Samstag, 26. September 2015

26. September 1915


Hugo Streicher
*24. April 1891 in Ulm. Nic. W. 1910. Cand. phil., Leutnant im IR 124.
26. September 1915 in der Champagne.

Hugo Streicher ist am 24. April 1891 als Sohn des Hauptlehrers Theodor Streicher in Ulm a. D. geboren. Im Elternhause in Ulm verbrachte er seine Knabenjahre. Als sechs- und siebenjähriger Schüler der Elementarschule bringt er an Ostern eine Belobigung für Fleiß und Wohlverhalten heim. Seine guten Fortschritte im Gymnasium lassen den Plan aufsteigen, das Landexamen zu wagen. Manche schulfreie Stunde, mancher Ferientag muß geopfert werden. Mit einem Platz unter der ersten Hälfte der Bestandenen kehrt er heim. Bald kommt der Abschiedstag. Der Vater verbindet mit der Fahrt ins Seminar eine kleine Schwarzwaldreise, die langsam auf Maulbronn zuführt, wo Hugo die nächsten zwei Jahre, 1905/06, zubringen soll. Von Blaubeuren aus, wohin er mit seinem Kurs im Herbst 1907 übersiedelt, kann er die Seinen an manchem Sonntag besuchen. Öfters kommen Freunde mit, von denen Arthur Schmid, der später mit ihm Nicare wurde und auch fallen sollte, der häufigste Gast in seinem Elternhause ist. Auf Grund der Konkursprüfung 1909 wird Streicher ins Stift aufgenommen, genügt aber zunächst seiner einjährigen Militärdienstpflicht beim Inf.-Regt. 123 in Ulm bis Herbst 1910. Im Frühjahr 1911 macht er wieder eine Übung in Ulm und Münsingen mit und im Juli, August und September 1912 eine weitere von acht Wochen. Am 1. April 1910 wird er Gefreiter, am 2. September 1910 Unteroffizier, am 9. Mai 1911 Vizefeldwebel.
Im Herbst 1910 beginnt er seine Universitätsstudien in Tübingen und tritt in die Verbindung Nicaria ein, deren treues Mitglied er bis zu seinem letzten Augenblick bleibt. Da vier aus seinem Kurs ein anderes Fachstudium als das theologische wählen dürfen und er wegen häufiger Heiserkeit befürchtet, dem Predigtamt nicht gewachsen zu sein, so tritt er mit Einwilligung seines Vaters zur Neuphilologie über. Im Sommer 1912 studiert er ein Semester in München, die reiche Gelegenheit für wissenschaftliche und Kunststudien eifrig ausnützend. Auch der nahen Gebirgswelt macht er einen Besuch, siegt den herrlichen Königssee und besteigt den Watzmann. Von Herbst 1912 bis Sommer 1913 studiert er zwei Semester an der Universität Montpellier in Frankreich. In den Osterferien 1913 macht er mit einem Studiengenossen eine Rivierawanderung nach Cannes. Vom Oktober 1913 bis Kriegsausbruch finden wir ihn wieder in Tübingen. Im Sommer 1914 rüstet er sich zum Examen. Seine Doktorarbeit ist nahezu vollendet. Ein Bild aus jenen Tagen zeigt ihn im Kreise seiner Freunde auf dem Jusi bei Metzingen, den Neuffen im Hintergrund. Allen strahlt die Lebensfreude aus dem Gesicht; keiner ahnt das nahe Ende, das fast allen bevorsteht.
Bei Kriegsausbruch wird Streicher dem Inf.-Regt. 124 in Weingarten zugeteilt. Ende August rückt er, zum Leutnant befördert, mit dem Ersatzbataillon ins Feld, nimmt an den großen Märschen bei der Verfolgung der geschlagenen Franzosen bis zur Marne und dann am Rückzug und den hartnäckigen Argonnenkämpfen teil, erhält das Eiserne Kreuz 2. Klasse, wird erstmals durch Granatsplitter am Bein verwundet und dann nach Ausheilung der Wunde zur Erholung mit der Ausbildung von Ersatztruppen im Sennelager betraut, wo seine Leute ihm ein hübsches Waldhäuschen bauen. Zur Freude der Seinen kommt er an Ostern 1915 auf kurze Zeit nach Hause. Dann geht’s wieder an die Front in die Argonnen. Bei der Eroberung eines Grabens wird er durch Handgranaten ziemlich schwer am Kopf verwundet und durch starken Blutverlust geschwächt. Nach acht Tagen, während deren er im Feldlazarett in Grand-Pré behandelt wird, kommt er im Lazarettzug in das Spital nach Stuttgart und dann auf einige Wochen zur Erholung nach Hause. Er erhält als einer der ersten jungen Reserve-Offiziere das Ritterkreuz des Friedrichsordens 2. Klasse. Da er nach Heilung seiner Wunden noch erholungsbedürftig ist, wird er für den nächsten Monat zum Garnisondienst in Weingarten bestimmt. Allein er kann es nicht lange ertragen, daß dort diejenigen das große Wort führen, die gar nicht, oder nur ganz kurz an der Front gekämpft haben, und meldet sich mit dem nächsten Nachschub wieder ins Feld. Aber der untersuchende Arzt schickt ihn als erholungsbedürftig wieder auf vierzehn Tage nach Hause. Seine Eltern, die bei einer verheirateten Tochter fern von Ulm die Ferien zubringen, sehen ihn leider nicht mehr. Ende August tritt er wieder bei seinem Regiment ein und nimmt am Stellungskrieg teil. Gleich seinem jüngeren Bruder, der bei Kriegsausbruch als Kriegsfreiwilliger bei den Pionieren eingetreten ist, meldet er sich zum Gebirgs-regiment. Beide wären anfangs Oktober zu diesem versetzt worden. Kaum ist sein Regiment in Ruhestellung, da entbrennt die mörderische Champagneschlacht und alle verfügbaren Truppen werden dorthin geworfen, auch das Regiment 124. Am Sonntag, den 26. September nachmittags 3 Uhr, will Streicher (nach Angabe seines Burschen) auf Höhe 191 bei Massiges, nachdem sein Hauptmann Quellhorst gefallen ist, einen verlorenen Graben wieder zurückerobern und geht als Erster vor, wird aber gleich niedergestreckt. Einige Maschinengewehrkugeln haben ihm die Hand zerschmettert und seinen Körper durchbohrt. Sein Bursche und ein Unteroffizier ziehen ihn in den Graben zurück. Er heißt seinen Burschen noch seine Brieftasche und seinen Brustbeutel an sich zu nehmen und mit seinen letzten Grüßen nach Hause zu schicken, dann stirbt er. Die Höhe wird vom Feind genommen. Die Toten können nicht geborgen werden. Vielleicht werden sie in ein Massengrab gebettet. Ohne die heldenhafte Ausdauer der Württem-berger wären hier die Franzosen wahrscheinlich durchgebrochen.“

