Dienstag, 16. Juni 2015

16. Juni 1915


„Am 14. Juni 1915 lief beim Regiment eine Fliegerphotographie ein, aus der deutlich ersichtbar war, daß der Gegner südlich der Straße Menin-Ypern zwischen Hooge und 3. Borne und östlich und westlich entlang des Weges vom Eierwäldchen zur 3. Borne drei Grabenstränge mit je vier unmittelbar hintereinander parallel laufenden Gräben, sogenannte „Wabengräben“ angelegt hatte. Schätzungsweise konnten sechs Bataillone darin bereitgestellt werden, zum wellenweisen Vorgehen in kurzen Abständen.
Das Regiment erkannte sofort, daß ein Angriff bevorstehe und veranlaßte die Artillerie, ihre Feuertätigkeit zu erhöhen. Die Munitionsbestände und Handgranaten wurden vermehrt. Im Hauptkampfgraben wurden die Überbankfeueranlagen vervollständigt. Die Schützen der Maschinengewehr-Züge prüften Gewehre und Munition nach. Die eigene Artillerie wurde bis in alle Einzelheiten hinein genau instruiert und über alle Beobachtungsergebnisse auf dem Laufenden gehalten.
Der Kampfabschnitt des Regiments vom Eierwäldchen bis zum Bellewaardebeekgrund lag seit acht Tagen unter schwerem Feuer, zwei- bis dreimal täglich hieb der Feind mit eiserner Faust auf unsere Gräben. Es schien aber alles erst die Ouvertüre zu sein. Unsere vorgetriebenen Patrouillen brachten keinerlei Anhaltspunkte zurück, die auf einen baldigen, bzw. kurz bevorstehenden Angriff schließen ließen.
Am 14. abends gingen an alle Führer und Unterführer die seither gemachten Wahrnehmungen hinaus, mit dem Hinweis, daß in den nächsten zwei bis drei Tagen mit einem feindlichen Angriff gerechnet werden müßte.
Die vordere Linie war besetzt vom III. Bataillon unter Hauptmann Kölle. 10., 11. und 12. Kompagnie in der Kampfstellung. 9. Kompagnie als Reserve am Storchschnabel.
In Bereitschaft lag das I. Bataillon, Führer Hauptmann Keiper-Knorr, das II. Bataillon unter Hauptmann Baumanns Führung als Reserve im Hannebeekgrund und im Polygonwald.
In der Nacht vom 15./16. Juni 1915 fragte das Regiment um 12 Uhr und 2 Uhr vormittags telephonisch beim Führer des Kampfbataillons nach dem Verhalten des Gegners an und mahnte nochmals zur Wachsamkeit. Es veranlaßte die Pioniere, die feindlichen Gräben mit Minen zu beschießen. Die drei Kompagnie-Führer der vorderen Linie meldeten daraufhin, daß ihre Kompagnien kampfbereit seien, Handgranaten waren bereitgelegt und die im Werfen derselben besonders tüchtigen Leute auf den ganzen Abschnitt verteilt. Die Maschinengewehr-Bedienungen standen feuerbereit hinter ihren Gewehren.
Um 2 Uhr traf beim Regiment die Meldung ein, daß der Feind sich auffallend ruhig verhalte.
Um 3 Uhr kam vom Beobachtungsoffizier, gleichzeitig vom Führer der 11. Kompagnie die Nachricht: „Feind hat seine Sturmgassen geöffnet. Bewegung und Lärm ist in den feindlichen Gräben deutlich erkenn- und vernehmbar; eigentümlicherweise schweigt die gegnerische Artillerie völlig.“ Der Regimentsadjudant gab diese Wahrnehmung sofort an die Artillerie weiter und erwirkte, daß sowohl schwere als auch leichte Artillerie die feindlichen Infanterie-Stellungen sofort mit Feuer belegten. Dieses eigene Feuer ließ jedoch bald wieder nach.
