Samstag, 3. September 2016

3. September 1916


„Wie am 1. Juli verlief die Nacht verhältnismäßig ruhig und es war wie ein letztes Atemholen. In B 5 lag die 6. Komp., in B 6 die 4. und in B 7 die 1. Komp. im ersten Graben. Im 2. und 3. Graben lagen die 7., 3. und 2. Komp.6 Uhr morgens setzte heftiges Trommelfeuer aus allen Kalibern auf drei Kompagniebreiten ein, während die angren-zenden Abschnitte mit Schrapnellfeuer niedergehalten wurden. Die Telephonkabel waren zerschossen. Aber das Sperrfeuer der aufmerksamen Artillerie setzte pünktlich und mit großer Heftigkeit ein. Eine Viertelstunde später verlegte die englische Artillerie ihr Zerstörungsfeuer nach rückwärts und dichte Schützenwellen entstiegen den feindlichen Gräben. Vor B 6 und B 7 hatten sich die Engländer, von der Dämmerung geschützt, in Massen in der Mulde aufgebaut. Am linken Flügel der 6. Komp. war das Hindernis durch die Beschießung noch nicht ganz zerfetzt. Die kümmerlichen Reste genügten, den Gegner aufzuhalten und der Besatzung Zeit zu geben ihn zu vernichten. Dagegen gelang es ihm rechts in den vordersten Graben einzudringen. Einzelne Sturmtruppen versuchten auch zum zweiten durchzustoßen. Aber die Mannschaft der 6. Komp. hatte sich zum Teil hinter dem Graben in Granatlöchern geborgen, zum Teil war sie dem Angriff nach rechts ausgewichen. Als die Engländer nun über den gewonnenen Graben vorzudrängen versuchten, wurden sie vom zweiten Graben aus, wo einige Gruppen der 7. Komp. lagen, zusammengeschossen. Die nach rechts und links auseinan-dergesprengte Kompagnie faßte sich aber rasch, ging von rechts und aus den Granat-löchern hinter dem Graben zum Gegenangriff vor und hatte nach halbstündigem Handgranatenkampf ihr ganzes Grabensystem wieder im Besitz. Dabei zeichneten sich besonders der Vizefeldwebel Traub, Unteroffizier Hilligard, Gefreiter Kuno Müller und die Reservisten Klaiber und Speidel aus. Vier weitere Angriffe brachen restlos vor dem ersten Graben zusammen. Einem sechsten Stoß um 12.15 nachmittags gelang es noch einmal, in den ersten Graben zu gelangen, Wieder warfen Handgranatentrupps den Gegner wieder hinaus. Zwei weitere Stöße um ½1 Uhr und ½3 Uhr wurden sofort aufgefangen, so daß um 3 Uhr hier Ruhe eintrat.
Der Hauptstoß war aber gegen die südlich angrenzende Stellung gerichtet. Der rechte Flügel der 4. Komp. vermochte standzuhalten und den Angriff vor seinem ersten Graben aufzuhalten. Aber am „Junkergraben“ drangen die Engländer in den ersten Graben ein, stießen gegen den zweiten vor, durchbrachen ihn und kamen bis in den dritten, wo sie verhielten. In scharfem Handgranatenkampf hielt Leutnant d. R. Beißwenger mit seinen Tapferen den Gegner, der sich nach rechts auszubreiten versuchte, auf, drängte ihn sogar zurück und riegelte den Graben ab, als ihm die Handgranaten ausgingen. Immer neue Wellen stürmten an und gelangten in die eroberten Grabenteile. Im dritten Graben ging nun Hauptmann Taute, vom Generalstabe des Korps, der statt in Urlaub in die Kampf-front geeilt war und sich eine Kompagnie erbeten hatte, mit einigen Leuten der 3. Komp. zum Gegenangriff vor und vernichtete die Eindringlinge. Im zweiten Graben stürmte der Zug Malblanc und erbeutete dabei 1 Maschinengewehr. Nach 9 Uhr waren hier die hinteren Gräben wieder in deutschem Besitz.
Bei der 1. Komp. in B 7 vermochte die Mitte den Gegner aufzuhalten, während er rechts und links eindrang und sich in einem unvollendeten Vorgraben festsetzte, von wo aus er die Besatzung unter heftiges Maschinengewehrfeuer nahm. Die eingeschlossene Besat-zung ging zwar zum Gegenangriff vor und schaffte sich nach rechts Luft, konnte aber keine Verbindung mit eigenen Truppen bekommen; denn die Engländer saßen auf eine zu breite Strecke im Graben. Am linken Flügel der Bergstellung waren die Eingänge durch das Trommelfeuer verschüttet worden. Noch ehe sich die Besatzung ausgraben konnte, standen die Angreifer vor den Unterständen. Was herausgetreten war, fiel im Nahkampf. Die Unterstandsbesatzungen wehrten sich in den Stollen so gut sie konnten. Versuche des Feindes, sich nach rechts auszudehnen, scheiterten an der tapferen Besatzung der Mitte. Unterdessen entspannen sich heftige Kämpfe am Berghang gegen das Ancretal. Hier lag der Zug Weitz im sogenannten „Tunnelstollen“. Als der Angriff losbrach, schwärmte der Zug am Bahndamm aus und beschoß den den Hang herunter-drängenden Feind. Als der Zug aber durch Handgranaten starke Verluste erlitt, zog er sich in den „Tunnelstollen“ zurück und verhinderte den Gegner am Vordringen im Tal. Tapfer hielt sich die Besatzung des sogenannten „Schleusingerhauses“, deren Feuer den Bahndamm bestrich und die mit einem Priestergranatwerfer wirksam in den Kampf eingriff. Gegen 7 Uhr ging Oberleutnant Schafferdt, der Kompagnieführer, in den ersten Graben von B 7 vor, um sich Klarheit über die Lage zu verschaffen. Da erfolgte ein neuer Vorstoß des Gegners. Im Infanterie- und Maschinengewehrfeuer brach er zusammen; aber Oberleutnant Schafferdt fiel durch den Kopf geschossen kämpfend neben seinem Burschen, Ulrich Bauer. Leutnant d. R. Mörk, der sich schon vorher im Handgranatenkampf ausgezeichnet hatte übernahm die Führung; eine halbe Stunde später fiel auch er bei Erkundung des eingedrungenen Gegners. Wiederholte englische Angriffe führten zu keiner Ausdehnung des Eroberten und es trat gegen 10 Uhr eine Kampfpause ein.
