Mittwoch, 7. Juni 2017

7. Juni 1917


„Um 4 Uhr morgens sprengte der Engländer im ganzen Wytschaetebogen deutsche Frontstücke in die Luft, darunter auch die von unserem II. Batl. besetzte Höhe 60. Die Sprengung dieser Höhe, die den Großangriff der Engländer und damit die erste Flandernschlacht einleitete, überstieg sowohl in bezug auf die Menge des dafür verwendeten Materials als auch in ihrer Auswirkung alles von Menschen bisher für möglich Gehaltene. Über den Verlauf dieser für das Regt. 413 so schweren und denkwürdigen Stunden lasse ich einige Kameraden ihre Erlebnisse schildern und bringe als Erstes den Bericht des Kommandeurs des I. Batls., unseres inzwischen leider verstorbenen Hauptmann Most:
Am 5. Juni, 12 Uhr mittags, gab ich den Kompagnieführern an Ort und Stelle die Befehle für ihr Verhalten, falls der Engländer die Höhe 59 und 60 und die benachbarten Abschnitte überrennen sollte, und zwar: 2. Komp, Leutnant Merz, ein besonders energischer und tüchtiger Offizier (Später gefallen), verbleibt in breiter Front in 2. Stellung. 1. Komp., Oberleutnant Freih. v. Wächter, umsichtig und vorsichtig wie immer (später gefallen), dem die Reste der 3. Komp. mit dem bewährten Leutnant Schmid (Albert) unterstellt waren, tritt zum Gegenstoß links der Bahn an. Richtung Fasanerie – Ehaweg. 4. Komp., Oberleutnant Pichler (später gefallen), besetzt zunächst Knüppel-dammstellung und macht den Gegenstoß rechts der Bahn, Richtung M. G. 7 und rechts des Sachsenwegs. Das Feuer der englischen Artillerie steigerte sich am 6. Juni zum Orkan schwerster und schwerer Kaliber auf dem ganzen Regimentsabschnitt, insbesondere gegen Knüppeldammstellung, Bahndamm und Fasanerie, K. T. K., 2. Stellung und B. T. K., die Sprengwolken standen etwa eine halbe Stunde so hoch, daß jede Sehverbindung ausgeschlossen war. Es war uns ein Rätsel, wie sich in diesem wahnsinnigen Eisenhagel der Ordonnanzoffizier des Bataillons, Leutnant Schmandt, die hervorragenden, schon hundertfach bewährten Gefechtsläufer: Unteroffizier Koch, Gefr. Schwarz usw. in Erfüllung ihrer schweren Pflicht noch bewegen konnten, um die Verbindung mit dem K. T. K., Major v. Legl, dem Kommandeur des II. Batl./413 (später gefallen) und den Kompagnien herzustellen.
Mit Einbruch der Dunkelheit wurde das Bahngelände vom Knüppeldamm bis zur 2. Stellung vollkommen vergast. Etwa zwei Stunden lag das Bataillon unter Gas! Auf der 1. Stellung lag außerdem anhaltendes Kugelminenfeuer, abwechselnd mit heftigen Artilleriefeuerüberfällen leichter und mittlerer Kaliber. In der Nacht zum 7. Juni waren unsere Patrouillen im Vorgelände, ohne einen auffallenden Verkehr oder sonstige Anzeichen des nahe bevorstehenden englischen Sturmes festzustellen. In der Abend-dämmerung des 6. Juni hatte das Feuer nachgelassen, bis zum frühesten Morgen herrschte dann vollkommene Ruhe. Am 7. Juni 1917, 4 Uhr, erfolgten gleichzeitig rechts und links der Bahn auf Höhe 60 und 59 gewaltige Sprengungen, die bis weit ins Hintergelände erdbebenartige Erschütterungen verursachten. Eine ungeheure Rauch- und Staubwolke war über der Höhe sichtbar, grelle Blitze zuckten. Gleichzeitig setzte ein unerhörtes Trommelfeuer auf die 2. Stellung, den B. T. K. und die Verbindungs-gräben nach vor- und rückwärts ein. Die Hölle war auf uns losgelassen, die Erde bebte, rauchte und schien zu bersten. Zwei schwere Volltreffer nacheinander auf unseren Betonklotz brachten klaffende Risse und schienen ihn umzustürzen. Mancher Unterstand wurde aus den Fugen gehoben und umgestürzt oder in Trümmer geschlagen. Mit den Erdmassen wurden Menschenleiber, M. G. und Minenwerfer in die Luft geworfen, Bäume zerschmettert und mit den Wurzeln herumgewirbelt; nun schoß der Gegner Gas, schnell die Masken auf, der jüngste Tag schien angebrochen! Schmerzens-schreie! Links von uns dasselbe Bild. Abwehrschlacht!
