Samstag, 20. Juni 2015

20. Juni 1915


„Als Tag des Angriffs wurde der 20. Juni bestimmt. Im Verein mit Teilen des Regiments 127 sollte sich das Regiment 120, mit dem II. Bataillon als Sturmbataillon, in den Besitz des Labordère-Werkes setzen und dieses halten. Die Nachbarregimenter hatten durch Scheinangriffe die Aufmerksamkeit des Gegners von der Front des Regiments abzulenken. Die letzten Tage dienten noch notwendigen Truppenver-schiebungen, der Bekanntgabe des Angriffsbefehls an die Führer, der Ausgabe genauester Anweisungen an die Sturmtruppführer, Artillerie-, Verbindungs- und Minenwerferoffiziere, von derem glücklichen Zusammenarbeiten der Erfolg des Tages wesentlich abhängig war.
In der Nacht vom 19. auf 20. Juni werden die Sappenköpfe, die zu Sprengungen vorgesehen sind, mit Ladungen versehen, sowie die Drahthindernisse vor der eigenen Front beseitigt, und noch ehe die Sonne am Morgen des 20. Juni ihre Strahlen durch die zerzausten Bäume auf das Grabengewirr wirft, blitzen aus hunderten von Geschützrohren Mündungsfeuer auf und in rascher Folge hageln unzählige von Geschossen aller Art auf die feindlichen Stellungen. Von Stunde zu Stunde steigert sich die Heftigkeit des Feuers; kurze Feuerpausen dienen der Reinigung der Geschütze und dem Herbeischaffen neuer Munition. Die Wirkung der Artillerie und Minenwerfer ist verheerend; dichte Staubwolken hüllen das Labordère-Werk und die feindlichen Artilleriestellungen ein. Krachend fallen die schweren Minen und 21 cm-Granaten in und zwischen die feindlichen Stellungen; Baumstämme werden entwurzelt und meterhoch in die Lüfte geschleudert. Der Gegner hat sich bald gefaßt und erwidert das Feuer lebhaft; einzelne aufgeregte feindliche Maschinengewehr-Schützen lassen schon, ehe unsere Infanterie die Gräben verläßt, ihre Waffe spielen; feindliche Flieger erscheinen neugierig über den Stellungen. In unseren Gräben werden die letzten Vorbereitungen für den Infanteriesturm getroffen; Hunderte von Sturmleitern zum Erklimmen der Grabenwände werden bereitgestellt, die Seitengewehre werden vorsichtig aufgepflanzt und Handgranaten zurechtgelegt. Immer näher rückt der Augenblick des Sturms. Die Sturmtruppführer verfolgen in fieberhafter Aufregung das Fortschreiten der Zeiger ihrer gleichgestellten Uhren von Minute zu Minute. Da plötzlich – 6.50 Uhr vormittags –, ein gewaltiges Beben und Krachen; man glaubt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Sprengladungen sind in die Höhe gegangen und werfen zentnerschwere Erdklumpen in einem Umkreis von mehreren hundert Metern umher. Noch ehe diese zu Boden gefallen sind, haben die ersten Leute in kühnem Sprung die Sprengtrichter erreicht; weitere folgen. Zwischen das Krachen der Artilleriegeschosse mischt sich der schrille Ton einzelner noch kampffähiger feindlicher Maschinengewehre. In wenigen Sekunden ist man dem 80–100 Meter entfernt gelegenen feindlichen Werk auf Handgranatenreichweite nahegerückt. Ein kurzer Halt zum Ausschnaufen, dann eine wohlgezielte Handgranatensalve und hinein geht’s in den feindlichen Graben. Dutzende von Franzosen kriechen völlig apathisch aus halb zusammengedrückten Unterständen hervor, werfen ihre Waffen weg und verschwinden, ohne eine Aufforderung abzuwarten, in Richtung nach unseren alten Gräben. Andere wehren sich von Schulterwehr zu Schulterwehr verzweifelt mit Handgranaten und Pistole, Gefangenschaft oder Tod ist schließlich ihr Los. Unsere Leute erreichen in immer größerer Zahl den feindlichen Graben. Feindliche Maschinengewehre, die flankierend das Zwischengelände bestreichen, machen sich sehr unangenehm bemerkbar. Manchen der Unsrigen, die eben sich zum Sprung aus einem Granattrichter erheben, trifft das mörderische Geschoß. Verwundete, blutüberströmt, schleppen sich zu mehreren nach rückwärts, sich gegenseitig so gut wie möglich helfend. Nach etwa einer halben Stunde ist die befohlene Linie von den Sturmtruppen erreicht. Ein gewaltiges Arbeiten beginnt, denn jede Minute bringt den Mann tiefer in die Erde und sichert ihn damit mehr gegen feindliche Geschosse. Langsam läßt die beiderseitige Artillerie-tätigkeit nach. Die eigene und die feindliche Truppenführung hat das Bedürfnis, sich über die neugeschaffene Lage zu orientieren und Maßnahmen für die Weiterführung des Kampfes einzuleiten. Mit Unterstützung von Pionieren und Arbeitstruppen, die Schanzgeräte mit nach vorne bringen, wird alsbald mit dem systematischen Ausbau der Stellung begonnen, da jeden Augenblick feindliche Gegenangriffe aus dem nahen „Martins-Werk“, wo der Gegner seine Reserven versammelt hat, losbrechen können. Unsere Maschinengewehr-Schützen haben ununterbrochen den Finger am Hebel ihrer Waffe und, wenn sie nur die leiseste Bewegung in dem dichten Strauchwerk vor der neuen Stellung wahrnehmen, verlassen urplötzlich hunderte von Geschossen den Lauf der Gewehre. Bis zum Abend sind die Verteidigungsarbeiten so weit gediehen, daß die Grabenbesatzung einem feindlichen Gegenangriff mit Ruhe entgegensehen kann. Kleine Handgranatenkämpfe an beiden Flügeln des Regiments bei der 5. und 8. Kompagnie enden zu unseren Gunsten; ebenso werden feindliche Gegenangriffe, die in der Nacht vom 20./21. Juni einsetzen, glatt abgewiesen. Das Labordère-Werk war endgültig unser.
Nur einige feindliche Blockhäuser vor der Front der 8. Kompagnie konnten dem dort besonders zäh kämpfenden Gegner nicht abgenommen werden; ungenügende Artillerie-vorbereitung hatte an dieser Stelle den Infanterieangriff sehr erschwert.
Über 100 Gefangene und viel Kriegsgerät war die Beute des Regiments. Die blutigen Verluste des Gegners waren hoch, aber auch unsere Ausfälle an Toten und Verwundeten recht erheblich.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

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