aus: „Gedenkbuch der Tübinger Nicaria für ihre Gefallenen“, Tübingen 1933


„Obwohl hinter der 27. Infanteriedivision keine nennenswerten Reserven standen, befahl doch das Armee-Oberkommando der 5. Armee am 23. September, aus 3 Ruhe-bataillonen der Division ein zusammengesetztes Infanterie-Regiment zu bilden, um der schwer bedrängten 21. Res.-Division schnell frische Truppen zuführen zu können. Am 25. September wurden das II./120, II./123, III./124, später nach dem Führer „Regiment Lägeler“, dem Kommandeur des III./124 genannt, der 21. Res.-Division zur Verfügung gestellt. Der infolge der immer noch andauernden Artilleriebeschießung sehr mühselige und gefahrvolle Anmarsch erfolgte über Autry nach Cernay en Dormois. Dieser Ort lag hinter dem sich aus der leicht welligen Champagne abhebenden Höhenzug, der von Rethel gegen St. Ménehould verläuft. Die Abhänge nach Nordosten in das Aisne-Tal sind schroff und steil, nach Westen und Südwesten springen zahlreiche Nasen vor. 2 Höhen steigen besonders empor, die Höhe 199, südwestlich Cernay und 191 nördlich Massiges. Hier war der Schlüssel zum Aisne-Tal und deshalb richteten die Franzosen auf diese Stelle besonders ihre wütenden Angriffe, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Gelang es ihnen, auf den Höhen ihre Artillerie in Stellung zu bringen, gehörte das davor sich ausbreitende flache Land über Challerange – Vouziers hinaus dem Feinde. Hier hatten die Franzosen nach 70stündigem Trommelfeuer einen Anfangserfolg gehabt und die vordere Linie genommen. Auf das Tapferste hatten sich die preußischen Reserve-Regimenter 30 und 80 gewehrt, aber ihre Kräfte waren im Erlahmen, schleunige Hilfe tat Not und sie nahte ihnen in den Württembergern. III./124 erreichte im feindlichen Artilleriesperrfeuer die Höhe 199 – den Kanonenberg – und das halbwegs zwischen 199 und 191 gelegene Bothewäldchen. Starkes Feuer von 32 und 28 cm-Kaliber empfing die Kompagnien, die Schlacht war noch in vollem Gang, der Erfolg noch nicht auf Seite der Franzosen, aber Welle auf Welle griff immer wieder an. Teile des III. Bataillons wurden sofort nach dem Eintreffen bei Res.-Regt. 80 eingesetzt und so die verschiedenen vorspringenden Bergnasen und das Bothewäldchen gehalten. Kurz nach dem Eintreffen fiel Hauptmann  Quellhorst, der tapfere Führer der 11./124, durch Artillerievolltreffer. Der Ausfall am 1. Tag betrug 158 Mann.


Zu dem hin- und herwogenden Kampf mit all seinen Schrecken kam außerordentlich schlechtes Wetter. Ununterbrochen strömte der Regen herab und verwandelte den Kalkboden in eine ungangbare Masse. Die durch die Beschießung herumgeworfenen Holz- und Eisenteile der Unterstände, zerschossene Geschütze, zerstreute Artillerie-munition, der Schutt der Granattrichter und besonders diese selbst erschwerten jede Bewegung, besonders bei Nacht. Das Vorfahren der Verpflegung stieß auf fast unüber-windliche Schwierigkeiten. Das „Essenfassen auf dem Kanonenberg“ erfreute sich im Gegensatz zu sonstigen Zeiten gar keiner Beliebtheit. Der Witz der Musketiere schuf obenstehendes Bild von diesen Vorgängen.
Am nächsten Tag, dem 26. September, kamen die Franzosen dem durch das Regiment Laegeler geplanten Vorstoß auf Höhe 191 durch einen Angriff zuvor. Unaufhörlich wälzten sich wieder die Angriffswellen vor, ohne Unterbrechung tobte die starke feindliche Artillerie. Etwas Gelände ging verloren, die Wegnahme des Bothewäldchens wurde noch einmal verhindert. Bis 8 Uhr abends dauerte der Kampf, dann war der feindliche Ansturm gebrochen.“
  
aus: „Das Infanterie-Regiment Känig Wilhelm I (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

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