Dienstag, 27. Juni 2017

27. Juni 1917


„Das Unternehmen „München“ ist auf den 27. Juni festgesetzt. Das Landw.-Inf.-Regt. 119 setzt vier Stoßtruppen an. Zwei davon sollen zwischen Molkenrainweg und dem nördlich davon liegenden französischen Infanteriewerk bis in die feindliche 3. Linie vorstoßen. Der dritten Abteilung ist das französische Vorwerk am Luderbachgrund als Ziel gesetzt und die vierte soll im Steinbachtal gegen die dortigen Postenstände vorbrechen. In der Woche zuvor werden überall vom bayrischen Minenwerferbataillon 9 die neu zu erprobenden Albrechtswerfer eingebettet. Man staunt über die gewaltigen Flügelminen, die den Franzosen auf die Unterstände fallen sollen. Aber als das Schießen am 27. abends 8.15 Uhr anhebt, fallen die meisten neuen Werfer aus, die Konstruktion der Flügel versagt und so wird ihr Schießen ungenau. Das Zerstörungsfeuer der Artillerie und der Minenwerfer des Regiments funktioniert dafür umso besser. Wohl fahren die Franzosen mit ihrer Artillerie darein und beschädigen einzelne Minenwerfer, glücklicherweise sind keine Menschenleben dabei zu beklagen. Es ist ein gewaltiger Anblick, von der Höhe des Hartmannsweilerkopfes bis auf die Höhe 425 die ganze feindliche Linie in schmutziggelben Rauch gehüllt zu sehen, den die aufspritzenden Erdspringbrunnen mit dem Rauch der platzenden Granaten verursachen. Es ist ein tolles Sonnwendfeuer, das da an dem Abend eines sinkenden schönen Junitages anhebt. Von 9.45 Uhr an riegeln die Geschütze die Einbruchstellen ab und punkt 10 Uhr abends treten die Patrouillen aus ihren Unterschlüpfen in der 1. Linie zum Sturm an. Die beiden linken Stoßtruppen müssen im letzten Augenblick zurückgehalten werden, da es den an diesen Stellen eingesetzten Albrechtswerfern nicht gelungen war, den Stürmenden eine Bresche ins feindliche Drahtverhau und die feindliche Stellung zu schlagen. 7.30 Uhr kommt der Befehl der Division, die die Vorstöße hier abstoppt. Die Last und die Ehre des Tages liegt so auf dem I. Bataillon allein, das seine Sturmtruppen aus Freiwilligen des I. und II. Bataillons, des Sturmbataillons und aus Pionieren, zu denen sich zwei Kanoniere gesellen, gebildet und in Ollweiler für die Aufgabe herangeschult hatte. Zuerst stürzen die seitlichen Sicherungsabteilungen vor bis zur 2. feindlichen Linie. Der linken Abteilung unter Vizefeldwebel Daniel gelingt es, im ersten Ansturm einen Sappenposten von drei Mann aus einem Stollen zu ziehen. Der Ersatzreservist Brutschy von der 1. Kompagnie zeichnet sich dabei besonders durch sein kühnes entschlossenes Vorgehen aus. Den Sicherungen auf dem Fuß folgen die Haupttrupps. Auf dem rechten Flügel führt Leutnant Rebholz seine 28 Mann in kühnem Anlauf über die 1. Linie vor. Da schlägt ihnen schweres französisches Artilleriefeuer entgegen. Es gelingt, das Sperrfeuer zu durchlaufen und im Nu sind sie im 2. Graben. Nirgends ein Franzose. So geht’s auf die 3. Linie, die Unterstände dort werden durchsucht, sie sind alle leer. Nun stößt die Patrouille über ihr gesetztes Ziel weiter hinaus in die 4. Linie. Dort müssen die Franzosen hocken. In einem Stichgraben steht ein Maschinengewehr Hotchkiss. In schneidigem Draufgehen wird es genommen, Unteroffizier Maier von der 1. Maschinen-gewehr-Kompagnie montiert es schleunigst ab, zwei Mann bekommen den Auftrag, es