Mittwoch, 9. August 2017

9. August 1917


„Obgleich der Engländer seit dem frühen Morgen des 8. August bis in die späten Abend-stunden hinein über das gewöhnliche Maß hinausgehendes Geschütz- und Minenfeuer auf die deutschen Stellungen östlich von Monchy unterhielt, ging die Ablösung verhält-nismäßig glatt vor sich. Nur der Anmarsch durch das nach starkem Gewitterregen am Abend in ein Schlammfeld verwandelte Hintergelände der Stellung war sehr beschwer-lich. Der Rest der Nacht verging mit Ausschöpfen des in den Schützenstellungen angesammelten Regenwassers und mit Instandsetzung der Brustwehren, die vielfach eingerutscht, in der Hauptsache aber am vergangenen Tage eingeschossen worden waren.
Vom 9. August 7 Uhr vormittags anlag der ganze Abschnitt des Inf.-Regts. 162 bis einschließlich Boiry- Notre Dame andauernd unter wechselndem, gewaltigem Artillerie- und Minenfeuer aller Kaliber, das sich um die Mittagsstunde, sowie 3 Uhr nachmittags und 5 Uhr abends zum schwersten Trommelfeuer steigerte. Schon im Lauf des Vormittags wurde der Kampfgraben, namentlich in den Abschnitten der 4. und 1./126 zur Trichterlinie.
Der Führer der 2./126 am rechten Flügel, Leutnant d. R. Frech, harrte trotz mehrmaliger Verschüttung und trotz Verwundung noch längere Zeit in vorderster Linie aus und gab dadurch seinen Leuten ein glänzendes Beispiel von Tapferkeit und Pflichttreue. Auch der Führer der 3./126, Leutnant d. R. Hamburger, fiel durch schwere Verwundung aus. An ihre Stelle traten die Leutnants d. R. Rieber (2.) und Kock (3.).
Um die Mittagsstunde lastete das rasende feindliche Wirkungsfeuer vornehmlich auf der 4. und 1./126. Die stark gelichteten Züge dieser Kompagnien verloren untereinander die Verbindung und lösten sich naturgemäß in kleine Trupps von 4 – 8 Mann auf, welche unter Führung der wenigen noch unverletzt gebliebenen Offiziere und Unteroffiziere oder einzelner beherzter Musketiere dem Feuer nach rückwärts oder seitwärts auf die rechts liegende 2./126 bzw. die links liegende 3./126 ausweichend im Gelände verstreut kleine Schützennester bildeten.
Die braven, von der vordersten Linie zum Kampftruppenkommandeur zurückge-schickten Melder blieben sämtlich in dem auf der Linie Termitenhügel – Vertwald besonders starken englischen Feuergürtel tot oder verwundet liegen, so daß Hauptmann Meyer-Nicola erst etwa 5 Uhr abends durch von der Sart-Kompagnie 3./458 und von der Vert-Kompagnie 2./458 vorgesandte Patrouillen und durch einzelne zurückkommende Verwundete näheres über die schlimme Lage seiner vordersten Linie erfahren konnte.
Drei der dort eingesetzten Maschinengewehre und sämtliche Granatwerfer waren ver-schüttet oder zerstört, viele Gewehre und Handgranaten gleichfalls unbrauchbar.
Der Kommandeur des Inf.-Regts. 462 ließ, nachdem durch einen beim rechten Nachbar-regiment (Inf.-Regt. 163) gefangenen Engländer bekannt geworden war, daß für 9 Uhr abends ein großer Angriff bevorstehe, die Sart-Kompagnie 3./458 bis in die Gegend des Termitenhügels und ferner die 2. und 4./162 näher an der Vertwald herangehen mit dem Befehl, sich dort zum Gegenstoß bereitzuhalten.
8.15 Uhr abends stellte das linke Nachbarregiment (Inf.-Regt. 459) 2 M.-G. 08 an der Südspitze des Vertwaldes zur flankierenden Wirkung in den Abschnitt des Inf.-Regts. 162 bereit. Eine halbe Stunde später beschossen zahlreiche englische Flieger aus kaum 100 m Höhe das Kampfgelände mit Maschinengewehren, während gleichzeitig das Artillerie- und Minenfeuer sich wiederum zum Trommelfeuer steigerte und auch die letzten noch vorhandenen Grabenreste in Erdtrichter verwandelte.
9 Uhr abends brach, wie erwartet, der englische Infanterieangriff auf der ganzen Breite des Regimentsabschnitts los. In dichten Wellen vorstoßend drang der Engländer bei der 1./126 über die vorderste Linie hinaus ein.
Am rechten Flügel, wo Leutnant d. R. Maier, trefflich unterstützt von Unteroffizier Christian Eberle (2.), einem geborenen Ulmer, und dem schneidigen Tuttlinger Unter-offizier Ernst Rieß (4.), mit den Resten der 2. und 4./126 kämpfte, wurde der Frontal-angriff unter blutigsten Verlusten für den Feind abgewiesen.
Am linken Flügel, bei der 3./126, kam auch die zweite englische Sturmwelle vorwärts, die sonst auf der übrigen Front im wirkungsvollen deutschen Artilleriesperrfeuer liegen-geblieben war. Nach erbitterten Nahkämpfen mit Handgranaten, mit Messern, Seiten-gewehren, Beilpicken und Spaten mußte die 3./126 dem Gegner einen Teil ihres Abschnitts durch Ausbiegen nach links überlassen.
Die dritte englische Sturmwelle war überhaupt nicht aus ihrem Ausgangsgraben heraus-gekommen.
Der in der Mitte vordringende Feind wurde durch das flankierende Feuer der zurück-gebogenen Teile der 3./126, der Vert-Kompagnie 2./458, ferner der zurückgebogenen Teile der 2. und 4./126, durch das Feuer des „Waldzugs“ und der im Gelände zerstreuten Schützennester wirksam gefaßt und am weiteren Vordringen gehindert. Rasch entschlos-sen traten kleine Trupps der 2. und 4./126, sowie der 3./126, letztere geführt von dem prächtigen Unteroffizier Otto Rienhardt aus Oßweil (OA. Ludwigsburg), der sich schon bei Hooge und vor Verdun durch außerordentlichen Schneid ausgezeichnet hatte und schon zweimal verwundet worden war, zu erfolgreichen Gegenstößen an. Dadurch konnte an beiden Flügeln die Einbruchstelle verringert werden. Der tapfere Leutnant d. R. Maier der 4. Kompagnie mit seinen wackeren Leuten erbeutete dabei ein englisches leichtes Maschinengewehr und einen Flammenwerfer. Als nun auch noch die 2./162 nördlich, die 4./162 südlich vom Vertwald heranstürmten – die 3./458 konnte in dem aufgeweichten Trichterfeld nicht schnell genug herankommen –, mußte der Engländer die ganze von ihm unter Strömen von Blut gewonnene Linie aufgeben. In wilder Unord-nung flutete er zu seiner Sturmausgangsstellung zurück, von den siegreichen Schwaben und Hanseaten mit Infanteriefeuer verfolgt. 10 Uhr abends war die vorderste Linie vom Feinde völlig gesäubert und folgendermaßen (von rechts nach links) besetzt: Reste der 2. und 4./126; 4./162; 3./458; 2./162; Reste der 1. und 3./126; 2./458.“


aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929

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