Samstag, 12. Dezember 2015

12. Dezember 1915


„Ein Gang durch die Stellung vor Ypern. – Um die Jahreswende 1915/16.
Von Generalleutnant a. D. Ernst Reinhardt
Am 13. Dezember 1915 war ich im Regimentsstabsquartier in Waterdamhoek einge-troffen. Am nächsten Tag übernahm ich den Abschnitt des Regiments. Über Morsleede, an dem ausgedehnten Friedhof der Sachsenregimenter vorbei über das Straßenkreuz bei Broodseinde führte der Weg nach Zonnebecke. Um diese Ortschaft war in den Mai-kämpfen hart gestritten worden, sie trug davon noch sehr deutliche Spuren, die Häuser lagen in Trümmern. In den unteren Räumen eines Klosters war der Truppenverbands-platz des Regiments, wohl vielen Regimentskameraden aus jener Zeit noch gut bekannt. Vor Zonnebecke, feindwärts, lag der Divisions-Pionierpark. Bis hierher wurde das Pio-niermaterial aller Art alltäglich mit der Vollbahn befördert. Späterhin wurde, anstatt in Feldküchen, auch die warme Verpflegung für die in Stellung befindlichen Teile des Regiments mit der Vollbahn vorgeführt, nachdem der Fahrplan dementsprechend geän-dert worden war. Ja, vom Januar ab fuhren die Vollbahnzüge allnächtlich noch weiter nach vorn bis zur Haltestelle Arrêt, kaum 2 km vom Feind entfernt. Es war ein eigen-artiger Anblick, wenn um Mitternacht die Lokomotive auf der Bahnlinie Roulers – Ypern, wo in Friedenszeiten Luxusschnellzüge verkehrten, in langsamem Schnecken-tempo mit Pionierzeug aller Art in schwerbeladenen Güterzügen angefaucht kam.
Zum Regimentsgefechtsstand, damals „Haus Hanebeeke“ mit seinem weggeschossenen Giebelteil, einem früheren Bauernhof mit kleinem Gärtchen und Tümpel, auf dem unsere Enten schwammen, gelangte man, am Regimentsfriedhof vorbei durch den Poly-gonwald, dann am Westhaus, Gefechtsstand des Regiments 246, und am Hanebeek-Wäldchen vorüber, wo eine 24-cm-Batterie eroberter Festungsgeschütze aus Maubeuge stand. Die Zufahrt zum Hanebeek-Haus war bei dem naßkalten Winterwetter grundlos; trotzdem wurde sie auch von den Truppenfahrzeugen als Anfahrt benutzt. Das einzel-stehende Gehöft, dessen Bedeutung als Stabsquartier dem Feinde nicht verborgen blei-ben konnte, litt viel unter Beschießung, ohne jedoch öfters ernstlich getroffen zu wer-den. Immerhin mußten die Fensterscheiben an manchen Tagen mehrmals erneuert wer-den. Infolge dieser häufigen Störungen wurde der Regimentsgefechtsstand in den letzten Dezembertagen nach einem neugebauten, festen und gegen Fliegerbeobachtung tadellos eingedeckten Betonunterstand, dicht an der Bahnlinie, verlegt, Haus Hanebeeke wurde Bataillonsgefechtsstand.
Von dem neuen Regimentsgefechtsstande aus, der, in einen Straßendamm eingebaut, nur vom Eingeweihten erkannt wurde, ging man auf oder entlang der Bahnlinie in die Stellung vor. Auch die ablösenden Kompagnien benützten die Bahnlinie auf ihrem Vormarsch zur Stellung. Rechts der Bahn standen Baracken, teils frei im Gelände, teils einer Hecke entlang, für die Kompagnien des Bereitschaftsbataillons. Die Unterstände der Kompagnieführer und auch eines Bataillonskommandeurs lagen an der Bahnlinie. Der Schwabenhof, ein Gehöft einige Minuten vorwärts vom Regimentsgefechtsstand, beherbergte den Kompagnieführer der Maschinengewehrkompagnie mit seinem Stabe. Von Arrêt aus, einem Friedenshaltepunkt, von dem außer einem Wegeübergang nichts mehr übrig war, gingen Förderbahnen ab, mittelst deren das beigeführte Material nach den linken Nebenabschnitten gefördert wurde. Von Arrêt aus ging das Vollbahngleis weiter nach vorn zur Endstation „Jägergraben“. Bis hierher wurde Verpflegung, Ze-mentsteine, Hindernis- und Baumaterial aller Art auf offenen Bordwagen mit Handbe-trieb vorgeschoben. Da diese Strecke vom Feind nicht eingesehen war, konnte sie auch bei Tage befahren werden. Überhaupt schossen die Engländer vor ⅓10 Uhr morgens nicht mit Artillerie. Erst zu dieser Zeit setzte ihr ungeregeltes Streufeuer mit Schrapnells und Granaten ein, das zwar wenig Wirkung hatte, aber doch störend auf den Betrieb in der Stellung wirkte.
