Sonntag, 20. März 2016

20. März 1916


„Der 19. März ging zur Neige. Zu kurzem Schlaf legten sich die Mannschaften des II. Batl. in Cierges neben ihrem Sturmgepäck nieder. Bald nach Mitternacht hieß es „Aufstehen“. Von 2.45 Uhr ab marschierten in Abständen von 10 Minuten die Kompagnien in der kalten, sternhellen Nacht den bekannten Weg hinauf zur Stellung. Der Artilleriekampf war eingeschlafen, nur gelegentlich zuckte ein Abschuß im Wald von Montfaucon auf; da und dort krachte ein Einschlag. Über den neu gebauten Bayernweg wurde noch etwa 2½ Stunden Marsch die Bayernecke erreicht, wo Hand-granaten, Sturmgerät und Stellungsbaumaterial in Empfang genommen wurden. Bereits am Kießlingplatz war an die vorbeimarschierenden Kompagnien Verpflegung und Getränke ausgegeben worden. Mit dem ersten Tagesgrauen erwachte auch die feindliche Artillerie. Die vorausmarschierende M.-G.-K. wurde im Höpfnergraben von einem kräf-tigen Feuerüberfall gepackt, und nicht viel besser ging es gleichzeitig dem Bataillons-stab im Nickgraben. Dann wurde es wieder stille. So kam man ohne Verluste in den zur Sturmstellung umgeschaffenen Abschnitt T. Gegen 7 Uhr vormittags war alles in den neu geschaffenen Unterschlupfen und Stollen verstaut. Die Posten standen an ihren befohlenen Plätzen.
Gegen 8 Uhr begannen die ersten Batterien vorsichtig zu feuern, um die Tageseinflüsse zu prüfen. Sofort erwiderte die reizbare feindliche Artillerie mit zusammengefaßten Feuerschlägen aus allen Rohren auf Bereitschaftslager, Artilleriegelände, Waldrand-stellung und auf Nick- und Höpfnergraben. Bereits 8.15 Uhr waren alle Telephonver-bindungen nach rückwärts zerschlagen; sie konnten trotz aufopfernder Tätigkeit der im Nickgraben verteilten Leitungspatrouillen während der ganzen Gefechtshandlung nicht wieder instand gesetzt werden. Nur während der folgenden Nacht wurde für kurze Zeit Verständigung möglich. Nicht besser ging es den Artillerieleitungen. Die Folge war, daß viele Batterien nicht mehr in der Lage waren, durch einige beobachtete Schüsse die Tageseinflüsse zu berücksichtigen. Die Feuerleitung der Minenwerfer wurde ebenfalls gänzlich unmöglich.
Von 9 Uhr ab steigerte sich unser Feuer zum Wirkungsschießen.
Dicht gedrängt saß man in den Unterständen, den Kopf in die Hände gestützt, und döste. Der Zeiger der Uhr schien nicht von der Stelle zu wollen. Abschuß und Einschlag war droben längst nicht mehr zu unterscheiden. Es war ein wirres Sausen, Heulen, Krachen und Brüllen. Steinfetzen flogen gegen die Treppenwand. „Schießt der Franzose?“ fragte man zuweilen den Posten, der oben stand. Und immer kam die Antwort: „Ich kann’s nicht unterscheiden.“ Staubwolken verhängten die Aussicht; es roch süßlich-rauh nach Pulver, die Erde zitterte. Der harte Luftdruck verlöschte die kleinen Karbidflammen im Stollen. Man saß im Dunkel der stickigen Luft. Und mancherlei Gedanken gingen denen durch die Köpfe, die metertief unter der Erde warteten. Wie wird es heute Abend sein? Aber man darf nicht solchen Gedanken nachhängen. Ein Scherzwort flog dann und wann durch den Raum, natürlich oder erzwungen. wann wird es 4 Uhr werden? Ohne Pause raste das gewaltige Feuer 8 Stunden lang. 8 Stunden lang wühlten sich die schweren Granaten in den Boden, pflügten das Erdreich und trugen in hohen Fontänen Fels und Balkenwerk, Faschinen und verstümmelte Leiber empor. 8 Stunden krachten die Minen im Bayernhorn. Gegen 12 Uhr schon war die Gegend nicht mehr zu erken-nen. Der Hochwald beim Franzosen schien verschwunden; oder war es der Staub, der die Aussicht hemmte? Die feindliche Artillerie schwieg um diese Zeit. In den Stollen knabberte man am Brotlaib und stocherte mit dem Messer in den Fleischbüchsen.
