Dienstag, 7. Juli 2015

7. Juli 1915


„Als Sturmtag wurde der 7. Juli, als Sturmzeit 4.45 Uhr vormittags festgesetzt.
Der Franzose mahnte. Am 30. Juni, am 2. und 4. Juli führte er Sprengungen zu den verschiedensten Tageszeiten durch, die Verluste unter den vor Ort arbeitenden Mineuren verursachten und die Bedrohlichkeit der Lage erneut mit aller Deutlichkeit offenbarten.
Es mußte alles daran gesetzt werden, dem Feinde seine Stolleneingänge für immer zu entreißen oder mindestens gründlich zu zerstören.
Jedermann war sich des Ernstes der Lage bewußt.
Am frühesten Morgen des 7. Juli, kurz nach Mitternacht, marschierten die Sturmtruppen von Neu-Württemberg nach der Stellung. Alles war voll Zuversicht. Laut tönte der Gesang durch den nächtlichen Wald. Wolken standen vor dem Mond.
Am Materiallager beim Erdwerk wurden Sturmgeräte, Leitern, Sandsäcke, Hand-granaten, Schutzschilde, Schanzzeug aufgenommen.
Während die Truppen in kurzen Abständen durch den Franz-Joseph-Weg, König-Wilhelm-Weg, Gneisenau- und Göbenstraße nach vorne eilten, um sich an den Ausfallpforten und in den Sappen, die von vorderer Linie zur Brietzstellung führten, aufzubauen, war die Artillerievorbereitung bereits in vollem Gange. Nicht allein auf dem Kuhkopf krachten und heulten die Granaten und wirbelten die Minen, im Ailly-Wald, im Bois Brûlé war das Bild nicht anders; der Franzose mußte irregeleitet werden über den Ort des Angriffs.
So verzettelte sich die Antwort der feindlichen Artillerie auf die ganze Front. Auf C und D freilich legte sie sich mit besonderer Heftigkeit.
Der Tag fing mit Glück an. Ohne Verluste kam man nach vorne. 4.35 Uhr standen die Handgranatentrupps auf ihren Plätzen. Schußsichere Unterbringung der Sturmtruppen während der ganzen Artillerievorbereitung in der Nähe der Ausfallstellen war wegen mangelnder Unterkunft nicht durchzuführen gewesen.
Noch 8 Minuten, die zu Stunden werden. Die Führer stehen mit der Uhr am Grabenrand, die Mannschaft duckt sich.
Heulend kommen unsere 21 cm-Granaten aus der Mörserschlucht herauf und stürzen sich auf die feindliche Stellung. Sie liegt in dichtem Qualm und Staub. Zuweilen zischt der Spucker über die Köpfe weg und verknallt irgendwo in der Dardanellen- oder Göbenstraße. Splitter und Steinfetzen schwirren durch die Luft. Leichter Regen rieselt nieder. 4.44 Uhr – ein Ruck im Boden: vor dem Nachbarregiment rechts geht eine Mine hoch.  Jetzt vorwärts – Hurra! Handgranaten- und Sturmtrupps stürzen aus dem Graben. Das Artilleriefeuer springt nach vorne. Man eilt über die Hindernisse, das Gewehr umgehängt, die Handgranate in der Rechten, reißt sich durch den Drahtwirrwarr, den das Minenfeuer übrig gelassen.
Von links her pfeift Maschinengewehrfeuer um die Köpfe, vorn im Graben tauchen Franzosen auf. Handgranaten fliegen. Allen voran eilen Leutnant Gmelin und Feldwebelleutnant Biedermann. Beide fallen schwerverwundet hart am feindlichen Graben – aber ihre Getreuen eilen über sie weg und werfen sich auf den Feind.
Durch den Kopf zuckt die Aufgabe. Im feindlichen Graben rechts, etwa 50 m, den ersten Graben links, geradeaus, dann wieder rechts – dann am Ziel.
Handgranaten fliegen in die Unterstände, Pistolenschüsse krachen; nach rechts und links werden die Gräben aufgerollt. Bleich, mit starrem Auge, mit zitterndem Knie drücken sich die Franzosen an die Grabenwand; sie tragen nagelneue blaugrüne Uniformen. Viele sind verwundet.
Man weist sie nach der deutschen Linie. Sie klettern aus dem Graben, rennen mit fliegenden Mantelschößen, den Kopf eingezogen, Arme hoch. „camerade, camereade!“ rufen sie von ferne.
