Montag, 2. Oktober 2017

2. Oktober 1917


„Am Nachmittag des 1. Oktober wurde noch eine Kompanie des Infanterie-Regiments 479 beim Füsilier-Regiment 122 als Reserve für unvorhergesehene Fälle zugeteilt und in der Meininger-Kaserne untergebracht. Auch die Infanterie-Pionier-Kompagnie wurde bei Einbruch der Dunkelheit in den Abschnitt des I. Bataillons gezogen.
Die deutschen Mörserbatterien beschossen die Schanze bei Rotpunkt 167 als Vorarbeit für den Angriff.
Für alle Fälle wurde noch für ein Bataillon des rückwärts liegenden Eingriffsregiments (II./235) Angriffsbereitschaft befohlen.
Um 1 Uhr vormittags am 2. Oktober war die Aufstellung aller Angriffstruppen beendet. Nichts deutete darauf hin, daß der Feind etwas gewittert hatte. Beiderseits gaben die Artillerien ihr übliches nächtliches Störungsfeuer ab.
Um 3.30 Uhr vormittags setzt planmäßig mit einem Schlag das Vorbereitungsfeuer der gesamten Artillerie ein.
Vier Minuten später gehen auf französischer Seite grüne Leuchtkugeln mit Fallschirm hoch – der Kampflärm vermehrt sich. Feindliches Sperrfeuer setzt ein.
3.40 Uhr vormittags ist eine Beobachtung von rückwärts unmöglich. Die ganze Höhe 344 ist in dicken Rauch und Dunst gehüllt.
In der Samogneux-Mulde liegt schwaches feindliches Granatfeuer.
Gegen ½ 5 Uhr steigen rote Leuchtzeichen, die eigenes Sperrfeuer anfordern, auf. Gegenangriffe der Franzosen? Vielleicht.
Um 4.17 Uhr kommt ein Funkspruch vom III./478, „die befohlene Linie ist erreicht“.
Zehn Minuten später flaut das Artilleriefeuer merklich ab.
Der Rauch und Lärm läßt etwas nach. Die Infanteriebeobachtung des Regiments erkennt jetzt, daß vorne aus der eigenen Linie grün-rote Doppelsterne hochgehen. In der Gegend der Heckenschlucht rasselt starkes Maschinengewehrfeuer. Aus den durcheinander wirbelnden deutschen und französischen Leuchtzeichen läßt sich aber kein klares Bild von der Lage gewinnen.
Die Funkenstation in der Meininger-Kaserne ist durch Feuer beschädigt. Die Leucht-signale dringen durch den immer dichter werdenden Frühnebel nicht mehr durch.
Das französische Artilleriefeuer schwillt wieder merklich an.
Kurz vor 5 Uhr meldet die noch unversehrte Funkenstation des Infanterie-Regiments 478, daß Gefangene vom 7. Regiment der 131. französischen Division eingebracht seien.
Dort scheint also der Angriff gelungen.
5.10 Uhr vormittags wiederum lebhaftes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer in der Heckenschlucht. Gleichzeitig überall rote Leuchtkugeln. Zwei Minuten später geht dieses Zeichen an der ganzen Front hoch. Das Einsetzen eines großen französischen Gegenangriffs ist wahrscheinlich. Aber noch ist keine Klarheit vorhanden.
Kurz darauf verlangt ein Funkspruch der wieder arbeitenden Station in der Meininger Kaserne:
„Artillerieabschnitt Heckenschlucht Feuer vorverlegen, abriegeln. A.-V.-O.*“
Gleichzeitig steigen aus allen Linien weiße Leuchtkugeln hoch, die nach rückwärts abgeschossen sind. Allem Anschein nach liegt das eigene Artilleriefeuer zu kurz. Das ist schlimm.
In allen Telephonen gehen den Batterien diese Beobachtungen zu.
Fünf Minuten vor 7 Uhr kommt die erste Meldung vom III./122 durch Funkspruch:
