Dienstag, 8. September 2015

8. September 1915


„Ein sonniger heiterer Herbsttag versprach der 8. September zu werden, als er in morgendlicher Kühle heraufkam. Er stimmte nicht überein mit den Gedanken der Menschen, deren ernstes Spiel pünktlich 8 Uhr mit einer gewaltigen Kanonade program-mäßig abzulaufen begann. Eine Minute zuvor wurden zwei Sappenköpfe durch elektrische Zündung gesprengt, deren Knall in das ohrenbetäubende Feuer der Granaten und Minen überging. Alles verschwand bis auf wenige Beobachtungsposten in den bombensicheren Unterständen und lauschte auf das Trommelfeuer, dessen Einschläge nur als unheimliche Erschütterungen zu vernehmen waren. 2½ Stunden lang ging es so fort, bis die Zeit zum Aufbau der Sturmtruppen gekommen war. Die Franzosen waren unterdessen nicht müßig und Schuß um Schuß schlug ihr Feuer um und in die deutschen Gräben herein. Auch hörte man immer wieder das Tak-Tak ihrer Maschinengewehre und vereinzeltes Gewehrfeuer durch den Lärm hindurch, das beängstigend darauf hinwies, daß der Gegner noch keineswegs erschüttert war.  Schlag 11 Uhr, als die ersten Wellen auf den Sturmleitern hinausstiegen, zeigte sich denn auch sofort, daß eine völlige Niederhaltung des Gegners nicht überall gelungen war. Beim rechten, III. Bataillon, wo die Leutnants d. R. Ungerer und Popp, sowie Fähnrich Henßler führten, wurde verhältnismäßig leichte Arbeit getan. Sie überrannten mit ihren ersten 3 Wellen befehlsgemäß die vorderen französischen Gräben und setzten sich im dritten fest, mit dessen Ausbau sie sofort begannen. Gleichzeitig hatte die 4. und 5. Welle die zweite französische Stellung, Reservezüge die erste besetzt und überall wurde der feindliche Widerstand rasch gebrochen, sowie unter Benützung von vorhandenen Gräben Verbindung nach vorne geschaffen. Auch Leutnant d. R. Schabel war mit Maschinen-gewehren rasch in vorderster Linie und schon nach einer Stunde konnte die zu erreichende Linie hier als völlig gesichert in unserer Hand angesehen werden. Leider war dieser schöne Erfolg unter herben Verlusten erkauft worden. Leutnant d. R. Vogt, der Führer der 9. Kompagnie, war im Sturm, kurz ehe er die 3. Stellung erreichte, durch Handgranate tödlich getroffen worden, Fähnrich Henßler (9. Kompagnie) wurde durch Zertrümmerung des Oberschenkels schwer verwundet, Leutnant d. R. Ungerer (11. Kompagnie) brach in der vordersten Linie schwer getroffen zusammen; der Gefreite Gruber seiner Kompagnie, der ihn zurücktragen wollte, teilte sein Schicksal und hauchte in der gleichen Stunde wie sein Führer die Seele aus.
Einen schweren Kampf hatte das II. Bataillon zu bestehen, in dessen Abschnitt die Sappenköpfe 5 und 7 unter einem rasenden Maschinengewehrfeuer lagen. Hier hatte das deutsche Feuer, wie sich nachher zeigte, in der ersten französischen Linie so gut wie keinen Erfolg erzielt und der Angriff der 6. Kompagnie, die als rechte des Bataillons angesetzt war, wollte nicht vom Fleck kommen; wer aus dem Graben hinausstieg, stürzte tot, verwundet zusammen oder flüchtete zurück. Auf dem äußersten rechten Flügel gelang es schließlich beherzten Männern, wie Vizefeldwebel Hoch, Unteroffizier Kohlhammer und Leutnant d. R. Egelhaaf mit Teilen ihrer Züge einige Minentrichter vor der französischen Stellung zu erreichen, von dort aus einen verlustreichen Handgranatenkampf mit der französischen Besatzung aufzunehmen und ein feuerndes Maschinengewehr außer Gefecht zu setzen. Auch bei Sappe 6 war trotz mehrmaliger Versuche einige Minuten lang ein Stocken in den Angriff gekommen. Als der Führer der Kompagnie, Leutnant Eisenbach, dies sah, sprang er selbst auf die Böschung und mit dem Rufe „Vorwärts“ stürzte er dem Feind entgegen. Nur wenige Schritte – dann lag auch er mit durchschossener Brust im Walde und neben ihm seine getreue Gefechts-ordonnanz, Gefreiter Heß. Leuchtendes Vorbild edler Aufopferung, das seine Wirkung nicht verfehlte!