Auf der Höhe 60 und 59 waren durch die Sprengung der größte Teil des II. Batl. und meine Besatzungen der Stützpunkte „Dohle“ und „Falke“ erledigt, zum Teil im brodelnden Boden mit der Waffe in der Hand versunken! Auch hatte ich allen Grund, um die auf die Höhe entsandten Essenträger meines Bataillons, die auch das Bataillon v. Legl zu verpflegen hatten, besorgt zu sein. Gleich nach der Sprengung wurden im Regimentsabschnitt und in den Nachbarabschnitten links, wo ebenfalls gesprengt und angegriffen wurde, gelbe und rote Leuchtkugeln beobachtet und weitergegeben. Das angeforderte Vernichtungsfeuer und Sperrfeuer setzte ein. Wir legten die Orientier-ungstücher für Infanterieflieger aus. Der Engländer hatte diesen Angriff seiner kanadischen Truppen gut vorbereitet. Seine Minengänge hatte er in den Berg in jahrelanger Arbeit, wie auch wir, getrieben. Diesmal war er uns zuvorgekommen und sprengte, ehe wir seine Kammern quetschen konnten, was uns sonst immer gelang. Die Bataillone, die auf Höhe 60 und 59 in Stellung waren, atmeten bei der Ablösung stets auf, wenn sie von dem „Pulverfaß“ herunterkamen. Englische Ingenieure aus Wales minierten gegen uns! Um 4.30 Uhr vormittags erhielt die 4. und 1. Komp. von mir den Befehl zum Gegenstoß, da uns bekannt war, daß der Engländer angreift, wenn er sprengt; die 3. Komp. hatte durch die Beschießung außerordentlich gelitten.
Schon gegen 5 Uhr war erkannt, daß der Kanadier die Höhen 59 und 60 überschritten hatte und in dichten Schützenlinien mit folgenden Kolonnen gegen den Knüppeldamm vorging. Er hatte im Augenblick der großen Sprengung seine Gräben verlassen und saß auf der Höhe 59/60, ehe unsere betäubten und erschütterten Kompagnien und Stützpunktbesatzungen, sich den Staub aus Augen, Mund und Nase entfernend, zur Gegenwehr schreiten konnten. Diese hinter sich lassend, folgte er seiner fortschrei-tenden, alles zermalmenden Feuerwalze Richtung Knüppeldamm, um auch die 2. Stellung zu durchbrechen. Die entsetzten Trümmer der gesprengten Verteidiger warfen sich in prächtigem Schwung den Kanadiern entgegen und verhinderten trotz starker feindlicher Beschießung und erheblicher Schwächung durch die Verluste der Vortage und am Morgen deren weiteres Vordringen rechts und links der Bahn. Der B. T. K. lag unter schwerstem Feuer. Ich rechnete mit der Katastrophe in diesem engen, Mitten im Gelände freistehenden, weißen Betonklotz, den der Engländer mit Granaten, Schrap-nellen und Gas eindeckte. Um 6.45 Uhr wurde beobachtet, daß die Engländer in dichten Scharen von der Saubucht gegen den Danielstützpunkt vorgehen, also meine rechte Flanke angriffen.
Die 2. Komp., unter den tapferen Leutnants Merz und Frhr. Kreß v. Kressenstein, bisher dicht vor mir im Graben ohne Unterstände im schwersten Feuer ohne Deckung, wurde sofort zum Gegenstoß angesetzt. Sie erreichte den Knüppeldamm, um, da nur noch 4 Gruppen stark, sich hier vorzulegen.
Um diese Zeit waren vom II. Batl. nur noch Reste vorhanden. Auch mein I. Batl. war bedrohlich zusammengeschmolzen. Die Essenträger, in das Chaos auf der Höhe hineingerissen, waren tot oder gefangen. Sofort nach der Sprengung wurden die zwei Ruhekompagnien des III./413 in Tenbrielen alarmiert und eilten, heftig von Fliegern beschossen, in die 3. Stellung zu den beiden andern Kompagnien des Bataillons.
Ich erbat nunmehr vom Regiment Unterstützung. Die 9. und 10. Komp. trafen etwa um 7 Uhr vormittags bei mir ein und besetzten die 2. Stellung, die nunmehr vorderste Linie geworden war und den Engländersturm aufhalten mußte. Da die Kompagnie des III. Batl. durch vorhergehende schwere Kampftage ebenfalls sehr schwach waren, bat ich um 8.50 Uhr vormittags in Anbetracht der eingetretenen, überaus ernsten Lage die 407. Inf.-Brigade – Oberst Breyer – (1918 durch Fliegerbombe gefallen) dringend um weitere Unterstützung. Um diese Zeit war die Lage wie folgt festgestellt:
Der englische Angriff war durch den Gegenstoß der 1., 3. und 4. Komp. zum Stehen gebracht; das neue, planmäßige Einschießen auf unsere jetzige vordere Linie – 2. Stellung – mit großen Kalibern, die vielen englischen Flieger in nur geringer Höhe, lassen eine Fortsetzung des englischen Angriffs als sicher annehmen. Vom Danielstütz-punkt aus droht Gefahr. Neue Gefahr links der Bahnlinie, wo Kanalkofferbesatzung zurückging.
