Samstag, 11. Juli 2015

11./12. Juli 1915


„Die 7. württ. Landwehr-Division hatte ihr Feldrekrutendepot in Mülhausen. Haupt-mann d. L. Hegelmaier, der infolge Verwundung aus dem Landw.-Inf.-Reg. 119 hatte ausscheiden müssen, leitete die Ausbildung der Ersatzmannschaften. In einer abschlies-senden Besichtigung Anfang Juli 1915 hatte sich Exz. v. Wencher, der Divisionskom-mandeur, von der trefflichen Schulung des Feldrekrutenbataillons überzeugen können. Nun sollte auf seinen Befehl das Bataillon seine erste Feuerprobe bestehen. Die Division stellte das „Bataillon Hegelmaier“ der 51. Landw.-Inf.-Brigade zu einer Unternehmung zur Verfügung.
Die Brigade faßte nun den Plan, der gespannten Lage am berüchtigten Stellungsknie bei Ammerzweiler ein Ende zu machen und die feindliche Stellung an der Straßengabel Niederburnhaupt – Balschweiler, Ammerzweiler – Gildweiler zu stürmen und in Besitz zu nehmen. Sie ging dabei von der Annahme aus, daß das dortige Stellungssystem des Feindes ein für sich abgesondertes Werk ohne unmittelbaren Zusammenhang mit den feindlichen Stellungen auf dem Lerchenberg und auf der Geländewelle nördlich Balschweiler sei. Außerdem war es die Absicht des der Brigade unmittelbar unter-stellten Pionierhauptmanns Stauffert, die sogenannten Horchstollen als Angriffsstollen bis unter die feindliche Stellung vorzutreiben und das feindliche Werk in die Luft zu sprengen.
So reifte in der 51. Landw.-Inf.-Brigade der Entschluß, das Rekrutenbataillon zu diesem Angriff zu verwenden. Der Befehl zum Sturm erging für den 11. 7. 1915. Die Frage, ob es richtig war, an Feuer nicht gewöhnte Rekruten zu einer solchen Aufgabe zu verwenden, mag unerörtert bleiben, so wichtig sie auch an sich erscheinen mag. Aber, davon ganz abgesehen, war der Plan, den deutschen Stellungskeil noch weiter vorzutreiben, und den rechten Winkel zu einem spitzigen zu machen, ein glücklicher? Der Herausgeber dieser Schrift bezweifelt es heute noch so gut wie damals. Die Stellung wurde durch den spitzen Keil, der der Flankierung von beiden Seiten unbarmherzig preisgegeben war, doch niemals verbessert! Auch nach Ansicht der Fronttruppen waren nur zwei Wege möglich: entweder einen größeren Angriff mit Hilfe von 1 bis 2 Regimentern zu unternehmen und den Gildweiler Wald bis etwa in Höhe der Ortschaft Gildweiler in Besitz zu bringen (das wäre wahrscheinlich eine treffliche Stellungs-verbesserung gewesen), oder aber einen Patrouillenvorstoß mittels Überraschung zu machen, um dabei festzustellen, ob die Franzosen auf der Gegenseite minierten oder nicht, ohne aber die eroberten feindlichen Linien dauernd zu halten.
Die Brigade wählte einen anderen Weg und befahl am 10. Juli – für die Fronttruppen ziemlich überraschend:
„Am 11. 7. 1915 abends wird mit Unterstützung der Artillerie, Minenwerfer usw. der an der Straße Niederburnhaupt – Balschweiler hart westlich Ammerzweiler liegende feindliche Schützengraben in Besitz genommen. Über die Straße Niederburnhaupt – Balschweiler ist keinesfalls hinauszugehen.“
Zu dem Angriff waren von den badischen Pionieren schon seit einigen Wochen hinter dem Vorwerk Sautter Stände für einen schweren und einen mittleren Minenwerfer, sowie zwei Erdmörser, und in der „Dragonerstellung“ ein Stand für einen mittleren Minenwerfer eingegraben worden. Außerdem hatte die Brigade durch Armierungs-soldaten einen 600 Meter langen Laufgraben von der Mitte der Lerchenberg-Kompanie bis zum Laufgraben Bernweiler – Niederburnhaupt ausheben lassen. Den Sturm auf die feindliche Stellung hatte das Rekrutenbataillon Hegelmaier mit 9 führenden Patrouillen und 2 schweren Maschinengewehren, je vom Landw.-Inf.-Reg. 123, und Pionieren der 2. bad. Res.-Pionier-Komp. 14 zu unternehmen. Hauptmann Hegelmaier setzte zunächst drei Kompagnien zum Angriff ein: die 3. Rekrutenkompagnie frontal, die 1. unter Hauptmann Lemppenau am rechten, die 4. am linken Flügel. Als Reserve war neben der 2. Rekrutenkompagnie die 4./L. 123 unter Oberleutnant Kemmler in Ammerzweiler bereitgestellt. Außerdem hatte die Brigade das ihr hierzu überwiesene III./Landw.-Inf.-Reg. 126 unter Major von Breuning für den Notfall nach Bernweiler vorgezogen. Die Stellung des I./L. 123, das in Vertretung des beurlaubten Majors Graf, Major d. R. Gutermann vom III. Bataillon führte, war entsprechend der damaligen Gefechtsart stark besetzt. Die 3. Komp. auf dem Lerchenberg war durch den Zug des Leutnants Wörz, die 2. Komp. in der Ammerzweiler Südstellung durch einen Zug der 6./L. 123 verstärkt worden. Die ganze 1. Komp. hatte die Ammerzweiler Weststellung inne. Starke Kräfte an Artillerie und Pionieren waren herangeholt worden. Fernsprechtrupps und ½ Sanitätskompagnie 31 vervollständigten das Bild der eingesetzten Kräfte.