zurückzubringen. Sie kommen nicht zurück und sind wohl dem feindlichen Sperrfeuer erlegen. Leutnant Rebholz sucht nun weiter in der 4. Linie, nichts zu sehen! Da will er eben das Zeichen zur Umkehr geben, als ein schweres Geschoß in unmittelbarer Nähe einschlägt, 8 Mann sinken tot um. Unteroffizier Maier ist nur leicht verwundet, zwei andere können sich noch erheben. Mit ihnen tritt er den Rückweg an. In der 3. Linie treten ihnen plötzlich 6 Franzosen entgegen. Maier stürzt, seiner Verwundung ungeach-tet, auf sie los und fordert sie auf, sich zu ergeben. Der vorderste will sich zur Wehr setzen, da schießt er ihn nieder, die andern ziehen sich eiligst in einen langen Stollen zurück. Handgranaten fliegen ihnen nach. Aber auf einen Kampf kann der tapfere Unteroffizier es mit seinen zwei Verwundeten nicht ankommen lassen, er muß sie schleunigst zurückbringen.
Leutnant Hofmann führt die zweite Patrouille, die aus weiteren 2 Offizieren und 25 Mann besteht. Auch ihr schlägt beim Überspringen des 2. feindlichen Grabens das feindliche Sperrfeuer entgegen. Eine Granate reißt den kühnen Führer sterbend zu Boden. „Vorwärts, vorwärts,“ ruft er noch den stutzenden Leuten zu, da haucht er seine Seele aus. Leutnant Ludwig und Leutnant Steinbach übernehmen sofort die Führung und reißen die Leute, die der plötzliche Tod des verehrten Führers in tiefster Seele getroffen, mit sich fort. Die harte Aufgabe ruft, da müssen die Gefühle und Schmerzen verstummen. Es geht über die 2. Linie hinweg, in die 3. hinein. Da muß ein Unterstand sein! Da taucht er auf, neben ihm ein Stollen. Der Ausgang ist besetzt. Leutnant Ludwig fordert die Franzosen mit Handgranaten in der Hand auf, sich zu ergeben. Als sie zaudern, macht er sich zum Wurf bereit; das zieht und 1 Unteroffizier und 12 Mann des Territorialregiments 57 ergeben sich widerstandslos. Ein fusil mitrailleur wandert noch mit. Die Pioniere werfen die geballten Ladungen in den Stollen und sprengen ihn in die Luft. Nun kommt die Rückkehr. Es gelingt, mit sämtlichen Gefangenen heil in die eigene Stellung zurück zu kommen. Inzwischen ist’s 11 Uhr geworden. Noch immer brennt auf Punkt 371 das grüne Leuchtfeuer, das in der einbrechenden Dunkelheit den Weg in den eigenen Graben weisen soll. Man zählt und zählt, ob alles wieder zurück ist, damit das verabredete Schlußzeichen abgegeben werden kann. Aber noch fehlen die Leute, die mit Leutnant Rebholz ausgezogen. Wo stecken sie? Da hört man von weit hinten aus den französischen Linien das Hilferufen eines Menschen. Leutnant Steinbach und Unteroffizier Brucker stürzen mit dem Stoßtrupp über die französische 1. Linie, auf der immer noch das französische Sperrfeuer liegt, wieder hinüber. Kaum dem Höllen-rachen entgangen, gibt’s für die tapferen todesmutigen Helden kein Besinnen, wenn Kameraden in Not sind. Ihre Mühe lohnt sich reichlich. Es gelingt ihnen, im Gewirr der Drähte, Löcher und Trichter zwei Verwundete zu finden und sie herüber zu bringen. Viermal stoßen sie vor in die feindlichen Linien. Sie finden keinen der Eigenen mehr. Da kehren sie in ihre Unterstände zurück und ruhen aus von der gewaltigen Anstrengung der Seele und des Körpers.“


aus: „Das Württembergische Landwehr-Inf.-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

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