Gegen 9 Uhr vormittags wurde der Kanalkoffer vom Regt. 61 wieder besetzt, der Engländer war dort stehengeblieben, vom Bahndamm von Teilen der 1. Kompagnie 413 mit M. G. niedergehalten. Die Stellung Knüppeldamm – Bahnwurde dadurch noch gehalten, während der Engländer die Höhen 59/60 und die Stützpunkte „Dohle“, „Sperber“ und „Falke“ genommen hatte. Rechts des Bahndamms war der Engländer be-drohlich vorgekommen, wurde aber von Teilen der Kompagnien v. Wächter und Albert Schmid angehalten. Er saß bereits im Sanitätsunterstand beim Stützpunkt „Geier“.
Um 10.30 Uhr ungefähr traf der Kommandeur des II./413, Major v. Legl, bei uns ein, um mitzuteilen, daß sein Bataillon wahrscheinlich tot, verwundet oder gefangen sei. Sein Adjutant, Leutnant Wendler, kämpfe bei der 1. Komp. am Bahndamm. 2. Komp. war vor übermächtigem feindlichen Druck in 2. Stellung gegangen. Kurz danach traf die von mir von Oberst Breyer erbetene Unterstützung ein. Es war eine Kompagnie unseres Schwesterregiments, die 5./414, die der Bataillonskommandeur, Hauptmann, Schmidt, frisch und forsch über die Höhe hinter uns im Schrapnellfeuer zu uns vorführte, ein erfreulicher Anblick in dieser schweren, verantwortungsvollen Stunde! Die Leute waren prachtvoll! Um 11 Uhr konnte ich dem Regiment melden: „Reste von 2. und 4. Komp. im vorderen Graben, von 1. und 3. Komp., die am Bahndamm kämpfen, nichts Neues. Teile des Inf.-Regt. 414 mit 9. und 10./413 ebenfalls dicht vor mir in der Stellung. Gegner zögert mit Angriff und gräbt sich ein. Lage bei Danielstützpunkt unsicher und bedrohlich.“
Mein Adjutant, Leutnant Scheer, hielt dauernd vor dem rechten Flügel im Feuer aus, um jede Gefahr rechtzeitig melden zu können, der brave und beliebte Leutnant Schmandt war soeben in Ausführung eines Befehls am Unterstand tödlich durch Kopfschuß verwundet worden, wie auch bald darauf der oft bewährte und heldenmütige Gefreite Kübler durch Granatschuß in den Leib.
In dieser Besetzung, mit dem nunmehrigen neuen K. T. K. mitten in der vordersten Linie, erhielt das Bataillon dauernd schwersten Beschuß, der, da keine bombensicheren Unterstände vorhanden waren, große Verluste herbeiführen mußte. Nur wenige Meter vor uns stand die verlassene Batterie von Res.-Feldart.-Regt. 7, die außerdem noch das Feuer anzog und bei der ersten Gelegenheit geborgen werden mußte. Die Lage war zwar sehr ernst, doch war die Zuversicht der Truppe groß, nachdem der Engländer durch unsere Gegenstöße und M. G.-Wirkung stehen geblieben war und zum Heranschaffen seiner Artillerie Zeit brauchte, die uns zum Ordnen der Verbände und Neugruppierung von größtem Wert war. Durch kommt er nicht, das stand für jeden von uns fest, wenn auch sein Vorteil, die dominierende Höhe 59/60 errungen zu haben, von nicht zu unterschätzendem Ernst für uns war.
Durchhalten!
4 Uhr nachmittags Befehl der Brigade Breyer:
„Bahndamm und jetzige vordere Linie (ehemalige 2. Stellung) ist unter allen Umständen zu halten. Ihr linker Flügel hat mit allen Mitteln Anschluß an das Inf.-Regt. 61 zu suchen. Gegenstoß von uns unterbleibt. Im linken Nebenabschnitt erfolgt Gegen-angriff.“
Die beiden letzten Kompagnien des III./413, seither Brigade-Reserve, nunmehr dem Regiment zur Verfügung gestellt, wurden mir bei der ungeklärten Lage und der Gefahr eines überraschenden Angriffs bei Nacht oder im Morgengrauen noch unterstellt und trafen 9.30 Uhr abends in der vorderen Linie ein, ebenfalls auf Befehl der Brigade die 2. Komp. des Füs.-Regts. 38 um 1 Uhr vormittags, die an und hinter meinem rechten Flügel zur Sicherung gegen den Danielstützpunkt und Umgegend verwendet werden. Auch war die 6. und 7./414 zur Unterstützung im Kampfgraben eingetroffen.
Für die vielen Truppen war naturgemäß im vorderen Graben kein Platz, zudem waren die Verluste durch Artilleriefeuer bei Tag furchtbar gewesen. So wurden alsbald starke Stoßtrupps unter energischen Führern hinter der vordersten Linie in „Freifeldplätzen“ untergebracht und versteckt, außerdem eine Reserve hinter der Mitte ausgeschieden.
So konnten wir, zum äußersten entschlossen, dem Kommenden entgegensehen und dankbar gedenke ich jedes einzelnen Mitkämpfers aus jenen Tagen.

aus: „Das Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 413 im Weltkrieg 1916-1918“, Stuttgart 1936


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