Sonntag, 22. Oktober 2017

22. Oktober 1917



„Am 22. Oktober morgens legte sich vormittags 5 Uhr 30 das Trommelfeuer, das nach einer halben Stunde wieder abflaute, auf den Abschnitt der 121er. Die eigene Artillerie antwortete mit wuchtigem Vernichtungsfeuer. Plötzlich um 6 Uhr 30 setzte schlagartig ein Feuersturm von unerhörter Kraft ein, der den aufgeweichten Boden in rasender Wut zerwühlte. Starker Nebel lag über dem Kampffeld. Die ganze Front der Division forderte erneut Vernichtungsfeuer. Bald gingen im rechten Abschnitt rote Leuchtkugeln hoch, die leuchtende Bahnen durch den Nebel brachen. Auch der eigene Abschnitt und der der 180er schickte seine Sperrfeuerzeichen in den dunstigen Himmel und gegen 7 Uhr war der Feuersturm der Artillerie vor der ganzen Front entfesselt. Da warf der Gegner sein Geschützfeuer ins Hintergelände, um die die Kampffront abzuriegeln und trat zum Sturm an. Nach Norden, gegen das „Weiße Haus“, nach Nordosten, der Allee entlang, gegen die Mitte der 8. Komp. und die Bahnlinie Boesinghe – Staden entlang gingen die Hauptstöße. Beim „Weißen Haus“, das dem Gegner am nächsten lag und wo er früher angriff, gelang es ihm, in die Stellung des Res.-Reg. 121 einzudringen, so daß der rechte Flügel der 8. Komp. der 119er in der Luft hing. Der Zug, der dort lag, hatte schon durch Kurzschüsse der eigenen Artillerie erheblich gelitten und war erschüttert. Dem umfassenden Angriff vermochte er nicht mehr stand zu halten. Fast alle bei der 8. Komp. eingesetzten Maschinengewehre waren vernichtet, verschüttet oder gebrauchs-unfähig. Wohl wehrte sich der Rest der wackeren Kompagnie, aber die Übermacht drängte sie immer mehr zurück. Erst am Unterstand des Kompagnieführers, Leutnant d. Res. Siegle, kam die Bewegung zum Stehen. Zwei Maschinengewehre sicherten die Flanke. Zäh an ihrem Trichterposten klebende Trichterbesatzungen fielen im Nahkampf. Schon wurde auch der rechte Flügelzug der 7. Komp. in den Rückzug gerissen. Da gelang es dem Führer, Leutnant d. Res. Dürr, die Weichenden zum Halten zu bringen und der Kompagnieführer, Leutnant d. Res. Großmann, bog nun seinen Flügel so zurück, daß die Gefahr der Flankenumfassung zunächst gemindert wurde. Die Engländer setzten sich unterdessen im Trichtergelände fest und zogen Reserven heran.
Auch das Regiment hatte seine Reserven bereit gestellt. Verwundete brachten die wildesten Gerüchte zurück. Die Lage schien sehr gefährlich. Hauptmann d. Res. Künlen rückte mit der 1. und 2. Komp. ans „Rote Haus“ vor, um den durchstoßenden Gegner aufzuhalten. Sie durcheilten die Feuerzone und fanden am „Roten Haus“ die 4. Komp. Von hinten rückte die 3., sowie die 9. und 10. Komp. in die Plätze der vorgezogenen Teile ein. Die Res.-Kompagnie (5. Komp.) konnte infolge der unsinnigen Meldungen Verwundeter kein klares Bild der Lage erkennen und schickte Patrouillen in die Kampflinie. Leutnant d. R. Schmidt brachte gegen 3/4 8 Uhr Klarheit über die Lage. Die Reste der 8. Komp. hatten einen Stoßtrupp unter Vizefeldwebel Preßmar mit einem leichten Maschinengewehr zum Gegenstoß bereit gestellt. Ihm wurde eine Gruppe der 5. Komp. als Verstärkung zugewiesen. Leutnant Schmidt aber ging mit seinem Stoßtrupp vor, warf sich, die Lage richtig beurteilend, in die Lücke zwischen der 7. und 8. Komp. und trat mit dem Trupp Preßmar zum Gegenstoß an. Schneidig draufgehend warfen sie den Gegner, der noch keine Zeit zum Einrichten in dem eroberten Gelände hatte und von dem raschen Angriff überrascht wurde, von Trichter zu Trichter, bis er zuletzt den Rückzug antrat. Nun griff auch die ganze 7. Komp. unter Leutnant Großmann an und trieb die Engländer in ihre Ausgangsstellung zurück, wobei sie das deutsche Sperrfeuer noch einmal durchschreiten mußten und schwere Verluste erlitten. Um 8.45 war der ganze Abschnitt vom Feinde gesäubert. Leutnant Schmidt aber faßte den Entschluß, auch die beim Nachbarregiment eingedrungenen Engländer zu vertreiben und das „Weiße Haus“ zu stürmen, um den Anschluß an das Res.-Reg. 121 zu nehmen. Allein er erhielt bald Feuer aus einem rückwärts liegenden Engländernest, mußte sich zurück-ziehen und wurde schwer verwundet. Unter großen Anstrengungen konnte er unter dem Schutz der Roten Kreuzflagge, die vom Gegner geachtet wurde, geborgen werden.
