Mittwoch, 25. November 2015

25. November 1915


„Der Heimkrieger ist empört über die Untätigkeit der Divisionen im westen. Wenn er etwas zu sagen hätte, wenn er zu befehlen hätte, dann wären die Engländer längst in’s Meer geworfen, dann wäre Paris längst erobert! So aber muß man dauernd lesen: „Im Westen nichts Neues“. – „Heiliger Strohsack, was schaffen denn die eigentlich?“ – Er stellt sich die Sache so vor, als ob wir den lieben langen Tag auf der faulen Haut liegen und nur an Essen und Trinken denken würden.
Unwillig schüttelt er nochmals sein Haupt, greift zum Glas und nimmt einen kräftigen Schluck, um den Ärger runterzuspülen. – „Päule, noch eins!“ – Und wenn er dann so und so viele Glas Bier oder „Viertele“ sich einverleibt hat, wenn er weidlich räsoniert und geschimpft hat, dann zieht er hochbefriedigt nach Hause. – „Was ist er doch für ein Mordskerl!“ – Voll Behagen legt er sich neben sein Weible, zieht seine Decke über die Ohren, murmelt noch einmal: „ja wenn – ich –!“, und schon ist er sanft entschlafen.
Währenddessen stehen draußen an der Westfront vom Meer bis zur Schweiz, an der hunderte von Kilometern langen Front feldgraue Männer in schwerem Dienst und halten bei Wind und Wetter, bei Regen und Schnee treue Wacht, damit er ruhig schlafen kann. Währenddessen sinken ungenannt und unbekannt so viele brave Menschen unter dem feindlichen Blei, zerrissen von der feindlichen Granate dahin. Hunderte müssen ihr junges Leben lassen, bei Hunderten erfüllt sich das Schicksal, Hunderten zerbricht die Seele im Leib. Oft und oft wanken sie nur noch Gespenstern gleich einher, abgerackert, ausgemerkelt. – Und am andern Tag steht wieder in der Zeitung: „Im Westen nichts Neus“.
Je stiller dieses Heldentum der Front ist, desto größer ist es. Sie machen nicht viel Aufhebens von sich, die Leute an der Westfront. Unverdrossen, selbstlos tun sie ihre harte, schwere Pflicht, durch Not und Tod fest zusammengeschweißt, Offiziere, Unter-offiziere und Mannschaften.“


aus: „Ehrenbuch des württembergischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 248“, Stuttgart 1932

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