Mittwoch, 30. August 2017

30. August 1917


„Man kann sagen, daß während der drei Wochen eine ununterbrochene Artillerie-schlacht tobte; auf beiden Seiten kamen die Batterien nicht zur Ruhe. Die Kanoniere standen schweißbedeckt bei Tag und Nacht an ihren Geschützen und ließen eine Granate nach der anderen auf die Feinde niedersausen. Selbst die schwersten Kaliber unter-hielten ein Feuer, dessen Stärke man drei Jahre früher kaum bei den leichten Feldge-schützen gewohnt war. Je nach dem Zweck bediente sich die Artillerie allerlei Arten von Munition. Zum großen Verdruß unserer Gegner verwandten wir vornehmlich zur Be-kämpfung der feindlichen Artillerie und zur Verseuchung des Schlachtgeländes eine neue Gasgranate, das sogenannte Gelbkreuzgeschoß, das eine furchtbare Wirkung hatte und dem die Engländer nichts Ebenbürtiges entgegenstellen konnten. Sie machten gerne von Nebelgranaten Gebrauch, mit denen sie kurz vor dem losbrechenden Infanterie-angriff das ganze Kampfgelände in ein undurchdringliches Wolkenmeer einhüllten. In seinem Schutz erhoben sich die englischen Sturmreihen aus den Granattrichtern und strebten dann, wo die Beschaffenheit des Geländes es zuließ, von Tanks begleitet, dicht gedrängt in vorher festgelegter Richtung auf unsere Unterstände zu. In geringer Höhe eilten ihnen ungezählte Fliegergeschwader voraus, die sich mit Bomben und Maschinen-gewehrfeuer am Kampf beteiligten. Auf die Mitwirkung von Minenwerfern mußten beide Parteien verzichten. Aus der Rolle des Angreifers erwuchsen der englischen Infanterie große Vorteile gegenüber der unsrigen. Während jene erst kurz vor dem Sturm sich in die Hauptfeuerzone begab, mußten unsere Kompagnien sich tagelang in den wenigen engen Betonklötzen dem schweren feindlichen Artilleriefeuer aussetzen. Was das heißt, fortgesetzt Granaten von 21 cm und 24 cm Kaliber um sich herum einschla-gen zu sehen und dabei sich sagen zu müssen, daß schon die nächste dem schützenden Unterstand den Garaus machen kann, also hilflos sich und seine Kameraden einem qualvollen Erstickungstod zwischen Betonklötzen preisgegeben zu wissen, kann nur der fühlen, der solche entsetzlichen Stunden miterlebt hat. Fast täglich forderte das feind-liche Artilleriefeuer einen oder mehrere Unterstände; von ihren Besatzungen hat man nur selten noch Spuren gefunden. Schließlich kam es so weit, daß sich die Leute lieber schutzlos in Granattrichtern niederließen, als sich den gefährdeten Unterständen anzu-vertrauen.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922
Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 708

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