Freitag, 30. September 2016

30. September 1916

Leutnant d. R. Oßwald (rechts)

„Die Engländer hatten sich mit aller Macht auf die „Feste Schwaben“ geworfen, sie umgangen, von Norden her angegriffen und die Verteidiger in den Nordwestteil gedrängt, wo sie von drei Seiten umklammert waren. Zu gleicher Zeit hatten sie St. Pierre-Divion heftig angegriffen, südlich des Dorfes den 1. und 2. Graben genommen und waren bis in die „Straßburgersteige“ vorgestoßen.
Die Division befahl dem Inf.-Reg. 66, das bei St. Pierre-Divion eingesetzt war, noch in der Nacht vom 28. auf 29. September die „Schwabenfeste“ zu nehmen und stellte ihm hierzu zwei Kompagnien des II. und das ganze III. Batl. der 119er zur Verfügung. Während das I. Batl. an den Westausgang von Grandcourt rückte, schob sich das III. Batl. an den Ostausgang heran. Anmarschwege und Dorf lagen unter englischem Schrapnellfeuer. Zwei Volltreffer schlugen in die 11. Komp. und setzten einen ganzen Zug außer Gefecht. Die 1. 2. und 9. Komp. mit zwei Zügen der 3. M.G.K. gingen in die „Hansastellung“, von der aus der Angriff 6 Uhr morgens beginnen sollte. Aber der Graben war vollständig eingeebnet. Mit Handgranaten, Munition und Maschinen-gewehren schwer beladen sprangen die Leute von Granatloch zu Granatloch. Drei Kompagnien unter Hauptmann Stapf, die 7./180, 5./180 und 9. Res.-Reg. 119, sollten von Norden her, zwei andere Gruppen von Nordwesten und Südosten angreifen. Störun-gen und Stockungen aller Art ließen den Angriff nicht rechtzeitig zur Entwicklung kommen. Die 7./180, die an der Spitze ging, stieß im „Schwabenriegel“ auf ein Engländernest, das sie aushob. Vom Nebel begünstigt, erreichte die 9. Komp. gegen 10 Uhr morgens ihren Platz. Artilleriefeuer lag ununterbrochen auf dem Hügel und seinem Ostabhang. Die 9. Komp. erlitt starke Verluste. Eine schwere Granate verschüttete den Handgranatentrupp der Spitze und vernichtete die mitgeführten Nahkampfmittel. Zum Angriff war es zu spät. Niemand kannte sich in dem durchwühlten Gelände aus und so begnügten sich die Kompagnien, die feindlichen Gräben und die eigene Stellung zu erkunden, sich einzugraben und Verbindung mit den Nachbartruppen zu nehmen. Gegen 10 Uhr morgens wurden noch zwei Züge der 1. Komp. des Res.-Reg. 119 zur Verstär-kung der 5./180 vorgeschickt, während der dritte für den Nachschub zu sorgen hatte. An ihren Platz in der Hansastellung trat mit zwei Zügen Maschinengewehren die 10. Komp. Res.-Reg. 119, die noch am Ostausgang von Grandcourt lag. Abends rückte auch der dritte Zug der 1. Komp. auf die Feste Schwaben, so daß dort mit der 5./180 die ganze 1. und 9. Komp. eingesetzt war. Als Hauptmann Stapf abends tödlich verwundet wurde, übernahm Oberleutnant d. R. Zettler den Befehl über die Feste. Ohne Deckung, im zerschossenen Graben und in Granatlöchern verbrachten die Truppen die kalte Nacht. Am Morgen des 30. September gingen sie zum Angriff vor. Die 1. Kompagnie unter Leutnant d. Res. Hahn säuberte in hartnäckigen Kämpfen ein Grabenstück von 280 Metern und vernichtete die eingedrungenen Engländer, erlitt aber selber schwere Verluste. Heftig einsetzendes Sperrfeuer machte ihrem Vordringen ein Ende, Die 9. Komp. stieß vom „Lachweg“ aus in den „Auwärterweg“ ein und überwältigte die sich hartnäckig zur Wehr setzenden Engländer. Aber beide Gruppen gerieten nun mit einem selber zum Angriff schreitenden Gegner zusammen, der sie Schritt für Schritt wieder zurückdrängte. Zum Unglück gingen ihnen auch noch die Handgranaten aus. Wohl rückte die 10. Komp. gegen 10 Uhr zur Verstärkung nach. Aber nun setzte heftiges Trommelfeuer ein, das einen neuen englischen Angriff vorbereitete. Die Verluste mehrten sich in erschreckendem Maße, die meisten Führer waren gefallen oder verwundet. Nach 5 Uhr erfolgte ein starker englischer Vorstoß. Die 1. Komp. wurde frontal und von der Seite gefaßt, schlug die Angreifer aber, sofern sie durch das deutsche Sperrfeuer kamen, mit Gewehr- und Maschinengewehrfeuer zurück. Auch die 9. Komp. erwehrte sich der Engländer im Sturmkampf mit Handgranaten. Aber von der Seite her, wo sie durchgebrochen waren, kamen sie ihr in den Rücken, schnitten die Reste, die noch kampffähig waren, ab und umzingelten sie. Maschinengewehre der 3. M.G.K., die ihr zugeteilt waren, wurden bald außer Gefecht gesetzt. Tapfer nahm die Mannschaft unter ihrem Führer, Leutnant d. R. Buck, an dem Nahkampf teil. Leutnant d. R. Oßwald fiel als letzter Offizier der Kompagnie, die Mannschaften wurden vernichtet oder gefangen. Nur wenigen gelang es, in die Hansastellung, wo die 2. Komp. lag, zurückzukommen. Auch ein Maschinengewehr wurde noch gerettet. Den ganzen Abend gingen die Kämpfe auf der Schwabenfeste hin und her. Gegen 10 Uhr war der Nordrand deutsch, den Hauptteil hielten die Engländer in Händen.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920
Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 708

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