Freitag, 25. September 2015

25. September 1915


„Im Osten war noch kaum ein Schimmer des kommenden Tages zu sehen, da sauste bereits um 4.30 Uhr morgens mit einem Schlage wieder heftigstes feindliches Trommelfeuer sämtlicher Kaliber auf unsere Stellungen südlich der Bahnlinie nieder. Das Feuer ´übertraf dasjenige der vorhergegangenen Tage noch bedeutend. Besonders stark litten unter demselben die Stellungen der 1. und 4. Kompagnie, sowie der Laufgraben an der Bahn entlang bis zum Jägergraben. Nach kürzester Zeit war das ganze Gelände in undurchdringliche Staub- und Rauchwolken gehüllt. Sämtliche rückwärts liegenden Teile des Regiments wurden sofort alarmiert und bezogen ihre Bereitschaftsstellungen, denn an dem kommenden Angriff zweifelte jetzt niemand mehr. Zwischen den Detonationen platzender Granaten war deutlich das gleichmäßige tack! – tack! – tack! – englischer M.-G. hörbar, welche blindlings in die Rauchwolken hineinschossen.
So gut es ging, suchte vorn jeder Deckung vor dem unheimlichen Feuer. Am meisten Schutz bot die Sappe am Ypernweg, die, nur wenige Meter vom feindlichen Graben entfernt, beinahe gar nicht unter dem feindlichen Feuer zu leiden hatte. Oder sollten die Engländer vielleicht einen anderen Grund haben, weshalb sie diese Sappe nicht beschossen? Niemand konnte es ahnen. Es mochte wohl kaum eine Viertelstunde seit Beginn der Beschießung verstrichen sein, als plötzlich eine heftige Explosion erfolgte. Der Boden geriet weithin ins Schwanken wie bei einem Erdbeben, so daß sogar Tiere und Vögel aus ihren Nestern aufgescheucht wurden und ängstlich zu schreien anfingen.
Die fast undurchdringlich über der Gegend lagernden Rauchwolken wurden Plötzlich durch eine haushohe Feuersäule erhellt, welche alles in schauriger Beleuchtung erscheinen ließ. Fast gleichzeitig sah man überall rote Leuchtkugeln, – es bestand also kein Zweifel mehr, der seit Tagen erwartete englische Angriff hatte nunmehr begonnen.
Kaum hatte man diese Beobachtung gemacht, als beim Regimentsgefechtsstand die Meldung einlief, der Gegner habe die Sappe gesprengt und sei in die Stellung eingedrungen. Die in der Nähe des Regimentsstabes liegende 12. Kompagnie erhielt daraufhin den Befehl, zur Unterstützung nach dem Jägergraben vorzugehen. Der Weg für die Kompagnie führte an verschiedenen Batteriestellungen vorbei, die ziemlich starkes feindliches Feuer erhielten; nur in kleinen Abteilungen gelang es daher der Kompagnie, die schwierigen Stellen gruppenweise, ohne wesentliche Verluste, zu durchschreiten und mit der gleichzeitig vorgehenden 11. Kompagnie die befohlene Stellung zu besetzen.
Inzwischen war vorn der Infanteriekampf voll im Gang.
Unmittelbar nach dem Auffliegen der Mine drangen die Engländer in den durch die Sprengung verschütteten Teil unserer Stellung und in die anliegenden Gräben ein. Im ersten Augenblick nach der Sprengung entstand bei uns eine ziemliche Verwirrung, denn etwas derartig Schreckliches hatte bisher noch keiner von uns mitgemacht. Dieser Umstand kam den Engländern sehr zu statten und machte es ihnen leicht, ohne anfänglich auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, verhältnismäßig schnell in unseren Gräben vorzudringen.
Durch den Ypernweg, der völlig zusammengeschossen und verschüttet war und nur Tote und Verwundete enthielt, gelang es dem Engländer, ungehindert in den Rücken der 1. Kompagnie zu kommen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr, mit Handgranaten und Totschlägern bewaffnet, drang der Gegner auf die noch übrig gebliebenen Trümmer der 1. Kompagnie ein. Ein unerbittlicher, zäher Kampf entspann sich, denn so leicht ließ sich der Schwabe nicht aus seiner Stellung verdrängen, und mancher Engländer mußte hier sein Leben lassen. Doch die durch die Beschießung und Sprengung stark gelichtete tapfere Schar war der Übermacht gegenüber zu schwach; was nicht gefallen war, wurde nach heldenmütigem Kampfe überwältigt und gefangen.
Manchem gelang es, auf dem Wege zur englischen Stellung zu entfliehen und auf diese Weise der Gefangenschaft zu entgehen, so unter anderem dem Leutnant Widmayer, der, von den Engländern verfolgt, sich nach unseren Linien durchschlug und fast atemlos und ganz erschöpft in unseren Reihen ankam.
Nach Überwältigung der 1. Kompagnie gelang es dem Gegner, noch ein Stück weit in den Bereich der 4. Kompagnie einzudringen. Weit kam er jedoch nicht, denn ein von der 4. Kompagnie mit großem Schneid durchgeführter Handgranatenangriff machte dem Engländer hier ein weiteres Vordringen unmöglich und warf ihn wieder aus dem Kompagniebereich hinaus. Mit äußerster Kraftanstrengung war es der Kompagnie möglich, mit Unterstützung von Teilen der 10. Kompagnie, welche inzwischen zur Verstärkung herbeieilte, die Stellung zu halten, trotz verzweifelter Anstrengung der Engländer, sich in Besitz derselben zu setzen.