Die 6. Komp. war nicht angegriffen worden, aber ihr linker Flügelzug nahm den nördlich der Bahnlinie gegen Inf.-Reg. 180 vorgehenden Angreifer unter wirksames Feuer und fügte ihm schwere Verluste zu. Einen zweiten Angriff ereilte das gleiche Schicksal und die dem Stoß der 5., 7. und 8. Komp. ausweichenden Engländer gerieten in das Flankenfeuer der 6. Komp. Leider fiel dabei ihr tapferer Führer, Leutnant d. R. Fluck, der, das feindliche Feuer verachtend, während des Kampfes seine Leute ermuntert hatte. 25 Gefangene der 35. englischen Division, 9 Lewisgewehre und 50 Karabiner wurden vom II. Batl. als Beute eingebracht, aber seine Verluste waren sehr schwer und es fehlte an Handgranaten und Munition. Unterdessen hatte das Res-Reg. 121 versucht, das „Weiße Haus“ an der Roggestraße zurückzuerobern. Der Gegenstoß mißglückte und die Lage für das Res.-Reg. 119 war noch immer gefährlich. Da befahl die Division dem Regiment seine Reserven, die 9. und 10. Komp. zum Angriff längs der Straße auf das „Weiße Haus“ anzusetzen und die 11. und 12. Komp. vorzuziehen. Allein es fehlte den Kompagnien an Nahkampfmitteln und als sie kurz nach Mittag eintrafen und verteilt wurden, hielt ein Gegenbefehl sie noch einmal zurück. Erst um 1 Uhr kam der Angriff in Fluß. Der Nebel hatte sich unterdessen verteilt, das Wetter war klar geworden. Das Artilleriefeuer hatte fast ganz aufgehört, eine Kampfpause ließ die Besatzungen aufatmen. Als sich aber gegen 3 Uhr die feindlichen Gräben füllten, entfesselten deutsche Lichtzeichen aufs neue das Vernichtungsfeuer der Artillerie. Deutsche Infanterieflieger jagten brausend heran und griffen die englischen Graben-besatzungen mit Bomben und Maschinengewehren an. Nach 5 Uhr brach auf der ganzen Front stärkstes feindliches Trommelfeuer los; der Angriff auf das „Weiße Haus“ war in vollem Gange. Während die 9. und 10. Komp. der 119er zu beiden Seiten der Straße angriffen, stießen 121er aus nordöstlicher Richtung her. In heißem Ringen wurden die Engländer geworfen. Um 7 Uhr war das „Weiße Haus“ wieder deutsch und der ganze Angriff unter blutigen feindlichen Verlusten zum Scheitern gebracht. Die vollständig erschöpften Kompagnien wurden abgelöst und durch andere, die weniger gelitten hatten, ersetzt; aber das Regiment hatte über die Hälfte seines Bestandes verloren, darunter 2 tote, 5 schwerverwundete und 2 leichtverwundete Offiziere.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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