Dienstag, 6. September 2016

6. September 1916


„Am 6. September um 3 Uhr morgens befahl die Division den Rückzug über die Najarowka.
Nach diesem Befehl und den von der Abteilung Köller gegebenen Zusatzbestimmungen hatte das Füsilier-Regiment 122 den Abmarsch der Division zu decken und hierzu die Höhen dicht östlich Konkolniki zu besetzen. Diese Verschiebung aus der während der Nacht gehaltenen Stellung in die neue Nachhutstellung war äußerst schwierig.
Sie ist daher auch nicht gelungen, da die Zeit nicht mehr ausreichte. Daß die Anordnungen der Abteilung v. Köller außerdem taktisch falsch waren und die ganzen Rückzugsbewegungen zu einer Katastrophe gestaltet hätten, wenn die Russen auch nur halbwegs energisch nachgedrängt wären, das ist Sache einer kritischen Betrachtung, die nicht hierher gehört.
Das Füsilier-Regiment konnte gerade noch mit Teilen die neue befohlene Nachhut-stellung nordöstlich Konkolniki erreichen in einem Augenblick, als die Russen schon zum neuen Ansturm ansetzten. Rechts und links von den Füsilieren waren keine Truppen. Schon um 6 Uhr mußte das Regiment seine Stellung räumen und auf das Westufer des Bybelka-Baches zurückgehen, da beiden Flügeln im Norden und im Süden eine Umfassung drohte. Die beiden dem Regiment zugeteilten Batterien 3./Feldartillerie 259 und österreichische 2./36 hatten in heldenmütigem Ausharren unter Führung des Hauptmanns Klamroth bis zum letzten Augenblick geschossen und gingen dann westlich Konkolniki in Stellung. Als sie die Brücke in Konkolniki passiert hatten, wurde sie von Pionieren gesprengt. Die Schützen des Regiments überschritten beiderseits der Brückenstelle den seichten Bachgrund und setzten sich im Westteil von Konkolniki am Bach entlang zu erneutem Widerstand fest.
Von einer einheitlichen Führung war keine Rede mehr. In kleinen Trupps, wie sie gerade ankamen, wies Oberstleutnant von Alberti an der Kirche von Konkolniki die Abteilun-gen in die Gärten und Höfe auf dem Westufer des Bybelka-Baches. Hier kamen ein paar Jäger, dort 129er, hier ein Kompanieführer mit ein oder zwei Gefechtsordonnanzen, dort der Oberarzt d. R. Dr. Landerer mit einer Gruppe durch die Wiesen des Bachgrundes zurück. Der Regimentspfarrer, die Fernsprecher, ein paar Pioniere, die Meldereiter, alles half mit, die Verteidigungsfront wieder einigermaßen herzustellen. Es gelang auch zunächst, die Russen am Überschreiten des Bachgrundes zu verhindern.
Aber der Feind ging weiter rechts und links, da wo ihm niemand das Vordringen verwehrte, über das Tal. Um 7 Uhr vormittags drohte dem Regiment eine neue beider-seitige Umfassung, die zum weiteren Zurückweichen zwang.
Die Lage war verzweifelt. In Bolschowze steckten noch hunderte von Fahrzeugen der über die Najarowka zurückmarschierenden Division. Die ganze schwere Artillerie stand noch auf dem diesseitigen Ufer.
Als das Regiment auf den Höhen 90 Meter östlich Folw. Herbutow erneut Front machte, war sich Oberstleutnant von Alberti darüber klar, daß es hier kein weiteres Zurückgehen mehr gab, sondern hier das tapfere Häuflein  eben nötigenfalls zu sterben wissen mußte. Denn in das Najarowkatal, das noch voll von zurückmarschierenden Kolonnen war, durfte der Russe keinesfalls hineinstoßen. Das hätte ein nicht abzusehendes Unglück gegeben.
Aber merkwürdigerweise drängte die feindliche Infanterie jetzt nicht mehr nach. das Regiment konnte sich in drei Abteilungen gliedern und sich regelrecht auf den Höhen östlich der Najarowka zur Verteidigung eingraben. Links erschien jetzt auch das Reserve-Jäger-Bataillon 15, so daß wenigstens die nördliche Flanke von der Gefahr der Umfassung befreit war.
Die Füsiliere lagen dort oben auf der Höhe von Herbutow noch etwa eine Stunde. Allmählich tauchten vor der Front dünne russische Schützenketten bei Konkolniki auf. Da überbrachte um 9.20 Uhr vormittags Hauptmann von Bornhausen den Divisions-befehl, daß die gesamte Division den Uferwechsel über die Najarowka vollzogen hätte und das Regiment sich auf Kunaszow zurückzuziehen habe.
Der Befehl zum Rückmarsch wurde gegeben. Ohne vom Feind nochmals bedrängt zu werden, sammelte sich das Regiment bis 12 Uhr mittags im Dorf Kunaszow, nördlich Bolscowze.
Jedoch zur Ruhe war die Zeit noch nicht gekommen. Das Westufer der Najarowka war inzwischen von frischen Truppen besetzt worden. Sie reichten aber nicht aus. Daher mußte die 105. Division östlich Kunaszow erneut eingesetzt werden.
Nach einer mehrstündigen Rast erhielt das Füsilier-Regiment den Befehl, die Höhe 250 südlich Kunaszow zu besetzen. links anschließend lag das Lehrregiment, weiter nördlich war Infanterie-Regiment 129 gegenüber dem Dorf Herbutow bereits wieder in Kämpfe mit den Russen verwickelt.
Der Feind war bis auf die Höhen, die das Regiment am Vormittag noch gehalten hatte, gefolgt.“



aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

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