Mittwoch, 9. September 2015

9. September 1915


„In der Nacht vom 6./7. September gelingt es den Grenadieren unter unserem Schutze das andere Ufer zu gewinnen und des Gegners Stellung in Besitz zu nehmen; damit fällt auch die Stadt Wolkowysk in deutsche Hände! Der Blick von den Höhen diesseits des Roßbaches ins russische Land hinein war überwältigend! Man stand plötzlich an einem Talrand, weit sichtbar russische rotbraune Erde, dunkle Kiefernwälder und statt der Ortschaften wehende Rauchfahnen. Unten im Tal das brennende Städtchen Wolkowysk mit seinen großen zerstörten Bahnanlagen und Materialschuppen usw., auf den Straßen in der Ferne ganze Schwadronen abziehender Kosaken! – Am 8. September wird durch Wolkowysk über Gut Popojewo marschiert; nach kurzer Rast wird das Detachement Wencher gebildet, dem das Regiment, M.-G.-K. und die 2./65 angehören. Der Auftrag war, noch in der Nacht Pacewicze zu nehmen und nach Möglichkeit darüber hinaus vorzustoßen. Vom Gegner war kaum etwas, jedenfalls nichts Positives bekannt. Nach den anstrengenden Tagen zuvor war dieser nächtliche Vormarsch ins Ungewisse keinesfalls sehr willkommen, zumal die übrigen Teile der Brigade zur Ruhe übergehen konnten. – Zum Glück hellte sich das Wetter auf, so daß auch die Stimmung sich wesentlich besserte, um so mehr da unser Vormarsch auf guter Straße vor sich ging. – Solange das Tageslicht den Weg zeigte, ging es gut vonstatten, aber als die Dämmerung hereinbrach, man die Karten nur noch mit Hilfe der elektrischen Taschenlampen, welche meist durch die feuchte Witterung kaum mehr leuchten wollten, lesen mußte, da gab es Stockung auf Stockung, erst recht, als die Nacht hereinbrach, so daß man kaum seinen Vordermann sehen konnte. Im übrigen sah man in der Ferne, rechts und links der Vormarschstraße brennende Ortschaften und Gehöfte, das sicherste Zeichen, daß wir den Russen dicht auf den Fersen sind. Endlich nach kurzem Nachtgefecht wurde das Dorf Pacewicze vom III. Bataillon genommen und einige Gefangene dabei gemacht. Nachdem die notwendigen Sicherungen ausgestellt waren,  brachte man sich in erhöhter Gefechtsbereitschaft an den Ortsausgängen unter. Der Morgen des 9. September klärte uns auf, daß wir uns in einer äußerst gefährlichen Lage befanden, ein Glück, daß die Russen ebensowenig über unsere Lage orientiert waren. Bis auf wenige hundert Meter waren die Kompagnien nachts auf russische starke Stellungen ahnungslos angelaufen. Kosakenpatrouillen trieben sich sogar rückwärts unserer Stellung herum und gefähr-deten ernstlich unsere Verpflegungsfahrzeuge. Gut Pacewicze und der Westrand des Waldes von Zelwianka war stark ausgebaut und besetzt.
Bis auf 400 Meter kamen die Bataillone an den Gegner heran und verblieben, da bei der vorhandenen geringen Geschützzahl ein Angriff zunächst keinen Erfolg versprach, in der Defensive. Das II. Bataillon mit den M.-G.-Zügen 222/223 wird sofort näher herangezogen“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1921

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