Sonntag, 2. November 2014

2. November 1914




„Am 2. November begann der Angriff mit einer bald nach Tagesangruch einsetzenden gewaltigen Beschießung der Wälder  nördlich Groenenburg durch die Feldartillerie. Eine Wirkung auf den Feind, dessen Sicherungen sich etwas weiter in das Innere zurückzogen, konnte nicht beobachtet werden.

8 Uhr vormittags brachen die Schützen der 7., 3., 4. Kompagnie vor. Die 6. Kompagnie, die schon beim Antreten vom linken Flügel der 132er stark nach links gedrängt worden war, wurde vom Kommandeur des II. Bataillons in Reserve genommen und folgte mit der 8. in zweiter Linie. Die 5. Kompagnie verblieb als Regimentsreserve zunächst an ihrem Aufstellungsort. In flottem Sprung erreichten die Kompagnien, kaum beschossen, das nördlich Groenenburg liegende freie Feld überquerend, den gegenüberliegenden Waldrand. Hier aber geriet der Angriff ins Stocken; in wirrem Durcheinander lagen kreuz und quer zusammengeschossene Bäume, meistens Tannen, herum, ein gefährliches Hindernis für unserer Musketiere. Der in nur geringer Entfernung liegende unsichtbare Gegner geizte nicht mit Munition und schoß leider auch vorzüglich sicher. Die Verbände vermischten sich; starke Verluste traten ein, namentlich durch Flankenfeuer von rechts, weil dort der Angriff der 132er nicht recht vorwärts kam.

Nach Einsatz der Reservekompagnien des I. Bataillons, sowie der 8. Kompagnie, gelang es, die furchtbar gelichtete vorderste Linie bis zu dem nach Het Papotje-Ferme führenden Hohlweg vorzubringen, der als erstes zu erreichendes Ziel befohlen war und einigermaßen Deckung bot gegen das rasende Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, welches den Stürmenden aus der westlich des Hohlwegs befindlichen englischen Hauptstellung entgegenschlug.

Jeder Versuch, über den Hohlweg hinaus vorzudringen, kostete Blut und mußte scheitern, weil das Gewirr von Baumstämmen und dichtes Gestrüpp das Innehalten einer bestimmten Richtung unmöglich machten. Auf jede, auch die geringste Bewegung von deutscher Seite antwortete der Feind mit Schnellfeuer.

Um die Mittagsstunde führte Major Wald die Trümmer beider Bataillone auf die Ausgangsstellung zurück, um die der meisten ihrer Unterführer beraubte, völlig durcheinandergeratene Truppe einigermaßen zu ordnen. Patrouillen blieben am Ostrand des Waldes nördlich Groenenburg. Der größte Teil der 3. Kompagnie und viele Gruppen der 7. waren in die Linie der 132er geraten, aus der sie vorerst nicht zurückgezogen werden konnten.

Die beiden Regimentskommandeure, Oberst v. Schimpf und Oberst Kreyenberg, hatten klar erkannt, daß Weiterführung des Angriffs in der bisherigen Weise kaum zum Erfolg führen könnte. Ihre diesbezüglich bei Brigade und Division erhobenen Vorstellungen waren nutzlos. 6.15 Uhr abends erging der Divisionsbefehl, die 61. Inf.-Brigade müsse unbedingt 7 Uhr abends den gegenüber-liegenden Feind nochmals angreifen und werfen. Die Artillerie nahm gleichzeitig den Wald nördlich Groenenburg wieder unter Feuer. Eine Stunde später traten die Bataillone von neuem an. In dichter Schützenlinie ging’s lautlos – nur das Knacken abgetretener Zweige, das Klappern der Ausrüstung der Mannschaft war hörbar – in den vom Feind besetzten Wald hinein. Im Finstern tasteten sich die Kompagnien bis nahe an den Weg nach Het-Papotje-Ferme vor.

Da brach die Hölle los. Aus Front und Flanken prasselte uns wie am Vormittag ein fürchterliches Feuer aus Gewehren und Maschinengewehren entgegen. Die Schützen konnten vielleicht noch 50 bis 60 Schritte über den Hohlweg hinaus vor; dann war kein Mann mehr vorwärts zu bringen.

Das Getöse im Walde war unbeschreiblich. In das Klatschen der in die Baumstämme einschlagenden Geschosse mischte sich das Knattern unserer eigenen wie der feindlichen Maschinengewehre, das Krachen der über unsern Köpfen platzenden Revolverkanonengranaten, das Hurrarufen der todesmutig von rückwärts nachdrängenden Unterstützungen, das Blasen und Trommeln der wenigen noch am Leben gebliebenen Spielleute, die Schreie der zahllosen Verwundeten, welche durch Dum-dum-Geschosse meist furchtbare Verletzungen erlitten hatten. Die Finsternis war zeitweilig durchbrochen vom Lichtschein der aus allernächster Entfernung auf uns abgeschossenen Brandraketen. Wohl versuchten immer und immer wieder kleine Gruppen besonders beherzter Leute bis dicht an die durch Astverhaue und Drähte geschützte englische Stellung heranzukommen; erreicht haben sie nichts.

