Samstag, 19. Dezember 2015

19. Dezember 1915


„Alle 4 Wochen wechselten die Kompagnien zwischen der vorderen Linie und der Reserve, zwischen Posten- und Arbeitsdienst. Die zusammenhängende Ruhe in der Reservestellung ist der einzige, aber nicht hoch genug zu bewertende Vorteil, den sie bietet. Sonst ist kein Unterschied zwischen Reserve und vorderster Linie. Beide liegen gleichmäßig unter unaufhörlichem Feuer. Die Angriffe in den Argonnen haben den Gegner gewarnt. Die Vorbereitungen für den im Januar geplanten Angriff, der Bau von Angriffsstollen, verdeckten Ausfallsappen und neuen Unterkunftsstollen bleiben dem Gegner nicht verborgen. Die kahl geschossene Höhe ist ein einziger Schutthaufen. Unter dem weißen Auswurf der Stollenarbeiten ist kaum ein Fleckchen der ursprünglichen Walderde zu sehen. Mit allen Mitteln sucht der Gegner die Arbeiten zu verhindern und zu stören. Täglich bebt die Erde von den immer stärker werdenden Sprengungen. Immer heftiger schwillt das Artillerie- und Minenfeuer an. Immer schwerer werden die Kaliber und immer mehr Gasgeschosse mischen sich ein. Täglich werden die Gräben durch die 15 Zentimeter-Granaten eingeebnet. Die Posten, die erst allmählich splittersicher eingebaut werden, machen furchtbare Stunden durch. Immer wieder und wieder kämmt der Gegner die Stellung ab. Immer näher und näher kommen die Einschläge heran. Da steht man wehrlos und wartet auf den Tod. Die nächste muß den Postenstand zusammenschlagen. Ein furchtbarer Krach. Vor den Augen sprüht Feuer. Ein eisiger Hauch drückt den Mann an die Grabenwand. Holz, Steine, Erde prasseln auf ihn nieder, singend schwirren die Splitter durch die Luft. Es ist vorüber. Man atmet auf, dem Lichte neu geschenkt. Das Toben und Krachen geht weiter. Da ein Schrei. Der Grabendienst stürzt herbei, unter den Trümmern seines Postenstandes zieht man einen Schwerver-wundeten hervor. Im Feuer schleppen ihn die Krankenträger im Zelttuch durch die engen Gräben zum Verbandsplatz im Ossongrund, und von dort geht es weiter in den offenen Wagen der Argonnenbahn durch Wind und Wetter ins Lazarett. Aber manchen bettet man auch auf dem kleinen, mit Birkenstämmen eingerahmten Friedhof im Ossongrund oder am Noltelager. 50 Tote und 290 Verwundete hat die Höhe 285 dem Bataillon vom 11. Juli 1915 bis zum 30. April 1916 gekostet, 22 Tote und 100 Verwundete in den ersten 3 Wochen im Juli, wo jede leichte Granate die elenden Löcher in der Grabenwand zusammenschlägt, 15 Tote und 80 Verwundete im August, 4 Tote und 37 Verwundete im September. Dann sinken die Ziffern trotz des immer stärker werdenden Feuers. In unermüdlicher Arbeit sind Stollen gegraben worden, in denen man ruhiger schlafen  kann. Aber furchtbar eng ist es in ihnen, und es dauert bis zum Februar, ehe endlich alle Leute schußsicher untergebracht sind. In den schmalen, mit Rundhölzern abgestützten Gängen liegt man wie die Heringe zusammengepfercht auf Drahtfallen in mehreren Stockwerken übereinander. Der Raum zwischen der Falle und der darüberliegenden oder der Decke ist so gering, daß man nicht aufrecht sitzen kann. Sie sind so kurz, daß die Schläfer die Beine übereinanderstrecken müssen. Wer heraus will, muß erst über ein paar Nachbarn hinwegkriechen. Ein Tisch ist ein unerhörter Luxus, auf der Falle liegend muß man essen und schreiben. In den schmalen Gängen können keine 2 Mann aneinander vorbei. Von der Decke und den Wänden rieselt das Wasser, gegen das die zerrissene Dachpappe und die Konservenbüchsen, die man als Sammelbecken an besonders gefährlichen Stellen aufgehangen hat, nur einen mangel-haften Schutz gewähren. Ständig heißt es Wasser schöpfen, und in den großen Zugstol-len der zweiten Linie, dem Vollbrecht- und dem Blockhausstollen, stehen Tag und Nacht oft 4 Mann an den Pumpen. Hier hat man sich schon etwas bequemer eingerichtet. Von einem Mittelgang aus sind seitlich Nischen in die Wände getrieben worden, in denen je 8 – 10 Mann unter einem Wellblechschutzdach schlafen. Aber die Luft ist hier fürchterlich. Deshalb werden die Stollen im Mudragraben als Kammern für je eine Gruppe mit einem Schlaf- und einem kleinen Aufenthaltsraum mit besonderem Ausgang gebaut, die untereinander verbunden, aber doch durch Holzverschläge vonein-ander getrennt sind. In diesen dumpfen und feuchten Löchern ohne Licht lebt man monatelang im aussichtlosen Kampf mit den Läusen und Ratten, die den Schlafenden über das Gesicht hinhuschen. Hier verbringt man seine ganze freie Zeit, denn hier hat man wenigstens das Bewußtsein der Sicherheit, und im stärksten Trommelfeuer halten die Stollen die Nerven und die Verteidigungskraft der Besatzung aufrecht.“


aus: „Das Württembergische Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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