Sonntag, 27. September 2015

27. September 1915


„Die Schlacht war voll entbrannt und weite Gebiete Nordfrankreichs hallten wider von dem ununterbrochenen Kanonendonner, aus dem sich, je näher man kam, die Einschläge der schweren und schwersten Kaliber heraushoben. Am Bois l’Echelle vorbei, wo gefangene Franzosen in apathischem, zerschmutztem Zustand den Weg kreuzten, ging’s in gruppenweisem Reihenmarsch gegen Cernay. In der Abenddämmerung verschwan-den eben die Hügelketten der Champagne, die unmittelbar südlich davon bis zu 200 m Höhe ziemlich unvermittelt emporsteigen. Auf den Höhen konnte man noch die weiß und schwarz geballten Wolken der einschlagenden Granaten und der blitzenden Schrapnells erkennen. Cernay selbst lag unter schwerstem Feuer und hohe Rauchsäulen schossen springbrunnenartig in die Luft, die von den Flammenzungen brennender Häuser und lodernden Brandgranaten beleuchtet bizarre Bilder zeichneten. Dort hinein zog das Bataillon und wartete auf weitere Befehle. Eine drückende Stimmung be-herrschte die Lage, da die zurückströmenden Truppen vorn alles für verloren hielten, und es war nicht zweifelhaft, daß die aufs äußerste erschöpften Verteidiger der Cham-pagnefront, die bald 4 Tage lang im Trommelfeuer gelegen waren, einem fünften Tag nicht mehr gewachsen sein konnten.
Ihnen zu Hilfe zu eilen, war selbstverständliche Pflicht, wenn auch eine schwere Aufgabe. 5. und 7. Kompagnie des Grenadierbataillons rückten zuerst ab; nach 7 Uhr abends ging’s beschleunigt aus dem schwer beschossenen Dorf hinaus und auf der breiten Straße Cernay/Ville sur Tourbe unter einem rechts und links der Straße einschlagenden Granathagel nach vorwärts. Nach knapp 2 Kilometer Weg waren die Kompagnien auf der La Justice-Höhe (155) angekommen, wo sie von dem dort einge-setzten R.I.R. 87 wie Erlöser begrüßt wurden. Nach Mitternacht wurden sie auf dieses Regiment verteilt in der vorderen Linie, der Briqueteriestellung eingesetzt, wo sie sich tatkräftig an die Wiederherstellung und Einrichtung der Gräben machten, welche die Bezeichnung als solche kaum verdienten. Trotz eines andauernden Störungsfeuers in der Nacht war aber bis zur Morgenstunde die Stellung einigermaßen wieder zur Vertei-digung instandgesetzt. Außerdem wurde zu ihrer Verstärkung morgens 4 Uhr auch die 6. Kompagnie nach La Justice in Marsch gesetzt und dort in Hütten und Stollen untergebracht, wo sie im Laufe des Tages schmerzliche Verluste erlitt. Ein Volltreffer vernichtete allein 10 Menschenleben.
Die Stellung sah bös aus. Die Franzosen waren nach einer großen Sprengung in den vorderen Graben eingedrungen gewesen, waren jedoch im Gegenstoß durch die Reserve des Regiments zurückgeschlagen worden. Jetzt hausten die Grenadiere mit den Resten der 183er, die ihnen rückhaltlos ihre Bewunderung aussprachen, in den völlig zerschossenen Stellungen, aus denen sie trotz immer wiederholten Artillerie- und Minenfeuers in verhältnismäßige kurzer Zeit eine brauchbare Stellung gemacht hatten. Überall stieß man auf Verwesende, vor der Front lagen Hunderte und Aberhunderte von stahlblauen Leichen, in und hinter der eigenen Linie verbreiteten die gefallenen Deut-schen, die wegen des Feuers nicht beerdigt werden konnten, einen kaum auszuhaltenden Geruch. Durch die Sprengung eingeklemmte Köpfe, Arme, Beine, nagten an der Seelenkraft der Besatzung. Ratten huschten zu Dutzenden über die Grabensohle, die nach Regengüssen fußtief mit Wasser sich füllte. Weiß wie Müller an trockenen Tagen, grau und schmutzig wie Kanalarbeiter bei Regenwetter, so standen die Grenadiere am äußersten linken Flügel der Champagnefront und sorgten dafür, daß der wichtige „Kanonenberg“, die Höhe 199, die unmittelbar in der rechten Flanke lag, vom Tal aus nicht umgangen wurde.