Von 3 Uhr ab schossen alle Batterien und Werfer mit höchster Feuersteigerung. Die Ohren dröhnten, der Kopf wurde schwer. Wer könnte diese letzte Stunde schildern, jene endlose Stunde unmenschlicher Gewalt? Man wartet mit der Uhr in der Hand, hängt um, faßt sein Gewehr, drängt sich auf der Stollentreppe. 3.55 Uhr – langsam springt der Sekundenzeiger. „Vorwärts!“ rufen die Führer, und in dem Steinregen eilen die Sturm-abteilungen auf den ihnen zugewiesenen Wegen zu ihren Aufstellungsplätzen. Man schließt auf, kauert sich an die Grabenwand, Voran die Handgranaten- und Seiten-gewehrtrupps, Materialtrupps – Reserven.
3.28 Uhr bebt die Erde, als ob alles brechen, bersten und zerreißen wollte. Laut auf brüllt der gequälte Boden. Vor der Front des 22. Regiments sind mehrere Minenstollen gesprengt worden. Die Zündung hat sich um einige Minuten verzögert. Man wirft sich zu Boden und zieht die Köpfe ein am linken Flügel der 7. Komp. Der letzte Blick sieht eine schwarze Wand am Himmel, sieht Felsblöcke, Baumstümpfe durch die Luft wir-beln. Dann kommt der Regen nieder.
Die 7. Komp. verliert fünf Verletzte durch Steinschlag.
4 Uhr zeigt die Uhr: „Auf! Marsch, marsch! Hurra!“ Die Sturmkolonnen steigen aus den Gräben. Rasch suchten die Führer ihren Richtungspunkt und stürzen vorwärts, in der Rechten die Pistole, den Blick hart voraus gerichtet. Seitengewehre blitzen. Wo ist die erste französische Linie? Wann kommt sie? Sind wir schon darüber hinaus? Sie ist verschwunden; Trichter liegt neben Trichter. Man reißt und zerrt sich durch die Reste des Hindernisses. Die Flammenwerfer zischen, gelbes Feuer steht vor hochschwarzem Qualm.
Die 5. Komp überrannte in einem einzigen Anlauf die vordersten französischen Gräben und gewann in etwa 8 Minuten ihr Angriffsziel, den südlichen Waldrand der Schunk-spitze, Hauptmann Pfänder, Kaltblütig wie immer, überm Rücken den Karabiner, in der Hand den Photographenapparat. Obwohl hier die feindlichen Anlagen im Gegensatz zur ersten Linie noch in gutem Zustand waren, stieß man auf keinen einheitlichen Wider-stand. Die feindliche Besatzung wurde in ihren Stollen und Unterständen überrascht und durch Flammenwerfer und Handgranaten mürbe gemacht. Ernstlicher Widerstand wurde nur da geleistet, wo französische Offiziere rasch einige ihrer Leute fest in die Hand nehmen konnten. So fiel der französische Kompagnieführer diese Abschnitts, tapfer kämpfend; ein anderer kleiner Trupp wehrte sich hartnäckig im äußersten Eck der Schunkspitze.
Noch 4.30 Uhr wehrte sich zäh die Besatzung die Besatzung eines in der zweiten französischen Linie gelegenen Stützpunkts, der einige gute Unterstände besaß. Leutnant Seemann, der mit einem Zug der 8. Komp. der 5. Komp. folgte, nahm sich dieses Nestes nachdrücklich an. Aber erst nach Einsatz eines Reserveflammenwerfers ergab sich die etwa 60 Mann starke Besatzung. Ein feuerndes französisches Maschinengewehr wurde hier genommen. Die Gefangenen der 5. Komp. liefen großenteils nicht nach T, sondern über die Mulde hinweg nach unserer Feldwache S hinüber, gerieten in französisches Granatfeuer und hatten dabei Tote und Verwundete.
Die Stimmung bei der 5. Komp. zeigt trefflich der Schütze Stöckle. Reich behängt mit Beutestücken, gefolgt von einigen schlotternden Franzosen, kam er mit einer Meldung nach T zurück: „O, Herr Leutnant,“ rief er von ferne, „das ist großartig, da saget älle zu mir: pardon, mon camerade!“ Er kam sich vor wie ein junger Herrgott.