Für das ganze Regiment war höchste Alarmbereitschaft angeordnet. Gegen 3.10 Uhr vormittags begann der Gegner mit der Beschießung des vorderen Grabens und der Laufgräben mit leichten Granaten und Schrapnells. Langsam steigerte sich das Feuer. Nach 25 Minuten kamen Granaten schwersten Kalibers hinzu, die den  Graben und die Brustwehr beschädigten. Unter den Erdfontänen und den einstürzenden Grabenwänden wurden zahlreiche Leute verschüttet. Bäume stürzten in den Graben. Das M.G. am linken Flügel wurde völlig verschüttet.
Feldwebel-Leutnant Gastel, der im Graben anwesend war, gab an:
„Nachdem die schweren Granaten auf den Graben kamen, war er in kurzer Zeit, etwa nach fünfzehn Minuten, völlig verschüttet. Sandsäcke und Schießscharten flogen bis zu 50 Meter hinter den Graben; ich sah, daß das M.G. am linken Flügel völlig zugeschüttet und nicht mehr zu sehen war. Infolge der Verheerungen durch die schweren Granaten – es mögen bis 3.30 Uhr vormittags, abgesehen von den zahllosen leichten und Schrapnells, zirka fünfzig Stück auf Brustwehr und Graben gekommen sein – war mit Sicherheit anzunehmen, daß die beiden M.G. in der Mitte ebenso begraben worden seien. Der Rauch von den Granaten war so dicht, daß auf 10 Meter nichts mehr zu erkennen war, die wenigen Leute, die noch schießen konnten, feuerten in die Wolken hinein. Die Atmungsorgane litten weniger, umsomehr aber die Augen unter der Einwirkung der Gase, die die Granaten entwickelten; die Augen tränten unter brennendem Schmerz, daß man sie kaum noch öffnen konnte. Gegen 3.30 Uhr vormittags verstummte das feindliche Artilleriefeuer, aber im selben Augenblick feuerten zahlreiche Maschinengewehre gegen unsere Stellung. Die Mannschaften der Grabenbesatzung schossen, ohne einen Gegner zu erkennen, in die dichte Rauchwolke hinein. Nach zirka sieben Minuten begann der Gegner aufs neue mit der Beschießung unserer Stellung, das schwere Granatfeuer etwas rückwärts auf die Laufgräben und den Ausweichgraben verlegend. Aus südlicher Richtung von Hooge her kam heftiges Infanterie- und Maschinengewehrfeuer, daraufhin schickte ich eine Patrouille nach dem vorderen Graben von Regiment 132, vermutend, daß diese Besatzungsmannschaft auf uns schießt. Die Patrouille kam nach zirka einer Stunde gegen 5.30 Uhr vormittags zurück und meldete mir, Regiment 132 hält den Waldrand. Auf diese Meldung und die Gefahr hin, abgeschnitten zu werden, ging ich mit meinem Zug in Höhe Bellewaarde-Ferme zurück, wo bereits Kompagnien des Bereitschaftsbataillons in Stellung lagen; dort wurde mir auch die Meldung meiner Patrouille bestätigt, daß Regiment 132 den Waldrand südwestlich Etang de Bellewaarde halte.“
Vom rechten Flügel des Regiments und von der Mitte kam keine Meldung. Bis heute vernahm man keine Kunde darüber, was dort vorging. Nach dem Bericht des Feldwebel-Leutnant Gastel mußte man annehmen, daß der Graben völlig eingeebnet und die Besatzung verschüttet wurde.
Der englische Angriff kam aus dem Eierwäldchen und ging über unseren eingeebneten rechten Flügel weg. Von hinten konnte infolge der mächtigen Rauchschwaden der berstenden Geschosse vom Angriff nichts gesehen werden. Es steht aber fest, daß am Eierwäldchen im Handgemenge erbittert gekämpft wurde, bis der die Beschießung überlebende Teil unserer Grabenbesatzung durch die gegnerische Übermacht erdrückt wurde.
