Donnerstag, 30. Juli 2015

30. Juli 1915


„4.20 Uhr morgens eröffnen Flammenwerfer, Artillerie und Minenwerfer schlagartig das Feuer. 4.22 Uhr brechen die drei Sturmkompagnien, Handgranatenwerfer an der Spitze, vor und dringen im ersten Anlauf in Trichter und vorderen Graben ein; nur die 6. Kompagnie hat einen kurzen Aufenthalt dadurch, daß eine zu kurz gehende Mine in ihre Reihen einschlägt und Verluste verursacht.
Die englische Besatzung, soweit sie nicht flieht, wird gefangen oder niedergemacht; nur zwei Maschinengewehre im Angriffsraum der 6. Kompagnie leisten hartnäckigen Widerstand; aber in rücksichtslosem Draufgehen werden sie nach zähem Kampf schließlich erledigt.
Währenddessen rückt die 4. Kompagnie in den Trichter nach, greift mit einem Zug die noch von Engländern besetzten westlichsten Häuser von Hooge an, aus denen starkes M.-G.-Feuer die 2. Kompagnie flankiert und am weiteren Vorwärtskommen hindert, und füllt mit einem Zug die bei dieser Kompagnie entstandenen Lücken aus. Dank dieser Unterstützung gelingt es der 2. Kompagnie, den Anschluß an die 3. Kompagnie zu gewinnen und mit dieser nach heftigen Kämpfen um den zweiten Graben das Angriffsziel zu erreichen.
Auf dem linken Flügel ist inzwischen die 6. Kompagnie durch ein drittes englisches Maschinengewehr, das durch einen Offizier sehr geschickt bedient wird und starke Verluste verursacht, von neuem aufgehalten worden. Sie hat ihren dritten Zug bereits eingesetzt und von der 1. Kompagnie, die in den Abschnitt C nachgerückt ist, Verstär-kung erhalten. Auch das dritte Maschinengewehr wird genommen. Unteroffizier Keller aus Schwann (OA. Neuenbürg) säubert mit seinem Handgranatentrupp den vom Preußenhaus in südöstlicher Richtung führenden Graben vom Gegner, der hier noch zähen Widerstand leistet; weiter geht der Sturm und bald ist das Angriffsziel erreicht; ja Vizefeldwebel Grohe stürmt noch weit darüber hinaus dem fliehenden Gegner nach. Er wird mit seinem Zug zurückgeholt. Fast gleichzeitig mit den Schützen erreichen auch die beiden Maschinengewehre des Sturmbataillons unter Unteroffizieren Rosenstock aus Biberach und Blank aus Schramberg die vorderste Linie und beteiligen sich wirkungs-voll an dem Verfolgungsfeuer.
Der Gegner (VIII./Rifles-Brigade der 14. Division, die vorher neun Wochen im Ruhelager zugebracht hatte) war auf vorbereitete Stellungen im Zouavenwäldchen zurückgegangen. Seine blutigen Verluste waren sehr stark, die eigenen bis dahin mäßig.
5.30 Uhr morgens kann Hauptmann Erhardt bereits das erreichte Ziel und die Beute – 4 Maschinengewehre, 5 Minenwerfer, große Mengen von Waffen, Munition und Aus-rüstung und 19 Gefangene – melden. Die geringe Zahl der Gefangenen erklärt sich aus der Erbitterung, mit der Nahkampf geführt wurde, wo der Engländer überhaupt standhielt; die 4 Maschinengewehre mußten alle im Feuer gestürmt werden. Dabei zeichneten sich neben dem schon erwähnten Unteroffizier Keller, der trotz einer nicht unerheblichen Kopfwunde bei der Kompagnie blieb, bis er durch eine zweite schwere Verwundung kampfunfähig gemacht wurde, Leutnant Wollinsky, der die Sturm-abteilung der 6. Kompagnie führte, ferner die Unteroffiziere Nick der 4., Alfons Straub der 1. und Koch der 6. Kompagnie durch hervorragende Tapferkeit und Gewandtheit aus.
Der Abschnittskommandeur, Major Blezinger, war den Vorgängen des Kampfes mit scharfem Auge gefolgt und hatte alle Maßnahmen getroffen, um den Erfolg zu sichern. Seine 8. Kompagnie hatte den Befehl erhalten, eine Verbindung von der Sturmstellung nach dem Trichter und von diesem nach dem rechten Flügel der 2. Kompagnie herzustellen. Die 7. Kompagnie war beauftragt worden, die Verbindung mit dem linken Flügel der 6. Kompagnie durchzuführen.
Der Ausbau der eroberten Stellung wurde von dem Sturmbataillon, verstärkt durch weitere vier Maschinengewehre, ohne Zögern in Angriff genommen. Zur Unterstützung desselben schob Major Blezinger die 10. Kompagnie und einen Handgranatentrupp der 9. in den alten Abschnitt C vor, während das Regiment von seinem Gefechtsstand in Pozelhoek aus die 10. Kompagnie durch die 12. ersetzte und die 11. zur Verfügung von Major Blezinger stellte. Die schon vorher eingeteilten Arbeitertrupps der 1. und 4. Kompagnie durchbrachen den Feuergürtel der feindlichen Artillerie und versorgten die Sturmtruppen mit Sandsäcken, Schutzschilden und Munition. Hier wie später unter noch schwierigeren Verhältnissen beim Fort Vaux tat sich der Unteroffizier Bollinger der 1. Kompagnie durch außergewöhnliche Tatkraft und Unerschrockenheit hervor. Bald setzte jedoch feindliches Granat- und Schrapnellfeuer ein, das die Arbeiten stark behinderte und ständig zunehmende Verluste verursachte.
Unsere Artillerie, die einen Beobachter in den vordersten Graben entsandt hatte, erwiderte das Feuer zwar, aber ohne es wesentlich dämpfen zu können. Um Mittag waren Transportansammlungen hinter der feindlichen Stellung wahrnehmbar. 2.30 Uhr traf Hauptmann Erhardt in der vorderen Linie ein und verständigte die Artillerie von der Lage, die noch gespannter wurde, als bald darauf Meldung von Truppenbewegungen aus westlicher Richtung auf das Zuavenwäldchen einging. 3 Uhr nachmittags steigerte sich das Feuer der englischen Artillerie zum Trommelfeuer. 3.40 Uhr trat der Gegner aus dem Zuavenwäldchen zum Angriff an. Er brach auf halbem Wege im Feuer unserer Besatzung, die in dem großenteils eingeebneten Graben unter Hauptmann Erhardt wacker aushielt, zusammen. Die Masse der Angreifer flutete unter starken Verlusten zurück; der Rest suchte im Gelände Deckung. Auch hierbei zeichneten sich wieder die Unteroffiziere Rosenstock und Blank durch Schneid und Kaltblütigkeit aus. Ersterer bediente sein Maschinengewehr selbst und verstand es, nicht nur frontal, sondern auch flankierend vortrefflich zu wirken.
Das Trommelfeuer geht weiter. 4.15 Uhr macht die feindliche Infanterie noch einen Angriffsversuch, der aber im Keim erstickt wird. Das Feuer läßt nun allmählich nach, bleibt aber auf Stellung und Verbindungen als planmäßiges Zerstörungsfeuer liegen.“


aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929
Kartenskizze: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart 
nach freundlicher Unterstützung durch Herrn Frank Nullmeyer

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