Der Adjudant fragte ihn verwundert, was er denn mache. Er meinte, je leichter er angezogen sei, umso schneller komme er vorwärts. Tatsächlich legte er den Weg bis zu dem fast 2 Kilometer entfernten Regimentsgefechtsstand in 12 Minuten zurück. Der Regimentskommandeur, über diese Leistung und über das Lebenszeichen von vorn erfreut, gab dem Bataillon Weisung, Haspel sofort zur Verleihung des Eisernen Kreuzes einzugeben. Er hat es auch bekommen.
Aber die Artillerieunterstützung blieb doch aus. Dagegen sah man die Anschüsse feindlicher Geschütze nur 1500 bis 2000 Meter entfernt. Auf dem Höhenrücken zwischen Le Forest und Combles hatte der Gegner eine Blinkstation eingerichtet, mit der er dauernd Zeichen gab. Auf nahe Entfernung sah die französische Infanterie behaglich zu, wie die deutsche Trichterbesatzung zusammengetrommelt wurde und wartete den Augenblick ab, bis sich kein Leben mehr zeigte. Schon am 12. September hatten wir mit stiller Wut zugesehen, wie die Franzosen nachlässig, Zigarette im Mund und mit umgehängtem Gewehr dahergeschlendert kamen, um die niedergestampften deutschen Gräben zu besetzen. Das war kein Sturm, das war nur ein vorsichtiges Nachfühlen. Hätten die Franzosen die moralische Stärke ihrer Gegner gehabt, so hätte sich die Sommefront nicht einen Tag lang halten lassen. Nun wurde beobachtet, wie sich dauernd neue Massen in der Sturmstellung ansammelten. Sogar ein Bursche zog ganz friedensmäßig einen Kompagniegaul am Halfter hinter sich her.
Gegen Abend hatten die Franzosen endlich soviel Mut gesammelt, den „Angriff“ zu wagen. Am Anderluwald wurde es lebendig, auch auf der Höhe südlich der Ferme. Von Trichter zu Trichter springend, bewegten sich die schmutzigblauen Gestalten vorwärts. Was dann an der Ferme geschah, wird schwerlich einer erzählen können. Vom Zuge Weber wurden nachher der Führer und 14 Mann vermißt. Es ist später festgestellt worden, daß Fähnrich Weber gefallen ist, ob von den andern noch einer lebend den Franzosen in die Hände fiel, ist unbekannt.
Sobald das Bataillon Nachricht erhielt, der Feind sei in der Ferme, gab es der einzigen Reserve, der 6. Kompagnie, Befehl, die Stellung wiederzunehmen. Aber die Franzosen hatten einen dichten Sperrfeuerriegel hinter die Stellung gelegt. Die Kompagnie schmolz schnell zusammen, Leutnant Deppe wurde verwundet, und schließlich sah Leutnant Schäf noch etwa 10 Mann um sich, mit denen er unmöglich das französische Bataillon vertreiben konnte. Bei Einbruch der Dunkelheit versuchte der Gegner weiter vorzudringen, wurde aber von den Resten der 8. und 6. Kompagnie und weiter westlich von der 5. Kompagnie unter Leutnant Wied daran verhindert.
Schlimmer sah es östlich der Ferme aus. Am Tage vorher schon waren von der 1. Kompagnie Leutnant Bach und Leutnant Uhland verwundet worden. Gegen Mittag waren noch etwa 40 Gewehre da unter Leutnant Berger. Alles übrige war unter dem entsetzlichen Feuer im deckungslosen Gelände kampfunfähig geworden. Auf Befehl des Bataillons zogen sie sich etwa 150 Meter nach Norden zurück auf eine als Rückhalt dienende Kompagnie des Reg. 65, die aus dem Gallwitzriegel dorthin beordert worden war. Am Abend waren noch 11 Mann kampffähig. Sie wurden als Staffettenposten verwendet.