Mit neuer Tatkraft gingen die Leute ans Werk und allmählich gelang es dem zweiten und dritten Zug rechts und in der Mitte der französischen Stellung eine Bresche zu schlagen, von wo aus in aufrollendem Handgranatenkampf die hartnäckig sich wehren-den Franzosen überwunden wurden. Über die zweite Stellung hinweg ging es dann in flottem Vorgehen in die dritte, wo in einem Bataillonsunterstand ein französischer Offizier gefangen wurde. Alsbald wurde Augenverbindung nach rechts mit dem III. Bataillon aufgenommen und links waren inzwischen Teile der 8. Kompagnie unter Leutnant d. R. Ernst auf gleiche Höhe vorgekommen. Diese Kompagnie hatte bei ihrem Sturm anfänglich ähnliche Schwierigkeiten zu überwinden, wie ihre rechte Nachbar-kompagnie, da Maschinengewehre die Sappenköpfe ihres Abschnitts gleichfalls unter vernichtendem Feuer gehalten hatten. Da ging Tambour Heisele von Sappe 6 aus flankierend dagegen vor, setzte eines der Maschinengewehre mit Handgranaten außer Gefecht und erteilte den überlebenden französischen Maschinengewehrschützen auf gut schwäbisch den Befehl, das Maschinengewehr abzuschrauben und nach hinten zu verbringen. Die verängstigten Franzosen erfaßten den Sinn und taten also. Die Sturmtruppen am weitesten links hatten es etwas leichter und kamen über den ersten Franzosengraben mit geringen Verlusten hinweg. Jetzt aber erhielten sie aus einzelnen Unterständen heraus Flanken- und Rückenfeuer, wobei der bewährte Führer der 8. Kompagnie, Leutnant d. R. Schäfer, beim Überschreiten des ersten Grabens durch einen Schuß in den Kopf aus nächster Nähe fiel. In wildem Ingrimm machten die ihn begleitenden Ordonnanzen, Gefreiter Zeeb und Hornist Gefreiter Hägele, die Graben-besatzung durch Schüsse und Handgranaten nieder. Auch sonst sorgten die hinter den Sturmtruppen folgenden Reserven, unter denen sich als erster Unteroffizier Rahn mit Maschinengewehren befand, dafür, daß aus solchen im Sturm übersehenen Franzosen-nestern kein Schaden mehr angerichtet werden konnte.
In raschem Anlauf wurde auch auf dem äußersten linken Flügel die dritte Stellung bald erreicht, über die im Anschluß an die 67er einige besonders schneidige Gruppen ein erkleckliches Stück hinausgedrungen waren. Damit hatten alle am Sturm beteiligten Teile ihr Ziel, das 200–250 m vor der Ausgangsstellung lag, erreicht und 312 Gefangene, sowie eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer, Mörser fielen dem Regiment in die Hand. Die Harazée beherrschende Höhe war jetzt endgültig in deutschem Besitz und bereits sah man von einzelnen Punkten des Grabens aus nach den jenseitigen Höhen des Biesme-Tales, wo Kornfelder und Wiesen eine wohltuende Abwechslung fürs Auge waren, das seit Jahresfrist nur Wald und immer wieder Wald vor sich gehabt hatte. So hatte auch dieser letzte Sturm in den Argonnen zu einem großen Erfolg geführt und bis weit über den Charmes-Bach hinüber waren die Franzosen überall noch einmal vernichtend geschlagen. Schmerzlich war nur wiederum die traurige Arbeit des Bergens der Gefallenen und des Zurückschaffens der Verwun-deten, von denen man insgesamt 179 zählte. 52 hatten den Heldentod gefunden und selten waren die trauernden Grenadiere so erschüttert, wie in jener Stunde, wo man die beiden beliebten Kompagnieführer Schäfer und Eisenbach als treue Freunde im Leben nun auch im Tode vereint neben einander ins Grab legte.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

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