Hauptmann Kölle besetzte in der Zwischenzeit mit seiner Bataillons-Reserve (9./246) die Aufnahmestellung im Storchschnabel. Mit den drei vorderen Kompagnien war keine Verbindung mehr vorhanden. Telephondrähte waren abgerissen, Melder kamen durch das Feuer nicht durch, es kehrte keiner von ihnen wieder zurück. Die gesteigerte Unklarheit und Ungewißheit zwang ihn zu dem Entschluß, das Gelände zwischen der vorderen Linie und dem Storchschnabel preiszugeben. Den nach links verlorenen Anschluß an Regiment 132 wollte er durch Anschluß an den See ersetzen. Nach rechts war Anschluß notdürftig vorhanden.
4.30 Uhr vormittags erhielt das Bereitschafts-Bataillon den Befehl, mit zwei Kompagnien nach vorne zu stoßen und die zurückgedrängten Teile des III./246 vorzureißen. Es stellte sich nun heraus, daß Hauptmann Kölle bereits Befehl zum Rückzug erteilt hatte. Auf Befehl des Regiments übernahm nun Hauptmann Baumann den Befehl über die vordere Linie.
zwischen 7 und 8 Uhr vormittags kam das Gefecht zum Stehen. Die vordere Linie (Teile des II. und III. Bataillons) hielt den Storchschnabel besetzt. Der Gegner hielt diesen Stellungsteil unter heftigem Feuer. Vor der Storchschnabelstellung lagen die dichten Schützenwellen des Gegners fest und wurden von unserem Infanteriefeuer heftig erfaßt. Er erlitt sehr große Verluste. Auf Veranlassung des Regiments schoß die eigene Artillerie nun auch dorthin, was mit sichtlichem Erfolg geschah.
Wie der Gegner bis an die Storchschnabelstellung gelangte, entzieht sich wiederum jeder Kenntnis. Von der vorderen Grabenbesatzung kam nur der linke Flügelzug Gastel zurück. Von der übrigen Besatzung kam weder Führer noch Mann zurück. Alle Offiziere fielen. Die kümmerlichen Reste von den Mannschaften, die zurückkehrten, waren fast alle verwundet während der Beschießung nach hinten gekommen, den eigentlichen Infanterieangriff machten sie im Kampfgraben nicht mehr mit.
Der Gegner schien an drei Stellen der Front eingebrochen zu sein, gegenüber dem Südrand des Eierwäldchens, an der Nordecke des T-Wäldchens und am Bellewaardebeek entlang. Die das heftige Artilleriefeuer überlebende Grabenbesatzung wurde in der Flanke und im Rücken gefaßt. Sie war jeder Bewegungsfreiheit beraubt, die Gewehre waren von Granaten zerschlagen, die Munition verschüttet und so fiel ein kleiner Teil in Gefangenschaft.
Während der Artillerievorbereitung schienen die vorderen Sturmwellen des Gegners bereits nahe an unserer vorderen Linie gelegen zu haben. Ihr weiteres Vorgehen muß sehr langsam vor sich gegangen sein, denn sie erschienen vor der Storchschnabelstellung erst später.
Auch die englische Artillerie war anscheinend über den Fortgang des Kampfes im Unklaren. Sie schoß längere Zeit auf unbesetzte deutsche Gräben zweiter Linie. Sie schädigte dabei ihre eigene Infanterie und hielt deren Vorgehen auf.
Um 9 Uhr vormittags ergriff das Regiment wiederum die Initiative und stieß bis an den Ostrand der Bellewaarde-Ferme vor. Eine Kompagnie des Reserve-Bataillons zog sich am Etang de Bellewaarde entlang. Die erreichte Linie zog sich schon über Eclusette, dem nach Norden ziehenden Feldweg entlang an den Ostrand der Bellewaarde-Ferme. Nach Regiment 248 hin bestand Verbindung, von Regiment 132 links war nichts zu sehen.
11.20 Uhr befahl die Division: Die erreichte Linie ist unter allen Umständen zu halten und das Gelände nach vorwärts zu erkunden. Vorerst nicht weiter vorgehen und unter keinen Umständen, wenn mit Regiment 132 kein Anschluß.
Dem Regiment lag aber an dem Besitz der Höhe 44 vor der Bellewaarde-Ferme. In Eile wurde ein Angriffsbefehl ausgearbeitet. 11.40 Uhr vormittags traf vorne der schriftliche Angriffsbefehl ein, dem sogar Skizzen beigegeben waren.
