Samstag, 12. August 2017

12. August 1917


„12. August 1917. „Artilleriekampf!“ – für die Daheimgebliebenen ein Wort, das in den Heeresberichten der Obersten Heeresleitung ohne viel Aufhebens gelesen wurde, für den Mann an der Front aber ein Erleben von ungeheurer Tragweite bedeutete. Schon Ende Juni steigerte sich der Artilleriekampf, ein Unternehmen jagte das andere, Tage und Nächte waren ausgefüllt mit Arbeit, die den vollen Einsatz der Kraft jedes Einzelnen verlangte. Bedrückend ist das Gefühl der zahlenmäßigen Unterlegenheit, dazu noch die Beschränkung im Munitionsverbrauch. Unter solchen Umständen dem Feinde doch die Stirne zu bieten und seine Artillerie auch etwas „einzuseifen“, das gibt Mut und gesteigerte Arbeitsfreudigkeit. Schade, daß die Verpflegungsration diese Steigerung nicht mitmachen konnte. Sie war und blieb mager – wie wir. Eine Ausnahme machte nur noch der Sonntag, der Braten und Salat brachte – manchmal auch etwas weniger! So war auch der 12. August wieder mal ein Sonntag. Es schien, als hätte man jenseits Avocourt auch das Bedürfnis nach Ruhe, und freute sich des herrlichen Sommertages und noch mehr, daß die Geschütze hüben und drüben ruhig waren. Man wusch sich mal wieder ordentlich; der Batteriebarbier Röckle, den „Dolch“ in der Zigarrenkiste, spuckte ordentlich auf seine Kalodermaseife und machte ein gutes Geschäft. Er hat uns oft mit „zarter Hand“ unterm Messer gehabt. So auch an diesem Sonntag. Man war guter Laune und die Stellung war „sauber wie am Sonntag“. Es war 4.30 Uhr nachmittags, als sich erst mehrere Flieger von drüben zeigten. „F-l-i-e-g-e-r-d-e-c-k-u-n-g!“ rief der Posten, und schon heulten die ersten „vier“ vom Hermont herüber. „Die sind nicht aus Pappe!“ meinte unser „Schnuckle“. Kurz darauf die nächsten vier, welche aber ins Beausognetal rutschten. Aber dann kam jede Lage näher; die Flieger hatten sich erheblich verstärkt und hielten sich die wenigen deutschen Flugzeuge vom Leibe. Was nun folgte, war ein wohlgeleitetes Feuer schwerster Kaliber von etwa 5 bis 6 Batterien aus Richtung Hermont und Cigalerie. Ich hatte Dienst am Telephon im Offizierunterstand. Die Leitung nach dem linken und rechten Zug war 10 Minuten nach Feuerbeginn noch intakt. Freund Theo Golz meldete sich: „Alles da, ich rufe dir von Zeit zu Zeit wieder an.“ Nach 5 Minuten mache ich Leitungsprobe. Linker Zug meldet sich, rechter Zug nicht. das Feuer, das auf der Stellung lag, hat sich inzwischen gesteigert, die Unterstände erbeben, Wasser dringt ein und steht bald 20 cm hoch im Verbindungsstollen zwischen Offizierstand und dem Stollen des linken Zugs. Zwei Stunden schon hämmern schwere Granaten herein. Gott sei Dank, bis jetzt halten unsere Stollen. Die Arbeit, der Schweiß, welcher tief unter der Erde auf den Felsengrund des Cheppy rann, war nicht umsonst gewesen. Habt heute noch Dank, ihr braven Kanoniere, Albinger, Bayha, Alber, Weiß, Widmann, Benz, Heilig usw.
Es war kurz nach 7 Uhr abends. Die Einschläge hörten auf. Es waren wohl die Rohre heiß und eine Pause konnte uns und denen drüben nichts schaden. Rasch heraus und Umschau gehalten. Wer kennt nicht den Geruch frischer Granateinschläge? Rasch herüber nach dem rechten Zug! Aber wo war denn dieser? Nichts mehr erinnerte an sein Aussehen vor etwa zwei Stunden. Ein Trichterfeld. Doch was hören wir da? Ver-zweifelte Hilferufe mit schwacher Stimme. Wir kommen näher und finden Kanonier Teuffel im Luftschacht des rechten Unterstandes eingeklemmt. Bald ist er befreit, und nun weiter im Luftschacht, die Kameraden retten. Zuerst stoßen wir auf Kanonier Plappert. Schwer verwundet bringen wir ihn nach oben. Hans Bok, welcher nach heldenhafter Gegenwehr am Ende des Krieges noch fiel, gab dem Verwundeten Trost im Gebet. Kurz darauf wurde er von den Schmerzen erlöst. Was wir nun weiter sahen im Unterstand, darüber zu schreiben versagt der schreibenden Hand die Kraft. Wir haben 11 tote Kameraden, den ganzen rechten Zug, geborgen. Ihre Namen sind: Unteroff. Theo Golz, Hörter (Waffenmeister), Christian Müller, Gefr. Widmann, Geißlinger, Benz (Sanitäter), Kann. Alber, Burkhardt, Weiß (R.), Peter, Wetzel. Das waren mit unsere Besten. Wenn der rechte Zug schoß, das war geschossen. Und die braven Leute wußten dies und hatten berechtigten Stolz darauf! und jetzt? Bleich und leblos, und doch sahen uns einige noch lächelnd an, als lebten sie. Unteroff. Golz, der mir wieder anrufen wollte, hatte den Fernsprecher noch ans Ohr gelegt. Der Tod hat ihm verboten, anzu-rufen. Unfaßlich schien uns der Verlust, doch die beendete Feuerpause rief uns zurück in die rauhe Wirklichkeit. Und nun folgte eine Nacht des Grauens. Wehrlos im Stollen sitzen, ein unheimliches Feuer auf der Stellung liegen, das drückt auf die Stimmung. Die Nachricht von dem großen Verlust konnten wir durch Läufer weitergeben, und spät abends kam noch unser Batterieführer, Herr Oberleutnant Dill, in die Stellung. Ein gütiges Geschick hatte ihn unversehrt durch den Feuer- und Eisenhagel wider in unsere Mitte geführt. Unsere Stollen hielten noch immer stand, und so graute der Morgen. 14 Stunden lag nun schon das Feuer, als man scheinbar drüben auch müde war. Die feindlichen Flieger besahen sich des Morgens in aller Ruhe das Werk der Zerstörung, und sie konnten zufrieden sein, denn nichts mehr war übrig geblieben – außer dem linken Zug. Und seine beiden Geschütze waren unversehrt! Nachdem wir an Stelle der zwei zerstörten Geschütze Ersatz erhalten hatten, stellten wir die neuen Geschütze auf den linken Flügel der Batterie. Der linke Zug hat also das Erbe des vernichteten rechten Zuges angetreten. Noch 18 Tage haben wir dort unsere Pflicht in schwerstem Artilleriekampf getan, bis uns der 31. August endlich Ablösung brachte. Unsere Toten vom 12. August aber haben wir auf dem großen Friedhof in Romagne sous Montfaucon bestattet “

aus: „Das Württembergische Landw.-Feld-Art.-Regiment Nr. 2 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

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