Die 6. Komp. ging in drei Sturmabteilungen mit zwei Flammenwerfern und einem Maschinengewehr vor. Die ersten französischen Linien waren durch unser Minenfeuer gänzlich verwüstet; die wenigen noch besetzten Stollen wurden mit Handgranaten belegt, worauf sich die Franzosen gefangen gaben. Leutnant Schmid und Proß eilten mit ihrem Seitengewehr- und Sturmtrupp entschlossen bis zum Waldrand, wo ihnen von der Spinne her lebhaftes Maschinengewehrfeuer entgegenschlug. Sie erwiderten es zu-nächst, stießen jedoch, als es nachließ, über die offene Fläche vor. Leutnant Schmid drang als erster in die Achselklappe ein; hart hinter ihm folgte Unteroffizier Gottsmann mit seinem Maschinengewehr. Die Besatzung eines Blockhauses setzte sich zur Wehr; sie wurde nach kurzem, heftigen Kampf erledigt. Der Rest der Kompagnie folgte als-bald. Durch umfassendes, entschlossenes Zupacken gelang es Leutnant Henßler, etwa 80 Franzosen mit 2 Offizieren den Rückzug abzuschneiden und zur Kapitulation zu zwingen. Man säuberte die Unterstände. Ein Teil der starken Besatzung der Achsel-klappe war nach der Spinne zurückgegangen. Alsbald stießen Leutnant Proß, Vizefeld-webel Hackenschuh, Unteroffizier Heiland mit etwa 10 Mann in die Spinne vor und säuberten sie bis zum Südwestende. Da die Besetzung der Spinne nicht geplant, das Werk daher unter unserem Artilleriefeuer lag, ging die tapfere Schar wieder auf die Achselklappe zurück und dämmte die Zugangsgräben nach der Spinne zu ab. Es war 4.40 Uhr nachmittags. Gegen 5 Uhr wurde ein matter feindlicher Gegenangriff aus der Spinne gegen die Achselklappe durch Gewehr und Handgranaten abgewiesen. Einige tote Franzosen blieben liegen.
Die 7. Komp. war in zwei Sturmabteilungen geteilt, von denen die rechte von einem Flammenwerfer, die linke von einem Maschinengewehr begleitet wurde. Zwei weitere Flammenwerfer folgten dem Materialtrupp zur Verfügung des Kompagnieführers. Der rechte Sturmtrupp, geführt von den Leutnants Munk und Kley, fand in dem stark zerstörten ersten feindlichen Graben vereinzelten Widerstand durch Handgranaten-werfer. Er wurde alsbald niedergeschlagen. Der zweite französische Graben war noch sehr gut erhalten; er wurde überrannt. Auch die zweite französische Stellung im Bayern-horn war rasch genommen. Entschlossen strebte die Kompagnie Wendel der Achsel-klappe zu, mit unter den Vordersten, ein Muster von Tapferkeit, der Unteroffizier Emig aus Zuffenhausen. Die Säuberung der Unterstände in ihrem Rücken überließen die Sturmtrupps der nachfolgenden 8. Komp. Anfangs war man in dichter Fühlung mit dem Bataillon Reiß des 22. bayr. I.-R. gewesen. Eine deutlich erkennbare Schneise war die Trennungslinie. Bald aber blieb dieses Bataillon in noch unzerstörten breiten Hindernis-sen hängen. Von der Nordostecke der viereckigen Wiese kläffte Maschinengewehr- und Infanteriefeuer.
Im Graben, quer durch das dicke, von Hindernissen mannigfach durchzogene Gestrüpp arbeitete man sich von Granatloch zu Granatloch vorwärts, in den Atempausen das Feuer erwidernd, wobei Unteroffizier Eisele der M.-G.-K. mit seinem M.-G. entschei-dend eingreifen konnte. So wurde auch dieses Blockhaus genommen, die starke Be-satzung floh nach der Achselklappe, oder leistete in dem unversehrten Stollen Wider-stand, der durch Handgranaten und M.-G.-Feuer niedergekämpft wurde. Die M.-G.-K. des 111. französischen Regiments konnte ihr Gerät schußfertig den feldgrauen Kollegen von der Waffe übergeben, die es alsbald gegen den Feind richteten.
Im weiteren Vordringen gegen die Achselklappe über das freie Feld erhielt die Kompagnie starkes Flankenfeuer, das jedoch zu hoch ging und so das Vorgehen nicht hemmen konnte. 4.30 Uhr war der Südrand des Waldes erreicht. Leutnant Munk, der darüber hinaus vordrang, wurde durch einen Kurzgänger unseres Riegelfeuers schwer verwundet. Erst 6.30 Uhr erreichte die links anschließende bayrische Kompagnie ebenfalls den Waldrand. Zwei Stunden lang hing der linke Flügel der 7. Komp. völlig in der Luft, ohne daß der Feind die Lage erfaßte.
