Samstag, 17. September 2016

17. September 1916


„Mit dem Einrücken in die Stellung und Ablösung des R. I. R. 216 begann das I. Bataillon am 3. September abends und übernahm mit je 1 Kompagnie in der Jägerfeste bezw. im Waldweg, Schanze B; Damm- und Raabgrund die Bereitschaften, von denen 3 dem K. T. K. unterstanden. Am 4. abends übernahm es dann die vordere Linie, während das II. Bataillon in Bereitschaft einrückte. Von dem III. Bataillon, als letztem des Regiments, lagen jeweils auf 3 Tage 2 Kompagnien als Brigadereserve zunächst in die Partyntje Fe., dann in die Wilhelm- und Dichtelei Fe., beide wenige 100 m südöstlich von Hollebeke. Die andern 2 Kompagnien verblieben in Werviq als Divisionsreserve, wo in Kompagniefeiern die Rückkehr aus der Sommeschlacht gefeiert wurde. Der K. T. K. war in der Dammstellung, B. T. K. im Raabgrund, wo auch der Gefechtsstand des Regiments lag, der im übrigen seinen Standort in der Claus Fe., unweit der beiden vorderen Reservekompagnien, hatte. So war die Gliederung des Abschnitts, der nicht weit von der ersten Ypernstellung des Regiments entfernt lag. Es lag nur das I. R. 124 zwischen dem Regiment und dem Kanal Ypern / Comines, welcher damals unsere linke Flügelgrenze war, und man sah täglich hinüber nach der blutgetränkten Bastion, die sich aber nur wenig über das Dünengelände erhob. Die Boden- und Stellungsverhältnisse waren die gleichen, wie dort, und der wässerige Sandboden bereitete die gleichen Schwierigkeiten, wie früher. Für die Grabenbesatzung waren vereinzelt Betonklötze vorhanden, die Stollenanfänge dagegen im allgemeinen ersoffen.
Eine Ausnahme machten die Sprengtrichter von St. Eloi, die, vier an der Zahl, im rechten Teil des Regimentsabschnitts lagen und in deren Wände ausgedehnte Minier- und Stollenanlagen getrieben waren, an deren Abdichtung dauernd gearbeitet werden mußte. Diese Sprengtrichter stammten aus der großen Sprengung vom 27. März 1916, die zu den größten der Westfront gehörte und damals mehreren 100 Deutschen das Leben gekostet hatte.  Der größte Trichter hatte einen Durchmesser von 65 m und alle vier zusammen waren der interessanteste Teil der Stellung. Sie lagen auf einer flachen Kuppe, beherrschten das umliegende Gelände völlig und waren in die vordere Linie einbezogen. Diese lief auf dem Höhenzug, der sich südlich des Kanals auf Wytschaete und Messines hinzog, und war vom Kemmelberg überhöht, der infolge des nach Westen ausspringenden Bogens in unsere Stellung teilweise von hinten hineinsah. Daß der Gegner dadurch einen großen Vorteil vor den im Bogen liegenden Deutschen voraus hatte, liegt auf der Hand; es stand ihm jede Möglichkeit der Beobachtung und Belästigung offen und nicht umsonst gehörte die Wytschaetestellung mit zu den unangenehmsten der Westfront.
Unsere Leute waren daher keineswegs erfreut, als sie in den 1600 m breiten Regiments-abschnitt mit schwachen Kompagniestärken hereinkamen, der im linken Teil einen geradezu trostlosen Eindruck machte. Die Stellung war hier nicht einmal durchlaufend, vielmehr kriechend und bückend mußten sich die Leute bei der Ablösung und beim Essenfassen durch Schmutz, Schlamm, Sandsack- und Balkenreste hindurchwinden. Sehr bald gab es dann auch Leute, die sich aus dieser „ruhigen“ Stellung hinwegsehnten und lieber wieder i die Sommeschlacht wollten, als noch länger in dieser Wasserstellung auszuhalten. Dagegen waren in de hochgelegenen Dammstraße und deren Umgebung Stollen, sogenannte Heldenkeller, eingebaut, in denen ganze Züge ihre Unterkunft fanden. In die vorderen Linie, bis zu der man vom Damm aus einen ausgezeichneten Überblick hatte, führten drei Verbindungswege, die aber bei einer Länge von 800 – 1000 m und vielfacher Unterbrechung die Möglichkeit der Unterstützung des Kampfbatail-lons im Falle eines Angriffs sehr in Frage stellten.
Die vorderen Kompagnien fühlten sich daher mit Recht auf sich selbst gestellt und arbeiteten mit allen Mitteln an der Herrichtung des Abschnitts, so hart die Arbeit, so gering die Kraft und so schlecht auch das Wetter war. Denn schon war der Herbst im Anzug und der flandrische Himmel goß seine regenvollen Wolken stundenlang über uns aus. Die Arbeit ging daher nur langsam vorwärts und lediglich der Mitarbeit der Pioniere war es zu danken, daß der auf die Trichter zuführende Hauptverbindungsweg, der Katzensteig, bald in guten Stand kam und eine zweite Linie hinter den Trichtern gezogen wurde. Auch neue Betonklötze wurden in Angriff genommen, schritten aber bei dem naßkalten Wetter nur langsam im Bau vorwärts. Im rückwärtigen Gelände handelte es sich hauptsächlich um den Ausbau der Dammstellung und der III. Linie, der Bereitstellung. Sie war im großen und ganzen befriedigend, wie überhaupt die Verhält-nisse in der Bereitschaftszone besser lagen, als im Bereich des Kampfbataillons. Hie war im linken Teil der vorderen Linie überhaupt keine schußsichere Unterkunft vorhanden und im rechten lagen die Wohnstollen in den Sprengtrichtern so tief, daß bei einem Angriff unsere Leute kaum noch rechtzeitig herauskommen konnten. Dies zeigte sich sehr bald bei einer Großpatrouille, welche der Gegner am 17. September nach 1 Uhr nachts mit mehreren Zügen unternahm und wobei es ihm unter dem Schutz heftigen Artillerie- und Minenfeuers gelang, bei Trichter 3 und 4 in die vordere Linie einzudrin-gen. Es kam zum erbitterten Nahkampf, der Schließlich zum Weichen des Gegners führte, aber beiden Teilen schwere Verluste kostete. Unsererseits wurden außer 5 Vermißten 5 Tote und 25 Verwundete beklagt, wogegen vom Gegner 5 Tote, sowie 1 Schwer- und 1 Leichtverwundeter in unserer Hand blieben. Außerdem wurde noch eine Anzahl Gefallener vor der Front gezählt.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

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