Etwa 9 Uhr abends stimmte Oberst v. Schimpf, welcher zusammen mit dem Stabe des I. Bataillons dicht hinter der vordersten Linie dem Angriff gefolgt war, dem Vorschlag des Majors Wald zu, die Reste der Kompagnien an den Hohlweg zurückzunehmen.

Durch Melder diesen Befehl weiterzugeben, hätte Zeitverlust bedeutet und vielleicht noch weitere Menschenopfer gekostet. Also mußte dieses Mal die Stimme herhalten, ohne Rücksicht darauf, daß auch der Feind dadurch vom Einstellen des Vorgehens Kenntnis erhielt.

Nach späterer Erzählung des zur Dienstleistung beim Regiment kommandierten Leutnants Kruhöffer vom Feldart.-Regt. 80 soll die Gefechtslinie wie von aller Not und allem Elend erlöst gewesen sein, als sie die wohlbekannte helle Kommandostimme des Bataillonskommandeurs hörte: „I. Bataillon beim Hohlweg sammeln!“ Die vielen kleinen Grüppchen waren sich in dem unheimlich finstern, im fahlen, hie und da durch die zerschossenen Baumkronen fallenden Mondlicht gespensterhaft wirkenden Walde, wo überall der Tod lauerte, doch recht verlassen vorgekommen. Nun faßten sie wieder Hoffnung bei dem Gedanken, daß wenigstens noch ein Führer am Leben war!

Nach und nach fand sich bei den am Hohlweg feuerbereit gehaltenen Maschinengewehren ein Häuflein von etwa 250 Mann ein. Das I. Bataillon und die bei ihm eingeteilten M.-G.-Züge hatten schrecklich gelitten. Hauptmann Hegelmaier (4.), die Leutnants d. R. Pfister (2.) und Eberhardt (3.) waren verwundet; fast alle Unteroffiziere und 380 Mann tot, verwundet oder vermißt. Die tapferen Führer der M.-G.-Züge, Vizefeldwebel Staneker und Segeant Kreßner, sowie ein Gefreiter und zwei Richtschützen hatten den Heldentod gefunden; zwei weitere Unteroffiziere und fünf Maschinengewehrschützen waren verwundet, so daß nur noch zwei Maschinengewehre besetzt werden konnten. Die Verluste der beim Inf.-Regt. 132 eingeschobenen 3. Kompagnie, sowie des II. Bataillons, dessen Führung nach der schon gleich bei Beginn des Antretens zum Nachtangriff erfolgten Verwundung des Majors v. Borowsky (Schrapnellschußverletzung an der Hüfte) Hauptmann Schulz der 6. Kompagnie übernommen hatte, waren etwas geringer gewesen, Leutnant Teichmann (8.), sowie Offizierstellvertreter Schaeffer (3.) verwundet worden.

Trotz des noch lange Zeit hindurch mit unverminderter Heftigkeit anhaltendem feindlichen Feuers haben sich die Meldegänger des Bataillonsstabs oder andere in unmittelbarer Nähe befindliche Leute freiwillig erboten, Nachrichten über die Lage der weit verstreut im Walde liegenden Teile des Regiments zu holen. Der wackere Gefreite Hauß der 3. Kompagnie hat dreimal einen solchen gefahrvollen Gang ausgeführt; auf dem letzten brach er schwer verwundet zusammen. Auch den Gefreiten Bayer der 2. Kompagnie, der in allen seitherigen Schlachten und Gefechten als unzertrennlicher Begleiter seines Bataillonskommandeurs unzählige Beweise von Opfermut und Kaltblütigkeit geliefert hatte, traf das gleiche Schicksal, als er hinter der Gefechtslinie im stärksten Kugelregen entlang eilte, um die Lage am rechten Flügel beim Inf.-Regt. 132 festzustellen. Fünf Monate später ist dieser Tapfere, von seiner schweren Verwundung kaum geheilt, wieder beim Regiment eingetroffen, bald darauf aber als Unteroffizier vor Hooge den Heldentod gestorben.

Bis nach Mitternacht lagen die Reste des I. Bataillons, dabei der größte Teil der 7. und 8. Kompagnie, flüchtig eingegraben am Hohlweg in genau derselben Stellung, die das Regiment später, nachdem auch an der Ypernfront der Grabenkrieg begonnen hatte, vom 26. Dezember 1914 an bis zum Mai 1915 zu halten bestimmt gewesen ist!“

aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126  „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

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