Die 4. Kompagnie hinter dem Friedhof und die 3. rechts davon wurden auch fast ganz zusammengeschossen. Leutnant Spieth wurde verwundet. Aber als gegen Abend die Franzosen vorgingen, wurden sie schon auf 1000 Meter beschossen. Sie kamen bis etwa 100 Meter an den Friedhof heran. Darüber hinaus drangen sie nicht vor. In die Südecke von Rancourt kamen sie vorübergehend hinein, wurden aber bald wieder hinausge-worfen. Bis zur Priez-Ferme klaffte also immer noch die breite Lücke, und bei Dunkelheit trieben sich dort auch französische Patrouillen herum. Sie wurden aber von eigenen Patrouillen beschossen und wichen zurück. Größere Kräfte wagten es nicht, die Lücke zu benutzen. Das I. Bataillon war also bis auf einen kleinen Rest zusammenge-schmolzen, der sich teils nördlich des Friedhofs, teils im Hohlweg an der Nordwestecke von Rancourt hielt, das II. hielt sich mit den Überbleibseln von zwei Kompagnien noch im Frégicourtriegel, mit der 5. im Comblesriegel (zwischen Ziegelei und Ferme) und mit der 7. in der Nordostecke von Combles. Das III. hatte nur unter starkem Feuer zu leiden gehabt. Der Bataillonsstab war aus der Ziegelei in die Nordostecke von Combles zurückgegangen. Am Abend hatte es so ausgesehen, als wenn ein allgemeiner Angriff auf den Ort käme. Die Engländer, die sich am Birkenwäldchen festsetzen, schossen von Nordwesten, die Franzosen von Südosten mit Maschinengewehren in die Straßen. Die 7. Kompagnie lag mit dem Bataillonsstab ausgeschwärmt hinter Häusertrümmern und am Hohlweg, der nach der Ferme zu führt. Aber mit Einbruch der Dunkelheit wurde wieder alles ruhig.
Noch einmal atmete man auf, aber am nächsten Tag mußte ja nun doch die Katastrophe kommen, denn diese kümmerlichen Reste des Regiments konnten doch auf einer Front von mehr als 3 Kilometern keinen ernstlichen Angriff abwehren.
Da kam die erste Hilfe. Das III. Bataillon wurde durch ein Bataillon des bayr. Inf.-Reg. 19, das I. und II. durch je ein Bataillon des sächsischen Res.-Reg. 104 verstärkt.
Aber nur die 2. Kompagnie wurde abgelöst. Bis zur vorderen Linie fanden die Sachsen nicht vor. Die 3. und 4. Kompagnie blieben in ihrer Stellung.
Als beim II. Bataillon die Verstärkung eintraf, wurde erneut die Wiedernahme der Ferme erwogen, aber man nahm doch Abstand davon, denn einerseits hatte der Gegner sich jetzt mit starken Kräften eingebaut, die ohne Artillerievorbereitung nicht zu vertreiben waren, andererseits nützte der Besitz der Ferme nichts, wenn nicht auch die Höhe südlich davon wieder genommen wurde.
Am Morgen des 15. September begann das Artilleriefeuer aufs neue. Der Unterstand des II. Bataillons wurde von einer französischen Batterie auf nahe Entfernung sechs Stunden lang beschossen. Als er begann, von oben her zusammenzubrechen, mußten die Insassen an den Auszug denken. Nur mit größter Mühe gelang es, einzeln aus der Mausefalle zu entkommen. Am Abend kamen Teile des Reg. 74 an. Sie wurden dazu benutzt, die 5. Kompagnie abzulösen, die noch immer unter schweren Verlusten im Comblesriegel aushielt. In der Nacht wurden auch die Überbleibsel der 3. und 4. Kompagnie abgelöst und hinter Rancourt zurückgeführt, am nächsten Tag aber noch einmal bis Frégicourt vorgeholt.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 247 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1924

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