Es gelang, die Vorbereitungen ohne Kenntnis durch den Gegner zu treffen und den Feind zunächst völlig zu überraschen. Punkt 7.30 Uhr abends setzte am 11. Juli das Feuer der deutschen Artillerie und Minenwerfer unter Hauptmann von Rhönecks Leitung ein. Mächtig hallte das Echo der in den feindlichen Gräben berstenden schweren und mittleren Minen und der 21-cm-Granaten vom Gildweiler Wald herüber. Nur zaghaft wagte der Feind zunächst zu antworten. Da schlug zum großen Schrecken ein Kurzschuß einer deutschen 21-cm-Granate in die Kirche von Ammerzweiler und in rascher, nicht mehr abzuwendender Folge ein zweiter mitten in die Sturmkolonne der 3. Rekrutenkompagnie ein und tötete etwa 12 und verwundete gegen 60 brave Landwehrleute. Ein böser Schlag für das Unternehmen, dieser Kurzschuß, der nach Angabe der Artilleristen von ungenauer Konstruktion oder unrichtigem Granatgewicht herrührte!
9.05 Uhr abends wird die mit einigen Zentnern Sprengstoff gefüllte Mine unter gewaltigem, erdbebenartigem Getöse in die Luft gesprengt, die auf mehrere 100 m im Umkreis Erdschollen und Steine in die Luft emporschleuderte.
Unmittelbar nach der Explosion stürmen die Kompagnien des Rekrutenbataillons unter Hauptmann Hegelmaier in drei Kolonnen, von den Patrouillen des Landw.-Inf.-Reg. 123 geführt, mit dem Bajonett gegen die feindliche Stellung vor. Hauptmann Lemppenau gelingt es, mit der 1. Rekrutenkompagnie den feindlichen Graben nördlich des Straßenkreuzes zu nehmen, Gefangene zu machen und sein Ziel zu erreichen. Erheblich langsamer kommt die 3. und die ihr bald zur Verstärkung beigegebene 2. Rekruten-kompagnie voran; ihr gegenüber wehrt sich die Besatzung, die durch unser Artilleriefeuer nicht gelitten hatte, durch kräftiges Feuer. Doch schließlich haben auch sie Erfolg, als sie aus dem neuen Trichter heraus unter Hurrarufen mit aufgepflanztem Seitengewehr den Graben nehmen.
Ganz schwierig aber gestalten sich die Verhältnisse am linken Flügel; die hier stürmende 4. Rekrutenkompagnie gerät, noch ehe sie das feindliche Drahtverhau erreicht, in heftiges Maschinengewehrfeuer aus der linken Flanke und erleidet schwere Verluste. Sie arbeitet sich zwar an das feindliche Hindernis heran, kann es aber nicht überwinden. Anscheinend hatte hier der Feind unsere Sturmgassen, so sorgfältig sie auch verborgen waren, entdeckt. Als hier der nächtliche Angriff ins Stocken gerät, schickt Major Gutermann als Abschnittskommandeur, Oberleutnant Kemmler mit seiner 4./L. 123 zur Unterstützung vor. Doch bis sie an Ort und Stelle kommt, war es schon zu spät. Der Widerstand der feindlichen Maschinengewehre am linken Flügel und in der Flanke war nicht mehr zu brechen. Die Annahme der höheren Führung, als ob die französische Stellung nicht mit den feindlichen Gräben nordwestlich Balschweiler zusammen hänge, erwies sich als Irrtum.
Inzwischen hatten die zum Ziele gelangten Sturmkolonnen des Rekrutenbataillons den hinter der ersten Linie liegenden zweiten feindlichen Graben in einer Länge von 400 Meter südöstlich des Straßenkreuzes ebenfalls gestürmt und waren mit Eifer an die Errichtung einer neuen Verteidigungslinie in den eroberten Gräben und an Absperrung nach vorwärts und den Seiten gegangen. Die Arbeit sicherten die zwei Maschinen-gewehre des Landw.-Inf.-Reg. 123 unter Leutnant Dinkel, Friedrich. Gleichzeitig versuchte Hauptmann Stauffert mit Pionieren und Mannschaften der 12./L. 123, die hierzu von Major Gutermann vorgezogen worden war. einen Laufgraben vom Vorwerk Sautter bis zum Trichter und zu den eroberten französischen Gräben auszuheben. Doch der Boden war steinhart; die Arbeit ging langsam voran.

