Dienstag, 23. Juni 2015

23. Juni 1915


„Die Abteilungen waren am 22. Juni, von 3 Uhr vormittags feuerbereit. Gegen Mittag kam die Nachricht, daß die befestigte Stadt Lemberg von den verbündeten Truppen genommen sei. Gleichzeitig kam der Befehl zum Vormarsch über Kulikow und Zwertow auf Zoltance. In Kulikow lag gleich am Westeingang ein großer Judenfriedhof. Die Stadt bestand größtenteils aus ärmlichen Strohhütten der russophilen Ruthenen. Um den Markt waren die mehrstockigen Steinhäuser der jüdischen Bevölkerung fast vollständig ausgebrannt. Zwei Kirchen standen in ihrer üppigen Größe in krassem Gegensatz zu der Unterkunft der christlichen Bevölkerung. Nach Mitteilung eines polnischen Verwalters hatte die Bevölkerung nach einer umfangreichen Plünderung die Gebäude der Juden angesteckt. Jetzt begrüßte die bedrückte Judenschaft die Deutschen unter Anheben des Käppchens mit dem Ruf: „Hoch Deutschland!“ und „Winschen Glick, meine Herren!“ Als die Division Zwertow erreichte, wurde der Westrand von Zoltance von gegnerischen Schützen besetzt gemeldet. Die II. Abteilung wurde 2 km westlich Zwertow am Waldrand entlang vorgezogen und ging sofort zwischen Zwertow und dem Wald Las Zastaje in Stellung. Die Beobachtung wurde an den Nordrand des Waldes Las Zastaje vorgeschoben. Die feindlichen Schützenlöcher wurden noch vor Dunkelheit unter lebhaftes Feuer genommen. Die I. Abteilung wurde westlich Zwertow bereitgestellt. Die eigene Infanterie kam am Abend nicht mehr zum Sturm. Die II. Abteilung war von 6 Uhr an feuerbereit; die I. Abteilung hatte mit Tagesanbruch die Höhe südlich des Waldes Las Zastaje erkundet und die 1. Batterie dem Res.-Inf.-Regt, das durch den Wald in Richtung Zahajka vorging, zur Unmittelbaren Unterstützung des Infanterieangriffs zugeteilt. Die 1. Batterie ging 11 Uhr vormittags auf der Höhe südlich des Waldes östlich Las Zastaje in Stellung. Die 2. und 3. Batterie wurden vorläufig bereit gestellt. Da die Beobachtungsverhältnisse wegen Nebels ungünstig waren, begann die planmäßige Beschießung der feindlichen Stellungen erst 9.30 Uhr vormittags. Das Feuer wurde entsprechend dem Vorgehen der eigenen Infanterie geregelt. Die I. Abteilung nahm im Verlaufe des Gefechts Stellungswechsel auf Höhe Zahajka vor. Der Sturm wurde besonders wirksam unterstützt durch einen Infanterie-Zug unter Leutnant Trick, der von Höhe 373 direkt feuerte. Nach dem Gelingen des Sturms wurde aus allen Rohren Verfolgungsfeuer auf den zurückflutenden Gegner abgegeben. Etwa 2 Uhr nachmittags gingen die Abteilungen auf den nächsten Wegen in beschleunigter Gangart auf Zoltance vor. Zum erstenmal waren die Russen in gewöhnlichen Schützenlöchern ohne Hindernisse uns entgegengetreten; ihre Verluste waren entsprechend: fast in jedem Schützenloch lag ein toter oder verwundeter Russe, etwa 300 Gefangene wurden gemacht. Das Regiment hat über 1700 Schuß verfeuert
Zoltance brannte noch an einigen Stellen, als die Batterien den Ort erreichten. Es machte den Eindruck einer für die dortigen Verhältnisse überaus sauberen Stadt. In nur etwa 50 Häusern waren die Bewohner, austrophile Ruthenen, zurückgeblieben; der Rest der Einwohnerschaft von 750 Häusern, war mit den Russen als „moskophil“ weggegangen. Die Stadt besaß eine ausnehmend schöne Kirche in byzantinischem Geschmack. Die Division bildete die äußerste Spitze des Keils, der nördlich von Lemberg vorgetrieben wurde. Mit dem Besitz von Zoltance wurde für den Gegner die Bahn  Lemberg – Kaminonka Struwilowa unterbrochen. Entsprechend der Eigenart der Lage standen die Batterien um Zoltance und waren nach Art des Igels nach verschieden Richtungen feuerbereit. Der Einsatz der Artillerie spielte sich am 23. Juni folgendermaßen ab: Die 5. Batterie ging südlich Zoltance mit Front nach Osten in Stellung und nahm einen gegnerischen Schützengraben auf Höhe Kalezow unter Feuer, der nach kurzer Beschießung vom Gegner geräumt wurde. Kurz darauf wurde die 4. Batterie neben der 5. Batterie eingesetzt. Die I. Abteilung ging mit der 3. Batterie zuerst am Nordrande von Zoltance in Stellung und feuerte entlang der nach Nordosten führenden Straße und beschoß eine seitwärts trabende russische Batterie. Später wurde auch die 1. und 2. Batterie gegen Klodno eingesetzt. 6.30 Uhr abends erhielt die 6. Batterie den Befehl, auf Höhe Mobilka in Richtung nach Norden in Stellung zu gehen. Sie bekam beim Auffahren starkes russisches Schrapnell- und Granatfeuer von Norden und Osten. Für die Nacht wurde angeordnet, daß die Batterien feuerbereit in ihren Stellungen verblieben. Der Ausdruck „Sperrfeuer“ war noch unbekannt, im Prinzip wurde aber genau so verfahren, als ob Sperrfeuer angeordnet gewesen wäre.“




aus: „Das Württembergische Feldartillerie-Regiment König Karl (1. Württ.) Nr. 13 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1928

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