Donnerstag, 2. Juli 2015

2. Juli 1915


„Nach einer sehr unruhigen Nacht, in welcher der Franzose auch mit schweren Kalibern in die neuen Abschnitte der Kampfbataillone feuerte, brach der 1. Juli an, welcher die Fortsetzung des Angriffs, die Wegnahme des grünen Grabens bringen sollte. Da das II. Bataillon rechts bereits die gewollte Linie erreicht hatte, kam nur das I. Bataillon hierfür in Betracht, welches 3.15 Uhr nachmittags erneut den Gegner angreifen sollte. ½stündiges Artilleriefeuer auf die vordere Stellung des Gegners sollte dem Bataillon den Weg ebnen, aber als die 3. und 4. Kompagnie mit Schützen aus den Sappenköpfen heraussteigen wollten, erhielten sie sofort aus drei Richtungen heftiges Maschinen-gewehrfeuer und mußten sich damit begnügen, einige kleinere Grabenstücke im Handgranatenkampf in ihren Besitz zu bringen. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Vorbereitung zu diesem Angriff zu kurz gewesen war, und ein neuer Plan wurde gefaßt, den der Generalstabsoffizier der Division selbst um Mitternacht zum Gefechtsstand des Regiments verbrachte. Darnach mußte nach einer zweistündigen zusammengefaßten Artillerievorbereitung die gegnerische Stellung, die für das Grenadierregiment in der Hauptsache aus einem vor der Front liegenden besetzten Waldlager bestand, am 2. Juli von diesem frontal angegriffen werden, während zwei Bataillone der Korpsreserve (ein Bataillon württ. Landwehr 124 und ein zusammengestelltes Bataillon der 33. Division) den grünen Graben, hinter dem linken Flügel des Grenadierregiments nach links einschwenkend, aufrollen sollten um ein völlig einheitliches Handeln der Angriffs-truppe zu ermöglichen, wurde die 68. Brigade, die den grünen Graben aus der Front anpacken mußte, der 27. Division unterstellt, die ihrerseits mit der Leitung Major Freiherr von Lupin beauftragte. Dieser hatte daraufhin seinen Angriffsbefehl so gegeben, das das linke I. Bataillon von 4.30 Uhr nachm. ab in die während des Wirkungsschießens geräumte vordere Stellung einzurücken und zum Angriff bereit-zustellen habe, daß das III. Bataillon, zwischen den beiden andern des Regiments eingeschoben, den Angriff des I. Bataillons rechts von diesem mitmachen solle und daß die Bataillone der Korpsreserve um 4 Uhr nachmittags in der Nähe des Regiments-gefechtsstands, der im Zerbster Lager war, gefechtsbereit verfügbar sein mußten.
Am 2. Juli nachmittags 3 Uhr setzte das Vorbereitungsfeuer der eigenen Artillerie mit ähnlicher Kraft ein, wie am 30. Juni früh und, da das unmittelbar vor der Front des I. Bataillons liegende Hüttenlager ein ausgezeichnetes Ziel bot, konnte eine gute Wirkung nicht ausbleiben. Die Artillerie eines ganzen Korps feuerte auf den verhältnismäßig schmalen Raum von Hüttenlager und grünem Graben und es war zu erwarten, daß die Nerven der französischen Infanterie einer zweistündigen Dauer nicht gewachsen waren. So gelang es denn auch dem I. Bataillon, welches seit Februar unter Hauptmann Haußers Führung stand, mit 1. Kompagnie rechts, 2. links glatt aus der Sturmausgangs-stellung herauszusteigen, das Hüttenlager zu erreichen und in den stark ausgebauten Unterständen gründlich aufzuräumen. Eine Unmenge Material wurde erbeutet und mehrere Hundert Gefangene gemacht. Leider erlitt dabei der Führer der 1. Kompagnie, Hauptmann Karnapky den Heldentod, den nicht wenige der tapferen Stürmer mit ihm teilten. Aber trotz der Verluste gelang es den Kompagnien, noch über das Hüttenlager hinaus ein wesentliches Stück Gelände zu gewinnen und in der vorgeschriebenen Linie, 200 m jenseits der Straße nach Servon, gruben sie sich an einem sanft ansteigenden, mit dichtem Wald bestandenen Hang aufs neue ein.
Auch die 10. und 12. Kompagnie konnten erfolgreich in das Gefecht eingreifen und beteiligten sich am Sturm auf das Hüttenlager, wobei beide Kompagnien blutige Verluste erlitten. Im weiteren Vorgehen hielten sie sich rechts vom I. Bataillon und füllten aus eigenem Impuls die zwischen diesem und dem II. Bataillon entstandene Lücke aus; die Linie der 10. Kompagnie, die rechts lag, führte in der Mitte über den Schnittpunkt der Straße und der Harazee-Schneuse. Maschinengewehre hatten in der Houyette-Mulde ein ausgezeichnetes Schußfeld und fügten französischen Kolonnen, die auf der Schneuse heraneilten, schwere Verluste zu. Sie trugen mit dazu bei, daß den Franzosen, deren Kampftruppen als aufgerieben gelten mußten, die Lust zu Gegenangriffen genommen war, so daß die neue Linie fest in der Hand des Regiments blieb.
Das Artilleriefeuer des Gegners hielt unterdessen an und lag besonders auf den rückwärtigen Stellungen, Befehlsstellen und Annäherungsgräben. Die hier im Anmarsch befindlichen Reserven erlitten manche Verluste; u. a. wurde der Führer der 4. Kompag-nie, Hauptmann Freiherr von Perfall, unweit der Stellung E beim Vorgehen durch Granatsplitter am Kopf außer Gefecht gesetzt. Auch bei den Landwehrtruppen, die sich nach 5 Uhr zur Durchführung des Angriffs auf den grünen Graben heranschoben, rissen nacheinander zwei Volltreffer böse Lücken. Auch sie wurden von Hauptmann Haußer zum Sturm angesetzt, hatten aber bei dem unübersichtlichen Gelände, in das eine Unzahl kreuz- und querlaufender Sappen geschnitten war, einen schweren Stand. Als einzigen Anhalt konnte man ihnen noch sagen, sie sollten mit dem „Rücken gegen die Sonne“, d. h. mit Front nach Osten angreifen. Einzelnen Kompagnien gelang es auch, am rechten Flügel der 68. Brigade mit anzugreifen, die schon durch den tiefen Stoß der Grenadierkompagnien in ihrer rechten Flanke völlig entlastet war. So fiel auch der grüne Graben, in dem eine Menge Gefangener gemacht wurde, und damit stand den 67ern der Weg in den  freien Wald gleichfalls offen. Die Verbindung zwischen ihnen und der an unserem äußersten linken Flügel stehenden 1. Grenadierkompagnie konnte darauf ohne große Schwierigkeit erreicht und festgehalten werden.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920


siehe Skizze unter dem 9. Oktober 1914

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