Samstag, 18. Juli 2015

18. Juli 1915


„Auf schlechten Feldwegen rückte das Füsilier-Regiment um 11 Uhr abends als Vorhut der Division über Tarnogora – Romanow nach Krasnostaw. In der Morgendämmerung erreichte die Spitze die Stadt. Nebel stiegen aus dem Wieprztal.
Vom Verlauf der eigenen oder feindlichen Linien war nicht das mindeste bekannt. Zu Erkundungen war keine Zeit gewesen. Als es hell wurde, erkannte man drüben auf den Osthängen  des Wieprz-Tals russische Abteilungen, an denen man bisher im Schutz der Dämmerung auf kaum 1400 Meter entlang marschiert war. Es war damals noch Bewegungskrieg reinster Sorte! Über den Reitertrupp des Regimentsstabs pfiff eine Salve hinweg.
Der Regimentskommandeur versammelte das Regiment zunächst im Südteil von Krasnostaw, gedeckt gegen die feindlichen Höhen, und erkundete die Kampflage. Allmählich klärte sich das Bild.
Der Russe hatte sich östlich Gory und Zastawie eingegraben und lag im Kampf mit dem Regiment Elisabeth, das er stellenweise durch starke Teilangriffe schwer bedrängte. Südlich vom Regiment Elisabeth waren deutsche Truppen nicht aufzufinden. Es „sollte“ südlich Zastawie ein in seiner Stärke und Zusammensetzung unbekanntes „Detachement v. Luck“ stehen, mit dem Fühlung zu nehmen vorläufig aber nicht gelang.
Gegen 3 Uhr vormittags schlugen die ersten feindlichen Granaten in Krasnostaw ein. Um die selbe Zeit flackerte auch auf den Höhen jenseits des Wieprz das Infanteriefeuer auf, das bisher geschwiegen hatte. Gleichzeitig ging bei Oberst von Triebig, der sich bei der Kirche von Krasnostaw befand, der Divisionsbefehl ein, „im Angriff mit dem Regiment, zusammen mit den Elisabethern, sich in Besitz der Höhe 256 östlich Gory zu setzen“.
Südlich vom Gardekorps, so hieß es im Divisionsbefehl weiter, sollte die 22. Infanterie-Division im Kampf um den Wolica-Abschnitt stehen. Diesen Übergang zu erleichtern, war der Zweck des Angriffs der 105. Division.
Oberst von Triebig gab hierauf folgenden Befehl an seine Bataillone:
„Der Feind hält die Höhe 256 östlich des Wieprz. Garde-Grenadier-Regiment Elisabeth liegt mit rechtem Flügel etwa am Weg Gorny – Lany. Füsilier-Regiment 122 setzt sich rechts vom Regiment Elisabeth in den Besitz der Höhe 256, I. Bataillon im Anschluß an die Garde, III. Bataillon rechts vom I. Das II. Bataillon rückt hinter den rechten Flügel des Regiments zum Schutz der Südflanke. Ich bleibe zunächst an der Brücke von Krasnostaw.“
Die Ausführung dieses Befehls begann etwa um ½4 Uhr morgens. Die Bataillone überschritten die Wieprz beinahe unbehelligt vom Feind und stellten sich am Ostrand von Gory bereit. Von diesem Dorf aus zogen sich die Hänge sehr steil nach Osten hinauf, so daß im Dorfe unten völlig ungesehen die Entfaltung der Truppe vorgenommen werden konnte.
Gegen ¼5 Uhr morgens erstiegen die 3. und 4. Kompanie rechts vom II. Bataillon der Garde-Grenadiere die Steilhänge. Gleichzeitig beschoß der Russe Gory und die vorgehenden Schützen mit Schrapnells. Um ½5 Uhr wurde das Feuer auf den etwa 900 Meter entfernten Gegner eröffnet. Wenig später traten auch die vordersten Kompanien des III. Bataillons rechts vom I. in den Kampf.
Nach kurzem Feuergefecht hatten sich die Kompanien des Füsilier-Regiments bis 5 Uhr auf 2100 Meter an den Feind herangearbeitet. Nachdem von hier aus der Russe weitere 15 Minuten unter lebhaftes Feuer genommen worden war, sah man einzelne Leute des Gegners durch die Kornfelder zurückschleichen. Andere liefen unter Schwenken von weißen Tüchern über. Die Höhe 256 wurde hierauf um ½6 Uhr morgens vom I. und III. Bataillon erstürmt und dabei etwa 100 Russen gefangen.
Dadurch daß das I. Bataillon nun nicht in östlicher, sondern etwas südöstlicher Richtung zum Angriff vorgegangen war, hatte sich bei Wegnahme der Höhe 256 zwischen diesem Bataillon und dem Regiment Elisabeth eine Lücke gebildet. Eine Schwenkung oder ein Seitwärtsrücken war angesichts des Feindes, der noch östlich Höhe 256 mit seinen Hauptkräften in Stellung lag, nicht möglich. Aus diesem Grunde wurde um ½8 Uhr vormittags das II. Bataillon des Regiments auf dem linken Flügel in der erwähnten Lücke eingesetzt. Diese Bewegung dauerte mehrere Stunden, da das Bataillon, das den Schutz der Südflanke des Regiments übernommen und hierzu bereits zwei Kompanien südöstlich Zastawie entwickelt, hatte, diese Teile erst wieder einziehen und im Wieprz-Tal nach Norden rücken mußte. Gegen Mittag war die Verschiebung durchgeführt. Die Fortsetzung des Angriffs wurde auf ½1 Uhr nachmittags festgesetzt.
Es galt nun, den Gegner, der auf den Höhen westlich Lany lag, zuwerfen und Lany zu erreichen. Der Feind war stark. Seine Artillerie entwickelte seit 9 Uhr vormittags eine äußerst lebhafte Tätigkeit. An mehreren Stellen traten empfindliche Verluste ein. In Gory flog ein Munitionsdepot in die Luft.
Nur langsam konnten die Kompanien ostwärts Boden gewinnen.
Gegen 2 Uhr nachmittags gingen aus den Waldstücken südlich Lany überraschend starke feindliche Abteilungen zum Angriff gegen das III. Bataillon vor, das unter dem Befehl des Hauptmanns v. Seel auf dem rechten Flügel des Regiments kämpfte. Das Bataillon warf jedoch nicht nur den Angreifer mit blutigen Köpfen zurück, sondern drängte ihm auch noch bis zur Höhe 245 nach und hielt sich dort tapfer gegen einen weiteren russischen Vorstoß, der gegen ½3 Uhr einsetzte.
Beim I. und II. Bataillon war um diese Zeit der Angriff völlig ins Stocken geraten. Oberst von Triebig schob daher das ihm seit 1 Uhr nachmittags unterstellte III. Bataillon des Infanterie-Regiments 129 zwischen das I. und II./122 ein, um den Angriff erneut in Fluß zu bringen. Allein das sehr starke feindliche Artilleriefeuer und die unzureichende eigene Artillerieunterstützung – unsere Batterien hatten sehr ungünstige Stellungen – machten einen weiteren Angriff unmöglich. Die Division entschloß sich deshalb gegen ½5 Uhr nachmittags, den Angriff für diesen Tag einzustellen. Die Bataillone erhielten den Befehl, sich für die  Nacht in den erreichten Stellungen einzugraben. Als weiterer Rückhalt für feindliche Vorstöße wurde am Abend noch das II. Bataillon des Infanterie-Regiments 129 dem Füsilier-Regiment unterstellt und nach der Mulde südlich Gory gezogen.“




aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

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