Dienstag, 10. Juli 2018

10. Juli 1918



„Der Anmarsch ist noch schlimmer als früher. Erleichtert atmen wir jedesmal auf, wenn wir unsere Kompagnien glücklich durch den Ancregrund gebracht haben. Der Weg nach vorn führt immer noch über das freie Feld, er ist vom Gegner ganz und gar eingesehen. Der Engländer legt schon auf einzelne Leute, die sich bei Tage im Gelände zeigen, Artilleriefeuer aller Art, vor allem die in ihrer tatsächlichen wie auch in ihrer morali-schen Wirkung furchtbaren Brisanzgranaten. Eine Ablösung bei Tage ist deshalb voll-ständig ausgeschlossen, und bei Nacht? Auch da hat es der Tommy sehr leicht. Wir haben ja nur eine Möglichkeit, den Weg von und zur Stellung zu machen, und das ist eine schmale Holzbrücke über die Ancre und ein ebenfalls schmaler Pfad durch den versumpften Ancregrund. Diesen Anmarschweg hält der Engländer fast dauernd unter Feuer, das sich oft zum Trommelfeuer steigert. Er vergast ihn außerdem mit Gasgrana-ten.
Es gehört sehr viel Glück dazu, den günstigen Augenblick zu erwischen. Wie oft liegen wir oben auf der Höhe hinter der Ancre, bei der Kiesgrube, oder bei der Viviersmühle oder vorn am Bahndamm und warten, bis das Feuer etwas nachläßt. Gespannt lauscht das Ohr auf jedes Geräusch. Wenn man glaubt, sie geben etwas Ruhe, dann eilt man im Laufschritt weiter. Und wenn du dann mitten im Ancregrund bist, dann hörst du plötzlich links und rechts in dem Sumpf ein leises Fauchen wie von einem zum Sprung bereiten Tiger. Eine leichte Nebelwolke steigt da und da auf. Du mußt genau hinsehen, um sie in der Dunkelheit zu erkennen. Es ist Gas! Heraus mit der Gasmaske, willst du nicht, daß deine Lunge elend verbrennt. Und nun kannst du nicht mehr rennen, denn ruhig muß der Atem gehen, sonst bekommst du nicht genügend Luft; deine Leute können nicht mehr, wenn auch das niederträchtige Kichern des Sensenmannes bald näher, bald ferner das Ohr erschrecken läßt. Die Sorge um dein eigenes Leben tritt vollständig in den Hintergrund, nun du die Verantwortung für deine Kompagnie hast, für so viele brave Leute, für so viele Familienväter, die zu Hause Weib und Kinder haben. Endlich der Bahndamm, endlich bis Kiesgrube! Ein schwerer Stein fällt dir vom Herzen, erleichtert atmest du auf. Nun erst mal kurz verschnaufen, und dann weiter!
Wie ein gehetztes Wild sichern wir mit allen Sinnen. Niemand kann uns sagen, wann die englischen Artilleristen eine Pause machen, wann wir’s wagen können. Wir müssen uns auf unser Fingerspitzengefühl und auf gut Glück verlassen. Es ist ganz eigenartig, welche Sicherheit wir dabei bekommen, es offenbaren sich in uns und um uns geheime Kräfte.
Auf einmal glaubst du eine innere Stimme zu hören: „Da mußt du weggehen; mach‘ daß du weiterkommst, sonst fällst du dem Tod zum Opfer“. Es ist nicht das erste Mal, daß du plötzlich diese Eingebung spürst. Wiederholt schon hast du dieser geheimnisvollen Stimme nachgegeben und hast dann kurz darauf feststellen müssen, daß sie recht hatte, daß sie dir dein Leben gerettet hat, daß du, hättest du ihr nicht gefolgt, längst in Atome zerrissen wärst.
Du stehst an der Kiesgrube, drunten im Ancregrund krachen ekelhafte Brisanzgranaten, zischen die widerlichen Gasgranaten. Du zögerst, in den Grund zu steigen. Plötzlich hörst du dieses zarte Stimmchen, du gibst deiner Kompagnie Befehl zum Weitermarsch. Verwundert sehen dich deine Leute an: „Herr Leutnant, hören sie nicht das Krachen da unten? Wir gehen ja sehenden Auges dem Tode entgegen!“ Du läßt dich nicht beirren: „Ohne Tritt, Marsch!“ Sie haben gehorchen gelernt, sie folgen dir, bestimmt aber nicht sehr gerne. Unten kracht es immer noch, du kommst dem Winseln der Granaten, dem Brodeln des Gases immer näher. „Herr Leutnant ….!“ Da läßt der Lärm auf einmal nach, höchstens noch einige Gasgranaten bohren sich in die Wiesen. Und wenn du dann vorne bist, wenn du deine Kompagnie in Stellung gebracht hast, wenn du dich überzeugt hast, daß deine Posten richtig aufgestellt sind und daß sie gut aufpassen, dann lehnst du dich an die Grabenwand, dein Blick verliert sich im am prächtigen Sternenhimmel.“

aus: „Ehrenbuch des württembergischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 248“, Stuttgart 1932

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