12.15 Uhr war der 246er wieder Herr der Bellewaarde-Ferme und hatte den Engländer über die Höhe hinabgeworfen. Auch der linke Flügel kam vor und als Regiment 132 ebenfalls wieder Gelände gewann, konnte der Anschluß nach links wieder hergestellt werden. Bei diesem Vorgehen wurde der Gegner unter konzentrisches Feuer genommen und erlitt schwere Verluste.
Die Kompagnien waren nun aber vollständig vermischt. Um geordnete Befehlsverhält-nisse herbeizuführen, teilte das Regiment die Front in drei Abschnitte ein, Abschnitt rechts (nördlich der Ferme) unter Hauptmann Baumann, Abschnitt Mitte Hauptmann Kölle, Abschnitt links Hauptmann Keiper-Knorr. Jeder Abschnittskommandeur schied sofort eine Reserve aus.
Kaum war die neue Linie organisiert, als ein erneuter Angriff der Engländer einsetzte, der aber um ½4 Uhr nachmittags restlos abgeschlagen war. Auch bei diesem Angriff holte sich der Tommy blutige Köpfe. Beim Abschlagen dieses Vorstoßes waren die neu eingesetzten Maschinengewehre der Reserve lebhaft beteiligt. Bis 4 Uhr nachmittags war vom Regiment alles eingesetzt. In der Hand des Regiments-Kommandeurs befanden sich als Reserve nur noch zwei Kompagnien des II. Bataillons. Auf Ersuchen wurden dem Regiment zwei Kompagnien des Jäger-Bataillons 26 zur Verfügung gestellt. Die Meldungen, welche aus der Kampflinie kamen, widersprachen sich und ergaben keine Übersicht über die Lage und die erreichte Linie. General von Roschmann ging daher persönlich in Stellung wo er sich mit den Bataillonsführern über den weiteren Verlauf des Gegenangriffs besprach. Im Storchschnabel feuerte er die Mannschaften, die dort in der Schützenlinie lagen, an und leitete eine Zeitlang persönlich das Gefecht. Er achtete nicht der einschlagenden Artilleriegeschosse, Leutnant Pfister, Adjudant III./246, wurde, neben ihm stehend, verwundet, ebenso Gefechtsordonnanzen. Das persönliche Erscheinen des Generals in der Gefechtslinie, mitten im Gewühl des Kampfes, rief einen ganz unbeschreiblichen Eindruck bei den Mannschaften hervor. Mit seinen weit sichtbaren roten Spiegeln am Uniformkragen stand er als Mittelpunkt des Regiments im Feuer.
Gegen Abend gelang es auch dem rechten Flügel an beiden Seiten des Roschmannweges Boden zu gewinnen und über die Bellewaarde-Ferme hinauszukommen. Hie kämpfte der Rest des III. Bataillons, sowie die 8. Kompagnie, Leutnant Hoffmann; die 6. Kompagnie Hauptmann Seeger. Bei diesem Vorgehen erbeutete ein Zug der 6. Kompagnie, geführt von Feldwebel-Leutnant Gastel (12. Kompagnie), ein  englisches Maschinengewehr und machte dreißig unverwundete Gefangene.
8.30 Uhr nachmittags erfolgte nach starker Artillerie-Vorbereitung nochmals ein Vorstoß gegen die englische Stellung aus dem Raume Storchschnabelwäldchen bis Etang de Bellewaarde. Regiment 248 unterstützte diesen Angriff und stieß zwischen Bellewaarde-Ferme und Eierwäldchen vor, nach Südwesten. Auch Regiment 132 sollte sich daran beteiligen, ebenso Jäger 26. Da die Zeit der Vorbereitung jedoch zu kurz war, konnte der Angriff nicht mehr recht zur Geltung kommen.
Mit Rücksicht auf die hereinbrechende Dunkelheit und die gegenteiligen Wünsche der Anschlußregimenter mußte ein weiteres Vorgehen aufgegeben werden.“



aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie.-Regiment Nr. 246“, Stuttgart 1931

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