Die Engländer bauten die gewonnenen Grabenteile aus und richteten sich zur Verteidigung ein. Das I. Batl. erhielt aber von Beaumont her Hilfe. Die 11. Komp. war im Anmarsch und traf nach 10 Uhr ein. Nun wurde der Gegenangriff sorgfältig vorbereitet und vor allem Handgranaten herbeigeschafft: denn alle Wiedereroberungs-versuche hatten nur deshalb zu keinem vollen Erfolge geführt, weil die Handgranaten vorzeitig zu Ende gingen. Noch ehe der deutsche Gegenangriff erfolgte, griffen die Engländer die 1. und 4. Komp. kurz vor 12 Uhr in Massen ohne Erfolg an. Das Sperrfeuer der Artillerie zerschmetterte ihre Angriffswellen. Als der Angriff abgeflaut war, stellte sich Leutnant d. R. Beißwenger mit 8 Mann zum Gegenangriff bereit. Es waren der Pioniergefreite Finkbeiner, ein Unteroffizier der Minenwerferkompagnie, die Unteroffiziere Schick und Fröhlich und die Landsturmleute Glück, Mauser, Fiedler und Koß. Auf kurze Entfernung hatte der Gegner ein Maschinengewehr und einen Minen-werfer in Stellung gebracht. Leutnant Beißwenger stellte sich auf eine Schulterwehr und forderte die Engländer zur Übergabe auf. Es waren über 400 dicht gedrängt im Graben. Als keiner Mine dazu machte, hob er wie auf dem Übungsplatz die Hand zum Zeichen, daß der Angriff beginne. Die deutschen Handgranaten flogen in die angrenzenden Grabenstücke, wo sie krachend explodierten. Der Gegner erwiderte das Feuer, überwarf aber die kleine Gruppe. Mit Hurra stürzte sie sich auf das Maschinengewehr und den Minenwerfer. Finkbeiner riß ein Lewisgewehr an sich und schoß in die überraschten Engländer, die zurückwichen. Heftig drängten ihnen die wackeren neun nach und warfen ihre tödlichen Geschosse mitten in die geballten Menschenhaufen, furchtbare Wunden reißend. Da floh, was noch laufen konnte. Finkbeiner feuerte mit seinem Beutegewehr hinter ihnen her und von links und rechts prasselte Maschinengewehrfeuer flankierend in die Flüchtlinge. In wenigen Minuten war der ganze Graben gesäubert und auch ein Verbindungsgraben nach rückwärts erstürmt. Die eroberte Stellung war mit Leichen gefüllt. Fast 100 Tote lagen in ihr, 20 unverwundete Gefangene wurden zurückgebracht und 10 eigene Leute, die gefangen in einem Unterstand saßen, befreit. Sie waren von den Engländern überrascht worden, hatten sich ergeben und mußten zusehen, wie die Sieger sich die aufgestapelten Vorräte, Konserven, Wasser und Zigar-ren, schmecken ließen. Den Wächtern schien es aber im tiefen Unterstand auch bequemer und sicherer als im Nahkampfe. Als die Gefangenen nun das Krachen der Handgranaten vernahmen und die deutsche Hilfe erkannten, schnallten sie ihr Leder-zeug wieder um und bedeuteten den Wächtern, daß die Rollen nun vertauscht würden. Die Engländer sahen das Nutzlose eines Widerstandes und schnallten ab. Gegen 1 Uhr war die ganze Stellung wieder in deutschem Besitz. Nur in dem vorgeschobenen Graben saßen noch die Engländer und gruben sich ein. Man sah die Bajonette blitzen und erwartete den weiteren Angriff. Das Artilleriefeuer verstärkte sich wieder, Flieger mit schwarzen Abzeichen lenkten mit Horn- und Hupenzeichen das Feuer. Um 1.30 brach der letzte Massenangriff gegen die 1. Komp. los. Heftiges Infanterie- und Maschinen-gewehrfeuer schlug den Engländern entgegen und das deutsche Sperrfeuer setzte so mächtig und genau ein, daß nach wenigen Minuten alles zurückflutete. Um 2 Uhr war der Angriff wieder abgewiesen und bald flaute auch das Artilleriefeuer ab. Die Beute betrug an Gefangenen: 3 Offiziere und ungefähr 100 Mann, 3 Minenwerfer, 5 Maschinengewehre, 9 Lewisgewehre, 2 Telephonapparate und viele Waffen. Aber das Regiment hatte wieder 3 tote und 8 verwundete Offiziere, 107 tote und 191 verwundete Unteroffiziere und Mannschaften zu beklagen. Hauptmann Taute, telephonisch zum Generalstab des Korps zurückgerufen, fiel noch am Abend, als er vor seinem Weggang die zurückeroberte Kampfstellung besichtigte.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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