„Lage unklar. Gefangene des Regiments 47 der 20. Infanterie-Division eingebracht. Zurückbringen wegen Sperrfeuers unmöglich. III./122.“
Bis ½ 9 Uhr klärt sich das Bild weiter.
Der feindliche Graben von der Heckenschlucht bis zum Rotpunkt 187 ist scheinbar noch oder wieder in den Händen der Franzosen. Aufenthalt der 3. Kompanie, die westlich der Schlucht vorging, ist unbekannt. II./122 liegt an alter Stelle.
Was war nun beim Angriff tatsächlich vorgegangen, während die Führung in den frühen Morgenstunden die geschilderten Eindrücke erhielt?
Die Aufstellung war rechtzeitig beendet gewesen. Alles lag sprungbereit in der Sturm-stellung.
3.30 Uhr vormittags setzte das eigene Artilleriefeuer ein, das den Sturm vorbereiten sollte.
Gleich die ersten Schüsse gingen aber leider – mitten in die Sturmabteilungen hinein und verursachten nicht unerhebliche Verluste.
Nach vier Minuten, als das Feuer feindwärts verlegt werden sollte, schlugen noch immer deutsche Granaten in das Gelände zwischen der Sturmstellung und den feindlichen Gräben.
Trotzdem brachen zur festgesetzten Zeit die Sturmtrupps vor. Je näher sie an den feind-lichen Graben kamen, umso stärker wurde das deutsche Feuer. Denn die eigene Artil-lerie, in der Meinung, nunmehr hinter der französischen Stellung abzuriegeln, traf jetzt erst richtig die vordersten Gräben des Feindes. Die Kompanien mußten teilweise an den der deutschen Seite zugekehrten Trichterrändern Deckung nehmen, da sie nur von hinten beschossen wurden. Das feindliche Sperrfeuer hatte zwar eingesetzt, lag aber weit rückwärts auf der längst verlassenen Sturmausgangsstellung.
An einen einheitlichen Sturm war unter diesen bedauerlichen Verhältnissen um 4.40 Uhr vormittags natürlich nicht mehr zu denken. Die Sturmtrupps und Infanteriewellen waren zersprengt.
Trotzdem gelang es der Energie der Kompanieführer, den erreichbaren Teil ihrer Leute in die noch immer unter deutschem Granatfeuer liegenden französischen Gräben zu bringen. Um ¾ 5 Uhr vormittags waren sämtliche fünf Kompanieführer der Angriffs-truppen (Leutnant d. R. Josenhans 3., Leutnant Rudhart 9., Leutnant d. R. Siegel 10., Leutnant d. R. Schick 11., Leutnant d. R. Späth 12.) persönlich im französischen Gra-ben.
Die Mehrzahl der Leute ging begreiflicherweise nicht mehr vor, als das eigene Granat-feuer auch noch nach 10 Minuten auf der französischen Stellung lag, die genommen werden sollte.
Die 3. Kompanie und der Stoßtrupp der Sturmabteilung auf dem rechten Flügel an der Heckenschlucht war gegen die Schanze in zwei Abteilungen vorgegangen und bis vor das feindliche Drahthindernis gelangt. Die Verzögerung des Vorgehens durch das deut-sche Feuer hatte dem Feind Zeit gegeben, seine Gräben stark zu besetzen. Die Stür-menden wurden daher mit Handgranaten und Maschinengewehren empfangen und mußten auf die Ausgangsstellung zurückweichen. Leutnant d. R. Schinle war beim Sturm gefallen.
Von der 11. Kompagnie gelang es 12 Mann mit 2 Maschinengewehren unter Leutnant d. R. Schick, in den feindlichen Graben bei Rotpunkt 183 einzudringen. Hier fand Leut-nant d. R. Reutter beim Sturm den Heldentod.