Inzwischen aber – es war Mitternacht geworden – hatten die Franzosen eiligst Verstärkung an Artillerie herangeholt. Und nun begann ein gewaltiges, von allen Seiten kommendes, konzentriertes Bombardement der verlorenen Stellung mit einem Munitionsaufwand, wie ihn nur der Feind sich in dieser Zeit leisten konnte. Vom Ausbau der Stellung konnte keine Rede mehr sein. Das Feuer war zu stark und die Verluste zu groß.
Und nun rüstete sich der Gegner zum Gegenstoß, wobei er die Flankierungsmöglichkeit meisterhaft ausnützte. An ein Niederhalten der feindlichen Artillerie durch die deutsche war schon aus Gründen des beschränkten Vorrates an Munition nicht zu denken. Kam der Tag, so war nach Lage der Verhältnisse, insbesondere des ungünstigen Geländes, das Halten der Stellung unmöglich, ohne die Aufopferung der ganzen Besatzung. Da entschloss sich Generalmajor Trützschler von Falkenstein, auf wiederholtes Ansuchen aller in Betracht kommenden Führer, den Graben nach Mitnahme sämtlicher Toten und Verwundeten und Zerstörung der Anlagen wieder zu räumen. Der Rückweg in der Dunkelheit gestaltete sich in dem feindlichen Feuer besonders schwierig. Die Verbände der im Gelände nicht bekannten Rekrutenkompagnien lockerten sich; es entstand ein ziemliches Durcheinander. Und das Schlimmste dabei war, daß die Franzosen gleichzeitig ihren Gegenstoß ausführten. So ging trotz heldenmütiger Verteidigung einzelner Gruppen im Gewirr des nächtlichen Gefechts der Minentrichter verloren. Der Gegner erfaßte in raschem Entschluß seinen Vorteil und setzte sich darin fest.
So endete der anfänglich gut verlaufende Angriff mit einem Mißerfolg, der hätte erspart werden können. Und nun zeigte es sich, als der Tag über dem blutigen Gefechtsfeld anbrach, daß die Pioniere sich mit der Lage ihres Minenstollens gewaltig verrechnet hatten. Statt die feindliche Stellung am Straßenkreuz damit zu zerstören, saß der etwa 12 m im Durchmesser fassende Trichter nicht in, sondern 20 m vor der feindlichen Stellung; statt den Feind zu schädigen, gab man ihm im Trichter ein Mittel in die Hand, seine Verteidigung zu stärken. Da er unmittelbar vor dem feindlichen Graben war, wurde er zu einem vorgeschobenen, für unsere Artillerie schwer faßbaren Bollwerk. Auch wenn er in deutschen Händen geblieben wäre wären für die Zukunft nicht weniger schlimme Zustände entstanden, als sie die Entwicklung nachher ergab. Die Verluste dieses Nachtangriffs waren schwer: mehr als 25 Tote, darunter der Artilleriebeobachter, Leutnant d. R. Bader vom württ. Landw.-Feldart.-Reg. 1, und über 150 Verwundete, in der Mehrzahl vom Rekrutenbataillon, wurden gezählt. Dazu kamen noch mehrere Vermißte. Was wollten die acht gefangenen Franzosen, der erbeutete Minenwerfer und das übrige eroberte Geräte dagegen sagen? Die Opfer standen in keinem Verhältnis zum Zweck des Unternehmens.“


aus: „Württembergisches Landw.-Inf.-Regiment Nr. 123 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

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