Das Riegelfeuer unserer Artillerie haut in die Denezièresschlucht. Die Stoßtrupps arbeiten sich durch zur dritten französischen Linie. Da und dort ist der Graben eingeebnet; eingedrückte Faschinen sperren den Durchgang, tote Franzosen die Grabensohle. Eingeknickt liegt da und dort einer blutüberströmt im Winkel einer Schulterwehr.
Man kämpft um die dritte Linie. Infanterie- und Maschinengewehrfeuer schlägt allenthalben gegen die Stürmer. Leutnant Völter hat alle seine Reserven eingesetzt; Leutnant Lang führt Teile der Kompagnie Neuffer ins Feuer. Bei der dritten feindlichen Linie sehen sie die Explosionswolken der Handgranaten; dorthin stürzen die Braven, überspringen den ersten und zweiten französischen Graben, drücken sich durch Gestrüpp und Hindernis und werfen sich auf die dritte feindliche Linie. Jetzt weicht der Feind allenthalben und flieht die Mulde hinab zur Denezières-Schlucht. Er läuft in unser Riegelfeuer.
Die Gefangenen häufen sich.
5.30 Uhr meldet Leutnant Völter: „Die dritte französische Linie ist erreicht und von mir stark besetzt; sie wird eingerichtet. Verbindung nach links mit Ers./28 und nach rechts mit Res./4. ist hergestellt.“
Die Angriffsziele waren überall erreicht, vielfach überschritten. Leutnant Gerwig und Leutnant Seemann drangen bis in die obere Denezières-Schlucht vor, Leutnant Häussermann und Offizierstellvertreter Benz erreichten mit ihren Abteilungen den Steilabfall des Kuhkops. Die starre Wand unseres Riegelfeuers bot ihnen Halt.
Maschinengewehre wurden in die neue Stellung gebracht und vor allem zur Bestreichung der von der Denezières-Schlucht heraufführenden Mulde angesetzt, denn dorther mußte der französische Gegenangriff kommen.
Hauptmann Göhring und Leutnant Mammele trassierten inzwischen die neu zu schaffenden Verbindungsgräben, drei an der Zahl (die verlängerte Gneisenaustraße, Nickgraben und eine Verlängerung der Hindenburgstraße), stellten ihre Leute an, und ehe die Sonne durch den Morgennebel brach, waren die Verbindungen zur halben Tiefe ausgehoben.
Der günstigste Verlauf der neuen vorderen Linie wurde festgelegt, Arbeitstrupps zur Ausräumung der gänzlich zerschossenen feindlichen Linien angestellt.
Laufkommandos eilten nach vorne mit Schutzschilden, Hindernismaterial, Stollen-rahmen, Schanzzeug, Munition.
Verwundete wurden zurückgeschafft, die gefallenen Kameraden geborgen.
In der vorderen Linie scharrte man sich Löcher in die Grabenwand zum Schutz gegen die Artilleriegegenwirkung. Sie ließ nicht allzulang auf sich warten. Allmählich mußte ja auch der Franzose merken, wo es gepfiffen hatte; eine Batterie nach der andern wurde auf das neue Ziel gelenkt, und die Granaten, die anfangs nur einzeln herangepfiffen kamen, heulten jetzt lagenweise auf die schutzlosen Sturmtruppen. Die französischen Unterstände waren zum Teil eingeschossen, und vor allem gab es keine in der dritten französischen Linie. Gegen 11 Uhr – es war ein klarer, heller Sommertag geworden – heulten von Liouville 15- und 21-cm-Granaten herüber; gelb färbte sich der Fels, wo sie einschlugen.
Kurz vor Abend ballten sich in der Denezières-Schlucht Feinde zusammen; sie wurden von unserem Artilleriefeuer zersprengt, bevor sie sich unsern Linien nähern konnten.
Das war der einzige Versuch eines Gegenangriffs an diesem Tage.
Die Verluste, die während des eigentlichen Sturms gering gewesen waren, steigerten sich; zwei Maschinengewehre wurden bis zum Abend außer Gefecht gesetzt. der spätere Vizefeldwebel Zimmermann (aus Beilstein) hat sich hier als Führer eines Maschinen-gewehrs die goldene Militär-Verdienstmedaille erworben.“


aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

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