Dort oben stand es nicht gut und ein erheblicher Einbruch war den Franzosen am 25. an dem Schnittpunkt der 3. und 5. Armee geglückt. 120er und 124er vom Regiment Lägeler hatten hier in letzter Minute eingreifen können und hielten die deutsche Linie gerade noch auf dem Nordostkamm fest. Dorthin wurde am 26. vormittags die letzte noch nicht eingesetzte Grenadierkompagnie, die 8., entsandt, um im Verein mit einer Kompagnie 124 als Nahtabteilung den Schutz der rechten Flanke der 21. R.D. bezw. 5. Armee zu übernehmen. Rechts am Kanonenberg vorbei lagerten über den Hügelketten schwarze Rauchschwaden krepierender Granaten. Wieder war ein Angriff in Vorberei-tung und kaum waren die beiden Kompagnien oben, als auch sie in ein tolles Feuer kamen, das sie auseinander zu sprengen drohte. Ein ehemaliges hübsch gelegenes Lager am Nordhang, das einmal ein idyllisches Plätzchen gewesen sein mag, war unbrauchbar; Bretter, Balken, Holzstücke waren von den Geschossen in den Grund geschleudert. Auf der Höhe vorzukommen, war unmöglich, da der Kanonenberg konzentrisch unter Feuer lag. Rechts drüben war es etwas besser, man kroch und sprang von Loch zu Loch und preßte sich, kaum noch zu Atem kommend und jede Falte ausnützend, in den Erdboden. Die Franzosen griffen an, man sah sie deutlich auf 1000, 1200 m Entfernung von der Höhe 191 her in Schützenlinie vorgehend. Vorwärts auf halber Entfernung sah man auch Deutsche, die ein altes Lager verteidigten, das wie ein Termitenhaufen aussah. Aber trotz der Gefährdung der Eigenen schoß man wie wild.
Von vorne kamen einzelne Leute zurück, verstört, wahnsinnig lallen sie nur noch: „fort, fort aus dieser Hölle,“ dann waren sie den Berg hinunter verschwunden. Es war 3 Uhr mittags und bis in die Abendstunden ging es so weiter. Vor Nervenaufregung und dem Höllenlärm war alles wie gelähmt, die Besinnung auf eine übermenschlich harte Probe gestellt. Erst nach Dunkelwerden ließ das Feuer nach und zu jedem Gedanken unfähig gruben die Leute mechanisch auf dem Höhenkamm einen Schützengraben. Gegen 4 Uhr morgens trafen reichliche Verstärkungen ein, und später noch Oberst Präfke, der zum Kommandeur des Kanonenbergs ernannt war.
Hier hielt auch am 27. und 28. September die 8. Kompagnie, losgelöst von ihrem Bataillon, inmitten fremder Truppen die Hut auf dem Kanonenberg, beim Fehlen jeder Deckung wahrhaft ein Kanonenfutter! Stundenlang brauste der Orkan Tag und Nacht über die Kämme weg, 53 Mann riß er allein aus dieser Kompagnie in den ersten 3 Tagen in seinen unentrinnbaren Wirbel. Der Gegner hielt mit diesem Feuer die Kanonenbergbesatzung nieder, während rechts und links die Kämpfe weiter gingen. Da und dort sah man die Bajonette durch Rauch und Staub hervorblitzen, aber zum Schuß kam die Kompagnie selbst nicht mehr, wurde vielmehr in der Nacht des 28. herausge-zogen.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

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