Die Handgranatentrupps der 2. und 3. Kompagnie vom nördlichen Regimentsabschnitt eilten ebenfalls herbei, um der bedrängten 4. Kompagnie Luft zu schaffen und nach dem Ypernweg vorzudringen.
Zu gleicher Zeit erhielt ein Zug der 9. Kompagnie den Befehl, die in den Stellungen der 1. Kompagnie eingenisteten Engländer von dem linken Flügel her anzugreifen und zurückzuwerfen.
Inzwischen übernahm der zugleich mit der 11. und 12. Kompagnie bei dem Bataillons-gefechtsstand des südlichen Abschnittes eingetroffene Major v. Flatow das Kommando über diesen Abschnitt von dem am Kopf leicht verwundeten Hauptmann v. Legl. Die 11. Kompagnie unter Führung von Hauptmann Bauer erhielt den Befehl, den noch in unseren Stellungen befindlichen Gegner anzugreifen und hinauszuwerfen. Welch‘ schwierige Arbeit dies war, werden wir weiter unten sehen.
Dem Abschnittskommandeur war es nicht vergönnt, den Erfolg seiner Anordnungen zu erleben. Durch eine Schrapnellkugel am Halse verwundet, konnte sich Major von Flatow noch nach dem in der Nähe befindlichen Sanitätsunterstand begeben, wo er jedoch schon nach kurzer Zeit seiner schweren Verwundung erlag. Mit ihm verlor das III. Bataillon seinen beliebten Kommandeur, das Regiment einen tüchtigen Führer, alle einen vortrefflichen Vorgesetzten und Kameraden.
Nach Major von Flatows Tod übernahm Hauptmann von Legl wieder den Befehl über den Abschnitt.
Die im Jägergraben befindlichen Teile der 12. Kompagnie erhielten den Befehl, nach dem Ausweichgraben vorzugehen, um nötigenfalls die 11. Kompagnie in ihrem Vorgehen zu unterstützen.
Nachdem Handgranaten und Munitionsersatz eigetroffen waren, gelang es der 4. Kompagnie, mit Unterstützung von Teilen der 3. und 10. Kompagnie, die Engländer in hartnäckigem Nahkampf in Richtung Ypernweg und nach dem durch die Sprengung entstandenen Trichter zurückzuwerfen.
Ein hierbei dem Gegner schwere Verluste beibringendes M.-G. war lange Zeit Gegen-stand eines äußerst erbitterten Kampfes. Sämtliche Versuche des Feindes, sich in den Besitz des M.-G.‘s zu setzen, scheiterten an der Tapferkeit seiner Bedienungs-mannschaft, sowie der zum Schutze desselben herbeigeeilten Infanterie.
Unter Zurücklassung zahlreicher Toter und Verwundeter gaben die Engländer schließlich den Kampf auf, bei dem auch wir leider manch schweren Verlust zu beklagen hatten. Leutnant Schmid der 4. Kompagnie, sowie Vizefeldwebel Herbert der 1. Kompagnie fanden hier mit manch tapferem Kameraden den Heldentod.
Ein schweres Stück Arbeit war schon geleistet. Soweit festgestellt werden konnte, war bis jetzt die ganze Stellung, mit Ausnahme des Sprengtrichters und von Teilen des Ypernweges, wieder in unseren Händen. Infolge der beherrschenden Höhe obiger Stellen bildeten sie gewissermaßen den Schlüssel zur Stellung de Regiments. Wäre es den Engländern gelungen, hier festen Fuß zu fassen, so wäre die ganze Stellung des Regiments unhaltbar geworden, da von hier aus der ganze Regimentsabschnitt aus beherrschender Höhe flankiert werden konnte. Der Engländer war sich dessen wohl bewußt und setzte daher auch alles daran, sich hier einzunisten.
mit vereinten Kräften galt es nun, dem Gegner diese wichtigen Punkte zu entreißen. Nach gründlicher Beschießung des Trichters durch unsere Artillerie schickte sich Hauptmann Bauer mit der 11. Kompagnie und Teilen der 3., 9., 10. und 12. Kompagnie, sowie dem Reste der 1. Kompagnie, an, die Höhe zu nehmen. Es war noch eine schwere Aufgabe, welche die tapfere  Truppe vor sich hatte. Der Engländer, der wohl wußte, daß er nach Verlust der Höhe um die Frucht seines Angriffs gebracht war, wehrte sich mit äußerster Hartnäckigkeit. Ein zäher, erbitterter Kampf entspann sich, Schritt für Schritt mußte dem Gegner der Boden abgerungen werden, um jedes Granatloch wurde gekämpft. Manch tapferer Schwabe fand hier den Heldentod, darunter auch Leutnant Harr der 12. Kompagnie. So leicht ließ sich der Schwabe von seinem Ziele nicht abbringen und derbe Schwabenstreiche bekam hier der Engländer zu verspüren. Um 3 Uhr nachmittags endlich konnte Hauptmann Bauer melde, daß der Sprengtrichter durch 50 Mann besetzt sei.
Gleichzeitig gelang es auch, den Gegner aus dem Ypernweg zu vertreiben, so daß unsere gesamte Stellung wieder in unserem Besitze war.
Von den zurückgehenden Engländern haben wohl nur wenige mehr ihre Linien erreicht, denn das ganze Gelände vor unsern Stellungen, sowie die feindlichen Stellungen wurden bis zum Einbruch der Dunkelheit unter heftiges Feuer genommen.
Daß dem Feinde alles daran lag, die Höhe zu halten, davon gaben die zahlreichen toten Engländer, die besonders im Sprengtrichter haufenweise herumlagen, ein beredtes Zeugnis. Mit Einbruch der Dunkelheit hörte das Feuer auf beiden Seiten auf. –“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 248 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1924



aus: „Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 54 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

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