Der französische Graben war eine gut erhaltene frühere deutsche Stellung. Zwei Fran-zosen wurden noch aufgegriffen und als Gefangene zurückgeschickt. Die feindwärts führenden Zugangswege wurden abgedämmt und mit leichten Maschinengewehren gesichert. Gegen die Heckenschlucht hin, wo mit der 3. Kompanie keine Verbindung bestand, sicherte ebenfalls ein leichte Maschinengewehr. Kurz darauf zerstörte jedoch ein Volltreffer der eigenen Artillerie das Gewehr und tötete den Gewehrführer.
Gegen 5 Uhr vormittags griffen die Franzosen, über das freie Feld kommend, die Besatzung der 11. Kompanie bei Punkt 183 an. Die eigenen Handgranaten waren rasch verbraucht. Einige vorgefundene französische taten auch noch gute Dienste. Dann aber mußte das tapfere Häuflein der Übermacht weichen und sich auf die Ausgangsstellung zurückziehen.
Von der 9. Kompanie waren unter Leutnant Ruthart ebenfalls zwei Gruppen auf dem linken Regimentsflügel bei Rotpunkt 184 in den feindlichen Graben eingedrungen. Mit den 478ern war Verbindung da, nach rechts fehlte der Anschluß, da der rechte Flügel der 9. im eigenen Feuer nicht vorkam.
Die 12. Kompanie, die der 11. gefolgt war, lag bis 5 Uhr vormittags vor dem franzö-sischen Graben, ohne weiter vorkommen zu können, und ging dann ebenfalls wieder zurück.
Der Führer der 10. Kompanie, Leutnant d. R. Siegel, konnte mit seinen Stoßtrupps dem eigenen Artilleriefeuer nach links ausweichen und nordöstlich von Rotpunkt 184 den französischen Graben erreichen. Er fand dort Anschluß an das Infanterie-Regiment 478, besetzte das Grabenstück nördlich 184 und riegelte nach Westen ab.
Mit Teilen der 9. Kompanie zusammen bog Leutnant d. R. Siegel seinen rechten Flügel nach Norden um und nahm dadurch Front nach westen. Das Grabenstück bei 184 blieb in seiner Hand.
Nach 5 Uhr vormittags war die französische Stellung von 167 bis in die Gegend westlich 184 wieder in der Hand des Gegners. Bei 184 hielt sich die 10. Kompanie und im Anschluß nach Osten lag Infanterie-Regiment 478 ebenfalls im feindlichen graben.
Alle anderen Kompanien lagen durcheinander gemischt gegen ½ 6 Uhr wieder in der Sturmausgangsstellung.
Am Vormittag des 2. Oktober erfolgte gegen das Infanterie-Regiment 478 und die 10./122 ein starker feindlicher Angriff, der mit großer Tapferkeit abgewiesen wurde.
Nach Einbruch der Dämmerung wurde mit der vorne liegenden 10. Kompanie die Verbindung durch eine Postenkette in Trichtern hergestellt.
Das III. Bataillon und die 3. Kompanie des Füsilier-Regiments 122 waren vor dem Unternehmen in erhebender Stimmung in den Kampf gezogen und nach übereinstim-mendem Urteil aller Offiziere tadellos und schneidig zum Sturm vorgegangen.
Das französische Feuer war in der ersten Zeit des Angriffs nur schwach und forderte fast gar keine Verluste.
Auch die sachlichste Beurteilung konnte der eigenen Artillerie, vor allem der boden-ständigen schweren, den Vorwurf nicht ersparen, daß sie am Morgen des 2. Oktober 1917 die alleinige Schuld an dem Mißlingen des Angriffs gegen die feindlichen Gräben vor der Höhe 344 trug und durch ihr falsch liegendes Feuer leider viele Verluste der Angriffstruppe herbeigeführt hat.“


aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

*A.-V.-O.: Artillerie-Verbindungs-Offizier

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