Nachdem zwei Offiziere der 7. Komp. ausgefallen waren, zeigte es sich erst recht, welch trefflicher Geist in dieser Truppe lebte. Unteroffizier Birkenmaier aus Hoheneck über-nahm die rechte Hälfte des Kompagnieabschnitts. Sein zäher Wille, sein trefflicher Mut hielt den ihm unterstellten Flügel auch in dem schweren Feuer zusammen, das dem-nächst auf die Kompagnie einsetzen sollte.
Ein französischer Artilleriezug, einige hundert Meter östlich der 7. Komp. stehend, konnte eben noch unter Hinterlassung einiger Pferde abbauen.
Die 8. Komp. war der 7. Komp. mit zwei Zügen gefolgt. Leutnant Mößner, mit seinem Sturmtrupp schneidig vorgehend, hatte die 7. Komp. noch im Bayernhorn eingeholt und mit ihr vereint um das Blockhaus am Wiesenrand gefochten; ja er war sogar in die Achselklappe mit vorgestürmt. Hauptmann Sihler machte sich daran, das Bayernhorn zu säubern; denn in der zweiten französischen Linie hielt sich ein Stützpunkt mit bemer-kenswerter Zähigkeit. Ein Flammenwerferangriff hatte keinen Erfolg, die Bedienung wurde außer Gefecht gesetzt, das Gerät beschädigt. Allen voran ging Unteroffizier Betz, nachdem von T aus Handgranaten in reichlicher Anzahl herbeigebracht waren, dem Feind energisch zu Leibe. Nach erbittertem Handgranatenkampf kapitulierte der Gegner. Ein blutiger Kopf erschien über dem Grabenrand und gab Zeichen. Man stellte das Feuer ein und ging näher – ein Hagel Handgranaten war die Antwort. Auch recht, wenn nicht im Guten, dann eben im Bösen! Die Handgranaten fliegen herüber und hinüber, bis endlich die feindliche Besatzung ohne Waffen auf dem Grabenrand erschien. 1 Leutnant, 1 Sergeant und 28 Mann wurden hier gefangen.
Doch nicht nur das II. Batl. hat an dem Tag rühmlichen Anteil. Während die Kom-pagnien sich an den Ausfallpforten aufbauten, setzte sich das III. Batl. in den Bereit-schaftslagern in Marsch, um nach T vorzurücken. Das III. Batl. war Reserve des Ab-schnitts Nick, hatte für Instandhaltung des Abschnitts T zu sorgen, Laufdienste, Träger-dienste zu tun, Meldegänger zu stellen und Gefangene abzubefördern.
3.45 Uhr nachmittags trat die 12. Komp. im Bayerndorf an. Hauptmann Haug hatte seine Kompagnie in der Hand. Er brachte, selbst ein unübertroffenes Beispiel von Kaltblütigkeit – und, wie man im Regiment sagte, feuerfest – seine Kompagnie durch den dichten französischen Sperrgürtel ohne Verluste nach T, löste dort die 8. Komp. 4.05 Uhr nachmittags ab, die dem II. Batl. in der geschilderten Weise folgte. Der 12. Komp. folgte die 10. Komp. vom Negerdorf, sie erlitt im Nickgraben Verluste, kam aber kurz nach der 12. Komp. in T an. Die 12. Komp. arbeitete am Wiederaufbau der stellenweise stark beschädigten Stellung T; sie schob außerdem ihren Zug Elsas, rechts die 5. Komp. verlängernd, in die Schunkspitze vor. Die Anlage von drei Verbindungsgräben nach der eroberten Stellung wurde trotz des immer dichter werdenden Artilleriefeuers, trotz schwerer Verluste durchgeführt. Was hier Vizefeldwebel Bauer (aus Mutlangen bei Gmünd) geleistet hat, sei ihm nicht vergessen. Er verdiente sich an diesem Tage die goldene Miltärverdienstmedaille. Schweres Feuer lag zwischen Bayerneck und Neger-dorf. Erst 9 Uhr abends konnten in einer Feuerpause ⅔ der 9. Komp. von der Bayern-ecke nach dem Negerdorf aufschließen.
Der Sturm war prächtig geglückt. Wider alles Hoffen hatte die französische Artillerie versagt. War sie niedergekämpft, war sie blind oder kopflos? Wie wild schossen einige Batterien Sperrfeuer auf die Waldrandstellung, und in der Mulde hinter T lag ein dichter Feuerriegel. Auf Bayernhorn und Achselklappe aber fiel kaum ein Schuß.“

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

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