Bei der Station „Jägergraben“ überschritt man eine leichte Geländewelle. Von hier aus war man eingesehen. Deshalb war hier auch ein Schutzwall aufgeschichtet gegen das besonders bei Nacht hierher gerichtete Strichfeuer feindlicher Maschinengewehre. Links der Bahn im Jägergraben, rechts der Bahn im „Abwehrgraben“ lagen die Reservekom-pagnien der vorderen Linie. Der Bataillonskommandeur hatte seinen Gefechtsstand rechts (nördlich) der Bahnlinie, während links (südlich) in der Nähe derselben ein neuer Betonunterstand für den vorgeschobenen Verbandplatz gebaut worden war. Die Bahn-linie trennte den Regimentsabschnitt in zwei Teile. Der Abschnitt rechts der Bahn war bedeutend ruhiger als der linke. Ihn durchzog der erst im Laufe des Monats Januar fertiggestellte sogenannte „Panama-Kanal“, ein großzügig angelegter, mit viel Geschick und Fleiß von den Infanteriepionieren gebauter Entwässerungsgraben, teils bis 3 m tief, teils miniert (eine 200 m lange Stecke!). Eine Glanzleistung von Erdarbeit, die merk-würdigerweise von den Engländern während unserer Zeit nicht zerstört wurde! Die im Oktober/November und an Weihnachten noch bedeutende Hochwassergefahr in Stel-lung und Gräben war dadurch gebannt. Freudigst begrüßt wurde daher vom ganzen Regiment die Eröffnung des Kanals und ihm planmäßig alles Wasser zugeleitet.
Im Abschnitt rechts der Bahn  führte der „Schwarzkopf-Weg“ im Zickzack nach der vorderen Stellung, nach der „Schmiede“, einem früheren Gehöft, von dem so gut wie nichts mehr stand. Hier stieß der Abschnitt an das Nachbarregiment. sächsisches Res.-Inf.-Regt. 245 von der 107. Res.-Brigade.
Links der Bahn herrschte ein lebhafterer Grabenkrieg mit Granaten und Schrapnells, mit Minen, Maschinen- und Infanteriegewehrfeuer. Der vordere Kampfgraben war, soweit es der sandige Boden des flandrischen Tieflands zuließ, behelfsmäßig ausgebaut. In ihm führten wir auch den Minenkrieg unter der Erde. Die feindliche Stellung vom 25. September hatte uns zur Warnung gedient. Jetzt waren wir in der Vorhand. Der Erfolg blieb nicht aus. Die Sprengung vom 14. Dezember legte davon beredtes Zeugnis ab.
Der vorderste Graben im linken Abschnitt wurde erreicht durch den „v. d. Decken-Weg“. Dieser führte längs der Bahnlinie; er wurde aber in seinem vorderen Teil sehr schmal und so nieder, daß er als „Annäherungsgraben“ den Anforderungen nicht ent-sprach, auch konnte er vom Feinde eingesehen werden und war bei starkem Regen voll Wasser. So mußte also Ersatz geschaffen werden. Etwa 20 – 25 m hinter dem vorderen Graben verlief der „Riegelgraben“ als Wohngraben, durch mehrere Verbindungsgräben mit dem Kampfgraben verbunden. In ihm hatten auch die Kompagnieführer der vorde-ren Linie ihre Unterstände.
Im Kampfgraben hielten Scharfschützen und Posten an den Schießscharten Wacht, vor allem zum Schutz der Minenschächte. Im linken Teil des Abschnitts südlich der Bahn gelangte man durch einen Durchschlupf in der vorderen Grabenwand zum „Trichter“. Dieser „Trichter“ war die Sehenswürdigkeit des Abschnitts. Ein Sprengtrichter von ge-waltiger Ausdehnung, etwa 50 m im Durchmesser, angefüllt mit Wasser, das aus den umliegenden Minierschächten heraufgepumpt wurde und durch die Gräben ihm zufloß, war er dem Kampfgraben unmittelbar vorgelagert. Neben unserem Trichter lag der „englische Trichter“, nur durch einen schmalen Grat von jenem getrennt. Eine gewisse weihevolle Stimmung lag über der Trichterstellung, die aus Schützennischen und eini-gen mit Handgranaten behangenen Unterständen bestand. Es durfte kein lautes Wort gesprochen werden, nur auf den Zehenspitzen durfte man sich den Postenständen nä-hern. Die Besatzung bestand bei Tag aus Posten, bei Nacht aus mehreren Gruppen. Lebhafte Handgranatenkämpfe spielten sich, besonders bei Nacht, hier ab. Die Hand-granaten flogen hinüber und herüber, meist ohne Schaden anzurichten. Der Dienst in der Trichterstellung war bei unsern Leuten nicht sehr begehrt, er wurde zu den schwierig-sten im ganzen Abschnitt gerechnet. Aber dieser Dienst am nächsten am Feind entbehrte für unsere wackeren Leute doch nicht des Reizes und einer gewissen Romantik. Die Kämpfer der Trichterstellung werden sich seiner jedenfalls mit besonderer Vorliebe erinnern.
Durch den „Ypern-Weg“ gelangte man zum Nebenabschnitt des Regiments 246. Der „Ypern-Weg“ bildete die Fortsetzung des vorderen Grabens und flankierte den rechten Flügel des Nebenabschnitts, dessen vordere Linie gegen der unsrigen etwas abgesetzt war. Vom „Ypern-Weg“ führte der im Januar fertiggestellte „Leuthold-Weg“ in Zick-zacklinien nach hinten und bildete den Hauptannäherungsgraben des linken Abschnitts als Ersatz für den ungenügenden „v. d. Decken-Weg“.
Die Instandhaltung der Gräben war eine harte, schwere Arbeit bei dem nassen Wetter, dem leichten, sandigen Boden und dem vielen Wasser, dessen wir nur sehr schwer Herr werden konnten. „Schwierigkeiten sind dazu da, daß sie überwunden werdenׅ“, war der Wahlspruch der 248er, und sie wurden überwunden. Der Ausbau der Stellung machte sichtliche Fortschritte.“



aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 248 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1924

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